{"id":659,"date":"2011-12-23T10:39:14","date_gmt":"2011-12-23T10:39:14","guid":{"rendered":"http:\/\/ungarischeliteratur.wordpress.com\/?p=659"},"modified":"2012-05-19T19:59:30","modified_gmt":"2012-05-19T19:59:30","slug":"rezension-terezia-mora-der-einzige-mann-auf-dem-kontinent","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=659","title":{"rendered":"Rezension: Mora, Ter\u00e9zia &#8211; &#8222;Der einzige Mann auf dem Kontinent&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/der_einzige.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-2410\" title=\"der_einzige\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/der_einzige.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"242\" \/><\/a><em>Roman<br \/>\nVerlag: Luchterhand<br \/>\nISBN: 978-3-630-87271-1<br \/>\nBezug: Buchhandel Preis: Euro 19.80<\/em><\/p>\n<p>Der \u201eAntiheld\u201c der Geschichte ist Computerspezialist mit miserablen Englischkenntnissen und hei\u00dft Darius Kopp. Er ist als \u201eeinziger Mann auf dem Kontinent\u201c f\u00fcr die amerikanische Firma Fidelis in der Sektion Kontinentaleuropa t\u00e4tig. Die \u00fcbrigen Kollegen und Vorgesetzten sitzen in London und USA. Nach der Wende war er als Informatiker viel gesucht, inzwischen wird er aber nicht mehr ernst genommen.<br \/>\nKopp, geboren 1965, asthmakrank, ist ein kleiner, runder Mann, der Essen und Trinken liebt, das Surfen im Internet &#8211; und seine Frau Flora. Selbst wenn graue Wolken am beruflichen oder privaten Himmel h\u00e4ngen, kann er sich irgendwie wieder aus der Situation retten: Ein Lebensk\u00fcnstler. Kindheit und Jugend verlebt er in Ostdeutschland vor der Wende, urspr\u00fcnglich ausgebildet als Funkmechaniker. Sein Vater, Pole, ein Lebensk\u00fcnstler, hat die Familie verlassen, die Mutter, Deutsche, immer leidend, tyrannisiert die ganze Familie damit. Bis heute, Kopp ist 43, kann er sich ihrem Einfluss nicht entziehen, zwar widerwillig, doch immer mit Schuldgef\u00fchlen, nicht genug zu tun.<br \/>\nEr selbst glaubt von sich, dass er ein guter Mitarbeiter ist, dem die Arbeit Freude macht, der auch f\u00fcr seine Firma etwas einbringt. Doch in ehrlichen Momenten muss er zugeben, dass er sich eher f\u00fcr Nebens\u00e4chlichkeiten interessiert und das Gro\u00dfe Ganze nicht zusammen bringt. Unangenehmes schiebt er auf die lange Bank, vergisst es dann einfach. Ein gutm\u00fctiger, dickfelliger Kerl, der leicht ausflippt, sich aber in wahren Fressorgien schnell wieder beruhigt.<br \/>\nSeine Frau Flora, Ungarin, ist \u00dcbersetzerin, jobbt als Kellnerin in einer Strandbar in Berlin. Sie ist das genaue Gegenteil ihres Mannes. Nerv\u00f6s, \u00fcbersensibel und depressiv. Sie traut sich nichts richtig zu \u2013 und als sie endlich einmal wieder eine \u00dcbersetzungsarbeit bekommt, gibt sie vor, der Stoff sei zu schlecht, doch in Wirklichkeit wei\u00df sie, dass sie schon zu lange aus der \u00dcbung ist. Sie ist immer in Aktion, liebt au\u00dfer Darius die Natur und ihre Freundin Gaby, wobei nicht ganz klar ist, wie weit diese Zuneigung geht. An ihrem Mann liebt sie die positive Art, seine Gl\u00fccksf\u00e4higkeit. Er versteht es, selbst aus seinen Niederlagen noch eine Story zu zaubern, die Flora erheitern und ihr sagen soll, schau her, ich bin doch einer der es schafft. \u2013 Sie hat ihn aber l\u00e4ngst durchschaut, kann seine Gedanken lesen. Gutm\u00fctig h\u00e4lt sie das meiste aus, auch wenn Kopp so vergesslich ist und sie mit seinem Egoismus verletzt.<br \/>\nWir begleiten Darius Kopp w\u00e4hrend einer Woche, in einer fast unertr\u00e4glichen Hitzewelle, wobei Mora alles minuti\u00f6s auflistet, von Freitag bis Freitag. Die eigentliche Handlung schleicht qu\u00e4lend langsam voran, nichts Eigentliches scheint zu geschehen &#8211; als Leser m\u00f6chte man Kopp immer mal wieder \u201eanschubsen\u201c.<br \/>\nUnd doch hat man den Eindruck, dass es sich um eine rasante Geschichte handelt; denn die Autorin versteht es, in wechselnden Tempi Erz\u00e4hlstimme, innere Monologe und tats\u00e4chliche Gespr\u00e4che ineinander- und \u00fcbereinander zu schachteln.<br \/>\nDer Roman beginnt damit, dass in Kopps B\u00fcro ein Paket von einem Kunden f\u00fcr ihn abgegeben wird, einem Armenier. Als er sp\u00e4ter den Inhalt sieht, findet er 40.000 Euro in Geldscheinen. Zu wenig f\u00fcr das, was die Firma als Leistung erbracht hat, zu viel, um das Geld zu unterschlagen. Kopp l\u00e4sst das Paket erst einmal in seinem mit vielen Schachteln und alten Computern verm\u00fcllten B\u00fcro stehen, will mit jemandem dar\u00fcber reden. Eine ironisch-witzige Suche nach einem geeigneten Gespr\u00e4chspartner beginnt: Die, mit denen er sprechen will, sind nicht zu erreichen \u2013 der Leser sp\u00fcrt geradezu, wie dankbar Kopp anfangs ist, dass ihm die telefonische Verbindung nicht gelingt. Von seinen Freunden, w\u00fcrde er sich gerne Rat holen, doch auch da bringt er es nicht fertig, im geeigneten Moment das Richtige zu sagen. Wie so oft im Leben dieses Ungl\u00fccksraben: Kopp erm\u00fcdet schnell, weil er sich einfach nicht mit dem identifizieren kann, was seine Firma von ihm verlangt. Er f\u00fchlt sich allein gelassen, kann pl\u00f6tzlich keinen Kontakt mehr zu seinen Kollegen herstellen.<br \/>\nAls er das Wochenende notgedrungen im Gr\u00fcnen verbringen muss, weil Flora das Haus der Freundin nutzen darf, erlebt der Leser die Qualen eines Stadtmenschen und Informatikers mit, der sich ohne Laptop, Internetanschluss und Handy nur wie ein halber Mensch f\u00fchlt. Besonders der Sonntag in der Natur ist f\u00fcr ihn eine schwere Pr\u00fcfung. Dabei w\u00fcrde er auch im B\u00fcro seine Arbeitszeit verplempern, einfach \u201evergessen\u201c, was er als Wichtigstes tun sollte,, n\u00e4mlich seine Software zu verkaufen. Stattdessen verdr\u00e4ngt er unangenehme Gespr\u00e4che und T\u00e4tigkeiten. Dar\u00fcber f\u00e4llt ihm gar nicht auf, warum sich seine Gesch\u00e4ftspartner und Chefs in \u00dcbersee und London nicht melden: F\u00fcr sie ist er schon l\u00e4ngst abgeschrieben, kein Mitglied von \u201eFidelis\u201c mehr, &#8211; er als Einziger hat das noch nicht verstanden. Im Unterbewusstsein sp\u00fcrt er, dass er den Job nicht mehr hat; doch kann er sich das nicht eingestehen.<br \/>\nZwischen das ganze Hin und Her von Arbeit und Freizeit schiebt Mora die oft skurrilen Geschichten verschiedener Begegnungen mit Kollegen, Freunden und Familie. &#8211; Gegen Ende der Woche, abends, f\u00e4ngt er dann doch endlich an zu arbeiten, verliert nicht gleich die Konzentration und stellt endlich die Beitragss\u00e4tze und Spesen zusammen, umgerechnet etwa 40 000 Euro, die ihm die Firma schuldet. Als er frohgemut donnerstagsfr\u00fch nach Hause kommt, verl\u00e4sst ihn Flora gerade, zerm\u00fcrbt vom endlosen Warten. Er rennt ihr nach, steigt mit ein in ihr Taxi; sie fahren schweigend, aber in Gedanken redet er auf sie ein, entschuldigt sich, dass er sich schon seit Tagen nicht bei ihr gemeldet, sie h\u00f6chstens nachts schlafend vorgefunden hat. Ironie der Geschichte: Kopp hat endlich einmal etwas gearbeitet, damit er an Geld kommt, &#8211; da l\u00e4uft Flora entnervt weg, zu ihrer Freundin Gaby.<br \/>\nAm n\u00e4chsten Morgen, Freitag, endlich der ersehnte Anruf aus London. &#8211; Darius merkt immer noch nicht, dass sich das Blatt gewendet hat: Sein Chef aus London bittet ihn, die restlichen Abrechnungsunterlagen zu schicken, und erz\u00e4hlt ihm, fast nebenbei, dass die Firma fusioniert &#8211; und sein B\u00fcro damit \u00fcberfl\u00fcssig wird. Vom Geld des Armeniers sagt Kopp jetzt nichts. Ob er allerdings die Schachtel zwischen den vielen Kartons im B\u00fcro wieder finden wird, ist sehr fraglich. &#8211; Darius ist also wieder einmal ganz unten. Er f\u00e4hrt zu Gaby. Niemand ist da, alle seien zur Geburtstagsfeier bei einer Freundin, erz\u00e4hlt ihm ein Nachbar. Der wei\u00df, nachdem Kopp seinen Namen gesagt hat, dass dieser der \u201eFreund\u201c von Flora ist. Der erleichterte Leser kann annehmen, dass diese Nachricht extra f\u00fcr ihn hinterlegt wurde und Flora ihn erwartet. Kopp f\u00e4hrt hin und spricht tats\u00e4chlich nicht nur in Gedanken mit seiner Frau: \u201eDu bist die Liebe meines Lebens\u201c.<\/p>\n<p>Mora schreibt eine hochaktuelle Geschichte, in der sich mehrere Ebenen \u00fcberlagern: Unsere Gesellschaft in ihrer Widerspr\u00fcchlichkeit, die mehr vom Schein als vom Sein lebt, von vorget\u00e4uschter Arbeit, Einsamkeit und Sprachlosigkeit. Als Ventil daf\u00fcr Freizeitvergn\u00fcgen und Kaufrausch. Mora l\u00e4sst die beginnende Wirtschaftskrise und die \u201eSchweinegrippe\u201c miteinflie\u00dfen (geschrieben 2008!). Trotzdem k\u00f6nnen wir Leser diesen Roman mit Vergn\u00fcgen und Schmunzeln genie\u00dfen; den Antihelden Darius Kopp haben wir irgendwie lieb gewonnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Roman Verlag: Luchterhand ISBN: 978-3-630-87271-1 Bezug: Buchhandel Preis: Euro 19.80 Der \u201eAntiheld\u201c der Geschichte ist Computerspezialist mit miserablen Englischkenntnissen und hei\u00dft Darius Kopp. Er ist als \u201eeinziger Mann auf dem Kontinent\u201c f\u00fcr die amerikanische Firma Fidelis in der Sektion Kontinentaleuropa &hellip; <a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=659\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[126],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/659"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=659"}],"version-history":[{"count":5,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/659\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2411,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/659\/revisions\/2411"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=659"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=659"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=659"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}