{"id":637,"date":"2011-12-01T08:53:07","date_gmt":"2011-12-01T08:53:07","guid":{"rendered":"http:\/\/ungarischeliteratur.wordpress.com\/?p=637"},"modified":"2012-05-19T20:18:08","modified_gmt":"2012-05-19T20:18:08","slug":"rezension-andreas-schendel-virag-oder-wenn-die-welt-verrutscht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=637","title":{"rendered":"Rezension: Schendel, Andreas &#8211; &#8222;Vir\u00e1g oder Wenn die Welt verrutscht&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/virag.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-2464\" title=\"virag\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/virag.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"241\" \/><\/a><em>Jugendroman<br \/>\nBerlin Verlag, 2010; ISBN: 978-3-8270-5383-1<br \/>\nBezug: Buchhandel, Preis: Euro 12.00<\/em><\/p>\n<p>Vir\u00e1g (dt. Blume) hei\u00dft die 10-j\u00e4hrige Protagonistin in Andreas Schendels neuem Jugendroman. In vielen Dingen unterscheidet sich Vir\u00e1gs Verhalten nicht von dem anderer M\u00e4dchen in ihrem Alter: Das Verliebtsein in einen Lehrer, der Ablauf ihrer Geburtstagsfeier, ihre Vorliebe, Fische im Aquarium zu betrachten oder aber, mit ihrer Gro\u00dfmutter in Budapest zu telefonieren.<br \/>\nVir\u00e1g hat jedoch ein Problem: Gelegentlich beginnt ihre Welt zu verrutschen und Vir\u00e1g verliert ihre Stabilit\u00e4t. Dies geschieht vornehmlich dann, wenn ihre Eltern sich streiten; und das kommt nicht selten vor. Streitpotential ist durchaus vorhanden; Vir\u00e1gs Vater ist bereits seit Jahren arbeitslos und hat \u00fcberdies ein Alkoholproblem. Das h\u00e4ufige Weinen der Mutter bleibt Vir\u00e1g nicht verborgen. Und die Feststellung ihrer Freundin Bilge, dass die Betten in Vir\u00e1gs Elternschlafzimmer weit auseinander geschoben sind, l\u00e4sst auch den Leser erkennen, dass die Ehe von Vir\u00e1gs Eltern nicht eben optimal verl\u00e4uft.<br \/>\nWenn Vir\u00e1gs Welt verrutscht, glitzern die Dinge um Vir\u00e1g herum weniger, das L\u00e4cheln des Vaters am Fr\u00fchst\u00fcckstisch gl\u00e4nzt nicht mehr und schlimmer noch: sie selbst beginnt zu zittern und ebenso viele Dinge um sie herum &#8211; wie beispielsweise die Garage, die Betonplatte vom Gehweg, Autos, Stra\u00dfen, oder die Wolken am Himmel.<br \/>\nUm diesem Verrutschen standzuhalten, sucht Vir\u00e1g die N\u00e4he ihr liebgewonnener Menschen, insbesondere ihrer Freundin Bilge. Das geht jedoch an einem Tag soweit, dass sie sich w\u00e4hrend der Schulzeit k\u00f6rperlich so fest an Bilge klammert, dass letztere nur vom Schulhausmeister wieder befreit werden kann. Vir\u00e1g wird nach diesem Ereignis in die psychiatrische Kinderabteilung des Krankenhauses gebracht. Dort erh\u00e4lt sie Medikamente, deren Einnahme ihre Gef\u00fchle ganz m\u00fcde machen. Generell mag sie die Auswirkungen dieser Medikamente nicht &#8211; folglich unterl\u00e4sst sie die Einnahme. Dann h\u00f6rt die M\u00fcdigkeit auf und die Gef\u00fchle &#8218;B\u00f6se sein&#8216; und &#8218;Lieb haben&#8216; sind wieder viel st\u00e4rker zu sp\u00fcren. So dr\u00e4ngt es sie auch nach dem n\u00e4chsten Streit der Eltern besonders intensiv danach, eine L\u00f6sung zu finden, damit ihre Welt wieder Ordnung gewinnt. Diese L\u00f6sung entdeckt sie im Religionsunterricht, als sie den Song &#8218;Ring the Bells&#8216; von Bob Dylan h\u00f6rt: Sie muss auf ihre Weise &#8218;die Glocken l\u00e4uten&#8216;, Aufmerksamkeit wecken &#8211; Vir\u00e1g muss laut schreien! Das tut sie; anschlie\u00dfend findet sie sich erneut in der Kinderpsychiatrie wieder und nichts interessiert sie zun\u00e4chst mehr als die Antwort auf die Frage: &#8222;Hab ich genug geschrien?&#8220;<\/p>\n<p>Vir\u00e1g leidet offensichtlich unter einer psychosomatischen St\u00f6rung, die von einer konfliktreichen Familiensituation ausgel\u00f6st wird. Aber: Vir\u00e1g leidet eben nicht nur, sondern sie erf\u00e4hrt auch viele sch\u00f6ne Momente und die durchaus liebevolle Zuwendung ihrer Eltern. Ihr Vater spielt Schach mit ihr, sieht &#8218;heimlich&#8216; mit ihr die Simpsons. die Mutter organisiert eine echte ungarische &#8218;h\u00e1zi buli&#8216; zu ihrem 11. Geburtstag. Oder ihr Vater bringt Vir\u00e1g den von der Gro\u00dfmutter besprochenen Anrufbeantworter bei einem seiner Besuche in der Kinderpsychiatrie mit, so dass Vir\u00e1g ihre Stimme h\u00f6ren kann.<br \/>\nDas Besondere an Vir\u00e1gs Geschichte ist die Tatsache, dass Vir\u00e1gs Lebensumst\u00e4nde eigentlich nicht extremer sind als in vielen anderen realen Familien auch. W\u00e4hrend einige Kinder und Jugendliche ihr Lebensumfeld verh\u00e4ltnism\u00e4ssig unbeschadet erleben, f\u00fchrt es bei manchen jedoch zunehmend zu psychosomatischen St\u00f6rungen. Vir\u00e1g steht mit ihrem Problem gegenw\u00e4rtig absolut nicht allein.<br \/>\nAuff\u00e4llig ist Vir\u00e1gs intensive Empfindung f\u00fcr Missst\u00e4nde. Intuitiv sp\u00fcrt sie diese auf, empfindet so beispielsweise Mitleid mit dem gekreuzigten Jesus, aber auch mit dem von ihr geliebten kleinen Mutterheimatland Ungarn. Besonders sensibel nimmt sie die Unstimmigkeiten in der Ehe ihrer Eltern auf und f\u00fchlt sich zust\u00e4ndig f\u00fcr die Beseitigung dieser. Damit b\u00fcrdet sie sich eine gro\u00dfe Verantwortung auf, der sie nicht gewachsen sein kann. War sie selber immer der Ansicht, dass Kinder brav sein m\u00fcssen, wenn die Eltern Probleme haben, so muss sie schlie\u00dflich w\u00e4hrend des Aufenthalts in der Kinderpsychiatrie von ihrer \u00c4rztin erfahren, dass es auch umgekehrt sein kann und Eltern eben f\u00fcr ihre Kinder da sein sollten. Und so allm\u00e4hlich beginnt Vir\u00e1g nach einigen psychotherapeutischen \u201cQuasselstunden\u201d zu ahnen, dass \u201edas Leben f\u00fcr alle Leute so schwierig ist\u201c und vor allem, dass sie nicht von heute auf morgen gesund werden kann. Das Ende bleibt offen; alles andere w\u00e4re auch f\u00fcr den Leser wenig nachvollziehbar. Vielleicht gelingt es Vir\u00e1g zuk\u00fcnftig, Lebensperspektiven zu erkennen, in denen sie nicht allein ist &#8211; selbst wenn sie sich weiterhin \u201emanchmal nichts mehr als eine enge Zwillingsschwester w\u00fcnscht, eine zweite Vir\u00e1g, die der ersten von Zeit zu Zeit das Virag-sein abnimmt.\u201c<br \/>\n\u201eVir\u00e1g oder Wenn die Welt verrutscht\u201c ist ein leiser Jugendroman. Andreas Schendel vermittelt in rhythmischen und kurzen S\u00e4tzen sprachlich einf\u00fchlsam die Lebenssituation Vir\u00e1gs.<br \/>\nDie Neigung des Autors zum Land Ungarn und der ungarischen Sprache bleiben dem Leser dabei nicht verborgen. Vir\u00e1gs Mutter stammt aus Ungarn und hat ihrer Tochter den Vornamen gegeben, der in ihrer Familiengeschichte nicht ohne Tradition ist &#8211; \u201eVir\u00e1gs Stammbaum ist so ein halber Blumenstrau\u00df.\u201d W\u00e4hrend Vir\u00e1gs Vater die ungarische Sprache nie erlernte, w\u00e4chst Vir\u00e1g zweisprachig auf und erwirbt so die ihrer Ansicht nach \u201cbessere Sprache, wenn man zu Pflanzen oder Tieren spricht\u201d, da diese sanfter ist.<br \/>\nSo finden sich immer wieder ungarische &#8218;Sprachtupfer&#8216; in dem Text &#8211; einzelne W\u00f6rter wie der von der Mutter an Vir\u00e1g vergebene Kosename &#8218;Bog\u00e1rk\u00e1m&#8216; (dt. Mein K\u00e4fer) oder ihr Ausruf &#8218;J\u00f3s\u00e1gos istenem&#8216; (dt. Mein guter Gott), als die 150 Liter S\u00fcsswasser aus dem Aquarium auf dem Fussboden landen. Vir\u00e1gs eigene Gef\u00fchle sind oft auf Ungarisch, beispielsweise wenn ihr w\u00e4hrend des Krankenhausaufenthaltes die Freundin Bilge fehlt und sie dieses Fehlen nur mit dem ungarischen Wort &#8218;Hi\u00e1nyz\u00f3l&#8216; &#8211; \u201eDas ist irgendwo zwischen &#8218;Du fehlst mir&#8216; und &#8218;Ich vermisse Dich'&#8220; &#8211; ausdr\u00fccken kann.<br \/>\nInsofern wird auch die Zweisprachigkeit zu einem Thema in diesem Roman, mittels derer Vir\u00e1g eine andere Einsicht in die Familienverh\u00e4ltnisse erh\u00e4lt: Sie begreift, dass es vieles gibt, was die Mutter auf Deutsch nicht sagen kann und dass diese auch deshalb weinen muss. Nicht zuletzt tr\u00e4gt die Tatsache, dass der Vater eben kein Ungarisch kann, zu einer Art Ausschluss aus der Familie bei.<br \/>\nNeben der sprachlichen Sensibilit\u00e4t besticht an dem Buch zudem ein Detail in der \u00e4u\u00dferlichen Aufmachung: Vor jedem Kapitel findet sich ein Foto von einer Polaroid-Kamera &#8211; das sind die von Vir\u00e1g als &#8218;Bildkinder&#8216; bezeichneten Aufnahmen, die verschiedene Augenblicke aus ihrem Leben festhalten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jugendroman Berlin Verlag, 2010; ISBN: 978-3-8270-5383-1 Bezug: Buchhandel, Preis: Euro 12.00 Vir\u00e1g (dt. Blume) hei\u00dft die 10-j\u00e4hrige Protagonistin in Andreas Schendels neuem Jugendroman. In vielen Dingen unterscheidet sich Vir\u00e1gs Verhalten nicht von dem anderer M\u00e4dchen in ihrem Alter: Das Verliebtsein &hellip; <a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=637\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[157],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/637"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=637"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/637\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2465,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/637\/revisions\/2465"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=637"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=637"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=637"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}