{"id":619,"date":"2011-12-21T12:03:37","date_gmt":"2011-12-21T12:03:37","guid":{"rendered":"http:\/\/ungarischeliteratur.wordpress.com\/?p=619"},"modified":"2012-05-18T21:03:58","modified_gmt":"2012-05-18T21:03:58","slug":"rezension-jean-mattern-im-kiraly-bad","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=619","title":{"rendered":"Rezension: Mattern, Jean &#8211; &#8222;Im Kir\u00e1ly-Bad&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/im_kiralybad.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-2401\" title=\"im_kiralybad\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/im_kiralybad.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"249\" \/><\/a><em>Insel Verlag, 2010; ISBN: 978-3-85129-684-6<br \/>\nOriginaltitel: Les bains de Kir\u00e1ly, 2008<br \/>\nBezug: Buchhandel Preis: Euro 16.80<\/em><\/p>\n<p>In Jean Matterns Deb\u00fctroman durchlebt der in London lebende ca. 30j\u00e4hriger \u00dcbersetzer Gabriel eine Sinnkrise, die in seiner mangelnden Aufarbeitung seiner Vergangenheit und in dem unbegreiflich bleibenden Unfalltod seiner Schwester Marianne wurzelt. Mittels Erinnerungen versucht er, sich seiner eigenen Identit\u00e4t bewusst zu werden und gelangt dabei zu der Erkenntnis, dass sein Dasein als eigenst\u00e4ndiges Individuum nicht von einer vor hundert Jahren ereigneten Geschichte bestimmt werden kann.<br \/>\nGabriel ist ungarisch-j\u00fcdischer Herkunft und \u00fcbersiedelt im fr\u00fchen Kindesalter mit seinen Eltern nach S\u00fcdfrankreich. Die Gr\u00fcnde f\u00fcr diese \u00dcbersiedelung bleiben nicht nur dem Leser, sondern auch Gabriel selbst verborgen: sie werden von den Eltern, wie vieles andere, hartn\u00e4ckig verschwiegen. Bewegende Ereignisse &#8211; wie der Tod der Schwester, die Krankheit des Onkels &#8211; werden innerhalb der Familie mit der Formel \u201eDer Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen\u201c beiseite geschoben; ein m\u00f6gliches Nachfragen wird auf diese Weise von vornherein ausgeschlossen. Auch \u00fcber das Heimatland seiner Eltern wird in der Familie nicht gesprochen, so formieren einzig kulinarische Erlebnisse Gabriels Wissen \u00fcber das Magyarentum. Ebenso bleibt ihm die ungarische Sprache unzug\u00e4nglich, wird diese von seinen Eltern doch nur hinter seinem R\u00fccken gefl\u00fcstert. So gewinnt der Protagonist in seiner Selbstreflexion den Eindruck, er selbst ist ohne Muttersprache aufgewachsen.<br \/>\nAls Gabriel im jungen Erwachsenenalter nach London zieht; dort studiert, Freunde und seine sp\u00e4tere Ehefrau Laura kennenlernt, bleibt das seit fr\u00fcher Kindheit angelernte und verinnerlichte Schweigen auch ihnen gegen\u00fcber un\u00fcberwindlich. Laura begegnet er mit Belesenheit und Bildung und t\u00e4uscht auf diese Weise \u00fcber seine Gef\u00fchle hinweg; seinen Freunden Leo und David ist er ein guter Zuh\u00f6rer, vermag sich jedoch selbst nicht zu \u00f6ffnen. Bedr\u00fcckende vereinzelte Erinnerungen &#8211; beispielsweise an die letzten Minuten, bevor die Polizei der Familie den Unfalltod der Schwester berichtete oder an das abendliche Tischdecken als 10-j\u00e4hriger, wenn er anstatt der ben\u00f6tigten drei Gedecke auch ein viertes f\u00fcr die tote Schwester bereitlegte &#8211; m\u00fcnden f\u00fcr Gabriel weder in ein erkl\u00e4rbares Ganzes noch gelingt es ihm \u00fcberhaupt, diese Erinnerungen nahestehenden Menschen zum Ausdruck zu bringen. Erhofft sich Gabriel zu Beginn seiner Ehe noch die Verdr\u00e4ngung dieser Erinnerungen durch die lebenslustige Art Lauras, so erweist sich diese Hoffnung nach den ersten zwei Ehejahren als tr\u00fcgerisch.<br \/>\nAls Gabriel an einem \u00dcbersetzerkolloquium in Ungarn teilnimmt, entdeckt er auf einem Budapester Friedhof den Grabstein mit dem Namen seines Gro\u00dfvaters. Durch diese Entdeckung f\u00fchlt er sich derart von seiner unverarbeiteten Vergangenheit heimgesucht, dass ihm das in London gef\u00fchrte Leben in seiner Art nicht fortsetzbar erscheint. Als er \u00fcberdies von Lauras Schwangerschaft erf\u00e4hrt, sp\u00fcrt er den Beginn eines neuen Lebenskapitels, das nicht f\u00fcr ihn bestimmt ist &#8211; er wei\u00df schlicht und ergreifend nicht, wie er mit seinem Kind sprechen soll. Allerdings kann er auch diese Empfindung Laura gegen\u00fcber nicht \u00e4u\u00dfern &#8211; immerhin aber gelingt es ihm, die Zweifel in einer Email seinem Freund Leo mitzuteilen. Diese Email bleibt allerdings insofern nicht ohne Folgen, als dass Laura diese unbedarft \u00f6ffnet und liest und daraufhin Gabriel entt\u00e4uscht verl\u00e4sst.<br \/>\nGabriel f\u00e4hrt nun ein zweites Mal nach Ungarn, jetzt allerdings nicht mehr aus beruflichen Gr\u00fcnden, sondern, um die Geschichte seiner Herkunft aufzusp\u00fcren. Doch es bleibt einzig bei der Absicht. Gabriel verzichtet auf die angebotene Hilfe von J\u00e1nos Almassy &#8211; einer Bekanntschaft von seinem ersten Ungarnaufenthalt &#8211; und anstatt in den Stadtarchiven seine Herkunft weiter aufzusp\u00fcren, f\u00e4hrt er zur\u00fcck nach London. Als schlie\u00dflich weitere Nachforschungen J\u00e1nos&#8216; Hinweise auf die Familiengeschichte Gabriels geben, wei\u00df dieser doch eigentlich nicht, was er mit den Schatten der Vergangenheit anfangen soll. Unweigerlich stellt sich f\u00fcr ihn die Frage nach einem v\u00f6lligen Neuanfang.<br \/>\nEin m\u00f6glicher Neuanfang wird in dem Roman an verschiedenen Stellen durch die Erw\u00e4hnung des j\u00fcdischen Vers\u00f6hnungstages Jom Kippur &#8211; der heiligste und feierlichste Tag des j\u00fcdischen Jahres bez\u00fcglich Umkehr, Reue und Vers\u00f6hnung &#8211; implizit angedeutet. Insgesamt erweist sich Gabriels h\u00e4ufiger Besuch von Synagogen f\u00fcr die Entwicklung seiner Sinnkrise als bedeutungsschwer, kann er sich doch am Ende der j\u00fcdischen Religion nicht mehr entziehen. Jahrelang war Gabriel der \u201eSpezialist f\u00fcr Worte, aber f\u00fcr die Worte andere, die von W\u00f6rterb\u00fcchern, Fremdsprachen, Schriftstellern und Leo\u201c &#8211; dennoch war er immer davon \u00fcberzeugt, dass Worte insgesamt unzug\u00e4nglich sind. Erst die betende Gemeinschaft in der j\u00fcdischen Synagoge kann ihn vom Gegenteil \u00fcberzeugen.<br \/>\nDie Sinnkrise Gabriels ist in dem Roman allgegenw\u00e4rtig. Gabriel als Ich-Erz\u00e4hler berichtet vom Zeitpunkt der bereits beginnenden Selbstvergewisserung, die Trennung von Laura und seine Erfahrungen in Ungarn sind bereits nahe Vergangenheit. Die eher zu Beginn des Romans gestellte Frage: \u201eIst jetzt die Zeit gekommen, um endlich damit aufzuh\u00f6ren, mich in fremde Sprachen zu fl\u00fcchten, solche, die ich schon erlernt habe oder deren Lehrb\u00fccher sich auf meinem Schreibtisch stapeln?\u201c findet mit Gabriels tastender Ann\u00e4herung selbst eine bejahende Antwort. Die titelgebende Szene &#8218;Im Kir\u00e1ly-Bad&#8216; nimmt dabei nur wenig Raum ein; es ist der Besuch Gabriels bei seinem zweiten Aufenthalt in Ungarn: \u201eAnsehnlicher Dampf stieg aus dem Becken auf. Zusammen mit dem schummrigen Licht und der Hitze erzeugte dieser wei\u00dfe Vorhang ein merkw\u00fcrdiges, schwebendes Gef\u00fchl.\u201c Es ist eben dieses Gef\u00fchl, das den Roman durchzieht; \u00e4hnlich wie der aus dem Becken aufsteigende Dampf, so wirkt auch Gabriels bisheriges Lebens f\u00fcr ihn selbst und f\u00fcr den Leser wie ein verschleiernder Vorhang. Dabei macht die Intensit\u00e4t der Empfindungen Gabriels auf eindringliche Art deutlich, welche Bedrohung das Verdr\u00e4ngen und Verschweigen von Herkunft f\u00fcr die eigene Identit\u00e4t bedeutet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Insel Verlag, 2010; ISBN: 978-3-85129-684-6 Originaltitel: Les bains de Kir\u00e1ly, 2008 Bezug: Buchhandel Preis: Euro 16.80 In Jean Matterns Deb\u00fctroman durchlebt der in London lebende ca. 30j\u00e4hriger \u00dcbersetzer Gabriel eine Sinnkrise, die in seiner mangelnden Aufarbeitung seiner Vergangenheit und in &hellip; <a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=619\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[130],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/619"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=619"}],"version-history":[{"count":7,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/619\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2402,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/619\/revisions\/2402"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=619"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=619"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=619"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}