{"id":615,"date":"2011-12-21T11:42:34","date_gmt":"2011-12-21T11:42:34","guid":{"rendered":"http:\/\/ungarischeliteratur.wordpress.com\/?p=615"},"modified":"2012-05-18T20:46:53","modified_gmt":"2012-05-18T20:46:53","slug":"rezension-lysann-heller-die-paprikantin-ungarn-fur-anfanger","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=615","title":{"rendered":"Rezension: Heller, Lysann &#8211; &#8222;Die Paprikantin. Ungarn f\u00fcr Anf\u00e4nger&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><em>Verlag: Ullstein, 2008; ISBN: 978-3-548-26860-6<a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/die_paprikantin.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-2356\" title=\"die_paprikantin\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/die_paprikantin.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"242\" \/><\/a><br \/>\nBezug: Buchhandel, Preis: Euro 8,00<\/em><\/p>\n<p>Lysann Heller verbringt die Jahre zwischen 2003 und 2007 in Budapest und arbeitet dort als redaktionelle Mitarbeiterin \u201ef\u00fcr Kultur, Soziales und kuriose Randerscheinungen\u201d der deutschsprachigen Budapester Zeitung. Bevor sie ihre Reise im November 2003 antritt, hat sie sich kaum mit der Landesgeschichte und der Nationalsprache Ungarns auseinandergesetzt \u2013 die wenigen Erinnerungen an die am Plattensee verbrachten Familienurlaube zu DDR Zeiten gelten lediglich dem Verzehr des ersten Hot-Dogs oder dem Kauf einer Sonnenbrille.<br \/>\nIhre Erfahrungen, die sie w\u00e4hrend ihres vierj\u00e4hrigen Aufenthalts in Budapest &#8211; aber auch in anderen Gebieten Ungarns macht &#8211; vermittelt Lysann Heller in leichtem, lockerem und oft selbstironischem Ton und bietet dabei Ungarninteressierten einen vielseitigen Einblick in das Land. Dazu geh\u00f6rt sowohl die geopolitische Information, dass Ungarn zentralistisch aufgebaut ist und gr\u00f6\u00dfere St\u00e4dte wie Debrecen und P\u00e9cs als Peripherie bezeichnet werden als auch der Hinweis, dass die \u201cdumpfen Glanz vergangener Pracht\u201d ausstrahlende Andrassy ut nach dem Vorbild der Champs-Elys\u00e9es gebaut wurde. Der Leser wird neugierig gemacht auf touristische Anziehungspunkte, wie beispielsweise das Kaffeehaus M\u00fcv\u00e9sz, in dem \u201eMenschen auf den Spuren der subversiven Revolution\u00e4re, hochsensible Dichter und stilvolle Bohemien\u201d anzutreffen sind.<br \/>\nImmer wieder informiert die Autorin in Ans\u00e4tzen \u00fcber historische Hintergr\u00fcnde. so z.B. \u00fcber den Vertrag von Trianon, die Geschichte der Donauschwaben oder die Schlachten gegen die T\u00fcrken. Die Nationalfeiertage finden Erw\u00e4hnung, ebenso das schwierige Verh\u00e4ltnis Ungarns zu Rum\u00e4nien; nicht zuletzt geht Heller auch auf Ungarns Beitrag zur Wende 1989 ein.<br \/>\nAll diese kurzen Informationen werden von der Autorin eingebunden in einen Erfahrungsbericht aus ihrem Berufs- und Lebensalltag; gewitzt und kurzweilig erz\u00e4hlt sie von ihren Begegnungen mit den Landsleuten und den kulturellen Eigenheiten des Landes. Dazu geh\u00f6rt die Beobachtung, dass \u201edie Scharmgrenze der Ungarn allgemein weit unter dem deutschen Durchschnitt\u201c liegt, daf\u00fcr Badeanz\u00fcge in der Sauna konsequent getragen werden. Wie gem\u00fctlich die Ungarn sein k\u00f6nnen, entdeckt die Autorin an den langen, schnellen U-Bahn Rolltreppen, auf denen nicht gedr\u00e4ngelt wird, sondern jeder einfach &#8218;rum steht&#8216;. Nicht unerw\u00e4hnt l\u00e4sst die Autorin dar\u00fcber hinaus sowohl das &#8217;nicht existente Zeitgef\u00fchl&#8216; der Ungarn, das mit dauernden Versp\u00e4tungen einhergeht als auch die in Ungarn verbreitete Schattenwirtschaft \u2013 nach dem Motto: \u201eder ruft jemanden an, der jemanden kennt.\u201c Als typisch f\u00fcr die ungarische Mentalit\u00e4t betrachtet die Autorin eine schulterzuckende Schicksalsergebenheit: &#8218;Az \u00e9let nem habostorta&#8216; (deutsch: Das Leben ist keine Sahnetorte).<br \/>\nAuch die sozialen Missst\u00e4nde \u2013 auff\u00e4llig hohe Anzahl von Obdachlosen und Rentnern an den Metrostationen &#8211; und Probleme wie Alkoholismus werden von der Autorin registriert. Nicht zuletzt greift Heller die schwierige Beziehung zwischen Ungarn und Roma auf, wobei sie den Ressentiments gegen Roma ihre eigenen positiven Begegnungen mit Roma-Kindern in einem Ferienlager entgegenstellt.<br \/>\nUnweigerlich f\u00fchrt insbesondere das Erlernen der ungarischen Sprache zu unz\u00e4hligen Einblicken in das Land und ihren Eigenheiten. So entdeckt Heller beispielsweise, dass es \u201etausend verschiedene Varianten des Gr\u00fc\u00dfens und Siezens \u00e4lterer Zeitgenossen\u201d gibt oder exotisch anmutende Verniedlichungsformen, wovon sich eine auf deutsch etwa mit &#8218;gernchen geschehen&#8216; \u00fcbersetzen lie\u00df. Nicht zuletzt f\u00fchrt das Sprachenlernen auch zu am\u00fcsanten Missgeschicken. Letzteres beispielsweise in der Konversation mit dem Hausmeister ihrer Wohnung \u00fcber die nicht funktionierende Waschmaschine. Aber auch bei dem beabsichtigten Kauf eines Joghurts in einem Supermarkt: In der Vermutung, die ungarische Bezeichnung f\u00fcr das Wort &#8218;Joghurt&#8216; nicht ableiten zu k\u00f6nnen, greift sie zu einer gro\u00dfen Packung &#8218;Teijf\u00f6l&#8216; (= saurer Sahne) \u2013 muss dann entdecken, dass sie es weit einfacher h\u00e4tte haben k\u00f6nnen: Joghurt hei\u00dft auf ungarisch einfach &#8218;Joghurt&#8216;!<br \/>\nSaure Sahne bleibt selbstverst\u00e4ndlich nicht die einzige kulinarische Besonderheit Ungarns, deren Bekanntschaft die Autorin macht. Angetan hat es ihr ferner der &#8218;T\u00far\u00f3 Rudi&#8216; \u2013 ein Schokoriegel mit Quark, den sie als das &#8218;Aush\u00e4ngeschild der ungarischen S\u00fc\u00dfwarenindustrie&#8216; betrachtet. Weniger gl\u00fccklich ist sie \u00fcber die Hahnhoden, die sie bei den Eltern ihrer Arbeitskollegin serviert bekommt, und den Palinka zur Begr\u00fc\u00dfung findet sie zun\u00e4chst auch gew\u00f6hnungsbed\u00fcrftig.<br \/>\nMit vielen Dingen und Menschen konnte sich die Autorin anfreunden in Ungarn, vieles blieb der Autorin aber auch fremd\u2013 wie sie selbst in einem Interview mitgeteilt hat. Unabh\u00e4ngig davon ist sie in jedem Fall dem Charme der Stadt Budapest sp\u00fcrbar erlegen, egal ob es dort \u201evorwiegend nach Staub, Hundekot und Abgasen\u201d riecht und das Fahrradfahren \u201emit negativer Energie und Angsthormonen verbunden\u201d ist, denn:<br \/>\n\u201eBei Sonnenuntergang oder nachts \u00fcber die Br\u00fccken zu fahren, ist unsagbar sch\u00f6n.\u201d<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Verlag: Ullstein, 2008; ISBN: 978-3-548-26860-6 Bezug: Buchhandel, Preis: Euro 8,00 Lysann Heller verbringt die Jahre zwischen 2003 und 2007 in Budapest und arbeitet dort als redaktionelle Mitarbeiterin \u201ef\u00fcr Kultur, Soziales und kuriose Randerscheinungen\u201d der deutschsprachigen Budapester Zeitung. 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