{"id":597,"date":"2011-12-20T12:09:56","date_gmt":"2011-12-20T12:09:56","guid":{"rendered":"http:\/\/ungarischeliteratur.wordpress.com\/?p=597"},"modified":"2012-05-19T20:16:42","modified_gmt":"2012-05-19T20:16:42","slug":"rezension-ivan-sandor-spurensuche","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=597","title":{"rendered":"Rezension: S\u00e1ndor, Iv\u00e1n &#8211; &#8222;Spurensuche&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/spurensuche.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-2460\" title=\"spurensuche\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/spurensuche.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"232\" \/><\/a><em>Eine Nachforschung<br \/>\nRoman<br \/>\nAus dem Ungarischen von Katalin Fischer<br \/>\nVerlag dtv premium, 2009; ISBN:978-3-423-24722-1<br \/>\nOriginaltitel: K\u00f6vet\u00e9s. Egy Nyomoz\u00e1s Kr\u00f3nik\u00e1ja, 2006<br \/>\nBezug: Buchhandel Preis: Euro 14,90<\/em><\/p>\n<p>Herbst \/ Winter 1944 in Budapest. Der mit Hitler verb\u00fcndete Reichsverweser Horthy muss abdanken, da er einen Waffenstillstand mit Russland angestrebt hatte. Sein Nachfolger Sz\u00e1lasi organisiert die Judenverfolgung mit Hilfe des Terrorregimes der Pfeilkreuzler in gro\u00dfem Stil. In k\u00fcrzester Zeit werden \u00fcber 400 000 Menschen in Arbeitslager oder nach Auschwitz deportiert, die Lage verschlimmert sich zusehends. Wen die Pfeilkreuzler erwischen k\u00f6nnen, der wird kurzerhand ins Ghetto getrieben, oder an die Donau, wo die Menschen nackt hineingeschossen werden. Der schwedische Diplomat Raoul Wallenberg und der Schweizer Vizekonsul Carl Lutz stellen sich dem entgegen, versuchen mit Schutzh\u00e4usern und Schutzp\u00e4ssen m\u00f6glichst viele Menschen zu retten. Das Internationale Rote Kreuz begleitet die Todeskolonnen und versucht den Schw\u00e4chsten zu helfen.<br \/>\nIm Herbst 2002 erscheint die Biografie von Theo Tschuy \u00fcber Carl Lutz auf Ungarisch. Anhand der Fotos erkennt der 71j\u00e4hrige Autor, wem er als 14j\u00e4hriger begegnet war. Wenige Tage sp\u00e4ter macht er einen Spaziergang durch Budapest, wird fast von einem jugendlichen Radfahrer umgefahren. Da blitzt in ihm ein \u201eD\u00e9j\u00e0-vue\u201c auf, 58 Jahre fr\u00fcher, als an dieser Stelle ein junger Radfahrer vorbeifuhr, mit der Armbinde der Pfeilkreuzler. S\u00e1ndor erinnert sich, wie er damals in einer Marschkolonne geht, Richtung Ziegelei in \u00d3buda, zwischen seinen Eltern. In der gleichen Kolonne geht seine 12j\u00e4hrige Freundin Vera mit ihrer Mutter.<br \/>\nIv\u00e1n S\u00e1ndor l\u00e4uft nun in den Fu\u00dfspuren des 14j\u00e4hrigen: \u201cIch bin der 14j\u00e4hrige Junge und sehe das Gesicht des alten Mannes, der mich beobachtet.\u201c Der Autor wei\u00df inzwischen Bescheid, dass ihn nicht nur der Zufall gerettet hat, sondern auch das Engagement von Carl Lutz. Er geht in H\u00e4user, befragt Anwohner, \u00fcberlebende Freunde und Familienmitglieder, vergleicht Vergangenheit und Gegenwart; Zeit und Raum verschmelzen zu einer einzigen Erfahrung. In raschem Wechsel erz\u00e4hlt er von den f\u00fcrchterlichen Wochen des 14j\u00e4hrigen Iv\u00e1n, der von alledem keine Ahnung hat, sich im Wirrwarr von Verhaftungen und Deportation sieht, im Untertauchen vor den allgegenw\u00e4rtigen und m\u00f6rderischen Pfeilkreuzlern, in der Flucht vor dem Bombardement im eingeschlossenen Budapest.<br \/>\nDer Roman ist auch Dokumentation; denn der Autor schiebt seine obsessive Forschungsarbeit in Form historischer Dokumente: Gesetzestexten, Erlassen, Zeitungsausschnitten, Tagebucheintragungen, Briefen und entschl\u00fcsselten Fotos mit ein, verkn\u00fcpft die parallelen Schicksalsgeschichten der einstigen T\u00e4ter, Opfer und Retter. Er versetzt sich nicht nur in die Gedanken- und Gef\u00fchlswelt des 14j\u00e4hrigen Jungen und seiner Freundin Vera zur\u00fcck, schildert nicht nur Angst und Verzweiflung, K\u00e4lte und Not, sondern auch die aufkommenden erotischen Gef\u00fchle der pubertierenden Kinder, die sich nicht mal in dieser m\u00f6rderischen Situation unterdr\u00fccken lassen. Gleichzeitig sp\u00fcrt er den \u00dcberlegungen und Gr\u00fcbeleien von Carl Lutz, der gro\u00dfe Scham f\u00fcr diese Verbrechen empfindet, und seiner Ehefrau Gertrud nach, anhand von dessen Tagebucheintragungen. Er berichtet von den Gefahren, in die sich der Schweizer Diplomat begibt, besonders, da er im Sinne seiner Regierung seine Kompetenzen nicht nur \u00fcberschreitet, sondern sich geradezu gegen ausdr\u00fcckliche Befehle stellt, die ihm verbieten, sich weiter um die Rettung der verfolgten Juden zu k\u00fcmmern. &#8211; Lutz richtet dramatische Appelle in die Schweiz, f\u00e4hrt selbst hin, um die Lage zu schildern, unterbreitet Lagebeschreibungen der SS, doch nichts fruchtet. &#8211; Tapfer stellt er weiter Schutzbriefe aus, die heimlich in Budapest gedruckt werden, und kann damit mehrere 10 000 Juden retten.<br \/>\nEine weitere Hauptfigur ist Iv\u00e1ns Tante Gizi, die, blond gef\u00e4rbt, als Rotkreuzschwester getarnt, auf der Suche nach ihrer Schwester B\u00f6zsi ist. Da sie fast \u00fcberallhin Zutritt hat, die Freundschaft von Gertrud Lutz gewinnt, versucht sie immer wieder in Verzweiflungsaktionen zu retten, was m\u00f6glich ist. Die gr\u00f6\u00dfte Anzahl der in Budapest lebenden Juden wird dennoch deportiert, in die Donau geschossen oder sofort bei der Verhaftung umgebracht. Die ungarischen Soldaten \u00fcberfallen das Ghetto, die Schutzh\u00e4user, zerrei\u00dfen Schutzbriefe gegen internationales Recht. Zuf\u00e4llige Passanten schauen dem Treiben gleichg\u00fcltig zu.<br \/>\nIv\u00e1n, seine Eltern, Vera und ihre Mutter sind unter den Verhafteten. Sie finden sich im Gel\u00e4nde der Ziegelei von \u00d3buda wieder, der Sammelstelle f\u00fcr die Todesm\u00e4rsche in die Arbeitslager oder KZs. Auf dem Marsch nach Hegyeshalom k\u00f6nnen Iv\u00e1ns Eltern gerettet werden, Vera sieht ihr Mutter nie mehr &#8211; die beiden Jugendlichen entkommen schon vorher, als sie auf Intervention von Carl Lutz, aus der Kolonne heraus treten k\u00f6nnen. Zweimal m\u00fcssen sie aus Rotkreuz-und Schutz-Heimen fliehen, da sie dort nicht mehr sicher sind, selbst im Krankenhaus, in dem die Eltern Unterschlupf gefunden haben, werden sie verfolgt. St\u00e4ndig sind sie auf der Flucht, frierend und hungrig.<br \/>\nDer Junge Iv\u00e1n macht sich immer wieder Gedanken \u00fcber das Diplomatenauto, einen schwarzen Packard, der \u00fcberall auftaucht, sieht auch Carl Lutz und seine Frau, ohne dass er wei\u00df, was dies zu bedeuten hat.<br \/>\nAls der Schriftsteller Iv\u00e1n S\u00e1ndor vom Schweizerischen Fernsehn nach Locarno eingeladen wird, mit anderen \u201e\u00dcberlebenden\u201c ihre Begegnungen mit Carl Lutz zu schildern, muss er erfahren, wie ihre Vergangenheit zur \u201eWare\u201c verkommt, ihre ureigenste Geschichte zur Filmvorlage. Er f\u00fchlt Scham \u00fcber die ihm zugeteilte Rolle, als er auf das Podium komplimentiert wird; denn er sieht sich als \u201eZeugen\u201c. \u00dcberlebende sind sie alle, T\u00e4ter wie Opfer. Der Zeuge aber ist derjenige, der bewahrt.<br \/>\nIn Locarno lernt er die Stieftochter von Carl Lutz, Agnes Hirschi kennen. Mit ihrer Hilfe kann er das Puzzle seiner eigenen Geschichte zusammenf\u00fcgen, aber auch der Tochter helfen, ihren Stiefvater als den Retter zu sehen, der aus \u00dcberzeugung gegen seine eigene Regierung arbeiten musste.<br \/>\nDer Roman endet, als der Kampf Haus um Haus in Budapest seinen H\u00f6hepunkt erreicht. Den Fortgang der Geschichte kennt der Leser aus eingestreuten Erz\u00e4hlfragmenten: Nach dem Krieg arbeitet die Familie hart, um wieder etwas aufzubauen. \u00dcber die Erlebnisse von Flucht und Rettung wird wenig gesprochen. Dazu ist gar keine Zeit. \u00dcberlebende Familienmitglieder sind zum Teil in andere L\u00e4nder ausgewandert, Gizi arbeitet in einem Restaurant als Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin und stirbt fr\u00fch. Mit der Mutter versucht der alternde Autor dann die Tage von Verfolgung und Rettung zu rekonstruieren.<br \/>\nNie verliert der Autor den Blick auf das Drama, das sich damals abspielte, auch nicht bei seinen \u00dcberlegungen als Nachforschender. Alles h\u00e4ngt mit allem zusammen: Nicht nur die Geschichte Ungarns, auch sein ganzes weiteres Leben, sein Wiedertreffen mit Vera, 18 Jahre sp\u00e4ter, seine Fragen, die Antworten die er bekommt und sich selbst geben muss.<br \/>\nIv\u00e1n S\u00e1ndor zieht den Leser gerade deswegen so in den Strudel der dramatischen Ereignisse um Leben und Tod mit hinein, weil er selbst gro\u00dfe sprachliche Distanz dazu h\u00e4lt. Als Leser muss man sich die Frage stellen: Wenn ein solches Dokument die Leserschaft, und im Weiteren die Gesellschaft, nicht dazu aufr\u00fctteln und ermutigen kann, die Vergangenheit aufzuarbeiten, was dann?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Nachforschung Roman Aus dem Ungarischen von Katalin Fischer Verlag dtv premium, 2009; ISBN:978-3-423-24722-1 Originaltitel: K\u00f6vet\u00e9s. Egy Nyomoz\u00e1s Kr\u00f3nik\u00e1ja, 2006 Bezug: Buchhandel Preis: Euro 14,90 Herbst \/ Winter 1944 in Budapest. 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