{"id":593,"date":"2011-12-20T12:06:04","date_gmt":"2011-12-20T12:06:04","guid":{"rendered":"http:\/\/ungarischeliteratur.wordpress.com\/?p=593"},"modified":"2012-05-19T20:09:01","modified_gmt":"2012-05-19T20:09:01","slug":"rezension-andras-petocz-fremde-dreisig-minuten-vor-dem-krieg","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=593","title":{"rendered":"Rezension: Pet\u0151cz, Andr\u00e1s &#8211; &#8222;Fremde. Drei\u00dfig Minuten vor dem Krieg&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/fremde.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-2440\" title=\"fremde\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/fremde.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"236\" \/><\/a><em>Roman<br \/>\nAus dem Ungarischen von Mikl\u00f3s Pataky<br \/>\nVerlag Gabriele Sch\u00e4fer Verlag, 2010<br \/>\nISBN: 978-3-933337-72-6<br \/>\nOriginaltitel: Idegenek, 2007<br \/>\nBezug: Buchhandel; Preis: Euro 19.80<\/em><\/p>\n<p>Es lohnt sich, den Prolog noch einmal zu lesen, wenn man an das Ende des Romans gekommen ist. Er kl\u00e4rt das vorl\u00e4ufige Ende der Geschichte.<br \/>\nOrt der Handlung kann jede beliebige Milit\u00e4rdiktatur auf der Welt sein. Beim Lesen des Romans f\u00fchle ich mich an Nachrichten erinnert, die ich schon gelesen oder geh\u00f6rt habe: an Milit\u00e4rputsche in S\u00fcdamerika, Afrika oder Asien, an den Balkankrieg, an K\u00e4mpfe tschetschenischer Terroristen, an die \u00dcbergriffe von Immigranten in den Banlieus der franz\u00f6sischen Metropole oder irgendwo in den USA. Die Geschichte k\u00f6nnte \u00fcberall da spielen, wo Fremde aus anderen Kulturen, die \u201eBarbaren\u201c, als Fl\u00fcchtlinge ankommen, wo Heimatlose und politisch Verfolgte zusammenkommen. Die Kleinstadt, in der sich alles abspielt, ist der Mikrokosmos einer Welt voll Unterdr\u00fcckung von oben und Angst und Misstrauen gegeneinander. Die Einheimischen haben Angst vor den Fremden und umgekehrt.<br \/>\nDie Heldin und Icherz\u00e4hlerin der Geschichte ist eine junge Frau, die sich erinnert, was sie als kleines M\u00e4dchen zwischen dem achten und zehnten Lebensjahr durchgemacht hat: Damals ist sie schon jahrelang mit ihrer Mutter auf der Flucht. Zum \u00dcberlebenstraining geh\u00f6rt, sich vor Hunden in Acht zu nehmen, niemals die Wahrheit zu sagen, und die Landessprache so perfekt zu beherrschen, dass niemand ihre Herkunft erkennen und sie besser in der Masse untertauchen k\u00f6nnen.<br \/>\nDie Geschichte entfaltet sich aus der Sicht des kleinen M\u00e4dchens, das Zusammenh\u00e4nge erst nach und nach begreift, was manchmal komische, manchmal tragische Formen annimmt. Die Kleine erz\u00e4hlt n\u00fcchtern und schn\u00f6rkellos vom viel zu fr\u00fchen Erwachsenwerden eines Fl\u00fcchtlingskindes.<br \/>\nOhne einen Vater, den sie nie gekannt hat, findet die Mutter mit ihr endlich in einer Kleinstadt Unterschlupf beim Pfarrer. Da ist sie acht Jahre alt. Die Stadt ist voll von fremden Soldaten. Zu deren Kaserne macht sich die Mutter gleich auf, bleibt lange dort, w\u00e4hrend das Kind auf sie wartet. Angeblich sorgt man dort f\u00fcr ihre Papiere. Im Gegensatz zu dem wartenden Kind ist dem Leser schnell klar, dass sich die Mutter prostituiert. Das Kind kommt erst nach und nach dahinter.<br \/>\nDie Mutter f\u00fchlt sich nur sicher im Schutz der fremden Soldaten, deren Chef ihr Liebhaber wird, sie nicht nur besch\u00fctzt, sondern auch mit Geschenken versorgt. Sie sind sehr arm, selbst im Winter geht das Kind meistens barfu\u00df, eine Jacke hat ihr der Soldat besorgt. Bekommt Mutter Besuch von ihm, geht das Kind zum Nachbarm\u00e4dchen Amelie spielen, mit dem es sich nach und nach befreundet. Amelie lebt allein mit ihrer Gro\u00dfmutter in einem Haus, dessen Keller in ein unterirdisches Tunnelsystem f\u00fchrt. Diesen erkunden die beiden M\u00e4dchen im Laufe der Zeit. Man munkelt, dieser Tunnel f\u00fchre \u00fcber die Grenze in ein Land ohne Soldaten, wo alle reich und gl\u00fccklich seien. Mit den \u201erichtigen\u201c Papieren erhalten Mutter und Tochter auch eine neue Identit\u00e4t; das M\u00e4dchen hei\u00dft jetzt \u201eAna\u201c.<br \/>\nDie Schule liegt neben der Kaserne. Darauf weist Pet\u0151cz immer wieder hin. Die Kinder begegnen der allt\u00e4glichen Gegenwart der Soldaten schon auf ihrem Schulweg. Amelies Gro\u00dfmutter hat immer mehr Angst vor \u201eBarbaren\u201c, die angeblich das Land \u00fcberschwemmen und ihnen alles wegnehmen w\u00fcrden.<br \/>\nTrotz ihrer eigenen Armut beh\u00e4lt sich Ana einen aufmerksamen Blick f\u00fcr andere. Sie entdeckt im Haus gegen\u00fcber ein sehr mageres M\u00e4dchen, das hungrig ist und sich wohl versteckt halten muss. Niemand will ihr glauben bis drei Leichen hinausgetragen werden.<br \/>\nAna wird vom Liebhaber der Mutter vergewaltigt. Zur Entschuldigung schenkt er ihr eine Kette, die Mutter in ein Versteck zu ihren Sch\u00e4tzen legt. Eines Tages wollen sie damit in der freien Welt, jenseits der nahen Grenze ein neues Leben anfangen.<br \/>\nAna und Amelie erkunden immer wieder den Keller, wagen sich, trotz der Ratten, mit Petroleumlampe und Schaufel immer weiter vor, machen die Entdeckung, dass von Mal zu Mal der Steinhaufen, der anfangs ein Weitergehen verhinderte, kleiner wird, zum Schluss ganz verschwindet. Die Stadt f\u00fcllt sich mit immer mehr Fremden: Zuerst kommen fahrende Leute, Zigeuner, die auf dem Hauptplatz Musik machen und tanzen. Dann kommt ein ganzer Zug Fremdlinge. Es seien Fl\u00fcchtlinge, denen man helfen m\u00fcsse, weil sie in ihrem Land noch \u00e4rmer seien als die Menschen hier. Ana begegnet auf einmal vielen schwarz gekleideten Menschen, die Frauen in langen Gew\u00e4ndern und Gesichtsschleiern. Die Soldaten, die bislang die Stadt besetzt gehalten haben, ziehen pl\u00f6tzlich ab, andere, wieder fremde Soldaten, aus wieder einem anderen Land nehmen ihre Stelle ein. Doch diese sind unsicher und nerv\u00f6s, haben offensichtlich Angst. Neue Kinder kommen in die Klassen, Unsicherheit und Misstrauen breiten sich aus. Junge Immigranten setzen ein Gesch\u00e4ft in Brand, Ana wird von Albtr\u00e4umen und Vorahnungen geplagt. Die Mutter beschlie\u00dft endlich, die Flucht in ein anderes, in ein \u201efreies\u201c Land fortzusetzen. Auf dem Weg zur Botschaft dieses Landes ger\u00e4t der Bus in einen Hinterhalt, der Fahrer wird erschossen, Mutter und Tochter gehen den weiten Weg zur\u00fcck. Bis zum Pfarrhaus, wo sich Ana \u201ezu Hause\u201c f\u00fchlt. Die Situation wird bedrohlicher; immer mehr Fremde kommen, die Bev\u00f6lkerung schwankt zwischen Ablehnung und Hoffnung, dass bald alle wieder weggehen m\u00f6gen. Die Mutter ermahnt ihre Tochter, nett zu den Fremden zu sein. Sie selbst versucht sich mit ihnen anzufreunden. Ana und ihre Mutter gelten schon nicht mehr als \u201eFremde\u201c. Man munkelt, es k\u00f6nnte Krieg geben, immer mehr fremde Soldaten treffen ein, verbarrikadieren sich mit Sands\u00e4cken und Maschinengewehren in der Kaserne, gleich neben der Schule. Selbst die Schultaschen der Kinder kontrollieren sie. Gleichzeitig entdecken die M\u00e4dchen mehr und mehr Holzkisten mit Waffen im Keller, eines Tages sogar eine Leiche. Sie erz\u00e4hlen niemandem davon.<br \/>\nDer Milit\u00e4rbefehlshaber der Stadt erlaubt inzwischen &#8211; die Lage scheint sich etwas entspannt zu haben &#8211; ein Mal pro Woche eine Filmvorf\u00fchrung. Amelie mit ihrer Gro\u00dfmutter und Ana mit ihrer Mutter stehen in einer unendlichen Schlange vor dem Kulturhaus, als eine Explosion hochgeht. Ana findet sich im Krankenhaus wieder, ihre Beine sind gel\u00e4hmt. Die Mutter und viele Menschen, vor allem Kinder sind tot. Eine Operation gl\u00fcckt, und Ana kann nach einiger Zeit wieder gehen. Sie versucht Mutters Stelle einzunehmen und dem Pfarrer den Haushalt zu f\u00fchren. Von der Schule ist sie ein Jahr lang beurlaubt. Das Attentat wird den Barbaren in die Schuhe geschoben, obwohl auch viele von ihnen ums Leben kamen. Die Lage in der Stadt hat sich noch mehr verschlechtert. Die zerst\u00f6rten Geb\u00e4ude sind immer noch nicht in Stand gesetzt, Milit\u00e4rhubschrauber kreisen, Ana sieht Gefangene auf Milit\u00e4rlastwagen. Bei den Kontrollen werden immer mehr \u201eVerd\u00e4chtige\u201c abgef\u00fchrt, die auf Nimmerwiedersehn verschwinden, auch Kinder sind bei den Vermissten. Amelie erz\u00e4hlt ihr, dass Soldaten den Keller ausger\u00e4umt und die Leiche abtransportiert h\u00e4tten, w\u00e4hrend sie im Krankenhaus war. Es geht das Ger\u00fccht um, der Tunnel solle gesprengt werden. Ana und Amelie gehen noch einmal mit ihrer Petroleumlampe in den Keller. Diesmal gehen sie noch weiter voran und entdecken ein Schild, auf dem in zwei Sprachen steht: \u201eBis zur Grenze sind es noch 12 Kilometer. Der Tunnel ist bis zum Ende begehbar.\u201c<br \/>\nAm 1. September geht Ana allein zur feierlichen Schuljahrser\u00f6ffnung. Inzwischen ist sie ungef\u00e4hr 10 Jahre alt. Amelie wird neben vielen fremden Kindern mit ihr in eine Klasse gehen, zu ihrem alten Lehrer, dem mit der Kr\u00fccke. W\u00e4hrend der neue Direktor sich noch um sein Mikrophon bem\u00fcht, betritt eine Frau das Podium. Ana sieht im Schulhof viele bewaffnete Kapuzenm\u00e4nner, die Frau erschie\u00dft den Direktor, M\u00e4nner st\u00fcrmen die Turnhalle. Wenige k\u00f6nnen fliehen, die anderen werden zusammengetrieben. Panik, Sch\u00fcsse, Tote und Verletzte bleiben liegen, die Halle wird vermint. Drei Tage m\u00fcssen alle ohne Essen und Trinken ausharren, bewacht von einem nerv\u00f6sen \u201eChef\u201c und seinen Leuten. Dieser erkl\u00e4rt schlie\u00dflich, dass sie ohne Ergebnis verhandelt h\u00e4tten. Um seine Forderungen durchzusetzen, erschie\u00dft er Amelie und neun weitere Kinder. In diesem Moment wird die Turnhalle von au\u00dfen gest\u00fcrmt. Ana rennt hinaus, Sch\u00fcsse fallen, wieder bleiben Menschen neben ihr liegen. Fremde ziehen sie hoch und rennen weiter mit ihr. Wieder landet sie im Krankenhaus. Wie durch ein Wunder hat sie \u00fcberlebt. Doch sie nennt es Zufall: \u201eJemand muss ja \u00fcberleben\u201c. Sie erf\u00e4hrt, dass alle Kinder aus ihrer Klasse tot sind, au\u00dfer dem einbeinigen Lehrer. (Der Autor verarbeitet hier offensichtlich den Terroranschlag auf eine Schule in Beslan, 2004.) Wieder geht Ana ins Pfarrhaus. Der Pfarrer redet ihr indirekt zu, \u00fcber die Grenze zu gehen. Jenseits g\u00e4be es starke Kriegsvorbereitungen. Die Zeitungen dr\u00fcben schrieben \u00fcber einen Weltkrieg. Ab morgen fr\u00fch w\u00fcrde Kriegszustand herrschen, wenn sich die Terroristen nicht bis 8.00 Uhr ergeben h\u00e4tten. Auch internationale Streitkr\u00e4fte w\u00fcrden zu Hilfe kommen.<br \/>\nMorgens um 5.20 Uhr holt Ana eine Digitaluhr, Mutters \u201eGeschenke\u201c, und den Revolver, den sie aus einer Waffenkiste hat, aus dem Versteck. Aus Amelies Haus nimmt sie eine Petroleumlampe mit und macht sich auf den Weg durch den Keller. Als sie schon weit gegangen ist, sehr m\u00fcde wird und ihr Bein wieder schmerzt, als sie nur noch wenig Petroleum hat, die Luft aber besser und frischer wird, sieht sie eine Ratte in der Ecke eines \u201eSaales\u201c verschwinden. Sie kratzt und bohrt, bis ihre Hand in einen Hohlraum st\u00f6\u00dft; vielleicht schon jenseits der Grenze? Die Uhr zeigt 7.30 Uhr. \u201eDrei\u00dfig Minuten vor dem Krieg\u201c.<br \/>\nOb Krieg ausgebrochen ist, oder ob die Terroristen sich ergeben haben, erfahren wir nicht mehr. Aber: Im Prolog beginnt die Icherz\u00e4hlerin damit, dass sie einem Mann mit Kr\u00fccke hilft, Unkraut auf einem gro\u00dfen Friedhof zu j\u00e4ten. Der Mann spricht mit den Toten, sorgt in seiner Weise f\u00fcr sie, wie damals vor 15 Jahren, als er noch ihr Lehrer war. Ob er sie noch erkennt? Sie l\u00e4uft wortlos davon. \u00dcbrigens, manchmal zieht sie eine Burka \u00fcber, wie die Fremden damals. Hinter dem schwarzen Stoff f\u00fchlt sie sich sicher.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Roman Aus dem Ungarischen von Mikl\u00f3s Pataky Verlag Gabriele Sch\u00e4fer Verlag, 2010 ISBN: 978-3-933337-72-6 Originaltitel: Idegenek, 2007 Bezug: Buchhandel; Preis: Euro 19.80 Es lohnt sich, den Prolog noch einmal zu lesen, wenn man an das Ende des Romans gekommen ist. &hellip; <a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=593\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[136],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/593"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=593"}],"version-history":[{"count":5,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/593\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2441,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/593\/revisions\/2441"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=593"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=593"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=593"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}