{"id":543,"date":"2011-12-01T19:20:31","date_gmt":"2011-12-01T19:20:31","guid":{"rendered":"http:\/\/ungarischeliteratur.wordpress.com\/?p=543"},"modified":"2012-05-18T20:55:12","modified_gmt":"2012-05-18T20:55:12","slug":"rezension-vilmos-kondor-der-leise-tod","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=543","title":{"rendered":"Rezension: Kondor, Vilmos &#8211; &#8222;Der leise Tod&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><em>Kriminalroman<a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/der_leise.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-2378\" title=\"der_leise\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/der_leise.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"237\" \/><\/a><br \/>\nAus dem Ungarischen von Hans Skirecki<br \/>\nVerlag Knaur Taschenbuch, M\u00fcnchen 2010<br \/>\nISBN: 978-3-426-50576-2<br \/>\nOriginaltitel: Budapest Noir<br \/>\nBezug: Buchhandel; Preis: Euro 8,95<\/em><\/p>\n<p>Budapest 1936. Ministerpr\u00e4sident G\u00f6mb\u00f6s ist auf Grund seiner akuten Nierenkrankheit in einem Spital in M\u00fcnchen gestorben. Dieses Thema beherrscht vordergr\u00fcndig Politik und Medien, der Trubel um das Staatsbegr\u00e4bnis, die Ansprachen der Vertreter bedeutender Staaten.<br \/>\nKriminalreporter Zsigmond Gordon, mit Auslandserfahrung in New York, ein ausgemachter Stadtmensch, Liebhaber und Kenner von Boxk\u00e4mpfen, sieht zuf\u00e4llig im B\u00fcro des Kriminalinspektors Vladimir Gell\u00e9rt das Nacktfoto eines sch\u00f6nen M\u00e4dchens.<br \/>\nAls er wenig sp\u00e4ter zur Leiche einer jungen Frau gerufen wird, bei der man nichts als ein \u201eMirjam\u201c, ein j\u00fcdisches, Frauengebetbuch, gefunden hat, erkennt Gordon das M\u00e4dchen vom Foto wieder. Der Reporter hat schon \u00fcber viele Verbrechen geschrieben; seine Neugier ist geweckt. Trotzdem schiebt er sein Interesse an dem Fall zun\u00e4chst beiseite, bis ihn seine Freundin Krisztina, der er die komische Geschichte erz\u00e4hlt, darauf hinweist, dass \u201emanche Details nicht zusammen passen\u201c. Gordon beginnt zu recherchieren und st\u00f6\u00dft auf weitere Ungereimtheiten, auf Spuren, die in die allerh\u00f6chsten Etagen f\u00fchren.<br \/>\nKondor bedient sich in seinem Erstlingsroman einiger der \u00fcblichen Versatzst\u00fccke in der Kriminalliteratur: Sein Chef l\u00e4sst ihn Interviews mit ausl\u00e4ndischen Ministern machen, ein fremdes Ressort f\u00fcr einen Kriminalreporter. Seine zunehmend bohrenden Fragen werden manchen Kreisen so unangenehm, dass er lebensgef\u00e4hrlich zusammengeschlagen wird. Als Ermittler soll er von seinen Recherchen um die tote Prostituierte abgezogen werden, der Kriminalinspektor warnt ihn, sich nicht weiter darum zu k\u00fcmmern, doch die Polizei selbst scheint nicht zu ermitteln. Gordon gibt nat\u00fcrlich nicht auf.<br \/>\nSpannend ist jedoch der historische Hintergrund der Metropole Budapest, im Herbst 1936: Die bereits d\u00fcstere Stimmung in Ungarn, vor allem aber in der Hauptstadt, Verlogenheit und Vergn\u00fcgungssucht in den allerh\u00f6chsten Kreisen, Armut und Elend in der Unterschicht. Vilmos Kondor f\u00fchrt uns in das gesellschaftliche Leben ein, das sich hinter den Kulissen abspielt: Freudenm\u00e4dchen werden hochgestellten Pers\u00f6nlichkeiten f\u00fcr viel Geld aus einem \u201eKatalog\u201c angeboten. Die Unterschicht wettet bei verbotenen und brutalen Boxk\u00e4mpfen, die auch schon mal den Tod des Gegners in Kauf nehmen. Die Kreise von Zuh\u00e4ltern &#8211; M\u00f6rdern \u2013 Schl\u00e4gern \u2013 Erpressern \u2013 Kleinkriminellen \u00fcberschneiden sich mit den Interessen des Oberhauses und reicher Gesch\u00e4ftsleute.<br \/>\nAhnungsvoll werden G\u00f6hring und die ungarischen Bewunderer der Nazis vorgef\u00fchrt \u2013 ebenso die verlogenen Ansprachen am Grab von G\u00f6mb\u00f6s, die aus Amerika und England kommen. Diese M\u00e4chte wollten nicht sehen, was sich vor ihren Augen abspielt. Kondor zeigt, wie eng verkn\u00fcpft bereits die Bindungen zwischen Ungarn und den Nazis auf h\u00f6chster Ebene sind. Auch die Budapester Gesellschaft will noch nichts wissen von der gef\u00e4hrlichen Umarmung mit Hitlerdeutschland, Anzeichen eines drohenden Krieges will sie nicht wahrnehmen. Wir erleben die sich allm\u00e4hlich aufladende antisemitische Stimmung. Noch scheint \u00e4u\u00dferlich alles ruhig, solange mit den Juden lukrative Gesch\u00e4fte zu machen sind. Doch in den Zeitungen werden bereits zahlreiche Namens\u00e4nderungen von Kaufleuten, \u00c4rzten und Rechtsanw\u00e4lten bekannt gegeben, die ihre ausl\u00e4ndischen Namen magyarisieren. Die Angst vor Stalin ist gr\u00f6\u00dfer als vor Hitler, von dem man sich erhofft, dass er die verlorenen Gebiete Oberungarn und Siebenb\u00fcrgen zur\u00fcckbringen wird. Wir erfahren von der kommunistischen W\u00fchlarbeit im Untergrund, der auch Ern\u0151 Ger\u00f6 angeh\u00f6rt, Ungarns Innenminister nach dem Krieg, der seinen Gegnern noch viel Leid bescheren wird. Hier wird nicht ganz schl\u00fcssig, warum Gordon die aufgesp\u00fcrten Kommunisten nicht anzeigt. Sympathisiert er mit ihnen, weil ihm das faschistische System Ungarns, das so eng mit Mussolini und Hitler kooperiert, zuwider ist?<br \/>\nGordon deckt die Familientrag\u00f6die um das tote j\u00fcdische Freudenm\u00e4dchen aus angesehener Familie auf. Der unbedingte Wille eines getauften reichen Juden, der dazu geh\u00f6ren will, opfert seine einzige Tochter, damit die deutschen Partner nichts an ihm auszusetzen haben und weiterhin Gesch\u00e4fte mit ihm t\u00e4tigen.<br \/>\nWenn auch der Deb\u00fctroman des Autors einige Schw\u00e4chen aufzeigt, in der Schilderung der meist ruppigen Geliebten Krisztina, die ihrem Freund nur mit gr\u00f6\u00dftem Widerwillen bereit ist zu helfen, die aber, wenn es darauf ankommt, als gewiefte Fotografin einspringt, oder als harmlose Bekannte ein Dienstm\u00e4dchen befragt. Gro\u00dfvater M\u00f3r, ein pensionierter Arzt, der seine Zeit mit dem Erfinden neuer Marmeladenrezepte ausf\u00fcllt, soll wohl den famili\u00e4ren Hintergrund in die Geschichte bringen. Wirklich vorstellen kann man sich den Taxichauffeur Cs\u00f6vek, sofort zur Stelle, wenn er gebraucht wird, der diskret und dienstbeflissen \u201emit Beeilung\u201c durch Budapest kurvt, oder \u00fcber Land f\u00e4hrt, wenn Gordons Recherchen es verlangen. Hier w\u00e4re f\u00fcr den Leser ein Stadtplan von Budapest hilfreich, mit den vielen Namen von Stra\u00dfen und Pl\u00e4tzen damals und heute; denn nicht nur Cs\u00f6vek f\u00e4hrt mit dem Taxi in Budapest, sondern auch Gordon geht viel in der Stadt mit den unz\u00e4hligen Stra\u00dfen und Pl\u00e4tzen herum, und mit ihm der Leser.<br \/>\nGordon k\u00f6nnte eine Ermittlerfigur im Budapest der 30er Jahre abgeben, die dem Leser in weiteren B\u00e4nden noch viele spannende Stunden bescheren k\u00f6nnte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kriminalroman Aus dem Ungarischen von Hans Skirecki Verlag Knaur Taschenbuch, M\u00fcnchen 2010 ISBN: 978-3-426-50576-2 Originaltitel: Budapest Noir Bezug: Buchhandel; Preis: Euro 8,95 Budapest 1936. Ministerpr\u00e4sident G\u00f6mb\u00f6s ist auf Grund seiner akuten Nierenkrankheit in einem Spital in M\u00fcnchen gestorben. 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