{"id":532,"date":"2012-01-02T20:22:23","date_gmt":"2012-01-02T20:22:23","guid":{"rendered":"http:\/\/ungarischeliteratur.wordpress.com\/?p=532"},"modified":"2012-05-18T20:21:57","modified_gmt":"2012-05-18T20:21:57","slug":"rezension-kriszta-bodis-artista","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=532","title":{"rendered":"Rezension: B\u00f3dis, Kriszta &#8211; &#8222;Artista&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><em>Roman <a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2012\/01\/artista.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-2313\" title=\"artista\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2012\/01\/artista-e1337372509148.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><br \/>\nAus dem Ungarischen von Christina Kunze<br \/>\nVerlag Voland &amp; Quist, 2009; ISBN: 978-3-938424-40-7<br \/>\nOriginaltitel: Artista, 2006<br \/>\nBezug: Buchhandel Preis: Euro 19.80 <\/em><\/p>\n<p>Sehr direkt l\u00e4sst Kriszta B\u00f3dis ihre Figuren zu Wort kommen: Jeder spricht f\u00fcr sich, \u201eentlarvt\u201c sich selbst. Dazwischen teilt eine Erz\u00e4hlstimme mit, was wichtig und den direkt Betroffenen vielleicht entgangen ist. Es geht um den Leidensweg eines Heimkindes, das mit knapp 14 Jahren durch einen Unfall stirbt. Ein Jahr danach spricht die junge Psychologien noch einmal mit allen: Es kommen Freunde, Eltern, Bekannte, die Heimleitung, die Betreuer, die Erzieher zu Wort. Jeder wiegelt ab, die Geschichte ist ja schon ein Jahr lang her. Niemand f\u00fchlt sich schuldig \u2013 und wenn \u00fcberhaupt, war es die wilde Ausrei\u00dferin selbst! Alle geben sich zuerst verst\u00e4ndnisvoll, doch keiner hatte in entscheidenden Momenten Hilfestellung gegeben, versucht, das M\u00e4dchen wirklich zu verstehen. Alle sprechen nur von sich selbst und ihren Problemen. Wie ausgegrenzt das Kind war, zeigt, dass sie von allen nur mit ihrem Nachnamen \u201ePickler\u201c angesprochen wird. Ihren Vornamen erf\u00e4hrt der Leser kein einziges Mal. Mit diesem Roman f\u00fchrt uns B\u00f3dis beklemmend direkt und nah in die Lebenswelt sozial benachteiligter Menschen ein.<br \/>\nDie einzelnen Kapitel sind jeweils mit dem Namen des Sprechenden \u00fcberschrieben. Im Ton passt sie sich genau ihren Erz\u00e4hlfiguren an. In diesem Zusammenhang muss die \u00dcbersetzung von Christina Kunze gew\u00fcrdigt werden: Sie versteht es, die ungarische Umgangssprache kongenial ins Deutsche zu \u00fcbersetzen.<br \/>\nNach und nach erf\u00e4hrt man Artistas Geschichte, ein einziger \u00dcberlebenskampf. Die Mutter, ein vertr\u00e4umtes junges M\u00e4dchen, sensibel und etwas hysterisch, bekommt ein Kind, als sie noch gar nicht reif daf\u00fcr ist. Als sie im Krankenhaus lieblos behandelt wird, verl\u00e4sst sie die Klinik verwirrt und von Schmerzen geplagt, ohne Kind.<br \/>\nSchon vor der Geburt hatte sie sich mit einem anderen Mann, K\u00e1lman, eingelassen, kehrt aber f\u00fcr kurze Zeit zum Vater des Kindes zur\u00fcck, der die Frau, die er als Nutte beschimpft, kurz darauf vor die T\u00fcr setzt.<br \/>\nDas Kleinkind wird schon mit zwei Jahren zum ersten Mal ins Heim abgeschoben \u2013 der sogenannte Stiefvater ist eifers\u00fcchtig, zwingt die Mutter das Kind zu vernachl\u00e4ssigen. Als sie 7 Jahre alt ist, schlie\u00dft er Mutter und Tochter aus, sie \u00fcbernachten f\u00fcr eine Nacht unter der Br\u00fccke. Danach bringt die Mutter sie ins Heim, was sich als wahre Katastrophe und Trag\u00f6die herausstellt. Das Kind ist wild und ungeb\u00e4rdig, nimmt von da an jede Gelegenheit zur Flucht wahr. Der leibliche Vater sinkt allm\u00e4hlich in Alkoholismus und wird obdachlos, holt die Mutter einmal die Tochter, sperrt der Stiefvater sie ein, behauptet, sie sei nicht zu b\u00e4ndigen. Wie sich aus sp\u00e4teren Erz\u00e4hlungen herauslesen l\u00e4sst, missbraucht er das M\u00e4dchen auch. Immer ist das M\u00e4dchen, von allen nur Pickler genannt, auf der Flucht. Eigentlich m\u00f6chte sie von ihrer Mutter Liebe und Geborgenheit bekommen, aber wenn sie bei ihr ist und ihre alkoholabh\u00e4ngige, unselbst\u00e4ndige, hysterische und kindliche Mutter und deren Lebensgef\u00e4hrten erlebt, haut Pickler entweder wieder ab \u2013 oder benimmt sich so ungeb\u00e4rdig, dass Mutter und Stiefvater behaupten, nicht mit ihr fertig zu werden und sie wieder ins Heim zur\u00fcckschicken. Als das M\u00e4dchen \u00e4lter wird, kehrt sich das Ganze sogar um, Artista sieht ihren ganzen Lebenssinn darin, die Mutter zu besch\u00fctzen. Der leibliche Vater hat inzwischen seinen ganzen Besitz in Alkohol umgesetzt; auch er endet auch unter der Br\u00fccke, gibt sich aber immer noch gern als bildungsbeflissener Mann.<br \/>\nBald stellt sich heraus, dass das Kind ungeheuer gelenkig ist, kein Fenster zu hoch, keine Wand zu glatt ist, um hinaus zu kommen. Es liebt die artistische Bewegung und versteht es, sich in seiner Fantasie aus dem K\u00f6rper herauszuschwingen.<br \/>\nIn verschiedenen Heimen lernt Pickler Leidensgenossen kennen, raucht, trinkt, nimmt Drogen, \u201ewohlmeinende\u201c Erzieher, die sich \u201everst\u00e4ndnisvoll\u201c zeigen, missbrauchen sie.<br \/>\nJudith, die junge Psychologin, ist die einzige, die im Buch nicht selbst zu Wort kommt, doch schon recht bald glaubt der Leser sie zu kennen, aus Fragen und Antworten der Befragten. Die Figuren sind alle keine sympathischen \u201eHelden\u201c, nicht einmal Judit, die als Psychologin nicht gelernt hat, sich au\u00dferhalb zu stellen, um wirklich helfen zu k\u00f6nnen.<br \/>\nDer Stiefvater gibt sich als einf\u00fchlsamer Ehemann, doch im weiteren Monolog zeigt sich der Macho, auf dessen Betreiben hin das kleine M\u00e4dchen ins Heim abgeschoben wurde. Sie st\u00f6rte blo\u00df. Die Freunde finden die Kameradin zwar \u201evoll in Ordnung\u201c, aber auch verr\u00fcckt und total daneben. Die Heimleitung tut so, als seien ihr die H\u00e4nde gebunden, sie m\u00fcsse sich schlie\u00dflich an Gesetze halten, der eitle Erzieher nutzt das Verh\u00e4ltnis auch sexuell aus, indem er erst ein Vertrauensverh\u00e4ltnis schafft, indem er den Eindruck vermittelt, dass man sich ernsthaft mit ihm unterhalten kann \u2013 doch dann schwadroniert er nur \u00fcber sich selbst als verkannter K\u00fcnstler, blendet mit seinen materiellen Erfolgen, um dann die Abh\u00e4ngigkeit der M\u00e4dchen auszunutzen. Auch die Polizei zwingt das M\u00e4dchen und ihre \u00e4ltere Freundin, eine angedrohte hohe Geldstrafe abzuverdienen und \u00fcberl\u00e4sst die beiden einem Wachtmeister, wahrscheinlich um als Voyeur dabei zu sein.<br \/>\nWenn das M\u00e4dchen Pickler selbst zu Wort kommt, erf\u00e4hrt der Leser, wie viele Gedanken sie sich um alle, besonders um ihre Freunde macht. Die Erwachsenen kann sie nur zum Teil durchschauen, immer wieder f\u00e4llt sie auf oberfl\u00e4chliche Freundlichkeit und zur Schau getragenes Verst\u00e4ndnis herein. Aber was in ihren Freunden vorgeht, in welchen Abh\u00e4ngigkeiten sie zu anderen Menschen stehen, und vor allem Alkohol und Drogen gegen\u00fcber, das sieht sie sehr klar. Sie wei\u00df auch, dass sie sich selbst immer tiefer in die Ausweglosigkeit man\u00f6vriert, doch ihr Freiheitsdrang ist \u00fcberw\u00e4ltigend. Nirgends h\u00e4lt sie es lange aus, immer wieder muss sie abhauen. Es ist die Zeit einer Heranwachsenden, in der sie den Drang versp\u00fcrt, sich unbedingt selbst zu verwirklichen, sich gegen andere, besonders gegen die Erwachsenen ab- und durchzusetzen, selbst wenn es zum eigenen Nachteil geschieht. Weit und breit gibt es niemanden, der das mit ihr bespricht, der ihr und den anderen Heimkindern ehrliches Verst\u00e4ndnis entgegenbr\u00e4chte.<br \/>\nKeiner der Erwachsenen wei\u00df, was er angerichtet hat und will es auch nicht wissen. Man merkt es schon an ihren Ausreden. In ihren Augen ist eigentlich ganz allein das M\u00e4dchen Pickler schuld \u2013 sie hat sich selbst alles zuzuschreiben; denn w\u00e4re sie nie ausgerissen, h\u00e4tte nie angefangen Drogen zu nehmen, zu rauchen, zu trinken, sich mit Jungen und M\u00e4nnern einzulassen, w\u00e4re auch nichts passiert.<br \/>\nAuch J\u00e1no, 17, ein Freund aus dem Heim glaubt, er k\u00f6nne, wenn er nur wolle, vom Stoff loskommen, er will nicht, dass seine kleine Tochter, die er mit der 5 Jahre \u00e4lteren Kati hat, in dieses Milieu kommt, doch das l\u00e4sst sich fast schon voraussagen; denn auch Kati ist schwer drogenabh\u00e4ngig. Schwer verst\u00e4ndlich ist, dass sich die junge Psychologin zu diesem einerseits \u00fcberheblichen Macho, andererseits den Muttertyp suchenden Jungen, sexuell hingezogen f\u00fchlt.<br \/>\nDie Jugendlichen im Heim sind nicht wirklich solidarisch, das sieht nur so aus. Wenn sie die M\u00f6glichkeit haben, an Geld zu kommen, um Drogen kaufen zu k\u00f6nnen, gilt der Freund nichts mehr. Nicht nur in der Welt der Erwachsenen wird viel geschlagen. Auch die Jungen glauben sich mit Brutalit\u00e4t Recht verschaffen zu k\u00f6nnen, die Oberhand zu gewinnen. Es ist klar, allen diesen Kindern und Heranwachsenden fehlt ein geborgenes Elternhaus. Andererseits sind auch die Eltern allesamt Ungl\u00fcckliche, entweder, weil sie selbst durch Schicksalsschl\u00e4ge oder Veranlagung abgerutscht und, wie die Eltern von Pickler, ganz unten sind, oder weil ihre Kinder in schlechte Gesellschaft kamen, aus der sie nicht mehr herausfinden. Erschwert wird die Situation durch \u00fcberhebliche unsensible Erzieher und ein System, das das Herauskommen aus diesem Milieu fast unm\u00f6glich macht.<br \/>\nAllein bei den Zigeunern, die selbst an den Rand der Gesellschaft geschoben werden, weil niemand ihre Riten und Kultur verstehen will, f\u00fchlt sich das M\u00e4dchen zeitweilig aufgenommen. Hier wird sie bewundernd \u201eArtista\u201c genannt. Dieses kurze Gl\u00fcck endet leider mit dem Tod der Gro\u00dfmutter, die sie gern als Schwiegertochter gesehen h\u00e4tte. Artista zieht sich zur\u00fcck, als sie merkt, dass ein anderes Zigeunerm\u00e4dchen sich in den Sohn Nikolo verliebt hat.<br \/>\nDer absolute Tiefpunkt ist erreicht, als entschieden wird, dass Pickler in ein Erziehungsheim abgeschoben werden soll, wo die Freiheiten noch mehr beschnitten sind. Noch ein Mal will sie sich mit einer Freundin an einem Strommasten treffen. Der schmierige Erzieher, Mister D., f\u00e4ngt sie jedoch vorher ab, gibt zu, mit einem Zuh\u00e4lter gemeinsame Sache zu machen und m\u00f6chte sie an sich ziehen. Die Freundin kommt jedoch dazu \u2013 Artista steigt auf den Strommasten und f\u00e4llt vom Schlag getroffen herunter. Es ist nicht klar, ob sie den Tod gesucht hat, nachdem Mister D. hat durchblicken lassen, dass sie abgeschoben wird, ob er letztes Vertrauen verspielt hat, ob das M\u00e4dchen f\u00fcrchtet von Mister D. schwanger zu sein, oder ob es tats\u00e4chlich ein Unfall war, weil Artista sich immer wieder vorstellen konnte, aus ihrem K\u00f6rper heraus zu fliegen. .Das Buch beginnt n\u00e4mlich mit dem Zitat: \u201eWas tust du?\u201c \u2013 \u201eIch versuche zu fliegen.\u201c \u2013 \u201eGlaubst du, Menschen k\u00f6nnen fliegen?\u201c \u2013 \u201eMenschen nicht. Aber ich.\u201c Das wirklich Beklemmende ist, dass sich solch eine Trag\u00f6die nicht nur im fernen Ungarn oder sonst wo abspielen k\u00f6nnte, sondern auch bei uns, wo alles so \u201eaufger\u00e4umt\u201c erscheint.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Roman Aus dem Ungarischen von Christina Kunze Verlag Voland &amp; Quist, 2009; ISBN: 978-3-938424-40-7 Originaltitel: Artista, 2006 Bezug: Buchhandel Preis: Euro 19.80 Sehr direkt l\u00e4sst Kriszta B\u00f3dis ihre Figuren zu Wort kommen: Jeder spricht f\u00fcr sich, \u201eentlarvt\u201c sich selbst. 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