{"id":526,"date":"2012-01-06T20:04:52","date_gmt":"2012-01-06T20:04:52","guid":{"rendered":"http:\/\/ungarischeliteratur.wordpress.com\/?p=526"},"modified":"2012-05-19T20:28:24","modified_gmt":"2012-05-19T20:28:24","slug":"rezension-evelyn-schlag-die-grose-freiheit-des-ferenc-puskas","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=526","title":{"rendered":"Rezension: Schlag, Evelyn &#8211; &#8222;Die gro\u00dfe Freiheit des Ferenc Pusk\u00e1s&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><em>Roman<a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2012\/01\/die_gro\u00dfe.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-2470\" title=\"Schlag_Grosse_FReiheitP02DEF.indd\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2012\/01\/die_gro\u00dfe-e1337459299442.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"246\" \/><\/a><br \/>\nVerlag Zsolnay, 2011<br \/>\nISBN: 978-3-552-05516-2<br \/>\nBezug: Buchhandel; Preis: 19,40 Euro<\/em><\/p>\n<p>Evelyn Schlags Roman verbindet das Leben zweier M\u00e4nner zwischen dem Ungarischen Volksaufstand 1956 und 2008. Zur Erleichterung f\u00fcr den Leser haben die Kapitel\u00fcberschriften Monatsnamen und Jahreszahlen; denn Geschichte und Personen wechseln manchmal abrupt.<\/p>\n<p>Ein Prolog f\u00fchrt in die Problematik ein: Eine Familie auf der Flucht. Der Vater Istv\u00e1n, Pischti, voraus, dann der elfj\u00e4hrige L\u00e1szl\u00f3, Laci, der sich vor russischen M\u00f6rdersoldaten \u00e4ngstigt und dahinter die Mutter Etelka, Etti. Sie gelangen \u00fcber die gr\u00fcne Grenze nach \u00d6sterreich; ihr Leben im Exil beginnt. &#8211;<\/p>\n<p>Im Mai 2008 lernen sich zwei M\u00e4nner an einer stillgelegten Tankstelle nahe Wien kennen. Rechtsanwalt Dr. Valentin G\u00f6rtz hat gerade seine Geliebte, Katharina, zum Flughafen gebracht. L\u00e1szl\u00f3 F\u00f6ldes, Ungar, geboren 1946, ist 1956 mit seinen Eltern \u00fcber die gr\u00fcne Grenze geflohen. Seine Fragen und Antworten wirken seltsam verwirrt, doch im Laufe der Geschichte wird dem Leser klar, dass er Deutsch nur zu gut kann. Er legt den tieferen Sinn der W\u00f6rter, der Sprache blo\u00df.<br \/>\nSchon gleich bei der ersten Begegnung blitzt eine zweite Ebene hinter der vordergr\u00fcndigen Geschichte auf: Als G\u00f6rtz sich vorstellt, reagiert F\u00f6ldes sofort. Er scheint die Familie zu kennen, den Geburtstag der geschiedenen Frau, den Beruf des Vaters, Rechtsanwalt i. R.. Er deutet den Selbstmord seiner Mutter an &#8211; das Treffen scheint kein Zufall zu sein. Wider Willen ist Valentin G\u00f6rtz wie elektrisiert und m\u00f6chte herausbekommen, was sein Vater mit der Familie F\u00f6ldes, F\u00f6ldesch, mit dem Selbstmord \u201eder kleinen Ungarin\u201c zu tun hat.<br \/>\nDie Kapitel von 1956 \u2013 1975 stellen uns mitten ins Leben der Exilantenfamilie F\u00f6ldes. Dazwischen verkn\u00fcpft die Autorin verschiedene F\u00e4den mit Mai 2008, der Begegnung und den weiteren Treffen der beiden M\u00e4nner, der Lebenssituation von G\u00f6rtz, seinem Verh\u00e4ltnis zur viel j\u00fcngeren Katharina, Regisseurin am Schauspielhaus Z\u00fcrich. Auch sie kommt in F\u00f6ldesch\u2019s Vergangenheit vor.<br \/>\nZusammengefasst sch\u00e4lt sich ein Emigrantenschicksal von Flucht und nur teilweise gegl\u00fcckter Integration heraus:<\/p>\n<p>Istv\u00e1n F\u00f6ldes ger\u00e4t durch Zufall in einen Zug von Demonstranten beim 1956er Volksaufstand, der auch in Mosonmagyar\u00f3v\u00e1r, nahe der \u00f6sterreichischen Grenze, ausbricht. Er l\u00e4uft mit, obwohl er Angst hat, wird ohne sein Zutun in der Menge nach vorne gesp\u00fclt, schreit mit, schreit seine Wut heraus, als sie zum Rathaus und zu den Kasernen marschieren. Dort schie\u00dfen ohne Vorwarnung ungarische Soldaten in den Zug. Seine mitmarschierenden Kameraden werden zum Teil t\u00f6dlich getroffen, er selbst wird mit Verwundungen ins Krankenhaus gebracht. Als sich dann zeigt, dass sich der Freiheitstraum in Nichts aufl\u00f6st, dass die Revolution nicht gewonnen werden kann, ist es f\u00fcr die Familie klar, dass sie fliehen muss. Istv\u00e1n w\u00fcrde verurteilt als Konterrevolution\u00e4r und Sohn Laci w\u00fcrde in Ungarn keine Chance mehr haben als Sohn eines Verurteilten. Mit einem Empfehlungsschreiben und der Bitte seines Schwiegervaters in der Tasche, der Familie in der Bundesanstalt f\u00fcr Milchwirtschaft (im fiktiven) Wickendorf, einem Ableger des Betriebs von Mosonmagyar\u00f3v\u00e1r; Arbeit zu geben, k\u00f6nnen sie dort auch bald Fu\u00df fassen. Nun k\u00f6nnte eine gl\u00fcckliche Integration in der Fremde beginnen. Doch eigentlich bringt die Flucht keinem der drei Auswanderer Gl\u00fcck: Istv\u00e1n kann die deutsche Sprache nur sehr schwer und ungen\u00fcgend lernen. Aus dem flei\u00dfigen Handwerker wird hier ein flei\u00dfiger Hilfsarbeiter, st\u00e4ndig abh\u00e4ngig von der Gunst des Institutsdirektors Weitmann. Ohne Ungarisch ist Pischti \u201ekein Mensch\u201c. Etelka hat zwar ihre roten Pumps mitgenommen, die ihr Pflicht zu Hoffnung und Gl\u00fcck sein sollen, doch auch sie findet nicht in ein normales Leben. Dabei h\u00e4tte sie die gr\u00f6\u00dften Chancen gehabt. Ihre Mutter ist Ungarndeutsche, daher spricht und schreibt sie die neue Sprache ohne Schwierigkeiten. Sie gleicht einer Traumt\u00e4nzerin, zwischen den Anforderungen, die das neue Leben an sie stellt und ihren W\u00fcnschen. Sie gibt sich als die Starke, steuert die Familie. Sie schaut, dass ihr Pischti sich allm\u00e4hlich in eine dauerhafte Stelle hocharbeitet und Laci richtig Deutsch lernt. Sie allein hat eine feste Stellung in der Kanzlei des Betriebs. Und ausgerechnet sie verguckt sich in den weltm\u00e4nnisch wirkenden Direktor, einen \u201eWeiberer\u201c, einen Frauenhelden. Etelka wagt es sogar, sich ein gemeinsames Leben mit ihm vorzustellen. Fr\u00fcher \u201ehatte Pischti alles richtig gemacht\u201c, doch auf einmal geniert sie sich, wenn er in seiner Arbeitskleidung auftaucht, schlecht Deutsch spricht, abh\u00e4ngig ist von den Anweisungen des Direktors.<br \/>\nVon ihr hat Laci das Traumt\u00e4nzerische geerbt. Mit Karl May und der Sportzeitung lernt er Deutsch, tr\u00e4umt sich in Heldensituationen, in denen er es den Russkis so richtig zeigen kann. Besonders Fu\u00dfball interessiert ihn; sein Held ist Tork\u00f6nig Ferenc Pusk\u00e1s, der die Ehre Ungarns verteidigt hat. Dem Jungen gl\u00fcckt, trotz grammatikalischer Fehler, ein Aufsatz \u00fcber seinen Helden. Dieser Aufsatz wird zum Kernst\u00fcck des Romans. Drollig in der Diktion des ungarischen Emigrantenkindes erz\u00e4hlt er die Geschichte des gro\u00dfen Fu\u00dfballhelden mit seinem goldenen Fu\u00dfballbein, der alle Fu\u00dfballspiele gewonnen hatte, au\u00dfer dem legend\u00e4ren Spiel in Bern gegen Deutschland, 1954. Als zwei Jahre sp\u00e4ter die Revolution in Ungarn blutig niedergeschlagen wird, kehrt Pusk\u00e1s nicht in die Heimat zur\u00fcck. Auf Druck des ungarischen Fu\u00dfballverbands sperrt die FIFA alle geflohenen Nationalspieler. Als Laci seinen Aufsatz 1958 schreibt, war gerade die Sperre gegen Pusk\u00e1s wieder aufgehoben worden. Er hat nun die Freiheit, \u00fcberall in der Welt als gesuchter Fu\u00dfballspieler und Trainer herumzureisen, ganz anders als Familie F\u00f6ldesch, die der \u201eGnade\u201c des Direktors Weitmann ausgeliefert ist. Sie wollen nicht auffallen, sondern ankommen, gute \u00d6sterreicher sein, sprechen nur hinter geschlossenen T\u00fcren und Fenstern Ungarisch, nennen sich F\u00f6ldesch. Auf dem Sohn ruhen Hoffnung und Ehrgeiz der Eltern. Er muss sich auszeichnen, studieren, soll einmal Institutsdirektor werden.<br \/>\nIm weiteren Verlauf des Romans wird Lacis Spiel mit der Sprache immer offenkundiger, er nimmt den Inhalt nur zu w\u00f6rtlich, was bei seinen Gespr\u00e4chspartnern Unsicherheit erzeugt, aber auch die Lust mitzuhalten.<br \/>\nAuch Valentin G\u00f6rtz\u2019 Geliebte, kommt ins Spiel: Das Kind Katharina suchte damals die Aufmerksamkeit des Ungarnbuben zu erringen. Er befl\u00fcgelte ihre Fantasie; sie stellte ihn sich auf einem Pferd reitend vor: Wild und frei! Erst sp\u00e4t erf\u00e4hrt sie von den Ger\u00fcchten um Etelkas Selbstmord.<br \/>\nF\u00f6ldes sucht die junge Frau in Z\u00fcrich auf, ebenso trifft er sich mit einem ehemaligen Praktikanten, einem Freund Valentins, den er von Wickendorf her kennt. Der erinnert sich, wie t\u00fcchtig L\u00e1szl\u00f3 auf dem Gut gearbeitet hatte, wie auf ihm die Hoffnungen seiner Eltern ruhten, einmal Direktor des Instituts zu werden. Doch auch daraus wurde nichts; das Institut fiel dem europ\u00e4ischen Konkurrenzdruck zum Opfer und wurde \u201eeingespart\u201c.<br \/>\n1963 erh\u00e4lt die Familie die \u00f6sterreichische Staatsb\u00fcrgerschaft. Laci ahnt vom Verh\u00e4ltnis seiner Mutter und des Direktors. In Gedanken beschimpft er seinen Vater, der so ahnungslos ist. Und 1964 ist er sich sicher. Zu einem Zeitpunkt, als Weitmann auch die Mutter bereits wieder hintergangen hatte \u2013 und sich mit einem (weiteren) geprellten Ehemann pr\u00fcgelt. Damals konnte Valentins Vater eine Anzeige abwenden. Kurz darauf muss sich Etelka das Leben genommen haben. Dass ihr Mann auch davon wusste, erfahren wir erst ganz zum Schluss, als Pischti am Grab seiner Frau, elf Jahre sp\u00e4ter, wie so h\u00e4ufig, mit ihr spricht, ihr alles erz\u00e4hlt. Er ist \u00fcberzeugt, dass Etti alles sieht und wei\u00df, dass sie sich einmal wiedersehen werden. Zwei Dinge wirft er sich vor, dass er sie nicht gl\u00fccklich \u2013 und nicht eifers\u00fcchtig hatte machen k\u00f6nnen. Doch ein einziges Mal will er von ihr \u201eh\u00f6ren\u201c \u2013 erfahren, dass auch sie Weitmann f\u00fcr einen Dreckskerl h\u00e4lt.<br \/>\nAn diesem Tag erschie\u00dft sich der Direktor, aber nicht wegen Frauengeschichten, sondern weil er Geld veruntreut und Angst um seine Reputation hatte.<\/p>\n<p>Bei einem letzten Treffen fassen Valentin und L\u00e1szl\u00f3 die Geschichte noch einmal zusammen: Valentin: \u201cEr h\u00e4tte Achtung vor Ihrer Mutter haben sollen, bei ihrem Schicksal. Er h\u00e4tte wissen m\u00fcssen, dass er sie nicht aus der Bahn werfen durfte, dass sie R\u00fccksicht auf ihre Familie nehmen musste.\u201c L\u00e1szl\u00f3: \u201eEr hat meine Mutter veruntreut\u201c.<\/p>\n<p>Was den Roman so raffiniert macht: Alle Beteiligten, Leser, Valentin, L\u00e1szl\u00f3, wissen etwas, jeder hat ein paar Puzzlest\u00fccke der Geschichte vor sich: der Leser wei\u00df, dass Familie F\u00f6ldesch hat fliehen m\u00fcssen; Valentin erinnert sich, dass in der Kanzlei seines Vaters einmal von \u201eeiner kleinen Ungarin\u201c gesprochen wurde und vermutet, dass es sich dabei um Lacis Mutter handelte. Laci kennt nat\u00fcrlich seine eigene Geschichte, aber er will genau wissen, wie der Dr. G\u00f6rtz sen. in den Fall mit verwickelt war. Auch Katharina, die den Ungarnbub als Kind, Jugendlichen und jungen Mann kannte und anhimmelte, kann einige Mosaiksteinchen beitragen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Roman Verlag Zsolnay, 2011 ISBN: 978-3-552-05516-2 Bezug: Buchhandel; Preis: 19,40 Euro Evelyn Schlags Roman verbindet das Leben zweier M\u00e4nner zwischen dem Ungarischen Volksaufstand 1956 und 2008. 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