{"id":485,"date":"2012-01-06T20:08:39","date_gmt":"2012-01-06T20:08:39","guid":{"rendered":"http:\/\/ungarischeliteratur.wordpress.com\/?p=485"},"modified":"2012-05-18T20:34:58","modified_gmt":"2012-05-18T20:34:58","slug":"rezension-peter-farkas-acht-minuten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=485","title":{"rendered":"Rezension: Farkas, P\u00e9ter &#8211; &#8222;Acht Minuten&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><em>Aus dem Ungarischen von Gy\u00f6rgy Buda<a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2012\/01\/acht_minuten1.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-2334\" title=\"acht_minuten\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2012\/01\/acht_minuten1.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"239\" \/><\/a><br \/>\nVerlag Luchterhand Literaturverlag, 2011<br \/>\nISBN: 978-3-630-87304-6<br \/>\nOriginaltitel: Nyolc perc, 2007<br \/>\nBezug: Preis: 16,99 Euro <\/em><\/p>\n<p>F\u00fcr seinen Roman erhielt P\u00e9ter Farkas, wie ich meine, zu Recht den S\u00e1ndor M\u00e1rai-Preis.<br \/>\nManchmal drastisch, aber immer liebevoll erz\u00e4hlt er von den Tagen eines alten Paares. Der \u201eAlte Mann\u201c, wird auch schon vergesslich und hat mit beginnender Alzheimer zu k\u00e4mpfen. \u2013 Er kennt seine Umgebung kaum noch, nicht einmal seine eigene Tochter: \u201eAm Morgen war diese Frau wieder erschienen. Ohne jegliche Voranmeldung. Der alte Mann ging in die K\u00fcche, und sie war einfach da.[\u2026]\u201c. Seiner Frau dagegen, der alten Frau \u201ewar die Erinnerung einfach weggeblieben\u201c.<\/p>\n<p>Der alte Mann kennt ihren Zustand, umsorgt sie liebevoll, geht auf ihre Bed\u00fcrfnisse ein. Er sp\u00fcrt wohl, dass auch seine geistigen und k\u00f6rperlichen Kr\u00e4fte nachlassen \u2013 an manchen Tagen rapide, doch es beunruhigt ihn nicht; er nimmt das Altern seines Geistes und seines K\u00f6rpers als etwas Gegebenes hin, kann und will es nicht \u00e4ndern. Halt geben ihm die t\u00e4glichen Riten, das Aufstehen, Anziehen, Essen bereiten. Ja, der Leser hat wirklich den Eindruck, dass sich die beiden Alten in ihren M\u00f6glichkeiten wohl f\u00fchlen und gl\u00fccklich sind. Ihre Liebe zueinander ist stark und verl\u00e4sslich.<br \/>\nDer Autor beschreibt die Beiden, deren Haut immer trockener und grauer wird, wie sie sich in ihrer eigenen W\u00e4rme, im warmen Sonnenlicht, in der frischen Luft, die sie t\u00e4glich auf dem Balkon schnappen, wohl f\u00fchlen. Der alte Mann geht nach wie vor einem \u201egeregelten Tageslauf\u201c nach, \u201eerledigt morgens seinen Papierkram\u201c, sofern ihn die alte Frau nicht dabei st\u00f6rt. Er schiebt seine Schreibwerkzeuge hin und her, kritzelt \u00fcber Papier \u2013 jahrzehntelang einge\u00fcbte T\u00e4tigkeiten als fr\u00fcher geachteter Wissenschaftler. Auch die alte Frau geht mechanisch ihren fr\u00fcheren T\u00e4tigkeiten nach, hantiert in der K\u00fcche mit T\u00f6pfen, sie ist meistens in der Lage sich selbst zu waschen, selbstst\u00e4ndig zu essen.<br \/>\nIn Mu\u00dfestunden und im Schlaf macht sich der alte Mann innerlich ganz frei von allem, was ihn belasten k\u00f6nnte. Er vermisst seine Erinnerung nicht. Die Bed\u00fcrfnisse seiner Frau allerdings vergisst er nicht, hat sich ganz auf sie eingestellt. Die alte Frau dagegen lebt ganz und gar dem Jetzt, sie hat keinerlei Erinnerung an gestern, heute oder morgen: Jetzt hat sie Hunger, jetzt hat sie Durst, muss versorgt, ins Bad oder Bett gebracht werden. Nicht mehr ihr Bewusstsein steuert sie, sondern ganz und gar ihre Empfindungen. Doch da sie das nicht wei\u00df, macht es sie auch nicht ungl\u00fccklich, im Gegenteil.<br \/>\nDer alte Mann nimmt ohne Unwillen zur Kenntnis, dass seine Umgebung, die immer mal wieder ungebeten in die Wohnung kommt, mit Rat und Tat nicht spart. Schweigend-nachsichtig entfernt er alles, was man zu seiner und zur Erleichterung der alten Frau angeschafft hat. Sogar ihre Betten haben \u201esie\u201c auseinander gestellt \u2013 mit dem Erfolg, dass nun Beide in einem Bett schlafen. Sie brauchen immer weniger \u2013 und was sie nicht mehr brauchen, wird einfach zu den M\u00fclltonnen zum Entsorgen gestellt.<br \/>\nR\u00fchrend, wie er seiner Frau, die nach wie vor gern isst \u2013 und dann ganz und gar aus einem Nahrung-aufnehmenden-K\u00f6rper besteht, zu ihrem Geburtstag ihr Lieblingsessen, Pflaumenmus kocht. Sie kann wohl auch st\u00f6rrisch und \u00fcbellaunig sein, ihm auch das Leben schwer machen, doch darauf geht Farkas nur in Nebens\u00e4tzen ein. Wichtig ist, wie der alte Mann sie zu nehmen wei\u00df, wie er, wenn sie mal wieder in einem inneren Wahn lebt, ihr die Angst nehmen kann. Wie er ihre Vorlieben und Neigungen kennt und sie auch liebevoll pflegt, z.B. muss er ihr jeden Abend vor dem Zubettgehen ihre Perlenkette umlegen.<br \/>\nWenn die ihn dankbar anschaut, weil sie sich wohl f\u00fchlt, sp\u00fcrt er, wie eine Welle des Gl\u00fccks und der Liebe ihn \u00fcberflutet \u2013 auch wenn gleich danach ihr Blick wieder ins Leere geht und er wei\u00df, dass er sie nicht mehr erreichen kann. Lieder singen sie noch zu zweit. An die Liedtexte kann sich die alte Frau nach wie vor gut erinnern, er summt dazu.<br \/>\nMan sollte aber nicht meinen, hier w\u00fcrde eine Idylle gezeichnet: Die beiden Alten haben durchaus mit ihren haupts\u00e4chlich k\u00f6rperlichen Gebrechen zu k\u00e4mpfen. Die Funktionen sagen ihren Dienst auf, vieles wird m\u00fchsam. Aber es geht immer noch einmal weiter. Der alte Mann versucht seine k\u00f6rperlichen Gebrechen zu \u00fcberlisten. Dabei merkt er sehr wohl, wie ihn die Umgebung wahrnimmt, \u201eals Idioten\u201c, doch das st\u00f6rt ihn nicht, im Gegenteil. Nun kann er so leben mit der alten Frau, wie er es sich vorstellt. Auch ihm kommt allm\u00e4hlich sein Ich abhanden. Er funktioniert noch, haupts\u00e4chlich um ihrer Beider Bed\u00fcrfnisse zu stillen. Was ihn sehr beeintr\u00e4chtigt, ist, dass er nicht mehr in Lage ist zusammenh\u00e4ngende Texte zu lesen, ja dass er manchmal nur noch durch einen wei\u00dfen Schleier sieht.<br \/>\nDoch im Traum geht er jede Nacht in einen Garten, in dem er sich wohl f\u00fchlt \u2013 und wenn er im Schlaf sp\u00fcrt, dass es der alten Frau nicht gut geht, so greift er nach ihrer Hand, um sie mit in seinen Garten zu nehmen: \u201e[\u2026] und wandten sich noch, [\u2026] im Vorbeigehn, gleichsam beim letzten Schritt einander zu und k\u00fcssten sich wie wahre Liebende.\u201c<br \/>\nJeder, der schon einmal mit alten Menschen zu tun hatte, deren Kr\u00e4fte in der einen oder anderen Richtung nachlie\u00dfen, kann hier viele Parallelen wiedererkennen. Erschreckend einerseits, aber auch tr\u00f6stlich, dass jenseits aller Gebrechen Liebe, Verst\u00e4ndnis und F\u00fcrsorge f\u00fcr einander ein Leben in W\u00fcrde beschlie\u00dfen kann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus dem Ungarischen von Gy\u00f6rgy Buda Verlag Luchterhand Literaturverlag, 2011 ISBN: 978-3-630-87304-6 Originaltitel: Nyolc perc, 2007 Bezug: Preis: 16,99 Euro F\u00fcr seinen Roman erhielt P\u00e9ter Farkas, wie ich meine, zu Recht den S\u00e1ndor M\u00e1rai-Preis. 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