{"id":4747,"date":"2019-05-06T10:59:11","date_gmt":"2019-05-06T10:59:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=4747"},"modified":"2019-05-07T10:57:06","modified_gmt":"2019-05-07T10:57:06","slug":"rezension-gyoergy-dragoman-loewenchor","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=4747","title":{"rendered":"Rezension: Gy\u00f6rgy Dragom\u00e1n: L\u00f6wenchor"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Timea Tank\u00f3 und Ter\u00e9zia Mora (<\/strong><em><strong>Puerta del Sol<\/strong><\/em><strong>)<br> Verlag: Suhrkamp Berlin, 2019, 269 Seiten<br>ISBN: 978-3-518-42851-1<br>Originaltitel: Oroszl\u00e1nk\u00f3rus 2015<br>Bezug: Preis: Euro 24,00<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>von Gudrun Brzoska<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image is-resized\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/cover_L\u00f6wenchor_c.Suhrkamp-Verlag-618x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4753\" width=\"276\" height=\"458\" srcset=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/cover_L\u00f6wenchor_c.Suhrkamp-Verlag-618x1024.jpg 618w, http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/cover_L\u00f6wenchor_c.Suhrkamp-Verlag-181x300.jpg 181w, http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/cover_L\u00f6wenchor_c.Suhrkamp-Verlag-768x1273.jpg 768w, http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/cover_L\u00f6wenchor_c.Suhrkamp-Verlag.jpg 1453w\" sizes=\"(max-width: 276px) 100vw, 276px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Gy\u00f6rgy Dragom\u00e1n, geboren im heutigen Rum\u00e4nien, ist nicht nur in Ungarn ein vielbeachteter junger Autor, dessen Romane in vielen Sprachen \u00fcbersetzt sind. Zum ersten Mal macht er uns mit einer Reihe von Kurzgeschichten bekannt. Zwei seiner drei Romane, \u201e<em>Der wei\u00dfe K\u00f6nig<\/em>\u201c und \u201e<em>Scheiterhaufen<\/em>\u201c sind bisher auf Deutsch erschienen. Das Echo war \u00fcberw\u00e4ltigend. Nun legt er einen Band von Erz\u00e4hlungen vor, die, das habe ich einem Interview entnommen, in dreizehn Jahren entstanden sind. Schade, dass der Verlag die Entstehungsjahre nicht angegeben hat, das w\u00e4re interessant gewesen. Die meisten seiner Geschichten sind sehr gelungen und Dank Timea Tank\u00f3s genialer \u00dcbersetzung sind auch die Besonderheiten, die Musikalit\u00e4t und der Rhythmus der ungarischen Sprache im Deutschen gut nachzuempfinden. Mit diesen Erz\u00e4hlungen kam Dragom\u00e1n mit seiner \u00dcbersetzerin in die diesj\u00e4hrige Shortlist zum Preis der Leipziger Buchmesse. Und beide w\u00e4ren durchaus w\u00fcrdig gewesen, diesen auch zu gewinnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder dreht sich vieles um die\nkindliche bzw. jungendliche Sicht von Ereignissen, h\u00e4ufig in Verbindung mit\nMusik: Musik verbindet und entzweit, sie schl\u00e4gt Br\u00fccken und zeigt Abgr\u00fcnde,\nsie hilft schwierige Situationen zu \u00fcberwinden oder fordert diese geradezu\nheraus. Musik macht gl\u00fccklich, Musik macht Mut. Und wenn die Musik nicht\nexplizit im Text vorkommt, so ist sie doch durch Sprachklang und Rhythmus und\neinen ganzen Chor von Erz\u00e4hlstimmen in diesen eingeschrieben. Der Leser liegt\nsicher nicht falsch mit der Annahme, dass sich eine ganze Reihe der Erz\u00e4hlungen\naus den Kindheitserinnerungen des Autors speisen. Es sind Alltagsgeschichten \u2013 geschrieben\naus der Erfahrung des Erwachsenen, welcher das Mysterium der kindlichen\nWahrnehmung durchschaut. <\/p>\n\n\n\n<p>Die 29 Novellen \u2013 eher Skizzen\noder Filmsequenzen \u2013 beziehen sich h\u00e4ufig aufeinander; in noch k\u00fcrzere\nEinheiten unterteilt, sind sie doch ein Ganzes. Der Leser sieht den Film\nvorbeiziehen, das Dahinter muss er selbst komponieren. Das Auslassen von Text\nmacht das Ganze so spannend, z. B. die Mangelwirtschaft in Ceau\u015fescus Diktatur.\nDer Diktator wird nicht ein einziges Mal mit Namen genannt \u2013 und doch ist klar,\nvon wem oder was die Rede ist. Das Kind empfindet einen Mangel nicht so stark,\nes nimmt ihn hin, solange seine Erwartungen einigerma\u00dfen mit den bisherigen Erfahrungen\n\u00fcbereinstimmen. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Protagonisten werden oft\ndurch Traumata, die nicht immer ausgesprochen, sondern oftmals nur angedeutet\nwerden, in eine Situation gebracht, aus der sie mithilfe von Musik gest\u00e4rkt\nhervorgehen. Die Katharsis ist wichtig f\u00fcr Dragom\u00e1n, wie er in einem anderen\nInterview hervor hob. Der Leser hat l\u00e4ngst verstanden, was das Kind nicht\neinordnen kann. Es hat aber seine Phantasie mit der es auch das Unvorstellbare\nin seine Wirklichkeit umwandeln kann, wozu auch \u00fcbersinnliche Vorstellungen\ngeh\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p>In <em>Der eiserne Bogen<\/em> erz\u00e4hlt ein 13j\u00e4hriger Junge atemlos und in\nst\u00e4ndiger Wiederholung <em>\u201emein Vater sagt\u2026\u201c\n<\/em>von seinen unaufh\u00f6rlichen Violin\u00fcbungen. Schon der Rhythmus des Textes\nl\u00e4sst das st\u00e4ndige \u00dcben des Kindes nachempfinden. Der Vater hatte es selbst nicht\ngeschafft, ein ber\u00fchmter Geiger zu werden, nun soll der Sohn seinen Ehrgeiz\nstillen. Der Vater macht sich uralte Kinder\u00e4ngste, etwas nicht erreichen zu\nk\u00f6nnen, zunutze, droht mit dem Teufel in Gestalt des schwarzen Geigers, der ihm\nmit seinem eisernen Bogen die Finger zerschlagen wird, wenn er ihn nicht\nbesiegt. Eine Figur aus Aberglauben und Albtraum, in dem das Kind selbst zum\nSchwarzen Geiger wird und damit seine Angst besiegt.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Erz\u00e4hlung <em>Cry me a River<\/em> l\u00e4uft fast die ganze\nLebensgeschichte einer Jazz-S\u00e4ngerin ab. Mit 14 Jahren singt sie zum ersten Mal\ndas ber\u00fchmte Liebeslied von Ella Fitzgerald. Das Lied wirkt wie eine\nInitiation: Bevor das M\u00e4dchen zu singen beginnt, ist es noch ein Kind, doch im\nLaufe ihres Gesangs wird es zur Frau, <em>\u201emit\neiner zur\u00fcckgehaltenen, gespannten Leidenschaft\u201c. <\/em>Sie singt das Lied,\nobwohl sie noch nie verliebt war, noch niemanden verlassen hatte, ihr war noch\nnie das Herz gebrochen worden. Sie singt das alles so, als h\u00e4tte sie es selbst\nerlebt, so voll tiefem Schmerz. Dieses Lied wird sie durch ihr ganzes Leben\nbegleiten, alle Situationen ihres Lebens widerspiegeln. Im Laufe ihres Lebens\nwird sie selbst das alles durchmachen: Liebe, Verrat und Trennung, erneute\nLiebe und Entsagung, Mutterliebe, immer wieder ihre Karriere und schlie\u00dflich\nKrankheit und Ende.<\/p>\n\n\n\n<p>Immer wieder zeigt Dragom\u00e1n, wie\nsehr sich der Mensch vom Aberglauben, vom Glauben an \u00dcbersinnliches\nbeeinflussen l\u00e4sst. So ergeht es einem Schlagzeuger in <em>Der Besen: <\/em>Der Mann hatte etwas mit einer kubanischen S\u00e4ngerin\nangefangen und die Aff\u00e4re seiner Frau reuevoll, aber in allen Einzelheiten\ngeschildert. Sie l\u00e4sst sich scheiden und w\u00fctend sein Schlagzeug von einem\nVoodoo-Priester verbrennen, sie nimmt seinen Jazzbesen an sich und verflucht\nihren Ex-Mann, sein Herz w\u00fcrde stehen bleiben, wenn er ihn je wieder in die\nHand n\u00e4hme. Voll Humor erz\u00e4hlt Dragom\u00e1n die tragikomische Geschichte vom\nerneuten Brandopfer, mit dem der Fluch wieder gel\u00f6st wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch nicht nur tats\u00e4chliche\nMusiker oder total durchgeknallte Fans, wie z. B. in <em>Heavy Metal<\/em>, wo ein Fan in einem atemlosen Monolog erz\u00e4hlt, wie er unbedingt\nein Judas-Priest-Konzert in Katowice erleben wollte, koste es, was es wolle, sondern\nMusik und Rhythmus ist auch in den Kindergeschichten allgegenw\u00e4rtig, in den\nbezaubernden und sehr humorvollen Geschichten vom Enkel und seinem Gro\u00dfvater.\nDer Gro\u00dfvater, der seit einem Sturz vom Pferd gel\u00e4hmt in seinem Ohrensessel\nsitzt, unternimmt allerhand abenteuerliche Reisen mit dem Kind, wenn die\nGro\u00dfmutter au\u00dfer Haus ist: Nat\u00fcrlich spielen diese Geschichten noch in der\nrum\u00e4nischen Diktatur, denn Rollst\u00fchle konnte man dort nicht bekommen. Also\nwurde der Ohrensessel auf vier Rollschuhen befestigt und Gro\u00dfvater konnte\nmithilfe seiner Hosentr\u00e4ger und seines Spazierstocks \u00fcberall hin kommen, wo er\nhin wollte: Im gro\u00dfen Ohrensessel sitzend, sein Enkelkind als Jockey vor sich\nauf den Knien, reiten sie in einem wilden Parcours als Erste durchs Ziel (<em>Derby). <\/em>In der Titelgeschichte (<em>L\u00f6wenchor) <\/em>ist der Enkel total geschockt\nund frustriert von der Feststellung seiner Musikerzieherin, er sei total\nunmusikalisch. W\u00fctend schreit er bei Gro\u00dfvater, er hasse Musik, kann gar nicht\nmehr aufh\u00f6ren, rhythmisch zu skandieren: ich hasse Musik. Da beginnt der\nGro\u00dfvater zu lachen, \u201e<em>dass der\nOhrensessel erzittert und durchger\u00fcttelt wird, die vier gro\u00dfen L\u00f6wenf\u00fc\u00dfe <\/em>(vom\nOhrensessel) <em>klopfen gegen den Boden und\ndas Klopfen \u00fcbertr\u00e4gt sich auf die Bodenbretter, \u2026 erreicht die\nMahagonikommode\u2026., auf der Gro\u00dfvaters Pokale stehen und die jetzt aneinander\nsto\u00dfen und klingen, dabei rutschen die Schubladen bis zur H\u00e4lfte heraus und\nwieder zur\u00fcck, \u2026.&nbsp; und alle Schubladen\nklappern, klirren, knistern, knacken anders, es ist wie der knurrende Gesang\nder gro\u00dfen L\u00f6wenk\u00f6pfe, <\/em>\u2026(die jetzt)\u2026<em>\nmit flatternder M\u00e4hne knurrend singen, \u2026 und ich h\u00f6re, dass auch Gro\u00dfvater\nnicht mehr lacht, sondern knurrend und wild singt, denn er ist der Oberl\u00f6we und\nich knurre genauso wie er, denn ich bin der beste Freund des Oberl\u00f6wen, \u2026.wir\nsingen ein altes, uraltes Lied, \u2026wir sind mutig und gro\u00df, und unsere Stimmen\nsind sehr sch\u00f6n und weithin zu h\u00f6ren, und ich wei\u00df, dass jeder sie h\u00f6rt, jeder\nim ganzen Block, im ganzen Viertel, in der ganzen Stadt, jeder, sogar die bl\u00f6de\nMusikerzieherin.\u201c<\/em> \u2013 Wohl dem, der solch einen Gro\u00dfvater hat!<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mangel und die Beschneidung\nder Menschenrechte sind es, die im diktatorisch regierten Rum\u00e4nien immer wieder\naufgegriffen werden. Dragom\u00e1n sagt selbst, dass ihm 15 Jahre seiner Kindheit,\nd. h. seines Lebens gestohlen worden seien. Sei es, dass der Patenonkel zu\neinem Weihnachtsfest nicht einreisen darf und daher die traditionellen Pralinen\nnicht an den Baum geh\u00e4ngt werden k\u00f6nnen (<em>Weihnachtspralinen).<\/em>\nGro\u00dfeltern und Enkel raffinieren stundenlang w\u00e4hrend einer ganzen Nacht Zucker\naus Zuckerr\u00fcben, bis die Gro\u00dfeltern ersch\u00f6pft einschlafen. Als der Enkel am\nMorgen erwacht, sieht er eine graue Masse auf dem Topfboden, probiert \u2013 es\nschmeckt s\u00fc\u00df \u2013 und er wei\u00df, sie sind gerettet. <\/p>\n\n\n\n<p>Mangel macht erfinderisch, das\nhaben wir selbst noch feststellen k\u00f6nnen, was wir in Rum\u00e4nien \u2013 auch noch 10\nJahre nach der Wende \u2013 immer wieder staunend feststellen konnten.<\/p>\n\n\n\n<p>In der viel tiefer greifenden\nErz\u00e4hlung <em>Puerta del sol<\/em> unternimmt\nFerenczi nach dem Tod seiner Mutter stellvertretend deren Hochzeitsreise nach\nMadrid, der unerf\u00fcllte Traum seiner Eltern. Der Vater hatte damals bei einem\nJunggesellenabend den Mund zu voll genommen und Irredenta-Lieder gesungen.\nFolglich wurden ihnen die bereits genehmigten P\u00e4sse nach Spanien nicht\nausgeh\u00e4ndigt. Die Hochzeitsreise machten sie dann ins Gebirge, der Vater st\u00fcrzte\nin eine Schlucht und starb. Damals wusste seine Mutter noch nicht, dass sie mit\nFerenczi schwanger war. Bis an ihr Lebensende hielt sie der Diktatur den Tod\nihres Mannes vor, das Ende ihrer Karriere als S\u00e4ngerin \u2013 statt dessen musste\nsie putzen gehen, um ihr Kind und sich selbst durchzubringen. Auch dem jungen\nMann h\u00e4ngt die Diktatur, das Eingesperrtsein, noch nach: St\u00e4ndig muss er daran\ndenken, dass sie in seiner Kindheit nicht reisen durften, weil sie keinen Pass\nbekommen durften: <em>\u201e\u2026er hatte sich Atlanten\nangesehen wie andere in M\u00e4rchenb\u00fcchern lesen\u201c.<\/em> Aus einem Impuls heraus\nkauft er ein Flugticket und geht in das Hotel, welches seine Eltern damals schon\ngebucht hatten. Vom Zimmer im vierten Stock sieht er auf den weltber\u00fchmten\nPuerta del sol: <em>\u201eMusik und\nGespr\u00e4chsfetzen flossen ineinander, verschmolzen zu einer einzigen brausenden,\nmal leiser, mal lauter werdenden Melodie. \u2026 die Melodie war alles zugleich,\nTanzmusik und Trauermusik und Freudenmusik, pl\u00f6tzlich f\u00fchlte er sich ganz\nleicht, <\/em>\n \n \n  \n  \n  \n  \n  \n  \n  \n  \n  \n  \n  \n  \n \n \n \n\n \n<em>&nbsp;ja, Mutter war hier mit ihm, sah, was er sah, und\nh\u00f6rte, was er h\u00f6rte\u2026\u201c <\/em>&nbsp;Er sieht unten\nauf dem Platz eine alte Frau tanzen, ein alter Mann spielt dazu auf einer\nHarmonika eine wilde, in alle Richtungen strebende Melodie. Sp\u00e4ter h\u00f6rt er\ndumpfes Trommeln. Demonstranten mit Fahnen auf denen Hammer und Sichel zu sehen\nsind, kommen immer dichter auf den Platz. Verkrampft denkt er an die alten\nJubelrufe, die den Diktator, das Vaterland und den Frieden hoch leben lie\u00dfen,\ner denkt daran, wie der Sog des Jubels auch ihn ergriff, obwohl er nicht hatte\nklatschen wollen, so klatschte er damals doch rhythmisch mit. \u2013 Die Menge da\nunten fordert kostenlose Bildung und Gesundheitsversorgung und anderes mehr. Sie\nhaben keine Angst zu fordern und Ferenczi \u00fcberlegt, wie es sein mag, ohne Angst\naufzuwachsen. <\/p>\n\n\n\n<p>Damals, 1987, er\u00f6ffnete er der\nMutter, dass er das Land verlassen, \u00fcber die gr\u00fcne Grenze fliehen w\u00fcrde. Die\nFlucht gelang \u2013 und als sie dr\u00fcben waren und die Sonne glei\u00dfend aufging,\nwussten beide, dass sie f\u00fcr immer etwas verloren und verlassen hatten. <\/p>\n\n\n\n<p>In anderen Erz\u00e4hlungen sp\u00fcrt ein\nSohn seinem verstorbenen Vater nach: In <em>Die\nLautsprecher <\/em>hat der Vater viele Jahre seines Lebens damit verbracht, die\nperfekten Lautsprecherboxen zu bauen. Er wollte eine Schallplatte abspielen,\ndie ihm so kostbar war, dass er sie selbst noch nie geh\u00f6rt hatte: Sie war nie\nver\u00f6ffentlicht worden und der S\u00e4nger auf mysteri\u00f6se Weise verschwunden. Dar\u00fcber\nwar er gestorben und sein unmusikalischer Sohn soll das Erbe antreten. <\/p>\n\n\n\n<p>In einer anderen ber\u00fchrenden Vater-Sohn-Geschichte\nlernt der Sohn seinen Vater erst nach dessen Tod richtig kennen: in gro\u00dfen\nZeitabst\u00e4nden f\u00e4llt ihm ein Gegenstand, der dem Vater geh\u00f6rt hatte, in die\nH\u00e4nde: Eine Lakritzschnecke f\u00fchrt ihn zu seiner verstaubten Mundharmonika, in\neiner Mappe findet er viele Kohlezeichnungen, die er noch nie gesehen hatte \u2013\nZeichnungen aus Vaters Heimat. Er wusste gar nicht, dass sein Vater zeichnen\nkonnte und schlie\u00dflich ein Heft, aus dem hervorgeht, dass sein Vater mit 15\nJahren begonnen hatte Russisch zu lernen. Auch das hatte er nicht gewusst.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist sein subtiler, spezieller\nKlang von Melodie und Rhythmus, durchwebt von Traurigkeit, Mystik und\nhintergr\u00fcndigem Humor, der uns Leser so gefangen nimmt. Dragom\u00e1n schildert ganz\nnormale Menschen in ihrem Alltag. Dabei f\u00fchrt eine Situation, ein Erlebnis,\ndessen Wichtigkeit oder Einzigartigkeit erst viel sp\u00e4ter aufscheint zum\nH\u00f6hepunkt einer Erz\u00e4hlung.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein zehnj\u00e4hriges M\u00e4dchen serviert\nseinem Vater eine Suppe <em>(Fleischsuppe)<\/em>.\nDie Mutter hat vor einem Jahr Selbstmord begangen. Seither w\u00fcrdigt der Vater\ndie Nachbarin keines Wortes mehr. Das Kind nimmt die traurige Tatsache hin, bis\nes w\u00e4hrend der kunstvoll komponierten Erz\u00e4hlung erf\u00e4hrt, dass die Mutter nicht\ngestorben, sondern in einer Klinik war, dass die Nachbarin sie immer ermuntert\nhatte, ihrer Karriere als S\u00e4ngerin nachzugehen und dass der Arzt im Haus ein\nVerh\u00e4ltnis mit ihr hatte. Das M\u00e4dchen erz\u00e4hlt die Geschichte selbst, durchlebt\nsie noch einmal und ahnt auf einmal mehr, als die Erwachsenen wahr haben\nwollen. <\/p>\n\n\n\n<p>Dies sollen nur einige Anregungen\nsein, diese traurig-fr\u00f6hlichen, ernsten und komischen Kurzgeschichten selbst zu\nlesen. Geschichten, die manchmal wie der Beginn eines neuen Romans anmuten, auf\nden wir uns hoffentlich bald freuen d\u00fcrfen.<\/p>\n\n\n\n<p><br><br><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Timea Tank\u00f3 und Ter\u00e9zia Mora (Puerta del Sol) Verlag: Suhrkamp Berlin, 2019, 269 SeitenISBN: 978-3-518-42851-1Originaltitel: Oroszl\u00e1nk\u00f3rus 2015Bezug: Preis: Euro 24,00 von Gudrun Brzoska Gy\u00f6rgy Dragom\u00e1n, geboren im heutigen Rum\u00e4nien, ist nicht nur in Ungarn ein vielbeachteter junger Autor, dessen Romane &hellip; <a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=4747\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4747"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4747"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4747\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4755,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4747\/revisions\/4755"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4747"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4747"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4747"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}