{"id":474,"date":"2011-10-24T20:10:50","date_gmt":"2011-10-24T20:10:50","guid":{"rendered":"http:\/\/ungarischeliteratur.wordpress.com\/?p=474"},"modified":"2012-05-18T20:54:36","modified_gmt":"2012-05-18T20:54:36","slug":"esther-kinsky-sommerfrische","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=474","title":{"rendered":"Rezension: Kinsky, Esther &#8211; &#8222;Sommerfrische&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><em>Roman<\/em><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2011\/10\/sommerfrische.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-2376\" title=\"sommerfrische\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2011\/10\/sommerfrische.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"244\" \/><\/a><br \/>\n<em>Verlag: Matthes &amp; Seitz, 2009; ISBN: 978-3-88221-722-3<\/em><br \/>\n<em>Bezug: Buchhandel, Preis: Euro 16,80<\/em><\/p>\n<p>\u201eSommerfrische\u201c, der erste Roman der 1956 geborenen \u00dcbersetzerin Esther Kinsky, erz\u00e4hlt von einem Somer in einer abgelegenen Ferienkolonie (ungarisch: \u00fcd\u00fcl\u0151) in S\u00fcdostungarn, direkt an der rum\u00e4nischen Grenze. So idyllisch der Titel des Romans auch anmutet, der Schein tr\u00fcgt: Vom stinkenden Flu\u00dfufer ist die Rede, am Wasserrand t\u00fcmmeln sich Ratten und die Bewohner und G\u00e4ste &#8211; in ihrem Lebensalltag auf das Notwendige beschr\u00e4nkt &#8211; sind alles andere als unbeschwert. Dennoch: Der Sommeraufenthalt im \u00fcd\u00fcl\u0151 bringt Licht in ihren eint\u00f6nigen Jahresverlauf und so sehnen sie allj\u00e4hrlich die Sommermonate herbei.<br \/>\nAuch im Jahr der Erz\u00e4hlung fiebern sie schon im Fr\u00fchjahr ihrem Aufenthalt dort entgegen; die M\u00e4nner bereiten die Ferienh\u00e4user vor, es wird &#8218;eingefeiert&#8216; und zu Beginn der Feriensaison schlie\u00dflich folgen die \u201eweichen, breiten, wei\u00dfen Frauen\u201c namens \u201eZsusza oder Marika\u201c in ihren Minir\u00f6cken und &#8218;Glitzerschlappen&#8216;.<\/p>\n<p>Einer der Sommerg\u00e4ste ist Lacib\u00e1csi, der das Jahr \u00fcber einen Schrotthof h\u00e4lt und stolzer Besitzer eines &#8218;Swimmingpulls&#8216; ist, im Sommer jedoch als &#8218;mannamfluss&#8216; und &#8218;Pappelschattenmann&#8216; im \u201elauen \u00fcd\u00fcl\u0151herz des Sommers\u201c eine Kneipe betreibt. Auch seine ganze Verwandtschaft verbringt ihren Sommer im \u00fcd\u00fcl\u0151 &#8211; \u201eschnauzb\u00e4rtige Magerm\u00e4nner und frischfrisierte Sch\u00f6nfl\u00fcsterer, Mundspitzk\u00fcnstler, Taschenspielsch\u00fcler, die gro\u00dfen Zwiebelk\u00f6nige der Ebene, die Melonenschiffer der Entw\u00e4sserungsgr\u00e4ben, hundescheu und katzenlieb, die Unterholzf\u00e4ller im baumlosen Land der klirrenden Winter.\u201d &#8211; Immer wieder faszinieren und bet\u00f6ren in diesem Buch Wortsch\u00f6pfungen, die Figuren, Dingen und Situationen eine poetische Note verleihen.<\/p>\n<p>Ein anderer Gast ist Antal, ein Gelegenheitsarbeiter, der f\u00fcr die in der Erz\u00e4hlung namenlos bleibende &#8217;neue Frau aus der Fremde&#8216; seine Frau Ildi und seinen Sohn Miklos verl\u00e4sst.<br \/>\nAnders als die vielen Nebenfiguren des Buches treten diese Figuren deutlicher als Subjekte aus der Erz\u00e4hlung hervor. So wird in einem Kapitel aus der Sicht des Sohnes Miklos die Mutter Ildi als Trinkerin geschildert und der Moment dargestellt, in dem sie von Antal verlassen wird; in einem anderen Kapitel wiederum wird der gleiche Moment aus der Perspektive Ildis geschildert.<br \/>\nAntals &#8217;neue Frau&#8216; h\u00fcllt sich bis zum Ende der Erz\u00e4hlung in Schweigen und singt dann am Mikrofon den Refrain eines ungarischen Volksliedes, das ihr nicht aus dem Kopf geht: \u201eIdegen f\u00f6ldre ne siess\u201c (deutsch: Eile nicht in die Fremde). Aller in diesem Lied enthaltenen Vorwarnung zum Trotz f\u00e4hrt sie zum Ende des Sommers mit Antal in einem Kahn \u00fcber den von ihr zuvor immer gemiedenen Fluss und kommt in diesem schlie\u00dflich um.<br \/>\nHat der Fluss im Jahr der Erz\u00e4hlung bis dahin nicht wie in vielen Jahren zuvor Leichen angeschwemmt, fordert er zum Ende der Sommersaison eben doch ein Menschenopfer und stellt damit das Gleichma\u00df der Natur wieder her. So l\u00e4utet der Regen das Ende der Sommerzeit ein, die &#8218;Kozakjungs&#8216; r\u00e4umen auf und bereiten alles f\u00fcr den Aufbruch vor.<\/p>\n<p>Im Vordergrund dieses schmalen Romans steht weder die Handlung noch die tiefergehende Schilderung der Beziehungen der Figuren untereinander, sondern die \u00fcberaus sinnliche und lyrische Vermittlung der Atmosph\u00e4re. Die vielen kurzen Kapitel mit ihren wie Schlagw\u00f6rter wirkenden \u00dcberschriften &#8211; &#8218;Zuckerfabrik&#8216;, &#8218;Sch\u00e4ferblock&#8216;, &#8218;Agrocompany&#8216; und immer wieder &#8218;\u00fcd\u00fcl\u0151&#8216; &#8211; wenden sich unterschiedlichen Perspektiven zu und betonen so den flie\u00dfenden Strom kleiner Details und Ereignisse. Die Sprache \u00fcberzeugt dabei durch einfallsreiche Anschaulichkeit: \u201e&#8230; der Mond, so schwer und rot, furchig und uneben wie ein St\u00fcck Wurst, sa\u00df jedermann im Nacken, woher kam so ein Mond, der gestern noch wei\u00df geschienen hatte, wer hatte untertags so an ihm gekratzt, das er blutet und ganz nah an die Stadt ger\u00fcckt ist, als wolle er Obdach, auch er?\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Roman Verlag: Matthes &amp; Seitz, 2009; ISBN: 978-3-88221-722-3 Bezug: Buchhandel, Preis: Euro 16,80 \u201eSommerfrische\u201c, der erste Roman der 1956 geborenen \u00dcbersetzerin Esther Kinsky, erz\u00e4hlt von einem Somer in einer abgelegenen Ferienkolonie (ungarisch: \u00fcd\u00fcl\u0151) in S\u00fcdostungarn, direkt an der rum\u00e4nischen Grenze. &hellip; <a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=474\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[158],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/474"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=474"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/474\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2377,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/474\/revisions\/2377"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=474"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=474"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=474"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}