{"id":4734,"date":"2019-03-22T09:35:17","date_gmt":"2019-03-22T09:35:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=4734"},"modified":"2019-03-22T09:35:17","modified_gmt":"2019-03-22T09:35:17","slug":"rezension-gyoergy-ferdinandy-auf-fortunas-rad","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=4734","title":{"rendered":"Rezension: Gy\u00f6rgy Ferdinandy: Auf Fortunas Rad"},"content":{"rendered":"\n<h5 class=\"wp-block-heading\" id=\"mce_0\">Novellen<br>Aus dem Ungarischen von Gabriel Maria Trischler <br>Verlag: tredition , 2018, 153 Seiten<br>ISBN:  978-3-7469-2557-8 <br>Originaltitel:  Fortuna szeker\u00e9n. V\u00e1logatott elbesz\u00e9l\u00e9sek 1965-2015, 2015 <br>Bezug:  direkt beim Verlag: <a href=\"https:\/\/tredition.de\/buchshop\/\">https:\/\/tredition.de\/buchshop\/<\/a> oder Buchhandel; Preis: 7,99 Euro <\/h5>\n\n\n\n<p><em>von Gudrun Brzoska<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image is-resized\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/cover_Fortunas-Rad.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4735\" width=\"251\" height=\"355\" srcset=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/cover_Fortunas-Rad.jpg 353w, http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/cover_Fortunas-Rad-212x300.jpg 212w\" sizes=\"(max-width: 251px) 100vw, 251px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Der Tenor dieser neun\nErz\u00e4hlungen, die zusammen einen autobiografischen Roman ergeben, ist das\nNicht-Ankommen in der Fremde, ebenso die fast unm\u00f6gliche R\u00fcckkehr eines\nExilanten: Nicht nur seine eigene Geschichte, sondern auch die Geschichte\nseiner Heimat hat sich weiterentwickelt. An seine fr\u00fcheren Erfahrungen kann er\nnicht ankn\u00fcpfen, obgleich er die \u00e4u\u00dferen Umst\u00e4nde wieder erkennt.<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eIn solch einer Situation begreift man, dass es keinen R\u00fcckweg gibt.\nDass alles das Ergebnis pers\u00f6nlicher Entscheidungen ist und kein\nSchicksalsschlag. Und die Tr\u00e4umereien \u00fcberfl\u00fcssig sind.\u201c <\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Es ist die Lebensgeschichte des\nHochschullehrers Gy\u00f6rgy oder Georges (auf Franz\u00f6sisch) Ferdinandy. Der Autor\nentwickelt chronologisch seinen Werdegang, von dem Augenblick an, als er nach\ndreij\u00e4hriger Haft (?- oder Milit\u00e4rdienst?) entlassen wird und in sein altes\nLeben wieder eintauchen m\u00f6chte. Schon in diesen drei Jahren (1953-56) hatte\nsich in Ungarn einiges ver\u00e4ndert, das sagt ihm seine Mutter: Meinungs\u00e4u\u00dferungen\nwerden nicht mehr so scharf sanktioniert \u2013 aber man muss darauf achten, was man\nsagt. Auch \u00e4u\u00dferlich hat sich einiges ver\u00e4ndert. Aus einer sp\u00e4teren Erz\u00e4hlung\nerfahren wir, dass die Familie der oberen B\u00fcrgerschicht angeh\u00f6rend (der\nGro\u00dfvater war Arzt), aufs Land nach G\u00f6d\u00f6ll\u0151 ausgesiedelt worden war. Inzwischen\ndurfte sie wieder zur\u00fcckkehren, und nun leben Mutter und zwei Geschwister in\nihrer ehemaligen Garage, die zu einer Zwei-Raum-Behausung umgebaut wurde, ohne\nWasserleitungen. Der Vater, halb gel\u00e4hmt und schwerkrank, verbringt seine Tage\nin einem Heim. Yuri, der junge Mann, hat aber Gl\u00fcck: Er darf seine fr\u00fchere\nArbeit als Stra\u00dfenbahnschaffner wieder aufnehmen und er wird endlich, wie er es\ndrei Jahre zuvor bereits versucht hatte, in die romanistische Fakult\u00e4t der\nUniversit\u00e4t aufgenommen. Das Gl\u00fcck dauert aber nicht lange: Es ist \u2013 im\nwahrsten Sinne des Wortes \u2013 der Vorabend der Ungarischen Revolution von 1956.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Aufstand wird\nniedergeschlagen, und Yuri muss fliehen, um nicht wieder eingesperrt zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gelingt ihm \u00fcber \u00d6sterreich\nnach Frankreich, ins Elsass zu gelangen, wo die gefl\u00fcchteten Studenten in einem\nalten Schloss einquartiert werden. Der Stress des Exils beginnt nur allzu\nschnell: Einige wollen zur\u00fcck. Er selbst trifft es nicht schlecht, er lernt\neine junge Frau kennen, die er bald heiratet. Die fremde Gesellschaft hatte ihn\nscheinbar aufgenommen. R\u00fcckblickend habe er wie in einem Wachtraum gelebt,\nschreibt er sp\u00e4ter, zwischen Heimweh, dem Festhalten an seinen Erinnerungen und\ndem Leben im Jetzt der Wirklichkeit. <\/p>\n\n\n\n<p>Als nach sechs bis sieben Jahren\neine Amnestie f\u00fcr die Fl\u00fcchtlinge verk\u00fcndet wurde, tangiert ihn das nicht: <em>\u201eEine Amnestie zu verk\u00fcnden ist ein Brauch,\nden man erst dann praktiziert, wenn die Menschen durch das Warten schon\ngebrochen <\/em>(zerm\u00fcrbt) <em>waren. Wenn das\nUrteil an den Verurteilten vollzogen worden war.\u201c <\/em>Nach so vielen Jahren\nkehrt kaum noch einer zur\u00fcck. Man hat sich in der neuen Umgebung eingerichtet.\nEr h\u00e4tte davon gar nicht erfahren, wenn ihm nicht seine Mutter geschrieben und\nihren Besuch angek\u00fcndigt h\u00e4tte. Nicht nur aus seinem Heimatland hatte er sich\nvertrieben gef\u00fchlt, sondern auch von seiner Mutter, die nicht ein einziges Mal\neinen seiner Briefe beantwortet hatte. Nun kommt sie mit gro\u00dfen Erwartungen,\ndie darauf hinauslaufen, er solle zur\u00fcckkommen und ein Haus f\u00fcr die Familie\nbauen. Sarkastisch beschreibt Ferdinandy, wie es ihnen in Paris ergangen war,\nbei einem ehemaligen General, dessen Sohn der Gro\u00dfvater \u00e4rztlich behandelt\nhatte: Zum Abschied dr\u00fcckte man ihnen, den armen Fl\u00fcchtlingen, den\nobligatorischen Sack mit Altkleidern in die Hand.<\/p>\n\n\n\n<p>Yuri bleibt in Frankreich, obwohl\ner zu dieser Zeit bereits getrennt von Frau und Kind lebt. Wie aus einer\nsp\u00e4teren Erz\u00e4hlung hervorgeht, hatte er der betuchten B\u00fcrgerstochter nichts\n\u201eExotisches\u201c zu bieten. Stattdessen muss er Geld verdienen. \u00dcberdies ist er\nwohl oft melancholisch und von Heimweh geplagt. Sein Studium kann er noch lange\nnicht wieder aufnehmen, er muss Geld verdienen als Fliegender H\u00e4ndler, als\nBauarbeiter, in den Pariser Markthallten, bis er weiterstudieren, promovieren\nund schlie\u00dflich als Professor 36 Jahre lang an der Universit\u00e4t von Puerto Rico\nlehren darf. Seine in der Heimat zur\u00fcckgebliebenen Kommilitonen waren mit ihren\nStudien 13 Jahre fr\u00fcher fertig\u2026.<\/p>\n\n\n\n<p>Immer wieder kommt Ferdinandy\ndarauf zur\u00fcck, wie unm\u00f6glich es ist, wirklich Fu\u00df zu fassen in einem fremden\nLand \u2013 und wie schwer die R\u00fcckkehr in die einstige Heimat ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Ferdinandy beschreibt in diesen\nErz\u00e4hlungen nicht nur seine eigene Geschichte, sondern auch ausf\u00fchrlich die\nSchicksale anderer \u201eFremder\u201c, die sie immer geblieben sind, egal wie lange sie\nschon in einem Land lebten. Er l\u00e4sst Begegnungen einflie\u00dfen, die er gemacht\nhat, streift fl\u00fcchtig aber nachdr\u00fccklich die Situationen der Bekannten. <\/p>\n\n\n\n<p>Bilanz zieht er in den letzten\nKapiteln, als er den endg\u00fcltigen Umzug in seine Heimat bereits gewagt hat. <em>\u201eWer h\u00e4tte gedacht, dass dieser lange dunkle\nTunnel auch mal ein Ende haben w\u00fcrde\u201c: <\/em>\u00dcber seinen Erinnerungsst\u00fccken, die\nihn bisher \u00fcberallhin begleitet hatten, l\u00e4sst er sein Leben Revue passieren:\nWas bleibt von ihm, seinen \u201eAbenteuern\u201c und Begegnungen? Sooft hat er Orte und\nBerufe gewechselt, zweimal waren seine Ehen gescheitert.<\/p>\n\n\n\n<p>Trotzdem war es ihm nie in den\nSinn gekommen, sich f\u00fcr immer in den Tropen einzurichten. <em>\u201eSt\u00e4ndig bereitete ich mich auf die Heimkehr vor, in die Alte Welt,\nungarische B\u00fccher schrieb ich w\u00e4hrend meiner sechsunddrei\u00dfig Tropenjahren\u201c.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Eigentlich w\u00e4re es normal gewesen,\nzu bleiben, seine B\u00fccher wurden ins Spanische \u00fcbersetzt, hier starben auch\nSchicksalskameraden, denen es nicht eingefallen war, das freundliche warme Land\nzu verlassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur\u00fcck in der alten Heimat,\nerlebt er seine gr\u00f6\u00dfte \u00dcberraschung: Seine S\u00f6hne kehren auf die Insel zur\u00fcck\nund leben auch heute noch dort. Dort ist ihre Heimat.<\/p>\n\n\n\n<p>Er ist alleine geblieben, mitten\nin der Welt. Die Heimat hatte ihn nicht verlassen, sie hatte ihn fest\numschlungen: <em>\u201eGl\u00fccklich, ungl\u00fccklich, das\nist meine Heimat.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Sarkastisch beschreibt er die\nFarce um die Aufenthaltserlaubnis seiner zweiten Frau in Ungarn, einer\ngeb\u00fcrtigen Kubanerin, die als 10j\u00e4hriges Kind hatte nach Florida fliehen\nm\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Seine eigene Migrantengeschichte\nund die seiner Frau wird er den Daheimgebliebenen nicht erz\u00e4hlen. F\u00fcr diese\nsind sie die \u201ereichen Amerikaner\u201c. Dass sie in str\u00f6mendem Regen und bei K\u00e4lte\nhatten schuften m\u00fcssen, w\u00fcrden sie nicht glauben.<\/p>\n\n\n\n<p>Er aber erinnert sich, schreibt\nseine Erlebnisse und \u00dcberlegungen auf. Mit der aktuellen Politik kennt er sich\nnicht aus, aber er wei\u00df, im Gegensatz zu den sogenannten b\u00fcrgerlichen Kreisen,\n\u201e<em>dass wir auf Heimatlose, die in diesen\nTagen die Grenzen \u00fcbertreten, nie w\u00fcrden schie\u00dfen lassen.\u201c <\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die neun Kapitel scheinen mir\neine Sammlung aus verschiedenen Novellen diverser B\u00fccher zu sein, die auf\nFranz\u00f6sisch und auf Ungarisch erschienen sind. Daher fehlt manchmal eine\n\u00dcberleitung, die dem Leser den \u00dcberblick etwas erleichtern w\u00fcrden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Erz\u00e4hlungen sind spannend \u2013\nund wohl ironisch-pr\u00e4gnant geschrieben, in einer modernen, zupackenden Sprache \u2013\nwenn man ungarischen Kritiken glauben m\u00f6chte. Als deutsche Leserin kann ich\n\u00fcber die literarische Qualit\u00e4t leider nicht viel sagen, denn der Originaltext\naus dem Ungarischen ist denkbar schlecht \u00fcbersetzt. Es wimmelt nicht nur von\nsinnentstellenden \u00dcbersetzungsfehlern. Schade! Das hat ein Mann, der einige\nbedeutende Literaturauszeichnungen in Frankreich und Ungarn erhalten hat, nicht\nverdient. <\/p>\n\n\n\n<p>Trotzdem m\u00f6chte ich das Buch\nempfehlen; denn es ist gerade in unserer Zeit ein wichtiger Beitrag zur\ngegenw\u00e4rtigen Situation von Ankommen und\/oder Gehen. \n\nAu\u00dferdem w\u00fcrde ich es sehr begr\u00fc\u00dfen, wenn Ferdinandy uns mit guten\n\u00dcbersetzungen auch in Deutschland bald vorgestellt werden w\u00fcrde.\n\n\n\n<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>NovellenAus dem Ungarischen von Gabriel Maria Trischler Verlag: tredition , 2018, 153 SeitenISBN: 978-3-7469-2557-8 Originaltitel: Fortuna szeker\u00e9n. 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