{"id":4727,"date":"2019-03-14T11:25:09","date_gmt":"2019-03-14T11:25:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=4727"},"modified":"2019-03-14T11:33:39","modified_gmt":"2019-03-14T11:33:39","slug":"rezension-laszlo-krasznahorkai-baron-wenckheims-rueckkehr","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=4727","title":{"rendered":"Rezension: L\u00e1szl\u00f3 Krasznahorkai: Baron Wenckheims R\u00fcckkehr"},"content":{"rendered":"\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Roman<br>Aus dem Ungarischen von Christina Viragh <br>Verlag: S. Fischer Frankfurt\/Main, 2018, 496 Seiten<br>ISBN:  978-3-10-002237-0 <br>Originaltitel: B\u00e1r\u00f3 Wenckheim hazat\u00e9r, 2016 <br>Bezug:  Buchhandel, Preis: 25,00 Euro <\/h5>\n\n\n\n<p><em>von Gudrun Brzoska<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image is-resized\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/cover_Baron-Wenckheim-669x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4728\" width=\"356\" height=\"545\" srcset=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/cover_Baron-Wenckheim-669x1024.jpg 669w, http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/cover_Baron-Wenckheim-196x300.jpg 196w, http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/cover_Baron-Wenckheim-768x1176.jpg 768w, http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/cover_Baron-Wenckheim.jpg 771w\" sizes=\"(max-width: 356px) 100vw, 356px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Wieder einmal besticht Krasznahorkai\ndurch seine brillante Sprache, die sich in ellenlangen S\u00e4tzen manchmal \u00fcber\nganze Seiten hinzieht. M\u00e4andernd wie ein Fluss, oder wie der Rhythmus eines\nlangen Musikst\u00fccks: einmal atemlos, dann wieder in Kehrtwendungen, alle\nSeitenthemen auskostend, was auch die einzelnen Kapitel\u00fcberschriften TRRR, RAM,\nPAM usf. nahelegen. Christina Viragh hat den Roman meisterhaft \u00fcbersetzt und\nl\u00e4sst uns von Neuem die Sch\u00f6nheit der ungarischen Sprache erleben.<\/p>\n\n\n\n<p>Unz\u00e4hlige Protagonisten, ja eine\nganze Kleinstadt \u2013 unschwer als die Geburtsstadt des Autors zu erkennen \u2013\nbev\u00f6lkern den neuen Roman des preisgekr\u00f6nten Schriftstellers. Nat\u00fcrlich ist \u201eGyula\u201c\nnicht Gyula, das h\u00fcbsche St\u00e4dtchen an der ungarisch-rum\u00e4nischen Grenze mit\nseinem beispielhaft renovierten Alm\u00e1sy-Schloss, vielmehr steht es als Metapher\nf\u00fcr alle Provinzst\u00e4dte der Welt, heruntergekommen, mit unf\u00e4higen, korrupten\nPolitikern, die nur darauf warten, dass das \u201eHeil\u201c von au\u00dfen kommt, dass etwas\ngeschieht, ohne dass sie sich selbst anstrengen m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch vor Beginn der eigentlichen Geschichte\nsteht eine \u201eWarnung\u201c, steht ein Dirigent vor einem eingesch\u00fcchterten Orchester,\nf\u00fchrt sich mit seinem Apfel in der Hand auf, wie ein misslauniger Gott, dem\nnichts entgeht, der keine Freude an seinen Gesch\u00f6pfen hat, der das Ende der\nGeschichte so schnell wie m\u00f6glich hinter sich bringen will. Das Orchester hat\nnur seinen Anordnungen zu folgen, jeder f\u00fcr sich, ohne dass ihn das Ganze zu\ninteressieren hat. Freude werde es keine geben, nur harte Arbeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Was hier so zynisch beginnt, schaukelt sich im Laufe des\nRomans zu einer wahren Apokalypse auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Eigentlich ein l\u00e4cherlicher Plot,\nden Krasznahorkai ironisch, sarkastisch und satirisch auf fast 500 Seiten\nausbreitet: Ein Baron kehrt in seine Heimatstadt zur\u00fcck. Das Boulevardblatt \u201eBlikk\u201c\nstellt \u00dcberlegungen an \u00fcber seinen enormen Reichtum, den er in Argentinien\nerworben haben soll \u2013 obwohl bereits durchgesickert ist &#8211; aber ignoriert wird &#8211;\ndass er, ein Spieler, dem Gef\u00e4ngnis drohte, von seiner Familie nach Wien geholt\nwurde, um den adeligen Namen nicht in Skandale zu verwickeln. In der\nverkl\u00e4renden Erinnerung von Stadtverwaltung und B\u00fcrgerschaft bedeutet dieser\nBesuch aber, die hoffnungslose Wirklichkeit in eine Zeit zur\u00fcckzudrehen, in der\ndie Aristokratie noch f\u00fcr ihre Untertanen gesorgt hat. Die kleine Stadt ist\nv\u00f6llig aus dem H\u00e4uschen, als sich diese Nachricht verbreitet, selbst wenn es das\nEnde der Demokratie bedeutete. Der B\u00fcrgermeister gibt die Parole an die\nReporter aus: <em>\u201ebitte nehmen Sie zur Kenntnis,\ndass ab heute er der Herr im Haus ist, und daneben ist vollkommen egal, was sie\ndenken und zusammenkritzeln, denn f\u00fcr den Fall, dass Sie nicht die Wahrheit\nschreiben, also nicht das, was hier gesagt wurde, k\u00f6nnen Sie und ihre Zeitungen\nsehen, wo Sie bleiben, denn das hier ist, dem Himmel sei Dank, keine\n\u201eDemokratie\u201c mehr, von jetzt an, das hier ist ein Besitztum, dessen Herr nach\nso vielen Jahrzehnten endlich wiedergekommen ist.\u201c <\/em>Doch der Baron, elegant\neingekleidet von seiner Wiener Verwandtschaft (\u201eKleider machen Leute\u201c) m\u00f6chte\nnur noch einmal seine ungarische Heimat wiedersehen, die er vor 46 Jahren\nverlassen musste und vor allem seine Jugendliebe Marika, die in seiner\nErinnerung zu Marietta wurde. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein l\u00e4ppisches, groteskes\nProgramm wird zu seinem Empfang zusammengestellt, eine karnevaleske Szene: ein\nMeer ungarischer Fahnen, ein von Hupl\u00e4rm der \u201eOrtswache\u201c \u00fcbert\u00f6nter Frauenchor,\nder das Wort \u201eArgentinien\u201c kaum aussprechen kann. Reden werden gehalten, die\nun\u00fcberh\u00f6rbar peinlich finanzielle Forderungen an den Baron stellen \u2013 eine\nveritable Kakophonie. Dazu sollen Spiele wie \u201eKinderwagenrennen\u201c, \u201ebr\u00fcllend Niesenwettbewerb\u201c\nusw. zu seinem Erg\u00f6tzen abgehalten werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch der Baron m\u00f6chte gar nicht\naus dem Zug aussteigen \u2013 entsetzt zieht er sich aus diesem Ungarn zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Vergn\u00fcglich, wie Krasznahorkai\nden Grenz\u00fcbergang schildert: Ein Ungar reist nach Ungarn ein, hat aber einen\nPass aus Argentinien. Der Beamte hatte allerdings bereits im \u201eBlikk\u201c \u00fcber ihn gelesen\nund wartet nun mit der sprichw\u00f6rtlichen ungarischen Gastfreundschaft auf: Essen\nmuss man unbedingt \u2013 und f\u00e4hrt allerhand vor ihm auf, was nicht anger\u00fchrt wird.\nDer Baron bezahlt trotzdem gro\u00dfz\u00fcgig mit einem 100 Euro-Schein, den der\nSchaffner einsteckt. Krasznahorkai malt gen\u00fcsslich aus, wie unbeholfen sich der\nBaron hier bewegt \u2013 er kommt ja buchst\u00e4blich aus einer anderen Welt \u2013 und dass\ner gar nicht versteht, wie er in das alles hineingeraten war.<\/p>\n\n\n\n<p>Er ist eher ein unschuldiger Don\nQuichote, der teilnahmslos und staunend das Ganze \u00fcber sich ergehen l\u00e4sst, ist\nnicht der erwartete Heilsbringer, der Wohlt\u00e4ter der Gemeinde. Er ist ein armer\nHabenichts, der nur seine guten Kleider besitzt und sonst nichts. Als das\nendlich allen klar wird \u2013 nach seinem Tod &#8211; l\u00e4sst ihn die Stadt mit Schimpf und\nSchande fallen, alle Reden und Fotos m\u00fcssen im Rei\u00dfwolf verschwinden, niemand\nwill mit ihm in Ber\u00fchrung gekommen sein. Ohne Trauerzug wird er in ein\nArmengrab verfrachtet.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt noch einen zweiten\nErz\u00e4hlstrang, der nur lose verbunden ist mit dem des Barons: Gleich zu Anfang\nkonfrontiert er n\u00e4mlich den Leser mit einem Professor, einem angesehenen\nMoosspezialisten, der sich, den Anforderungen der Gesellschaft m\u00fcde, aus dem\nLeben der Stadt zur\u00fcckgezogen hat in die Wildnis. Er will einfach nur seine\nRuhe haben und denken. Zwei Stunden am Tag verbringt er mit\n\u201eGedankenentleerungs\u00fcbungen\u201c. Die Einwohner verehren zwar den schrulligen Mann,\nals ber\u00fchmten B\u00fcrger des St\u00e4dtchens, aber niemand darf ihm zu nahe kommen,\nau\u00dfer seiner ehemaligen Haush\u00e4lterin, die ihm immer wieder ihre F\u00fcrsorge\naufzwingt. Wir sehen und h\u00f6ren seine bis dato verleugnete 19j\u00e4hrige Tochter vor\nseiner H\u00fctte aufkreuzen mit einem ganzen Schwarm sensationsl\u00fcsterner Medien,\ndie ihn solange provoziert, bis er die Meute mit Gewehrsch\u00fcssen in die Luft\nvertreibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es kommt zur ersten Katastrophe,\nals er in Notwehr einen der Neonazis der \u201eOrtswache\u201c erschie\u00dft. Diese\nMotorrad-Gang geht dem korrupten Polizeihauptmann zur Hand, bildet sich ein,\nmit Terror, Gewalt, Folter und Menschenjagd der \u201ereinen Idee\u201c zu dienen um ein \u201eNeues\nUngarn\u201c zu erschaffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Roman ist so mehrstimmig wie\ndie Wirklichkeit und setzt sich aus vielen Einzelteilen zusammen: in jedem\nAbschnitt sehen wir das Geschehen aus der Sicht eines anderen. Text und Stil\npassen sich dem jeweiligen Redner an, der die Situation aus seiner Sicht schildert.\nH\u00e4ufig h\u00f6rt niemand richtig zu. Die Leute leben nebeneinander her ohne\nEmpathie, nur auf sich selbst konzentriert. Krasznahorkai versteht seine\nProtagonisten ohne zu moralisieren und zeigt sie so, wie sie sind. Er ist ja\neiner von ihnen, wie aus dem sp\u00e4teren anonymen Pamphlet hervorgeht. <\/p>\n\n\n\n<p>Alle Nachrichten unserer Zeit greift\ner auf: die Neonazis, den Nationalismus mit \u00fcbersteigertem Heimatbegriff, die\nFl\u00fcchtlingssituation, die Armut, das Romaproblem, einen sensationsl\u00fcsternen\nJournalismus, Fake-News, Demonstrationen, sogar Papst Franziskus, dem der Baron\nin Buenos Aires begegnete, als dieser dort noch Bischof war.<\/p>\n\n\n\n<p>Alles geschieht gleichzeitig wie\nauf einer riesigen Leinwand, die vor dem Leser aufscheint: <\/p>\n\n\n\n<p>Gleichzeitig erfahren wir,\nerf\u00e4hrt die Stadt, dass Baron Wenckheim, dessen Familie fr\u00fcher im Ort gelebt\nhat, zur\u00fcckkommt. Er m\u00f6chte in seiner Geburtsstadt noch einmal am Ufer des\nK\u00f6r\u00f6s unter den Trauerweiden spazieren gehen, die alten Pl\u00e4tze besuchen. Der\n\u00fcberforderte B\u00fcrgermeister, der Assoziation an den B\u00fcrgermeister in der Oper \u201eZar\nund Zimmermann\u201c weckt, f\u00e4hrt mit ihm in einer eigens f\u00fcr ihn aufgemotzten Kutsche\ndurch die Stadt. Eine illusorische Welt: Der Baron erkennt die Landschaft, die\nSchaupl\u00e4tze seiner Jugend nicht mehr, sie sind ein Abklatsch seiner Erinnerung\nund haben f\u00fcr ihn mit der Realit\u00e4t nichts zu tun. Hoffnung und W\u00fcnsche\nvernebeln den klaren Blick aller Beteiligten f\u00fcr die Realit\u00e4ten:<\/p>\n\n\n\n<p><em>&nbsp;\u201eDie Stadt war so klein und so\ndunkel und die Stra\u00dfen so eng, die H\u00e4user so geduckt und so verlottert und der\nHimmel \u00fcber ihnen so tief, dass er am liebsten gesagt h\u00e4tte, das ist nicht\ndieselbe Stadt, aber er musste doch zugeben, dass es sie war, die Stadt, aber\nauch irgendwie eine Kopie, die nur ans Original erinnerte, wenn auch\nhaargenau\u2026.\u201c <\/em>Auch seine Jugendliebe, deren verblasstes Foto er immer bei\nsich tr\u00e4gt, erkennt er nicht. In seiner Erinnerung ist sie das h\u00fcbsche junge\nM\u00e4dchen geblieben \u2013 und nicht alt geworden, wie er selber. Sie allerdings ist\nam Boden zerst\u00f6rt, weil er in ihr eine fremde Frau sieht. Erst Stunden vor\nseinem eigenen Ende versteht er, womit er sie so beleidigt hatte. Marika \u201eging\u201c\nzwar damals eine Weile mit dem \u00fcberaus sch\u00fcchternen Jungen, doch erst seine beiden\nj\u00fcngsten Briefe und die ganze aufgeheizte Stimmung erinnern sie wieder an ihn, an\nseine damaligen Briefe, seine sch\u00f6ne Schrift. Romantisch steigert sie sich in\ndiese Erinnerung hinein, so dass sie am Ende selbst an eine Liebesgeschichte\nglaubt. Nur wenige, z.B. Marikas Freundin Ir\u00e9n, denken da rationeller. Sie hat erfasst,\ndass Wenckheim nur Marikas wegen kommt, und nicht, um hier irgendetwas zu\nbewirken, schon gar nicht mit Geld.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleichzeitig\nmuss der Professor die Flucht ergreifen \u2013 dass sie ihm gelungen scheint, geht\naus sp\u00e4teren Andeutungen hervor, als sein Mantel in der Hauptstadt gesichtet\nwird, wie der Tr\u00e4ger des bekannten Kleidungsst\u00fccks einer Rednerin bei einer\nDemonstration lauscht, die wohl seine Tochter ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleichzeitig macht die\nMotorradgang gewaltt\u00e4tig, dumpf und dumm Jagd auf den Professor, gleichzeitig\ndemonstriert der Polizeihauptmann seine Macht im St\u00e4dtchen, gleichzeitig\nversucht ein Kleinkrimineller, der sich bereits im Zug an den Baron\nherangemacht und sich als sein Sekret\u00e4r angedient hatte, an den \u201eSchatz\u201c des\nHeimgekehrten zu kommen, gleichzeitig rauscht ein Konvoi aus schwarzen\nLimousinen durch die Stra\u00dfen, von dem niemand wei\u00df woher er kommt und wohin er\nf\u00e4hrt<em>, \u201edie Angst fuhr\ndurch die Stadt\u201c. <\/em>Gleichzeitig bleibt die Zeit stehen, gleichzeitig\nwird der Neonazi, genannt \u201eHerzchen\u201c, von seiner Bruderschaft w\u00fcrdevoll beerdigt\n\u2013 eine Persiflage auf das pomphafte Auftreten der Rocker &#8211; und gleichzeitig\nwird der tote Baron in ein Armengrab verfrachtet. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein Netz scheint sich zusammen zu\nziehen, alles deutet auf Horror und Katastrophe hin, alle wollen nur noch Geld\nverdienen, egal wie, Geld ausgeben f\u00fcr eigene Angelegenheiten, ein Lebenssinn\nist ihnen abhanden gekommen, die Anarchie beginnt.<\/p>\n\n\n\n<p>Und immer wird gewartet: auf den\nBaron, darauf, dass sich etwas tut, darauf, dass alles besser wird, darauf,\ndass bestimmt wird, was getan werden soll. Ein \u201eDeus ex machina\u201c wird verlangt,\nein Erl\u00f6ser, der alles zum Besseren wendet. Doch dieser \u201eDeus ex machina\u201c wird\nganz anders auftreten, als sich das Volk erhofft. <\/p>\n\n\n\n<p>Die inneren Monologe des\nProfessors auf der Flucht, sowie des Barons in seinen letzten Stunden, kreisen\num die Fragen von Leben und Tod und einem Sinn im Leben. Der Professor zitiert\nAttila J\u00f3zsef, \u201e<em>dass die Angst das Wesen\nder Existenz ist\u201c.<\/em> Und sp\u00e4ter: <em>\u201edass\ndie ungeheure Kraft der Angst die Kultur hervorbringt\u2026\u201c. <\/em>Angst ist das\nMotiv, das sich durch das ganze Buch zieht.<\/p>\n\n\n\n<p>Tragisch ist dann der Tod des\nBarons; denn in dem Augenblick, in dem er einen Sinn in seinem Leben entdeckt,\nn\u00e4mlich seine Schuld zu tilgen, seine Jugendliebe Marika um Verzeihung zu bitten,\nda er sie so sehr beleidigt hatte, vergisst er alle Vorsicht und wird von einem\nZug \u00fcberfahren, der um diese Zeit h\u00e4tte gar nicht fahren d\u00fcrfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Danach l\u00e4uft in jedem Abschnitt\nder Film sozusagen r\u00fcckw\u00e4rts: Alle Personen, die sich in den ersten Kapiteln\nnicht genug tun konnten, den Baron zu empfangen und um ihn herumzuscharwenzeln,\nversuchen auf Anfang zur\u00fcckzudrehen, ihr Benehmen als nicht geschehen zu\nbetrachten, die paar Tage einfach auszuradieren. <\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Tod des Barons gibt es\nkein Gl\u00fcck und keine Hoffnung mehr, die Katastrophe k\u00fcndigt sich an durch nicht\nzu deutende Zeichen, wie Vergewaltigungen und Morde, wie K\u00e4lte, Regen, Sturm. Ein\nanonymes Pamphlet \u201eAn die Ungarn\u201c taucht auf. Der Artikel offenbart die\nfinstere Verschlagenheit des Stadtlebens, um \u00dcberheblichkeit, Faulheit,\nKorruption und die F\u00e4den, die zwischen der \u201eMacht\u201c laufen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als es ums Publizieren geht, bricht\neine heftige Diskussion aus zwischen dem B\u00fcrgermeister, der von sich selbst\nbehauptet, die Inkarnation der Pressefreiheit zu sein und dem Chefredakteur der\noppositionellen Presse. Allerdings, w\u00e4hrend der Chefredakteur die\nPressefreiheit in Hinsicht auf das Publizieren des Textes verteidigt und sich\nm\u00e4chtig ins Zeug legt, der B\u00fcrgermeister die Stadt sauber halten will von solch\neiner Schmiererei, ist der Zeitungsmann einige Seiten sp\u00e4ter weit davon\nentfernt, seinen Mitarbeitern Redefreiheit zu gew\u00e4hren und organisiert <em>\u201ewie \u00fcblich ein abschreckendes Treffen\u201c. <\/em>Jeder\nist hinterlistig, abschreckend, aggressiv und dumm in dieser Nach-Wende.<\/p>\n\n\n\n<p>Sogar \u00dcbersinnliches dringt in\ndie Welt der Kleinst\u00e4dter: ein un\u00fcbersehbares Heer von Tanklastern verstopft\nStra\u00dfen und Pl\u00e4tze, der Konvoi rauscht ein zweites Mal durch die Stadt, die\nZeit bleibt stehen, Kr\u00f6ten bedecken die Stra\u00dfen, alle sind gel\u00e4hmt von einer\nunerkl\u00e4rlichen Angst, was Vergleiche mit den \u201e\u00e4gyptischen Plagen\u201c weckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Apokalypse nimmt ihren Lauf,\ndoch niemand r\u00fchrt sich, jeder versucht sich vor dem Unausweichlichen zu\nverstecken. Der Ort scheint abgeschlossen von der Welt, unerreichbar. Tragisch\nist, dass keine Katharsis stattfindet, aus der etwas Neues h\u00e4tte entstehen\nk\u00f6nnen, aus dem verbrannten Land werden keine neuen Bl\u00fcten wachsen. Es gibt nur\nnoch Asche und fertig, wie das Ende des Romans suggeriert, wo anstatt des\nInhaltsverzeichnisses eine \u201eTanzkarte\u201c aufgef\u00fchrt ist: \u201eda capo al fine\u201c. Nur\ndiejenigen, die reinen Herzens sind, kommen davon.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Roman ist nicht einfach zu\nlesen und verlangt dem Leser einige Anstrengung ab. Doch schnell wird er hineingezogen\nin diese ganz eigent\u00fcmliche Stimmung, in diese Literatur m\u00e4andrierender\nMonologe, in diesen Fluss und Rhythmus. Nicht alles muss und kann man verstehen\n\u2013 das Buch ist trotzdem unterhaltsam und erlaubt einen Blick auf unsere ganze\nsinnarme und verr\u00fcckte Welt \u2013 nicht nur in Ungarn. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>RomanAus dem Ungarischen von Christina Viragh Verlag: S. 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