{"id":4706,"date":"2019-01-21T09:45:05","date_gmt":"2019-01-21T09:45:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=4706"},"modified":"2019-01-21T09:45:05","modified_gmt":"2019-01-21T09:45:05","slug":"rezension-noemi-kiss-duerre-engel","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=4706","title":{"rendered":"Rezension: No\u00e9mi Kiss: D\u00fcrre Engel"},"content":{"rendered":"<h5>Roman<br \/>\nAus dem Ungarischen von Eva Zador<br \/>\nVerlag Europa Verlag M\u00fcnchen, 2018, 296 S.<br \/>\nISBN: 978-3-95890-156-8<br \/>\nOriginaltitel: Sov\u00e1ny angyalok, 2015<br \/>\nBezug: Buchhandel, Preis: 22,90 Euro<\/h5>\n<p><em>von Gudrun Brzoska<\/em><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/cover_Kiss_DuerreEngel_300.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-4707\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/cover_Kiss_DuerreEngel_300-189x300.jpg\" alt=\"\" width=\"189\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/cover_Kiss_DuerreEngel_300-189x300.jpg 189w, http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/cover_Kiss_DuerreEngel_300-768x1216.jpg 768w, http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/cover_Kiss_DuerreEngel_300-647x1024.jpg 647w, http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/cover_Kiss_DuerreEngel_300.jpg 1648w\" sizes=\"(max-width: 189px) 100vw, 189px\" \/><\/a><\/p>\n<p>No\u00e9mi Kiss nimmt sich in ihrem ersten Roman vier gro\u00dfe Themen vor, die nicht nur in Ungarn ein Schlaglicht auf die b\u00fcrgerliche Gesellschaft werfen \u2013 aber hier ganz besonders. Es geht um Tabu-Bereiche wie ungewollte Kinderlosigkeit und h\u00e4usliche Gewalt. Es geht auch um die Anforderungen im Leistungssport und um die miserable finanzielle Lage der Lehrer nach der Wende. In den meisten Sujets kennt sich die Autorin bestens aus: Sie selbst war jahrelang ungewollt kinderlos, bis sie ihre Zwillinge bekam; sie war aktive Sportlerin im Wasserball, ihre Gro\u00dfmutter und Mutter waren Lehrerinnen \u2013 und \u00fcber h\u00e4usliche Gewalt hat sie sich, wie sie in einigen Interviews berichtete, eingehend vor Ort informiert.<br \/>\nVon gro\u00dfem Leid ist in diesem Buch die Rede. Umso gr\u00f6\u00dfer und schmerzhafter, als dar\u00fcber nicht gesprochen wird: Die junge Frau L\u00edvia leidet unter ihrer ungewollten Kinderlosigkeit. Ihr ganzes Leben hatte sie darauf aufgebaut \u2013 und so wurde es auch von ihr erwartet: Heiraten, Kinder bekommen, sie erziehen, den Haushalt f\u00fchren \u2013 und schweigen. Dass die Ehe schwierig w\u00fcrde, damit hatte sie gerechnet, denn das hatten ihr schon die Eltern vorgelebt: \u201eDas Beispiel meiner Mutter hatte mich gelehrt, dass die Ehe etwas Niedertr\u00e4chtiges war. Hitziges Fieber, dann kommen der Reihe nach die Fragezeichen. Blutig, verletzend und am n\u00e4chsten Tag gro\u00dfe Umarmungen. Ich war also auf die Dem\u00fctigungen vorbereitet, wartete auf die dumpfe Wortlosigkeit, mich \u00fcberraschte es nicht, als es so weit war. Ich wusste, das g\u00e4be es, und es w\u00fcrde eintreten, auch ich bek\u00e4me meinen Teil ab. Ihr Mann \u00d6csi \u00fcberl\u00e4sst es ihr allein, damit fertig zu werden. Er h\u00e4lt sich nur am Rand des Geschehens auf.<br \/>\nIn einer Kleinstadt im Ungarn der K\u00e1d\u00e1r-Zeit war die Erwartungshaltung, welche an eine Frau gestellt wurde, ganz eindeutig; auch die Erwartung an den ungarischen Mann war klar definiert. Er hatte in seinem Beruf Karriere zu machen, und gen\u00fcgte er den Anforderungen in Ehe und Beruf nicht, wurde es auch f\u00fcr ihn schwer. Scheidung war ein Stigma in einem kleineren Ort. Sport wurde und wird immer noch ganz hoch angesiedelt in Ungarn. Ein erfolgreicher Sportler gilt etwas. Die Messlatte war entsprechend hoch. Man lebte dem Sport \u2013 daneben gab es kaum noch Raum f\u00fcr ein Privatleben.<br \/>\nWir lernen L\u00edvia, die 40j\u00e4hrige Lehrerin kennen, als sie mit einem Herzinfarkt in einer Klinik liegt. Das Krankenhaus ist \u2013 auch nach der Wende \u2013 ein unansehnlicher sechsst\u00f6ckiger Plattenbau, aus der L\u00fcftung dringen Ger\u00fcche von Schwei\u00df und altem, brutzelndem \u00d6l aus der Langosch-Bude. Trotzdem ist es ihr R\u00fcckzugsort, in dem sie sich nicht unwohl f\u00fchlt. Hier ist sie in Sicherheit, egal, was die \u00c4rzte mit ihr anstellen. W\u00e4hrend ihrer Rekonvaleszenz wartet sie n\u00e4mlich auf einen Gerichtstermin: Sie hat ihren Mann im Affekt get\u00f6tet \u2013 und kann sich gar nicht recht daran erinnern. Nur dass sie es getan hat \u2013 und dass es gut war. Der Anlass kommt bis zum Schluss nicht zur Sprache \u2013 es wird eine Nichtigkeit gewesen sein, welche das Fass jahrelanger Dem\u00fctigungen und Bedrohungen zum \u00dcberlaufen gebracht hatte.<br \/>\nIhr Pflichtanwalt beschw\u00f6rt sie immer wieder sich zu erinnern. L\u00edvia hat sich schlie\u00dflich ein Heft gekauft, in welches sie die Puzzles ihres Lebens zusammentr\u00e4gt. Nach jahrelangem Schweigen sprudeln die Worte nach anf\u00e4nglichem Z\u00f6gern unaufhaltsam hervor. Immer wieder kehrt sie zu den Kernfragen, bis in ihre Kindheit zur\u00fcck. Vor allem aber: Wann hatte das Scheitern ihrer Ehe begonnen, wann war ihr Leben endg\u00fcltig zusammengebrochen? In ihren Erinnerungen versucht sie, sich selbst auf die Spur zu kommen, um ihre Pers\u00f6nlichkeit zu retten.<br \/>\nAlles hatte so vielversprechend begonnen: Sie hatte den Mann, den Traum ihres Lebens geheiratet, einen erfolgreichen Leistungssportler. Nun fehlten nur noch die Kinder. Und die kamen nicht. Nicht mal eines, obwohl ihr Embryonen eingesetzt wurden, obwohl sie unz\u00e4hlige Hormonkuren \u00fcber sich ergehen lie\u00df, viele Schmerzen aushalten musste. Einmal hatte sie sogar einen Abgang. Kein Kind wollte bei ihr bleiben. So sehr klammerte sie sich daran, eigene Kinder zu haben, dass sie darauf verga\u00df, ihr eigenes Leben zu leben. Alles sah sie nur im Hinblick auf die Kinder, oder wenigstens das Kind, das sie unbedingt haben wollte. Dass ihr Mann inzwischen l\u00e4ngst des Kinderwunsches \u00fcberdr\u00fcssig geworden war, kam ihr nicht in den Sinn. Er vernachl\u00e4ssigte sie, misshandelte sie, wollte nichts mehr von ihr wissen. Zun\u00e4chst begann er mit herabsetzenden Kommentaren, dann wurde daraus k\u00f6rperliche Gewalt.<br \/>\nAber auch \u00d6csi hatte zu k\u00e4mpfen: Er war Athlet, Sportler, der f\u00fcr Gro\u00dfes ausersehen war. F\u00fcr nichts anderes lebte und tr\u00e4umte er. Der Erfolg im Sport sollte ihm helfen, ins Ausland zu entkommen. Als sich der erhoffte Erfolg nicht einstellte, wurde er depressiv, gegen\u00fcber seiner Frau ruppig, misstrauisch, sp\u00e4ter gleichg\u00fcltig und dann brutal. Sie meint sich zu erinnern, dass, wenn sie ihn nicht get\u00f6tet h\u00e4tte, so h\u00e4tte er es getan: Zwei Menschen, die einmal glaubten sich zu lieben und sich dann bis aufs Messer bek\u00e4mpften.<br \/>\n\u201eIch habe einen Mord und eine Ehe hinter mir\u201c. Die S\u00e4tze der Ich-Erz\u00e4hlerin sind lakonisch knapp und direkt. Sie redet nicht drumherum. Ihre Gedanken sind wie Glassplitter, die sie zerkratzen. Und doch gibt sie sich ihnen gern hin, denn auf diese Weise kann sie Klarheit \u00fcber sich und ihr Tun gewinnen. Sie leidet unter dem Alleinsein, vermisst ihren Mann. Ihre ersten Gedanken gelten ihm, den sie geliebt hat \u2013 auch sp\u00e4ter noch \u2013 trotz allem: \u201eDie W\u00f6rter schleichen sich fast von selbst in mein Heft. Sie springen hinein. Es f\u00e4llt mir im Traum nicht ein, noch einmal zu erz\u00e4hlen, was ich schon gestanden habe. [\u2026] Mich interessiert die Verhandlung nicht und auch nicht, wie das Urteil ausf\u00e4llt. Ich erinnere mich an nichts.\u201c L\u00edvia ist \u00fcberzeugt: Immer, wenn fast etwas gut gegangen w\u00e4re in ihrem Leben, sei etwas dazwischen gekommen \u201eWenn es einmal so bliebe und andauerte und ich mich nicht auf den schlimmsten Fall vorbereiten m\u00fcsste. Damit werde ich mein Heft beginnen, mit dem, was fehlt. Mit deinem Fehlen. Denn du fehlst mir sehr wohl. Komm zur\u00fcck, ich bin verdammt allein. Du hast mich verlassen, \u00d6csi, du Zigeuner!\u201c<br \/>\nL\u00edvia kommt aus einer b\u00fcrgerlichen Familie, sie ist Lehrerin. Gewalt und Hass sind also nicht nur auf Armut beschr\u00e4nkt. Sie hat ein Haus, einen Garten, den sie pflegte. Sie liebt die Natur und wird geradezu lyrisch, wenn sie \u00fcber Blumen spricht.<br \/>\nIn ihrem Spiralheft kann sie endlich das jahrelange Schweigen brechen. Jetzt ist sie an der Reihe, niemand verbietet ihr das Wort. Sie erinnert sich ihrer Verliebtheit \u2013 und wie dann die Liebe nachlie\u00df. Wie ihr Mann nur noch seine Runden lief, nichts anderes mehr im Sinn hatte; der Reihe nach Wettk\u00e4mpfe gewann, w\u00e4hrend sie im Gras hockte oder in der letzten Reihe sa\u00df: \u201eSo erscheinen mir immer die ersten Jahre, wenn ich an dich zur\u00fcckdenke. Zitternd beobachte ich deine Bewegungen, ich war so verr\u00fcckt nach dir, dass ich regelrecht Angst hatte.\u201c [\u2026] \u201eDu lebtest f\u00fcr die Giganten, wolltest so gro\u00df werden wie die Bewohner des Olymps. Du wolltest den Wettkampf gewinnen. Wer sich dir in den Weg stellte, den hast du \u00fcberrollt, niedergetrampelt. [\u2026] Wie gut w\u00e4re es gewesen, w\u00e4rst du f\u00fcr mich gelaufen, h\u00e4ttest du f\u00fcr mich gewonnen, das w\u00fcnschte ich mir.\u201c Einige Jahre schien die Ehe zu tragen, trotz ihres Kummers, kein Kind zu haben. Sie wurde Lehrerin, er Trainer; beide hatten viel mit Kindern zu tun. Doch dann wurde ihr bewusst, in welchem Traum sie gelebt hatte. L\u00edvia erfuhr, dass \u00d6csi eine Geliebte hatte und mit ihr ein Kind. Sie also war der \u201eschuldige\u201c Teil. An ihr lag es, dass sie keine Kinder hatten. \u201e[\u2026] Wir versanken im Schlamm, im eitrigen Schlamm. Die Kleinstadt, unser Haus, die Nachbarn, Kollegen, unsere verschwundenen Freunde, unser finanzieller Missstand, unser totes Kind \u2013 alles schwamm davon.\u201c [\u2524] \u201eIch bin erleichtert, du bist tot. Ich bekomme wieder Luft, innerhalb von ein paar Tagen bin ich ins Leben zur\u00fcckgekrochen, damit hatte ich gar nicht gerechnet. [\u2524] Auf einmal war eine zornige Kraft in ihr gewesen, eine Wut. Die haben ihn umgebracht \u2013 nicht sie.<br \/>\nWas immer L\u00edvia tut, woran sie denkt, auch in selbstvergessenen, fast gl\u00fccklichen Momenten \u2013 auch hier, im Krankenhaus \u2013 immer f\u00e4llt ihr das Kind ein, das sie nicht hat und nicht haben wird. Das macht sie zutiefst ungl\u00fccklich.<br \/>\nIm Fr\u00fchjahr 1989 hatten sie ihr Lehrerdiplom bekommen. Im Herbst erfuhr sie aus dem Radio, dass die Touristen aus der DDR die Grenze Richtung Westen passieren durften. Sie hatte zwar nichts mit dem Kommunismus am Hut gehabt, aber dass sie sich deswegen h\u00e4tte zurechtweisen lassen, das nicht \u2013 wof\u00fcr denn? Politik war ihr egal. Sie war es gewohnt so zu leben, wollte eigentlich nichts Anderes. \u201eDie Menschen holten tief Luft, lie\u00dfen ihren ganzen Hausstand zur\u00fcck und gingen zu Fu\u00df los, Voller Hoffnung, geduckt. \u2026 Ein solcher Augenblick w\u00fcrde nie mehr wiederkommen. In ihren Gesichtern die Angst, sie schlichen sich davon. Wer in einer Diktatur aufw\u00e4chst, ist immer misstrauisch, und dieses Misstrauen steckt auch in ihnen. Dass die Grenze gleich geschlossen w\u00fcrde, dass der Grenzbeamte sie unter Beschuss n\u00e4hme.\u201c In diesem Jahr begann sie zu unterrichten. Was sie gelernt hatte, galt aber nicht mehr \u2013 ihr Wissen war falsch.<br \/>\nL\u00edvia erinnert sich ihrer Zeit als junge naive Lehrerin, die zwar schon als Studentin erkannt hatte, wie hohl und verlogen der Lehrstoff war, den sie sich einverleiben musste, die aber mit den besten Absichten ihren Beruf beginnen wollte. Der Direktor n\u00fctzte ihre Abh\u00e4ngigkeit aus \u2013 ein Jahr machte er ihr den Hof, bedr\u00e4ngte sie bis sie schlie\u00dflich nachgab. Ihre Ehe ging zu diesem Zeitpunkt bereits schlecht. So war es f\u00fcr sie noch besser mit dem Direktor ein Verh\u00e4ltnis zu haben, als vergeblich auf \u00d6csis Liebe zu warten. Doch auch von ihm wurde sie nicht schwanger. Es kamen andere Liebhaber \u2013 \u00d6csi ermunterte sie geradezu, von irgendeinem Mann ein Kind zu bekommen. Schlie\u00dflich nahm eine Studentin, S\u00e1ri, \u00d6csis Platz als Geliebte ein; denn L\u00edvia wollte nicht nur ein Kind \u2013 sie wollte auch lieben und geliebt werden. Aber auch mit S\u00e1ri wollte kein gl\u00fcckliches Leben gelingen: Es durfte nicht offenbar werden \u2013 und S\u00e1ri floh schlie\u00dflich in die USA.<br \/>\nEines Tages, als sie ganz am Ende ihrer Kraft ist, geht L\u00edvia in eine Kirche. Der schwarzen Muttergottes erz\u00e4hlt sie alles, wirft ihr den ganzen \u201ePlunder\u201c vor die F\u00fc\u00dfe. Sie erz\u00e4hlt Jesus, dass einmal ein Embryo aus ihr herausgefallen war, ein blutiger Klumpen, winzig. Sie beschw\u00f6rt ihn, ihr doch ein Kind zuzugestehen. \u201eSo war es also, gestehe ich. Gott widerruft das Leben. Jahrelang habe ich ihn gebeten, und er hat nicht gegeben. Ich gebe auf. Gehe weg, versuch im Ausland ein neues Leben, fl\u00fcstere ich der Bank zu, dem Kissen, der Lehne und der winzigen Lederbibel. Na, deswegen bin ich heute hergekommen, nur auf einen Sprung, habe mich hingekniet, um das zu erz\u00e4hlen. Und ohne Wut zu gehen.\u201c<br \/>\nSie versuchte es in Deutschland. Nach der Wende wurde die Lage der Lehrer in Ungarn so katastrophal, dass viele Frauen versuchten, im Ausland ihr Auskommen zu finden, meistens als Putzfrau oder gar als Prostituierte. L\u00edvia musste in einer Firma als Reinigungskraft hart arbeiten. Als sie schlie\u00dflich wieder zur\u00fcck kam, blieb ihr nichts anderes \u00fcbrig, als \u00d6csis bis dahin aufgelaufene Schulden zu bezahlen. Scheiden lassen wollte er sich nicht; denn er war \u00fcberzeugt, dass L\u00edvia ohne ihn gar nichts w\u00e4re, ein Niemand, der nicht allein zurecht k\u00e4me.<br \/>\nHier muss nun von \u00d6csi die Rede sein. Er bleibt ziemlich blutleer im Roman, doch L\u00edvia versucht, ihm doch Gerechtigkeit zukommen zu lassen: [\u2026] \u201eEr war ein Landesmeister, der es nie zu einer normalen Olympiade geschafft hatte. Warum h\u00e4tte es da ein gr\u00f6\u00dferer Schmerz sein sollen, dass wir kein Kind bekommen konnten? Das andere war die tiefere Wunde. \u2013 Ihm passe das, wenn wir keins bek\u00e4men, dann w\u00e4ren wir eben zu zweit, nur sollte ich ihm nicht auf die Nerven gehen, ihm nicht die Luft zum Atmen nehmen.\u201c Mit der Zeit verfiel \u00d6csi, wurde psychisch krank, lethargisch, sprach nicht mit ihr, wurde grob, schlug sie, trat nach ihr, riss ihr die Haare aus.<br \/>\nL\u00edvia wird vom Gericht frei gesprochen. Irgendwie steht man auf ihrer Seite, obwohl sie die T\u00e4terin ist. Doch ihre Pers\u00f6nlichkeit ist so deformiert, dass es schwer vorstellbar ist, dass sie wirklich frei sein wird: Sie will erst mal Urlaub machen: \u201eIch h\u00e4nge an tausend F\u00e4den, die m\u00fcsste ich zerschneiden, um endlich frei zu sein.\u201c<br \/>\nAlso, es wird sich nichts \u00e4ndern \u2013 nur, dass \u00d6csi nicht mehr da ist.<br \/>\nWir sehen zwei Menschen, die nicht erwachsen geworden sind, sondern an ihren Jugendtr\u00e4umen festhalten: L\u00edvia m\u00f6chte unbedingt ein Kind, das erwartet sie vom Leben, das wird von ihr erwartet. \u00d6csi m\u00f6chte als Leistungssportler in die obere Riege aufsteigen, an einer Olympiade teilnehmen. Beiden erf\u00fcllt sich ihr Traum nicht.<br \/>\nL\u00edvia wird immer panischer und verbohrter, \u00d6csi ist frustriert, nicht nur vom Jammern seiner Frau, sondern auch, dass sein Traum nicht erf\u00fcllt wird. Aus Liebe und Leidenschaft wird Nachl\u00e4ssigkeit, Lieblosigkeit und sogar Brutalit\u00e4t. Beide haben nicht verstanden, ihr Leben anders zu ordnen, es unter den gegebenen Umst\u00e4nden neu zu gestalten, miteinander etwas zu unternehmen. \u00d6csi sagt zwar einmal, er brauche keine Kinder, sie k\u00f6nnten doch etwas anderes machen, reisen z.B., aber L\u00edvia h\u00e4lt eisern an ihrem Wunsch, der zur Besessenheit wird, fest. Wir erleben die ungebremste Abw\u00e4rtsspirale eines unerf\u00fcllten Ehelebens, bis zum unausweichlichen Ende, dem gewaltsamen Tod eines Partners. Es h\u00e4tte auch L\u00edvia sein k\u00f6nnen, denn sie wei\u00df, dass ihr Mann sie abgrundtief hasste.<br \/>\nNo\u00e9mi Kiss l\u00e4sst ihre Protagonistin mit Sprachgewalt erz\u00e4hlen, unterbrochen von lakonischer Selbstreflexion und lyrischen Ausbr\u00fcchen. Ich m\u00f6chte hier ganz besonders die einf\u00fchlsame \u00dcbersetzung \u00c9va Z\u00e1dors herausheben, die den Text auch im Deutschen lebendig und farbig gestaltet hat. Das Lesen ist ein Genuss und tiefes Erlebnis. Der Inhalt verst\u00f6rend und deprimierend, wenn ich bedenke, dass sich auch heute, im Jahre 2018 so viel nicht ge\u00e4ndert hat. Ich kann mir aber denken, dass der Roman vielen Menschen in \u00e4hnlicher Lage sehr wohl helfen kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Roman Aus dem Ungarischen von Eva Zador Verlag Europa Verlag M\u00fcnchen, 2018, 296 S. ISBN: 978-3-95890-156-8 Originaltitel: Sov\u00e1ny angyalok, 2015 Bezug: Buchhandel, Preis: 22,90 Euro von Gudrun Brzoska No\u00e9mi Kiss nimmt sich in ihrem ersten Roman vier gro\u00dfe Themen vor, &hellip; <a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=4706\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":6,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4706"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/6"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4706"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4706\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4708,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4706\/revisions\/4708"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4706"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4706"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4706"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}