{"id":4697,"date":"2019-01-14T09:27:41","date_gmt":"2019-01-14T09:27:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=4697"},"modified":"2019-01-14T09:27:41","modified_gmt":"2019-01-14T09:27:41","slug":"rezension-zsuzsa-selyem-regen-in-moskau-die-geschichte-einer-aussiedlung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=4697","title":{"rendered":"Rezension: Zsuzsa Selyem: Regen in Moskau. Die Geschichte einer Aussiedlung"},"content":{"rendered":"<h5>Aus dem Ungarischen von Eva Zador<br \/>\nVerlag: Nischen, Wien, 2018<br \/>\nISBN: 978-3-9503906-6-7<br \/>\nOriginaltitel: Moszkv\u00e1ban esik, 2016<br \/>\nBezug: Preis: 19 Euro<\/h5>\n<p><em>von Gudrun Brzoska<\/em><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/cover_Regen-in-Moskau_c.-Nischen-Vlg..jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-4698\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/cover_Regen-in-Moskau_c.-Nischen-Vlg.-192x300.jpg\" alt=\"\" width=\"192\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/cover_Regen-in-Moskau_c.-Nischen-Vlg.-192x300.jpg 192w, http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/cover_Regen-in-Moskau_c.-Nischen-Vlg..jpg 260w\" sizes=\"(max-width: 192px) 100vw, 192px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Im Jahr 1947 beginnt das Drama f\u00fcr die Familie Becz\u00e1sy. Zsuzsa Selyem, die Enkelin des \u201eHaupthelden\u201c breitet es in seinen l\u00e4cherlichen, komischen und tragischen Facetten vor uns aus.<br \/>\nBis zu diesem Jahr scheint noch alles gut zu gehen f\u00fcr Istv\u00e1n Becz\u00e1sy. Das Jagdgebiet geh\u00f6rt ihm &#8211; noch! Es haben sich n\u00e4mlich bereits Minister der neuen kommunistischen Regierung selbst zur Jagd eingeladen: L\u00e1szl\u00f3 (Vasile) Luka und Szenkovics. Am Abend findet ein gro\u00dfes Bankett statt, man plaudert, Becz\u00e1sys Frau Zina brilliert mit ihrer Bildung gegen\u00fcber den beiden Empork\u00f6mmlingen, die kleine Tochter T\u00e1nya kommt ganz zutraulich zur Tischrunde. Einzig die neunj\u00e4hrige Liliann bleibt in der T\u00fcr stehen und beobachtet die Szene vision\u00e4r mit Entsetzen: \u201eSie sah die zertr\u00fcmmerten Reste des Abendessens, die Tierknochen \u2026 ihren Vater \u2026.ihre Mutter \u2026ihre arglose kleine Schwester im Scho\u00df des Mannes, sah den anderen fremden Mann, der jeden, aber in erster Linie sich selbst verriet und so durch die Diktatur lavierte, \u2026sah den Diktator bei den Futterkrippen auf B\u00e4ren schie\u00dfen, sah ihre Mutter bis zum Schenkel im Wasser Reis schneiden, sah ihren Vater erschlagen bei der Securitate, sah ihn mit einundachtzig Jahren im Dezember 1989 auf offener Stra\u00dfe ganz aufrecht in die Revolution schreiten, sah mit eigenen Augen, dass der Diktator wie ein gehetztes Tier floh, dann aber wie ein Hund erschossen wurde, und sah, alles war voller Freude, voller Schmerz\u2026.\u201c Dieses erste Kapitel ist so etwas wie der Prolog. Er weist auf das Kommende hin \u2013 es wird sich alles bewahrheiten, was Liliann vorausgesehen hatte. Der Besitz hatte Begehrlichkeiten geweckt\u2026<br \/>\nSelyem hat die neuere rum\u00e4nische Geschichte hinter T\u00fcren und Fenstern versteckt,<br \/>\nl\u00e4sst meist Tiere ironisch, sarkastisch oder empathisch erz\u00e4hlen, von deren Warte aus, mit tierischem Unverst\u00e4ndnis gegen\u00fcber den Handlungen der Menschen. Die Tiere berichten die Wahrheit, sie sind unvoreingenommen und ehrlich. Fiktion ist lediglich, dass sie in fassbarer Sprache denken und sich \u00e4u\u00dfern k\u00f6nnen. Mit diesem literarischen Kunstgriff schafft die Autorin den n\u00f6tigen Abstand zu manchmal schrecklichen Szenen.<br \/>\nZ. B. zwitschert eine Amsel im 2. Kapitel \u00fcber die Vorfahren der Familie: Krieg \u2013 Vertreibung \u2013 Flucht, damit musste diese auch in fr\u00fcheren Jahrhunderten k\u00e4mpfen. Als Armenier flohen sie im 17. Jahrhundert mit vielen anderen vor den Osmanen und lie\u00dfen sich in Beregsz\u00e1sz (damals Ungarn, heute Ukraine) nieder. Em\u00e1nuel Becz\u00e1sy zog im 18. Jahrhundert weiter bis H\u00e1romsz\u00e9k in Siebenb\u00fcrgen und wurde dort mit seiner Pferdezucht so ber\u00fchmt, dass er Land kaufen, ein einmaliges Arboretum und ein musterg\u00fcltiges Gut schaffen konnte. Der sp\u00e4tere Nachfahr Istv\u00e1n Becz\u00e1sy studierte in Hohenheim bei Stuttgart Landwirtschaft. Weitere Beitr\u00e4ge bringen in den n\u00e4chsten Kapiteln ein Schleiereulenpaar und eine Grille. Das sind die heiteren Seiten des Romans, wie Istv\u00e1n als junger Mann vor seinem Studium seinen Onkel in Budapest besucht und dort zum Mann initiiert wird, oder, mit einem Seitenblick auf die (tats\u00e4chliche) Historie, als in Ungarn mit Billigung der Regierung falsche Francs in Umlauf gebracht werden sollten, um Frankreich, als vermeintlich alleinigen Urheber des Trianon-Friedensvertrags (1918) zu sch\u00e4digen, und auch, um selbst an dringend n\u00f6tiges Geld zu kommen. Vor allem in diesen Kapiteln zeigt sich die lebhafte Fabulierkunst der Autorin, die uns mitnimmt auch auf die Seitenwege der Geschichte.<br \/>\nIn diesem Kapitel nimmt sie als Autorin kurz den Faden auf und erz\u00e4hlt, wie sich ab der Wende, ab 1989 die Menschen f\u00fcr das Schicksal der Deportierten aus H\u00e1romsz\u00e9k zu interessieren begannen. Es wurden endlich Fragen gestellt, T\u00e1nya gab ein Interview, Liliann schwieg, und die Mutter wollte vergessen. Der Gro\u00dfvater hatte die Geschichte der Aussiedlung lediglich unter dem Gesichtspunkt der Landwirtschaft als Buch geschrieben mit dem Titel: \u201eEingez\u00e4untes Leben\u201c. Sp\u00e4ter spricht er das, was ihn interessiert, der Enkelin auf ein Diktafon. Auf weitere Fragen gibt er keine Antwort.<br \/>\nRum\u00e4nien geh\u00f6rte am Ende auch zu den Siegern des Zweiten Weltkrieges. Und da es im Einflussgebiet der Sowjets lag, konnten auch hier, wie im gesamten europ\u00e4ischen Osten, die Kommunisten die Herrschaft \u00fcbernehmen. Stalin war der Herr! Mitte der 40er bis Anfang der 50er Jahre, als in Deutschland schon das \u201eWirtschaftswunder\u201c zu bl\u00fchen begann, setzte die rum\u00e4nische kommunistische Regierung zu einem Rundumschlag an: Gutsbesitzer wurden enteignet, ausgesiedelt und zur Zwangsarbeit deportiert. In Siebenb\u00fcrgen waren es ungarischst\u00e4mmige Menschen aus H\u00e1romsz\u00e9k, die in die Dobrudscha deportiert wurden, im Banat haupts\u00e4chlich die deutschst\u00e4mmigen, angeblich \u201epolitisch unzuverl\u00e4ssige Elemente\u201c, welche in die B\u01cer\u01cegan-Steppe verschleppt wurden. F\u00fcr beide Gruppen der sog. \u201eKlassenfeinde\u201c galt das gleiche Ziel: haupts\u00e4chlich die nichtrum\u00e4nische Bev\u00f6lkerung sollte dezimiert und zu Zwangsarbeit herangezogen werden. Sie sollte bisher unfruchtbares Land urbar machen \u2013 und \/ oder im schwereren Fall Zwangsarbeit am Donau-Schwarzmeerkanal leisten.<br \/>\nUm diese Jahre kreist der Roman \u201eRegen in Moskau\u201c. Erfrischend, dass sich die Autorin nicht als \u201eLehrmeisterin unserer Zeit\u201c aufspielt und mit erhobenem Zeigefinger auf Parallelen zum Heute hinweist, sondern eventuelle Schlussfolgerungen dem Leser \u00fcberl\u00e4sst. Tiere sind ihre Beobachtungsposten, sie berichten und philosophieren \u00fcber die Menschheit: das jetzige Zeitalter wird so enden, \u201edass die Menschen die F\u00e4higkeit, sich selbst zu vernichten, entwickelt hatten und so weit gegangen waren, dass sie zur Verhinderung ihres eigenen Aussterbens nichts weiter erfinden konnten als die Vernichtung des gesamten Planeten\u201c.<br \/>\nBereits 1945, wei\u00df eine Schmei\u00dffliege, waren Genossen ins Dorf gekommen, hetzten die Bev\u00f6lkerung auf und peitschten ihnen ein, wie die sog. \u201eVolksschinder\u201c zu verurteilen seien, um sie dann mitzunehmen. Sarkastisch macht sich die Fliege ihre Gedanken \u00fcber das schwarze Auto, das \u201eall jene mitn\u00e4hme, die sich nicht am Aufbau der sch\u00f6nen neuen Welt beteiligten, sondern zu Hause herumlungerten und alles sabotierten.\u201c Mit Erfolg stemmen sich allerdings die Kriegerwitwen des Dorfes dagegen, dass auch Becz\u00e1sy mitgenommen wird. Er hatte ihnen umsonst gepfl\u00fcgt und ges\u00e4t. Noch ein paar wenige Jahre Aufschub f\u00fcr die Familie!<br \/>\n1949, an einem Faschingsdienstag, ist es dann soweit, berichtet der treue Hund Lux. Obwohl er mit seinen beiden Kameraden versucht hatte die Familie zu verteidigen, wurde diese mitten in der Nacht auf einem offenen Lastwagen weg gefahren, zur Securitate gebracht und verh\u00f6rt. Ab sofort wird ihnen ein Zwangsaufenthaltsort zugewiesen, den sie nicht verlassen d\u00fcrfen. Noch einmal werden sie deportiert, diesmal in die Dobrudscha, an die Donau. Dort m\u00fcssen sie mit den anderen Verschleppten in einer Reisplantage arbeiten. Allein Becz\u00e1sy schickt sich in die Lage: Er \u00fcberlegt sofort, wie er den guten Boden bew\u00e4ssern und bearbeiten, was er s\u00e4en und ernten kann.<br \/>\nAber auch hier kann er nicht bleiben. 1952 wird er verhaftet und in eine Gef\u00e4ngniszelle gebracht. W\u00e4hrend seine Zellgenossen sich aufreiben mit Fragen, warum sie hier sind und was aus ihnen und ihren Familien werden soll, bewahrt sich Becz\u00e1sy humorvoll seine innere Freiheit, l\u00e4sst sich auf nichts ein, unterschreibt auch kein Gest\u00e4ndnis, obwohl er sowohl psychisch, als auch physisch gefoltert wird. Fast erschlagen, wie eine Wanze bedauernd bemerkt, weil sie mit ihm ihre \u201eNahrung\u201c verliert, wird er wieder in die Dobrudscha entlassen.<br \/>\nVon Kapitel zu Kapitel wird die ganze Geschichte weiter pr\u00e4zisiert, um weitere Puzzleteilchen erg\u00e4nzt, so dass sich vor dem Leser immer mehr das ganze Bild entfaltet.<br \/>\nAn der Donau, gibt uns eine Katze, die schon mehrere Leben hinter sich hat, Einblicke in das schwere Leben der Menschen, die hier schuften und die nur eines gemeinsam haben: Sie kommen aus H\u00e1romsz\u00e9k, sind Ungarn und hatten, bevor sie enteignet wurden, ein recht gro\u00dfes St\u00fcck Land.<br \/>\nDie philosophierende Katze erz\u00e4hlt auch, was diese Menschen alles nicht mitbekommen haben: dass Ende des Zweiten Weltkrieges in Budapest Menschen (Juden) in die Donau geschossen wurden, und dass inzwischen zwei Atombomben auf Japan gefallen sind. Sie wei\u00df auch, dass die Au\u00dfenministerin Ana Pauker inzwischen in Ungnade gefallen ist, ebenso jener Luka, der sich anfangs bei Becz\u00e1sy zur Jagd eingeladen hatte \u2013 und weswegen dieser so grausam verh\u00f6rt worden war, um ihm ein Gest\u00e4ndnis abzupressen, damit Luka verurteilt werden konnte. Ein Machtkampf unter den Kommunisten, den Pr\u00e4sident Gheorghiu Dej gewinnt und damit auch seinen einstigen Kameraden das Grauen einpr\u00fcgelt.<br \/>\nJetzt erf\u00e4hrt der Leser auch das Zitat, das zum Buchtitel gef\u00fchrt hat, ein Witz, eine Anfrage an Radio Eriwan: \u201eK\u00f6nnen Sie mir sagen, warum Ana Pauker mit dem Regenschirm durch die Bukarester Stra\u00dfen l\u00e4uft, wo doch die Sonne scheint? \u2013 Aber sicher: Weil es in Moskau regnet.\u201c Alles was in Moskau geschieht, wirkt sich auf die \u00fcbrigen kommunistischen Vasallenstaaten aus. Was Moskau will, wird in die Tat umgesetzt.<br \/>\nZina, Becz\u00e1sys Ehefrau, ist eine der wenigen Menschen, die selbst erz\u00e4hlen d\u00fcrfen. Sie ist Slowakin, hat aus Liebe zu Pista (Istv\u00e1n Becz\u00e1sy) ihre Heimat und ihre gl\u00e4nzende Zukunft zur\u00fcckgelassen. Inzwischen hat sie die Muttersprache fast vergessen, das Ungarische nie richtig gelernt. Sie will nicht mehr an die schreckliche Vergangenheit denken \u2013 sie kennt die Geschichte von Tschernobyl &#8211; sie will das Leben noch genie\u00dfen. Einzig Pista hat sie geliebt, wenn sie auch wei\u00df, dass er eigentlich nur die Natur und die Landwirtschaft von Herzen liebte.<br \/>\nAls letzte Tiergruppe tauchen die Eichh\u00f6rnchen auf: Sie fassen die ganze Geschichte noch einmal zusammen, lassen Becz\u00e1sy als Woyzeck sein Leben riskieren mit seinen komischen und tragischen Ereignissen \u2013 und setzen alles noch einmal auf Anfang, bis zu Istv\u00e1ns Kleinkindertagen mit seiner Mutter Zsuzsi:<br \/>\n\u201eS\u00fc\u00df war das Leben.\u201c<br \/>\nIch m\u00f6chte diesen Roman jedem interessierten Leser empfehlen. In der kongenialen \u00dcbersetzung von Eva Zador zeigt er so viele Facetten der Geschichte und menschlicher Handlungsweisen auf, m\u00f6gen sie mutig, feige oder verwerflich sein; jedem Leser empfehlen, der Freude hat an Fabulierkunst, jedem, der ein bisschen eindringen m\u00f6chte in einen Abschnitt rum\u00e4nischer Geschichte und seiner ungarischen Minderheit. Wer Fragen hat, dem sei die Recherche im Internet empfohlen. Dort wird er in (Computer-) \u00dcbersetzung nicht nur das Interview von T\u00e1nya, sondern auch einen Hinweis auf Istv\u00e1n Becz\u00e1sys Buch finden \u2013 und vieles mehr.<br \/>\nAls Europ\u00e4er sollte man unbedingt ein wenig \u00fcber die Historie der anderen europ\u00e4ischen V\u00f6lker Bescheid wissen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus dem Ungarischen von Eva Zador Verlag: Nischen, Wien, 2018 ISBN: 978-3-9503906-6-7 Originaltitel: Moszkv\u00e1ban esik, 2016 Bezug: Preis: 19 Euro von Gudrun Brzoska Im Jahr 1947 beginnt das Drama f\u00fcr die Familie Becz\u00e1sy. 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