{"id":4663,"date":"2018-12-06T09:05:38","date_gmt":"2018-12-06T09:05:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=4663"},"modified":"2019-01-10T12:16:55","modified_gmt":"2019-01-10T12:16:55","slug":"laszlo-marton-die-ueberwindlichen-mit-holzschnitten-von-christian-thanhaeuser","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=4663","title":{"rendered":"Rezension: L\u00e1szl\u00f3 M\u00e1rton: Die \u00dcberwindlichen. Mit Holzschnitten von Christian Thanh\u00e4user"},"content":{"rendered":"<h5>Roman<br \/>\nVerlag Edition Thanh\u00e4user Ottensheim (\u00d6sterreich) 2018<br \/>\nISBN: 978-3-900986-92-6<br \/>\nOriginal auf Deutsch, gleichzeitig auf Ungarisch: K\u00e9t obeliszk<br \/>\nBezug: Buchhandel Preis: 28 Euro<\/h5>\n<p><em>von Gudrun Brzoska<\/em><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/cover_c.Ed_.-Thanh\u00e4user.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-4664\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/cover_c.Ed_.-Thanh\u00e4user-187x300.jpg\" alt=\"\" width=\"187\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/cover_c.Ed_.-Thanh\u00e4user-187x300.jpg 187w, http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/cover_c.Ed_.-Thanh\u00e4user.jpg 296w\" sizes=\"(max-width: 187px) 100vw, 187px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Ein h\u00f6chst anregender, dabei \u00fcberaus vielschichtiger Roman liegt vor mir: Die unerf\u00fcllte Liebesgeschichte zwischen dem gef\u00fcrchteten Satiriker, Essayist, Verleger und Herausgeber Karl K., und der Baronesse Sidonie N., hier Sidi N., deren Familie noch nicht lange in den Adelsstand erhoben worden war.<br \/>\nDie Assoziationen zu Karl Kraus und Sidonie von N\u00e1dhern\u00fd zu Borut\u00edn, kommen nicht von ungef\u00e4hr. Wahres und Erdachtes, Fiktion und Wirklichkeit mischen sich zu einem engen Geflecht. Mal ist der Protagonist \u201enur\u201c Karl K., mal nimmt er die authentischen Z\u00fcge von Karl Kraus an und einen Teil von dessen Biografie. Dann wieder verwandelt er sich zur\u00fcck in Karl K.. M\u00e1rton versteht es meisterhaft viele Geschichten in der (historischen) Geschichte unterzubringen und damit ein farbiges Gem\u00e4lde der Zeit vor und nach dem 1. Weltkrieg zu zeichnen. Er webt gleichsam eine dicht-bewegte Kulisse, vor der \u2013 wie in einem Theater \u2013 die Protagonisten agieren.<br \/>\nDer Roman zeigt die Diskrepanz zwischen einem tatkr\u00e4ftigen damals 39j\u00e4hrigen &#8211; und zwanzig Jahre sp\u00e4ter desillusionierten, lethargischen alten Mann:<br \/>\nDamals hatte er jede sprachliche Schlamperei auf die spitze Feder genommen, \u201edie historischen Katastrophen von den Schlampereien und Salopperien der Presseformulierungen ab[ge]leitet, indem er die These entwickelte, derzufolge ein fehlendes Komma in einer Tageszeitung einen Krieg in der Wirklichkeit entfesseln kann\u201c. Er ist ein Mann gewesen, der leidenschaftlich gegen einen drohenden Krieg argumentiert hatte, ein Gro\u00dfstadtmensch, der in einer naturnahen Idylle Zuflucht suchte, und der sich \u2013 als 60j\u00e4hriger \u2013 nicht einmal mehr aufraffen kann, in seiner Zeitschrift rhetorisch etwas gegen Hitler zu unternehmen: \u201eZu Hitler f\u00e4llt mir nichts ein\u201c. Dieser Mann sucht noch einmal die Herausforderung mit der Natur, diesmal mit der \u201eH\u00f6lle\u201c, dem Berg T\u00f6di in der Schweiz.<br \/>\nSeine Geliebte, elf Jahre j\u00fcnger, schwankte damals noch unsicher zwischen den Konventionen, die ihr der gesellschaftliche Rang auferlegte und einem Freiheitsstreben, das ihr ein unabh\u00e4ngiges Leben erm\u00f6glichen sollte, sie ist inzwischen eine reife Frau, die nach einer gescheiterten kurzen Ehe in der Weltgeschichte herumreiste und nach der Enteignung ihres Gutes in finanziellen N\u00f6ten steckt&#8230;<br \/>\nBeide lernen sich 1913 zuf\u00e4llig im Caf\u00e9 Imperial in Wien kennen; Karl K. ist sofort von ihr hingerissen und verliebt sich unsterblich. Sidonie N. ist fasziniert von dem geistreichen und gebildeten Mann, der mit seiner \u2013 eher konservativen \u2013 Meinung nicht hinter dem Berg h\u00e4lt.<br \/>\nNeun Monate sp\u00e4ter wird er endlich nach Schloss Janowitz (Janovice) eingeladen, welches f\u00fcr ihn \u2013 vor allem der Schlosspark \u2013 und damit beginnt auch der Roman \u2013 zum verkl\u00e4rten Paradies werden soll. Wien ist die H\u00f6lle! Hier aber sitzt er an einem ovalen Steintisch, l\u00e4sst sich inmitten von immer wieder dementierten Vorbereitungen auf den 1. Weltkrieg von einem Schmetterling ablenken und beginnt nicht nur sein bis heute gesch\u00e4tztes Drama Der Weltuntergang (=\u201eDie letzten Tage der Menschheit\u201c), sondern auch romantische Gedichte zu schreiben.<br \/>\nIn diesem Widerspruch zwischen seinem Leben und Auftreten als gef\u00fcrchteter Kritiker, seinem Leben, welches in allerhand Prozesse in Wien verwickelt ist \u2013 und seinen wie ein Traum anmutenden Besuche in Janowitz siedelt M\u00e1rton den Roman an.<br \/>\nImmer wieder muss man nachschauen, ob die abenteuerlichen Namen vom Autor erfunden, ob Begebenheiten von ihm ausgedacht sind, oder der Realit\u00e4t entsprechen. Hin- und her changierend \u00fcberlappen sich Fantasie und Wirklichkeit: Flora und Fauna, die, wie in Grimms M\u00e4rchen, sich mit den Menschen zu verstehen scheinen, Gestalten, die M\u00e1rton umwandelt, einf\u00fchrt und seiner Sicht der Geschichte anpasst. Das ist alles recht vergn\u00fcglich zu lesen, zumal der Autor ein wundersch\u00f6nes, farbiges, anmutiges Deutsch verwendet.<br \/>\nJa, M\u00e1rton hat diesen Roman auf Deutsch geschrieben, animiert von seinem Freund Christian Thanh\u00e4user, Verleger und Graphiker, welcher sich, wie auch der Autor, schon seit Langem fasziniert mit Karl Kraus besch\u00e4ftigte. Er sollte einmal eine ganz andere, kaum bekannte Seite des gro\u00dfen Satirikers und Zynikers zeigen, seine Liebe zur Baronin Sidonie N\u00e1dhern\u00fd von Borut\u00edn. Jedes Kapitel wird mit einem floral-verschlungenen, an Labyrinthe erinnernden Holzschnitt eingeleitet. M\u00e1rton bemerkt dazu, dass Holzschnitte und Roman gleichzeitig entstanden sind, ebenso gleichzeitig auch \u201eK\u00e9t obeliszk\u201c auf Ungarisch.<br \/>\nDer erste Teil des Romans beschreibt in gro\u00dfartigen Tableaus wunderbare Gegenden, Pflanzen und Tiere, Wasserf\u00e4lle, Ausfl\u00fcge in die Natur vor denen sich das Leben der Protagonisten abspielt: Die erste Begegnung der Beiden damals 1913 im Caf\u00e9 Imperial in Wien, die K\u00f6stlichkeiten, die dort serviert wurden, die Pers\u00f6nlichkeiten, die dort ein- und ausgingen. Humorvoll werden die Familienverh\u00e4ltnisse der Baronesse Sidi ausgekramt, der \u201eEindringling\u201c Karl K., ein getaufter Jude, aber doch ein \u201eFremder\u201c, wie ihn der Familienfreund Rilke warnend beschreibt, Karl K.s Stellung in der damaligen Gesellschaft (und hier nimmt er wieder ganz die Identit\u00e4t Karl Kraus\u2018 an) ausgebreitet, das heimliche Liebesverh\u00e4ltnis von Sidi N. und Karl K.. Nebenbei erf\u00e4hrt der Leser aus der Klatschpresse, was damals vor sich ging: \u00dcberall lauert schon der 1. Weltkrieg, Karl K. \u201ewittert schon, wie nicht wenige seiner Zeitgenossen, dass irgendwann, fr\u00fcher oder sp\u00e4ter, aber jedenfalls in absehbarer Zeit ein gro\u00dfer Krieg, vergleichbar mit dem Drei\u00dfigj\u00e4hrigen, vom Zaun gebrochen wird, aber die Vermutung ist vor\u00fcbergehend in Klammern gesetzt. Er mutma\u00dft, dass die letzten Tage der Menschheit ante portas stehen, augenblicklich will er aber die vorletzten genie\u00dfen.\u201c<br \/>\nKarl K. argumentiert leidenschaftlich gegen diesen drohenden Krieg, schreibt wichtige Kapitel zu seinem Antikriegsdrama Der Weltuntergang, m\u00f6chte gar eine Audienz erwirken, als auf dem benachbarten Schloss der Deutsche Kaiser, der Ungarische K\u00f6nig und der Thronfolger zur Jagd eintreffen, um ihnen mitzuteilen, dass \u201eDiese Entwicklung \u2013 \u00f6sterreichisch-ungarische Okkupation, m\u00f6glicherweise Annexion mit deutschem R\u00fcckhalt \u2013 w\u00fcrde einen gro\u00dfen Krieg, einen Weltkrieg verursachen, denn Ru\u00dfland w\u00fcrde sich ganz gewiss an der Seite Serbiens einmischen, und England w\u00fcrde Deutschland angreifen. \u2013 Und das bedeutete das Ende der Menschheit.\u201c Nat\u00fcrlich wird Karl K\u2019s. Brief nicht beantwortet, er wird nicht zur Audienz geladen.<br \/>\nAbrupt endet die Idylle, als Sidi ihrem Cousin Max Th., dem \u201eAffenmax\u201c, ihr Jawort zur Hochzeit gibt.<br \/>\nDie beiden Liebenden sehen sich noch einige wenige Male, setzen ihre Beziehung auch lose fort, aber von Heirat ist nicht mehr die Rede.<br \/>\nDer zweite Teil des Romans spielt zwanzig Jahre sp\u00e4ter: Ein Weltkrieg ist \u00fcber die Menschheit hereingebrochen, ein Friede wurde geschlossen, der bereits einen weiteren Krieg in sich tr\u00e4gt, die Julirevolte in \u00d6sterreich wurde blutig niedergeschossen (Karl K. forderte als Einziger den Polizeipr\u00e4sidenten \u00f6ffentlich zum R\u00fccktritt auf), der deutsch-\u00f6sterreichische \u201eChristliche St\u00e4ndestaat\u201c funktioniert nicht mehr, die Macht\u00fcbernahme der Nazis in Deutschland ist erfolgt. Kaiser und K\u00f6nig sind tot, der Thronfolger erschossen, die ganze Zarenfamilie ermordet, auch Lenin, dem Schweizer Politiker mit Duldung des Deutschen Kaisers zur Durchfahrt nach Ru\u00dfland verhalfen, ist gestorben, ebenso einige \u00f6sterreichische Bundeskanzler, ebenso mehrere Widersacher Karl K.s.. Auch seine Zeitschrift Der Reflektor wurde verboten, er selbst ist in Ungnade gefallen, obwohl sein Drama Der Weltuntergang st\u00fcrmisch gefeiert worden war: \u201eEr hatte den Weitblick zu erkennen, dass die Kriegspropaganda noch zerst\u00f6render wirkt als der Krieg selbst; den Mut, seine Erkenntnis vor die \u00d6ffentlichkeit zu tragen; das Talent, dazu eine suggestive sprachliche Form zu gestalten; und noch dazu das Gl\u00fcck, in einem Staat zu leben, wo er wegen seiner T\u00e4tigkeit zwar angegriffen und angep\u00f6belt, aber weder verhaftet noch vernichtet wurde.\u201c<br \/>\nMit dem Weltkrieg, vor dem er so leidenschaftlich gewarnt hatte, mit dem Tod fast aller Protagonisten, ist f\u00fcr Karl K. vieles zerbrochen. Er ist entt\u00e4uscht, lethargisch und aller Illusionen beraubt.<br \/>\nHier, bei seinem letzten Treffen mit Sidi, tr\u00e4umen beide vorausschauend von den k\u00fcnftigen Katastrophen: Sidi vom Tod des Geliebten und der \u201e\u00dcberschwemmung\u201c mit Hakenkreuzen, Karl K. von der bevorstehenden Ermordung des Kanzlers Engelbert (Dollfu\u00df), von dem er gehofft hatte, er werde \u00d6sterreich vor Hitler retten.<br \/>\nBei der Besteigung des T\u00f6di, begleitet von den ehemaligen politischen Kontrahenten Robert G. und Arthur H., die im Roman zu Bergf\u00fchrern, Werw\u00f6lfen und Lawinen mutieren, sucht Karl K. \u2013 es ist sein 60. Geburtstag \u2013 noch einmal die Konfrontation mit der Natur, mit der H\u00f6lle, mit der \u201eT\u00f6digottheit\u201c \u2013 und entrinnt ihr unbeschadet. Die drohende Lawine hat ihn verschont: \u201eDie Lawine sieht jetzt aus wie ein Engel, der aussieht, als w\u00e4re er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt\u201c; wie ein apokalyptisches Schauen auf die Zukunft, auf den 2. Weltkrieg, wo sich Tr\u00fcmmer auf Tr\u00fcmmer h\u00e4ufen. Der Engel wird fortgetrieben w\u00e4hrend der Tr\u00fcmmerhaufen vor ihm zum Himmel w\u00e4chst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.<br \/>\nAm n\u00e4chsten Tag liest Karl K. in der Zeitung unter anderem, \u201edass der \u00f6sterreichische Bundeskanzler Engelbert D. gestern Nachmittag in seinem Kanzleramt am Wiener Ballhausplatz von unbekannten T\u00e4tern erschossen wurde; er starb drei Stunden nach dem ersten und drei\u00dfig Sekunden nach dem zweiten Schuss.\u201c<br \/>\nEin informatives Nachwort liefert Thomas Macho, der den Roman in den zeitgen\u00f6ssischen Rahmen stellt \u2013 und Karl Kraus vom gl\u00fchenden Verehrer Elias Canetti beschreiben l\u00e4sst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Roman Verlag Edition Thanh\u00e4user Ottensheim (\u00d6sterreich) 2018 ISBN: 978-3-900986-92-6 Original auf Deutsch, gleichzeitig auf Ungarisch: K\u00e9t obeliszk Bezug: Buchhandel Preis: 28 Euro von Gudrun Brzoska Ein h\u00f6chst anregender, dabei \u00fcberaus vielschichtiger Roman liegt vor mir: Die unerf\u00fcllte Liebesgeschichte zwischen dem &hellip; <a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=4663\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":6,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[36],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4663"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/6"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4663"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4663\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4688,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4663\/revisions\/4688"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4663"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4663"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4663"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}