{"id":4650,"date":"2018-11-22T10:53:50","date_gmt":"2018-11-22T10:53:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=4650"},"modified":"2019-01-10T12:20:16","modified_gmt":"2019-01-10T12:20:16","slug":"gyoergy-mandics-zsuzsanna-m-veress-aus-den-aufzeichnungen-von-janos-bolyai","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=4650","title":{"rendered":"Rezension: Gy\u00f6rgy Mandics \/ Zsuzsanna M. Veress: Aus den Aufzeichnungen von J\u00e1nos Bolyai"},"content":{"rendered":"<h5>Lyrik<br \/>\nAus dem Ungarischen von Julia Schiff. \u00dcberarbeitet von Peter Gehrisch<br \/>\nVerlag Pop Ludwigsburg 2018<br \/>\nISBN: 978-3-86356-148-2<br \/>\nOriginaltitel: Bolyai J\u00e1nos jegyzeteib\u0151l, 1979<br \/>\nBezug: Preis: Buchhandel, 16,50 Euro<\/h5>\n<p><em>von Gudrun Brzoska<\/em><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/cover_Aufzeichnungen.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-4651\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/cover_Aufzeichnungen.jpg\" alt=\"\" width=\"188\" height=\"268\" \/><\/a><br \/>\nGy\u00f6rgy Mandics und seine Frau Zsuzsanna M. Veress (\u2020 1991), beide in Rum\u00e4nien geboren, legten bereits 1979 einen Lyrikband vor, welcher den gro\u00dfen ungarischen Mathematiker J\u00e1nos Bolyai in vielen Details beleuchtet.. Bolyai sei sein gro\u00dfes Vor-bild, sagt Mandics, und der gr\u00f6\u00dfte ungarische Wissenschaftler, weil er als erster das euklidische Paradigma gebrochen habe. Seitdem haben sich Hunderte von Mathematikern damit besch\u00e4ftigt, aber der bahnbrechende sei Bolyai gewesen. Viele der fragmentarischen Aufzeichnungen fanden gro\u00dfes Interesse in der Nach-Ceau\u015fescu-\u00c4ra, denn nach der Revolution von 1989 bezogen sich viele auf diese Gedichte und sahen sich, ihr Leben und ihre Gesellschaft dadurch best\u00e4tigt &#8211; wie wir aus dem Umschlagtext erfahren.<br \/>\nJ\u00e1nos Bolyai, von dem es kein einziges authentisches Bild gibt, hat ein umfangreiches Werk hinterlassen, welches, zu gro\u00dfen Teilen kaum leserlich, in Kisten gefunden wurde. Bisher konnte es nur bruchst\u00fcckhaft restauriert werden.<br \/>\nMit diesen Notizen, den l\u00fcckenhaften und besch\u00e4digten Manuskripten besch\u00e4ftigt sich der vorliegende Band. Die beiden Autoren gie\u00dfen die aufgefundenen Fragmente mit all ihren Auslassungen in Lyrik, versehen mit ausf\u00fchrlichen Fu\u00dfnoten, die \u00fcber Zeit und Umst\u00e4nde der jeweiligen Originaltexte und Zusammenh\u00e4nge Auskunft geben. Man muss es dem Pop Verlag als gro\u00dfes Verdienst anrechnen, dass er diese Texte in \u00dcbersetzung der Schriftstellerin und Lyrikerin Julia Schiff, \u00fcberarbeitet von Peter Gehrisch, herausgibt.<br \/>\nEinziges Manko: Das Vorwort macht uns zwar kurz mit Ungarns Freiheitskampf von 1848\/49 bekannt, aber: welch j\u00fcngerer Leser im deutschsprachigen Raum wei\u00df heute dar\u00fcber Bescheid? Ebenso die Erw\u00e4hnung, dass das Buch in der Nach-Ceau\u015fescu-\u00c4ra zum Kultbuch wurde. Umfragen haben ergeben, dass nicht einmal in Deutschland die j\u00fcngere (und z. Tl. auch die \u00e4ltere) Generation Bescheid wei\u00df um den Umsturz hierzulande, geschweige denn in Rum\u00e4nien. Das ist schade und h\u00e4tte dem Leser sicher geholfen, einige Parallelen zu den verschiedenen Freiheits-k\u00e4mpfen zu ziehen. Aber auch wir Leser des 21. Jahrhunderts finden bemerkens-werte Aussagen Bolyais, die bis heute g\u00fcltig sind. Ich werde weiter unten einige der Fragmente als Beispiele vorstellen.<br \/>\nDie Mitte des 19. Jahrhunderts ist eine unruhige Zeit in Europa. Auch in Ungarn brechen Aufst\u00e4nde um die Freiheit von Habsburg aus, die schlie\u00dflich blutig nieder-geschlagen werden. In dieser Zeit lebt J\u00e1nos Bolyai (1802-1860), der sich mit mathematischen Studien befasst. 1831, mit 29 Jahren gibt er zu einem mathematischen Werk seines Vaters, Farkas Bolyai, einen Anhang, den Appendix, heraus, worin er sich mit einer \u201enichteuklidischen Geometrie\u201c befasst, die ihn neben anderen gro\u00dfen Mathematikern seiner Zeit, Carl Friedrich Gau\u00df und Nikolai Lobatschewsi, als Entdeckter der nichteuklidischen Raumlehre ausweist. Zu seinen Lebzeiten wird er aus verschiedenen Gr\u00fcnden nicht gen\u00fcgend gew\u00fcrdigt, doch bereits bald nach seinem Tod beginnt die wissenschaftliche Gesellschaft seine Entdeckungen und Lehren zu respektieren. Die Literatur besch\u00e4ftigt sich mit ihm, Biografien wer-den verfasst, die Klausenburger Universit\u00e4t ist nach ihm benannt, ebenso ein Asteroid und seit 1970 ein Mondkrater. Bis heute gibt es in seinem Heimatland mathematische Wettbewerbe, die seinen Namen tragen.<br \/>\nWie bereits erw\u00e4hnt, war auch J\u00e1nos Vater Mathematiker, Professor am reformierten Kolleg in Marosv\u00e1s\u00e1rhely (Neumarkt). In seinen jungen Jahren hatte er in Klausenburg, Jena und G\u00f6ttingen studiert und sich dort eng mit Carl Friedrich Gau\u00df befreundet. Sohn J\u00e1nos zeigt schon sehr fr\u00fch geniale Eigenschaften: Er spielt hervor-ragend Violine und brilliert mit einer herausragenden mathematischen Begabung. Da die Familie bei dem knappen Einkommen des Vaters es sich nicht leisten kann, den begabten Sohn im Ausland studieren zu lassen, fragt Farkas bei seinem Studi-enfreund Gau\u00df in G\u00f6ppingen an, ob der Sohn f\u00fcr drei Jahre bei ihm wohnen und lernen k\u00f6nne. Der Brief wird aus unbekannten Gr\u00fcnden nie beantwortet und so bleibt dem jungen Genie nichts anderes \u00fcbrig, als auf die Milit\u00e4rakademie nach Wien zu wechseln, wo er als Ingenieuroffizier seine mathematischen Studien fort-zusetzen kann.<br \/>\n1831 schickt Vater Bolyai u.a. den Appendix an Gau\u00df \u2013 was diesen sehr \u00fcberrascht, denn er habe diese Entdeckung schon vor Jahren gemacht, aber sie nicht weiter ver\u00f6ffentlicht. J\u00e1nos f\u00fchlt sich tief betroffen, nicht anerkannt und zieht sich fortan in die Isolation zur\u00fcck. Er befasst sich mit weiteren mathematischen Studien und mit Philosophie. Sehr zu schaffen macht ihm sein ungez\u00fcgeltes Temperament, seine Wutausbr\u00fcche und das Zerw\u00fcrfnis mit seinem Vater. Die Beiden begegnen sich fast nur noch im Austausch ihrer mathematischen Erkenntnisse.<br \/>\nDer erste Teil der \u201eAufzeichnungen von J\u00e1nos Bolyai\u201c hat von \u201ea \u2013 z\u201c J\u00e1nos Leben zum Inhalt: Seine Entt\u00e4uschung dar\u00fcber, dass er nicht in G\u00f6ttingen studieren kann und stattdessen als \u201eGenieoffizier\u201c (= Ingenieur) die ungeliebte Milit\u00e4rakademie in Wien besuchen muss. Im Herbst des Jahres 1823 &#8211; 21 Jahre alt &#8211; erkennt er den Zusammenhang, der zwischen dem Winkel der Parallelit\u00e4t und der Entfernung der Parallelit\u00e4t existiert. Er schreibt davon am 3. November an seinen Vater, u.a. den viel zitierten Satz: \u201eAus dem Nichts schuf ich eine neue, andere Welt\u201c.<br \/>\nEr hat keine Freude am Kriegshandwerk und seine Vorgesetzten sehen das auch bald ein, zumal er h\u00e4ufig kr\u00e4nkelt und sich nach Gau\u00df\u2018 Zur\u00fcckweisung (1832) v\u00f6llig in die Hypochondrie zur\u00fcckzieht. Sein Selbstvertrauen ist dahin. Es fehlt ihm nat\u00fcrlich auch ein Gegen\u00fcber, mit dem er sich auf Augenh\u00f6he \u00fcber seine Erkennt-nisse und philosophischen \u00dcberlegungen austauschen k\u00f6nnte. Das kann er einzig mit seinem Vater, der aber ganz und gar nicht mit dem vergn\u00fcgungss\u00fcchtigen Le-ben seines Sohnes einverstanden ist, wor\u00fcber es zum Zerw\u00fcrfnis zwischen beiden kommt. Der Sohn hat zeitlebens das Gef\u00fchl die mathematische Gr\u00f6\u00dfe seines Vaters nicht erreichen zu k\u00f6nnen, ihm nicht zu gen\u00fcgen, ihm nicht ebenb\u00fcrtig zu werden. \u201eMein Horizont: Der endlose Kreis\u201c (Wien 1820).<br \/>\nIm Herbst 1837 schreibt die Leipziger Jablonowsky-Gesellschaft einen mathematischen Wettbewerb aus. Sowohl Farkas, als auch J\u00e1nos wollen sich daran beteiligen. Beide geben ihre Bewerbungen getrennt auf \u2013 keiner von Beiden gewinnt. Die Jablonowsky-Gesellschaft h\u00e4lt J\u00e1nos\u2018 Beitrag f\u00fcr uninteressant, doch heute wei\u00df man, dass er auch Beobachtungen enth\u00e4lt, die die geniale Vorschau auf grundlegende Probleme der Gegenwartsphysik formulieren.<br \/>\nNach der Revolution bedauert er, dass er (aus Feigheit) nicht an den aufst\u00e4ndischen K\u00e4mpfen teilnehmen konnte. Es w\u00e4re auch nicht m\u00f6glich gewesen, stand er doch im Dienst des Kaisers. Er wird dennoch verh\u00f6rt. Man versucht, ihn als Spitzel zu gewinnen, was er rundweg ablehnt.<br \/>\nWenige Jahre vor seinem Tod denkt er philosophisch \u00fcber eine Heillehre nach. Fragmente aus dieser Philosophie bilden den 2. Teil des Bandes, welchen die Auto-ren in die Fragmente der Lehren untergliedern. Die einzelnen Fragmente sind nummeriert.<br \/>\nBolyai betrachtet Die Lehre als sein Lebenshauptwerk. Seine Schriften Appendix, Responsio und andere Teile sind Bruchst\u00fccke eines gewaltigen \u0152uvre, welches nur Torso geblieben ist. Dieses Werk ist in drei Teile gegliedert: I. Heillehre, II. Nebenlehre (Naturwissenschaften), III. Vergangenheitslehre.<br \/>\nEinige Aphorismen aus den Fragmenten als Beispiele sein hier genannt:<br \/>\nAus der Wahrheitslehre: (1) \u201eWas Wahrheit ihr nennt, es ist keine Wahrheit. Nur meine, deine und seine Wahrheit. Auf die Menschheit bezieht sie sich nicht, auf den Einzelnen nur.\u201c \u2013<br \/>\n(22) \u201eIch habe ins dunkle Rohr paralleler Linien geblickt. Ich f\u00fcrchtete mich.\u201c \u2013<br \/>\n(30) \u201eNicht gegen die Wahrheit erhebe ich mich! Nur gegen ihren einzigen Weg!\u201c<br \/>\nIn der Lehre des Sch\u00f6nen bzw. der \u00c4sthetik versucht Bolyai eine mathematische Ann\u00e4herung an das abstrakt Sch\u00f6ne. F\u00fcr ihn wird der Begriff des Sch\u00f6nen durch die Leidenschaft entw\u00fcrdigt, die Kunst sei au\u00dferstande Erl\u00f6sung zu bringen. \u201e\u2026durch die Dichtung wird das allgemeine und individuelle Heil nicht erreicht, mehr noch, nichts bewegt sich sp\u00fcrbar nach vorne\u201c<br \/>\n(9) \u201eDrum sag ich: F\u00fcrchte der Fragen Unruhe nicht, sondern die trostreiche Antwort! Und f\u00fcrchte nicht die trostreichen Fragen, sondern die einfache Antwort.\u201c<br \/>\nIm Fragment zur Menschenkunde hat Bolyai vor allem zur Abstammungsdoktrin, zu familiensoziologischen Fragen, zur Heil- und Erziehungspsychologie Denkw\u00fcrdi-ges geleistet:<br \/>\n(30) \u201e\u2026 Und ohne Klagen ertrug ich, dass die T\u00f6richten \u00fcber mich lachten und mich jene bespuckten, die meinen Namen mit Schm\u00e4hung versahen. \u2026. nur an meinem Glauben r\u00fchrt nicht, den ich m\u00fchsam erwarb.\u201c \u2013<br \/>\n(31) \u201eSiehe, im Vergleich zu der Wahrheit gibt\u2019s einen gr\u00f6\u00dferen Despoten: Euklid\u201c.<br \/>\nBedenkenswert f\u00fcr heute ist, was er im Fragment Zur Lehre der Technologie, welcher er sehr konservativ gegen\u00fcberstand, sagt:<br \/>\n(8) \u201eIm Schwindel des Mehr-noch-und mehr rast das Menschengeschlecht mit immer schnelleren Schritten seiner \u00e4u\u00dfersten Notlage zu!\u201c \u2013<br \/>\n(10) \u201eAnstelle von Notwendigkeiten, des Menschen W\u00fcnsche zufriedenzustellen \u2013 ist ein gef\u00e4hrliches Ziel.\u201c<br \/>\nUnd im Fragment zur Vergangenheitslehre \u2013 die Kr\u00e4fte des Aufruhrs:<br \/>\n(11) \u201eManche w\u00e4hnen sich frei, doch ein Sklave ist freier, wenn er der Grenzen gewahr wird, die ihm gesetzt sind, und sich ihnen nicht naht.\u201c \u2013<br \/>\n(13) \u201eAch, Revolution, ich, der alte Ketzer, ich lieb\u2018 dich viel mehr als mancher, der glaubt.\u201c<br \/>\n(15) \u201eKonsequente Vergeltung ist Massenvernichtung \u2013 bis hin zu Adam und Eva.\u201c \u2013 (22) \u201eWer die Freiheit erreicht, von andren erk\u00e4mpft, in Wahrheit ist er nicht frei. Mit weichen Knien vor Dank vom Sich-Erheben spricht er vergebens.\u201c<br \/>\nNach der Lekt\u00fcre dieses Buches wurde ich neugierig auf weitere Details aus J\u00e1nos Bolyais Leben und stie\u00df dabei im Internet auf eine umfangreiche Biografie und W\u00fcrdigung von Vater und Sohn Bolyai aus dem Jahre 1913. Geschrieben hat das Buch Paul St\u00e4ckel, publiziert wurde es im Teubner Verlag.<br \/>\nHeutzutage scheint sich kein weiterer Rezensent f\u00fcr diese, zu Lebzeiten kaum gew\u00fcrdigte Biografie zu interessieren, denn ich fand nirgends in den gro\u00dfen Bl\u00e4ttern eine Buchbesprechung. Schade!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lyrik Aus dem Ungarischen von Julia Schiff. \u00dcberarbeitet von Peter Gehrisch Verlag Pop Ludwigsburg 2018 ISBN: 978-3-86356-148-2 Originaltitel: Bolyai J\u00e1nos jegyzeteib\u0151l, 1979 Bezug: Preis: Buchhandel, 16,50 Euro von Gudrun Brzoska Gy\u00f6rgy Mandics und seine Frau Zsuzsanna M. 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