{"id":4640,"date":"2018-11-22T10:06:05","date_gmt":"2018-11-22T10:06:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=4640"},"modified":"2019-01-10T12:20:50","modified_gmt":"2019-01-10T12:20:50","slug":"christina-viragh-eine-dieser-naechte","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=4640","title":{"rendered":"Rezension: Christina Viragh: Eine dieser N\u00e4chte"},"content":{"rendered":"<h5>Roman<br \/>\nVerlag D\u00f6rlemann Z\u00fcrich, 2018<br \/>\nISBN: 978-3-03820-056-7<br \/>\nBezug: Buchhandel, Preis: 28 Euro<\/h5>\n<p><em>von Gudrun Brzoska<\/em><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/cover_Eine-dieser-N\u00e4chte.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-4641\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/cover_Eine-dieser-N\u00e4chte-186x300.jpg\" alt=\"\" width=\"186\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/cover_Eine-dieser-N\u00e4chte-186x300.jpg 186w, http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/cover_Eine-dieser-N\u00e4chte-768x1242.jpg 768w, http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/cover_Eine-dieser-N\u00e4chte-633x1024.jpg 633w, http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/cover_Eine-dieser-N\u00e4chte.jpg 1417w\" sizes=\"(max-width: 186px) 100vw, 186px\" \/><\/a><br \/>\nZw\u00f6lf Jahre ist es schon her, dass Christina Viragh ihre Leser mit einem Roman beschenkt hatte. Seit \u201eIm April\u201c hat sie viel \u00fcbersetzt, u.a. den Roman von P\u00e9ter N\u00e1das \u201eParallelgeschichten\u201c, f\u00fcr dessen \u00dcbersetzung sie 2012 den renommierten Berliner Br\u00fccke-Preis erhielt. Dies alles habe die Fertigstellung eines eigenen Romans erheblich verz\u00f6gert, erz\u00e4hlt die Autorin im Interview \u201eAuf dem blauen Sofa\u201c. Insgesamt habe sie nur etwa drei Jahre daran gearbeitet.<br \/>\nHerausgekommen ist ein umfangreicher Roman, knapp 500 Seiten dick. Und es lohnt sich, diese ineinander verwobenen Erz\u00e4hlungen und Lebensgeschichten mit gro\u00dfem Genuss zu lesen. Viragh versteht es meisterhaft, die einzelnen Stimmen mit ihrem je eigenen Timbre zu Wort kommen zu lassen. Manchmal ist es ein richtiges Stimmenkonzert, was da entgegenkommt.<br \/>\nEin Flug von Bangkok nach Z\u00fcrich bringt einige Reisende im Flugzeug zusammen: Die klassische Ausgangslage eines Dramas in Einheit von Raum, Zeit und Handlung. Und es ist ein Drama, welches sich w\u00e4hrend der zw\u00f6lfst\u00fcndigen Reise abspielt. Es geht um nichts weniger als um Leben und Tod. Drau\u00dfen herrscht undurchdringliche Schw\u00e4rze &#8211; beste Zutat, um die Flugstunden mit Geschichten zu unterteilen, zu unterhalten und um Angst zu vertreiben. Gemeinschaft wird nach anf\u00e4nglichem Str\u00e4uben hergestellt, Empathie und der Blick ins eigene Innere. Wie im wirklichen Leben sind Drama und Kom\u00f6die eng verkn\u00fcpft, wenn f\u00fcr kurze Zeit die Einsamkeit eines Jeden aufgel\u00f6st wird. Dabei stellen sich \u00e4hnliche Begebenheiten heraus, Erlebnisse kreuzen sich. Der Mensch ist nicht allein auf der Welt, alle seine Handlungen sind irgendwie verkn\u00fcpft mit denen anderer Menschen.<br \/>\nNeun Personen sitzen auf engstem Raum zusammen im Flugzeug, ein Ausweichen ist kaum m\u00f6glich. Sechs von ihnen mischen sich in die Haupterz\u00e4hlung ein, spinnen sie fort, verkn\u00fcpfen sie mit eigenem Erleben oder fantasieren sie neu.<br \/>\nEmma D\u00e9l, die einen Schriftstellerkongress auf Bali besucht und, von diesem entt\u00e4uscht, den R\u00fcckflug angetreten hat, geh\u00f6rt zu den Reisenden. Ihr hat die Autorin Christina Viragh einige autobiografischen Z\u00fcge verliehen: Wie sie, ist diese als Kind mit den Eltern aus Ungarn in die Schweiz gefl\u00fcchtet und lebt jetzt in Rom. Das sei aber bereits das Ende der Gemeinsamkeiten, so die Autorin in ihrem Interview.<br \/>\nNeben ihr hat ein dicker Amerikaner in Polohemd und Shorts seinen Platz gefunden. Er entspricht ganz und gar dem Klischee des lauten von sich eingenommenen Ami, der in Bali eine Sextour unternommen hat. Schon vorher im Wartesaal war er ihr unangenehm aufgefallen. Schlafen kann sie nicht, so wie keiner der in seiner N\u00e4he sitzenden Passagiere. Big Bill, wie er sich selbst nennt, erz\u00e4hlt n\u00e4mlich st\u00e4ndig von sich und seinem verkorksten Leben, von seiner Familie, seinen Ahnen. Allm\u00e4hlich zieht er die Widerstrebenden in seinen Bann: Das schwule Paar Stefan, ein An\u00e4sthesist und den gewesenen Lehrer Michael, der, wie er best\u00fcrzt feststellt, bei der geschiedenen Frau des Ethnologen Walter in die psychiatrische Praxis geht. Dieser wiederum ist eifers\u00fcchtig auf die lesbische Freundin seiner Frau und versucht mit allen Mitteln seine Tochter auf seine Seite zu ziehen. Der 15j\u00e4hrige Hagen ist ein Scheidungskind, auf dem Weg zu seiner Mutter und deren Partner. Auch er glaubt seine Familie in Bills Erz\u00e4hlungen wiedergefunden zu haben. Selbst eine japanische Familie nimmt Anteil an Bills Geschichten. Alle f\u00fchlen sich nach und nach animiert, sich in die Erz\u00e4hlungen einzumischen, sie weiterzuerz\u00e4hlen, neu auszulegen oder von sich selbst, von ihrem Leben zu erz\u00e4hlen.<br \/>\nZun\u00e4chst sind sie aber dem st\u00e4ndig sprechenden Bill gnadenlos ausgeliefert. Er erz\u00e4hlt und erz\u00e4hlt, zwei Geschichten pro Stunde hat er sich zum Ziel gesetzt, wobei er zun\u00e4chst nur zu \u201eMartha\u201c spricht. Martha nennt er den Whisky, den er einen nach dem anderen leert, Martha, seine treue Begleiterin, genannt nach dem verstorbenen Hund seines Gro\u00dfvaters. Dieser hatte den Hund, mit dem er erfolgreich in zahlreichen Variet\u00e9s aufgetreten war, f\u00fcr 30 Dollar verkauft. Ein Trauma im Leben seines Enkels Bill.<br \/>\nNicht nur die Mitreisenden geraten \u2013 ob sie wollen oder nicht \u2013 in den Sog seiner \u201eGeschichten, die niemand h\u00f6ren will\u201c, sondern auch der Leser: Wie k\u00f6nnte diese oder jene Story weitergehen \u2013 oder eine andere Wendung nehmen?<br \/>\nDie Geschichten ufern aus, ber\u00fchren verschiedene L\u00e4nder und Jahrhunderte. Ja, Bill nimmt seine Zuh\u00f6rer und uns mit auf eine Reise durch Zeiten und Kontinente, w\u00e4hrend man doch gleichzeitig mit ihm im Flugzeug sitzt. Im Laufe der Reise werden die Geschichten immer spannender und verwickelter, nicht zuletzt, weil sich die Mitreisenden einmischen und mit ihren eigenen Lebensdramen verbinden.<br \/>\nDie anf\u00e4ngliche Ablehnung seiner Mitreisenden scheint Bill Kovacsics, Nachkomme eines slowakischen Uhrmachers und Variet\u00e9k\u00fcnstlers eher anzustacheln, noch tiefer und wilder in die Fabulierkiste zu greifen. Nicht nur erz\u00e4hlt er aus seinem Leben, l\u00e4sst im Rauschen von Espenbl\u00e4ttern die Stimmen seiner Ahnen aufwispern, sondern imaginiert auch alle Lebewesen und Zeitalter Amerikas vor den Ohren seiner Zuh\u00f6rer. In Traumerz\u00e4hlungen sucht eine wundersame Karawane vergebens einen Weg in ein leeres Land \u201eHicsunt\u201c und findet es doch nie. Dabei muss ich unwillk\u00fcrlich an die geheimnisvollen Erz\u00e4hlungen Marco Polos denken, die ihm zu seiner Zeit auch keiner abnehmen wollte.<br \/>\nViel ist die Rede von \u00dcbersinnlichem, von Tod und Sterben, von Schamanen, einem Wanderprediger und einem vietnamesischen Guru. Der heutige Mensch will nicht mehr gl\u00e4ubig sein, ist aber begierig darauf, sein Leben mit dem Nicht-Erkl\u00e4rbarem in Verbindung zu bringen. Viele Stichworte werden zu Metaphern: der Treibsand, in den Bill als Junge fast hineingeraten w\u00e4re, als Sinnbild f\u00fcr den Tod, das Nicht-Aussprechen-D\u00fcrfen des Namens des Guru, der zwar immer wieder in Bills Erz\u00e4hlung beschworen wird, ist das schwarze Loch, der Tod, das Nichts.<br \/>\nDazu die konkreten Toten: Bills Vater stirbt im Vietnamkrieg, der Wanderprediger wird von einem Unbekannten erschossen, Bills Kind wird tot geboren, eine Ehefrau wird aus Eifersucht fast ermordet.<br \/>\nDie Grenzen zwischen Fiktion und Realit\u00e4t vermischen sich hier st\u00e4ndig, wie in den m\u00e4rchenhaften Geschichten, zum Beispiel \u201eAus 1001 Nacht\u201c, wo Scheherazade f\u00fcr das Leben \u2013 und gegen den Tod erz\u00e4hlt.<br \/>\nKlar wird bald, dass nicht nur Bill, trotz seiner Lautst\u00e4rke und Pr\u00e4senz Angst hat, Angst vor Dunkelheit und undurchdringlicher Schw\u00e4rze, Angst abzust\u00fcrzen und nicht in Z\u00fcrich anzukommen. Mit dieser Angst bringt er seine Mitreisenden ins Nachdenken. Nur der Sch\u00fcler Hagen, der st\u00e4ndig alles auf seinem iPad mitschreibt und die haneb\u00fcchensten \u00dcberlegungen anstellt, scheint bis zum Schluss davon unber\u00fchrt zu bleiben. Das Wichtigste ist f\u00fcr ihn, dies alles gleich nach der Landung an seine Freunde zu posten.<br \/>\nDer abergl\u00e4ubische Michael findet sich pl\u00f6tzlich im Leben seiner italienischen Familie \u2013 dabei scheinen F\u00e4den zu Bills Leben zu f\u00fchren, Emma denkt an ihren ungarischen Gro\u00dfvater und an ihre Jugendliebe Cesare, Walther an seine geschiedene Ehefrau und an seine Tochter, die er f\u00fcr sich gewinnen will. Obwohl sie es nicht wollten, erz\u00e4hlen alle von sich, von den Krisen ihres eigenen Lebens.<br \/>\nWie jede gute Schriftstellerin erz\u00e4hlt Emma die geh\u00f6rten Geschichten ihrer Mitreisenden gleich in Gedanken weiter, gibt ihnen eine eigene Wendung, schl\u00e4gt andere Richtungen ein, f\u00fcgt Fantasie hinzu, wird sogar zur m\u00fcndlichen Geschichtenerz\u00e4hlerin.<br \/>\nEin gro\u00dfartiges Buch, welches unser heutiges Leben in ganz unterschiedlichen Facetten aufbl\u00e4ttert \u2013 und am Ende eine nicht vorherzusehende Wendung nimmt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Roman Verlag D\u00f6rlemann Z\u00fcrich, 2018 ISBN: 978-3-03820-056-7 Bezug: Buchhandel, Preis: 28 Euro von Gudrun Brzoska Zw\u00f6lf Jahre ist es schon her, dass Christina Viragh ihre Leser mit einem Roman beschenkt hatte. 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