{"id":464,"date":"2011-10-24T20:05:34","date_gmt":"2011-10-24T20:05:34","guid":{"rendered":"http:\/\/ungarischeliteratur.wordpress.com\/?p=464"},"modified":"2012-05-18T20:54:04","modified_gmt":"2012-05-18T20:54:04","slug":"esther-kinsky-banatsko","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=464","title":{"rendered":"Rezension: Kinsky, Esther &#8211; &#8222;Banatsko&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><em><\/em><em>Roman<\/em><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2011\/10\/banatsko1.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-2374\" title=\"banatsko\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2011\/10\/banatsko1.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"257\" \/><\/a><br \/>\n<em>Verlag: Matthes &amp; Seitz Berlin, 2011; ISBN: 978-3-882-21723-0<\/em><br \/>\n<em> Bezug: Buchhandel, Preis: Euro 19,90<\/em><\/p>\n<p>Die Ich-Erz\u00e4hlerin in Esther Kinskys neuem Roman &#8218;Banatsko&#8216; kommt an einem Sommertag in dem kleinen Dorf Battonya im s\u00fcdostungarischen Banat an. Hier im l\u00e4ndlichen Niemandsland, wo die Eisenbahnstrecke endet und das Wort &#8218;Bahnhof&#8216; gleich in drei Sprachen \u2013 ungarisch, serbisch und rum\u00e4nisch \u2013 angezeigt wird, bezieht sie ein altes gelbes Haus und entschwindet der Enge und &#8218;Vielmenschigkeit&#8216; der Gro\u00dfstadt, in der sie zuvor lebte.<br \/>\nLangsam und intensiv n\u00e4hert sie sich der Gegend, den Bewohnern und ihrem Alltag; im Wechsel der von ihr bewusst wahrgenommenen Jahreszeiten verschwimmen zunehmend die Grenzen zwischen Fremdem und Vertrautem: \u201cIm leeren Licht des Winters r\u00fcckte alles sehr weit fort. Hatte ich je irgendwo anders gelebt als in diesem Grenzland?\u201d<br \/>\nDie ungarische Sprache erscheint ihr zeitweise \u201cwiderst\u00e4ndig und unaussprechlich\u201d und doch erschlie\u00dft sie sich ihr allm\u00e4hlich: Als die Mohnblumen aufgeh\u00f6rt hatten, Mohnblumen zu sein und nur noch Makvir\u00e1g hie\u00dfen, ist die Ich-Erz\u00e4hlerin \u201cin der Fremde der Worte\u201d angekommen.<\/p>\n<p>Immer wieder besch\u00e4ftigt die Erz\u00e4hlerin die Unw\u00e4gbarkeit der Grenze in der Banat Region: Wie gestaltet sich die &#8211; auf ungarisch mit dem kurzen scharfen Wort &#8218;Hat\u00e1r&#8216; bezeichnete &#8211; Grenze abseits der Grenz\u00fcbergangsstellen? In dieser Gegend, wo \u201cFl\u00fcsse die Grenzen der Gegend\u201d schrieben und \u201cden Verlauf von Leben und Geschichten\u201d bestimmten? Einmal f\u00e4hrt sie mit dem Fahrrad aus dem Dorf in Richtung S\u00fcden und entdeckt ein aus dem Riedgras hervorstehendes Schild mit der Aufschrift &#8218;Grenze&#8216;: \u201cHier war nichts. Niemand kam, niemand ging, hier war das leere Land.\u201d So wie hier alles von der &#8218;Traurigkeit des Getrenntseins&#8216; bestimmt ist, so wenig Interesse haben die Bewohner, die Grenze zu \u00fcbertreten. Die Ich-Erz\u00e4hlerin bricht in das &#8218;Andersland&#8216; auf; \u201csehen, wie dieses Hierunddort oder Hieraberdort auf der anderen Seite\u201d aussieht. Sie bereist St\u00e4dte in Serbien und Rum\u00e4nien, h\u00e4lt sich auf vielen Friedh\u00f6fen auf; malt sich beispielsweise die Zeit aus, in der die serbische Stadt Jimbolia noch auf der Strecke des Orient Express lag oder l\u00e4sst sich von einem &#8211; mitten im Niemandsland in der rum\u00e4nischen Stadt Turu gelegenen &#8211; Wohnblock an ihre Kindheit erinnern. Im rum\u00e4nischen Covasint f\u00e4hrt sie mit einer aus Deutschland stammenden abgenutzten Stra\u00dfenbahn und wei\u00df, dass man die auf den Reklameschildern verzeichneten M\u00f6bel, Autos und Versicherungen hier vergeblich sucht. In Arad Nou, der &#8218;Deutschenstadt&#8216;, entdeckt sie verwunschene H\u00e4user, \u201ceine Welt aus Bilderb\u00fcchern, die weit weg im Land meiner Kindheit schon vergangene M\u00e4rchen gewesen waren.\u201d<\/p>\n<p>Die Erkundung der Umgebung, aber auch ihre gelegentlichen Aufenthalte in der Stadt &#8211; womit in der Regel immer Budapest gemeint ist &#8211; sowie ihre Vergleich mit dem &#8218;fr\u00fcheren Land&#8216;, in dem sie gelebt hat, m\u00fcnden h\u00e4ufig in Reflektionen, die ihre Beobachtungen unterbrechen und gleichzeitig vervollst\u00e4ndigen. So beispielsweise, als sie sich am Bahnhof in Budapest an ihre erste Ankunft vor Jahren dort erinnert und das Gef\u00fchl der nicht mehr vorhandenen Fremde feststellt: \u201cEs gibt kein Weg zur\u00fcck aus dem Kennen ins Nichtkennen. Sehen, Erkennen, Erinnern ist das Verschlingen von Welt ins eigene Leben hinein. Jede erste Freude ist unwiederholbar, auch wenn es keinen Heimweg gibt.\u201d<\/p>\n<p>Die vielen Menschen, denen die Ich-Erz\u00e4hlerin in der Region begegnet, betrachtet sie offen und mit Respekt. Details aus dem Alltag und den Lebensumst\u00e4nden vieler der Bewohner werden dem Leser akzentuiert vermittelt. Auf diese Weise entstehen mal mehr, mal weniger starke Konturen der Figuren, die sich dem Leser nachdr\u00fccklich einpr\u00e4gen. Dazu geh\u00f6ren namenlos bleibende Figuren wie der Melonenw\u00e4chter, der sich auf Schlaflosigkeit verstand; der Fleischer mit dem &#8218;Schmerzensausdruck&#8216; in den Mundwinkeln, der streckenweise ganze Tage in der Kneipe vertrank oder &#8218;das schrille M\u00e4dchen&#8216; mit dem Kofferradio, das immer den Kopf zur Seite legte, wenn ihr ein Mann gefiel. Immer wieder begegnet auch der Akkordeonspieler, ein einsamer Mensch, dessen Leben \u201cden Kl\u00e4ngen seines Instruments und deren Zwischent\u00f6nen\u201d galt.<br \/>\nDann gibt es Rozalia, die auf den Feldern arbeitet oder in einer Fliesenfabrik Scherben aufkehrt und von einem Verliebten, vom Sommer und von der sch\u00f6nen Melonenernte erz\u00e4hlt. Schlie\u00dflich der Serbe Zoran mit dem &#8218;Gew\u00e4chs&#8216; im Kopf, der die Toten auf ungarisch z\u00e4hlt, als \u201cgeh\u00f6re sich das Reden von Toten nur in dieser Sprache\u201d.<br \/>\nEine besondere N\u00e4he und Vertrautheit entwickelt sich zwischen der Ich-Erz\u00e4hlerin und dem schweigsamen und in kurzen S\u00e4tzen sprechenden Attila, der gelegentlich an ihrem Haus Reparaturarbeiten verrichtet und ihr von seiner Arbeit in fremden L\u00e4ndern oder vom Tod seiner Mutter erz\u00e4hlt.<br \/>\nEinige Kapitel des Buches treten innerhalb des Erlebten der Ich-Erz\u00e4hlerin insofern besonders hervor, als dass hier Bewohner selbst zu Wort kommen &#8211; wie beispielsweise der Akkordeonspieler im letzten Kapitel &#8211; oder als dass Geschichten nahezu schwebend unwirklich anmuten, wie &#8218;der Fisch&#8216;, der an einem Sommermorgen mitten auf der Hauptstrasse liegt und allm\u00e4hlich verwest oder &#8218;der Apfelbaum&#8216;, in dessen Astgabeln ein Mann \u00fcber die Jahreszeiten verweilt.<\/p>\n<p>Viele der Kapitel lassen sich als in sich abgeschlossene Geschichten lesen, die sich jedoch zu einem Ganzen f\u00fcgen &#8211; tats\u00e4chlich zu einer Feier der Landschaft, wie es in der Verlagsvorschau hei\u00dft. Eine ruhige, melancholische und poetische Feier, an der man auch aus der Fremde aufgrund der Sprachkunst der Autorin mit allen Sinnen teilnehmen kann: \u201cIn den Zimmern zur Stra\u00dfe roch es nach Kuchen, nach den makellosen Marmorkuchen ferner Zeiten, ein Geruch, der in den H\u00e4keldecken sa\u00df&#8230;\u201d<\/p>\n<p>Die Autorin Esther Kinsky selbst zieht es immer wieder in ihr &#8218;mariatheresiengelbes Serbenhaus&#8216; in Battonya, hier in der ungarischen Banat-Region, wo sie vor einigen Jahren zum ersten Mal wei\u00dfe Mohnfelder gesehen hat und sich deshalb zum Bleiben entschied.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Roman Verlag: Matthes &amp; Seitz Berlin, 2011; ISBN: 978-3-882-21723-0 Bezug: Buchhandel, Preis: Euro 19,90 Die Ich-Erz\u00e4hlerin in Esther Kinskys neuem Roman &#8218;Banatsko&#8216; kommt an einem Sommertag in dem kleinen Dorf Battonya im s\u00fcdostungarischen Banat an. 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