{"id":4627,"date":"2018-11-22T09:20:56","date_gmt":"2018-11-22T09:20:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=4627"},"modified":"2019-01-10T12:21:24","modified_gmt":"2019-01-10T12:21:24","slug":"julia-schiff-hrsg-streiflichter-fenycsovak-lyrik-zweisprachig-ungarisch-deutsch","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=4627","title":{"rendered":"Rezension: Julia Schiff (Hrsg.): Streiflichter &#8211; F\u00e9nycs\u00f3v\u00e1k Lyrik: zweisprachig ungarisch-deutsch"},"content":{"rendered":"<p>Aus dem Ungarischen von Julia Schiff<br \/>\nVerlag Stiftung Lyrik Kabinett M\u00fcnchen \u201eBlaue B\u00fccher\u201c, 2018<br \/>\nISBN: 978-3-938776-47-6<br \/>\nBezug: Preis: 24,00 Euro<\/p>\n<p><em>von Gudrun Brzoska<\/em><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/cover_Streiflichter.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-4628\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/cover_Streiflichter.jpg\" alt=\"\" width=\"181\" height=\"279\" \/><\/a><br \/>\nGleich zwei Publikationen ungarischer Lyrik sind 2018 erschienen. Die erste, Irgendeine schwere Frucht, als Sonderheft der Literaturzeitschrift orte, hat die zeitgen\u00f6ssische ungarische Lyrik zum Thema. Dieses Heft, herausgegeben und \u00fcbersetzt von Anne-Marie Kenessey, habe ich unl\u00e4ngst besprochen.<br \/>\nHier liegt nun eine weitere Lyrik-Anthologie vor mir, die, sehr lesenswert, eine ganz private Auswahl von Julia Schiffs Lieblingslyrikern versammelt. Nur von einigen ist bisher ein eigenst\u00e4ndiger Gedichtband erschienen, z. Tl. ebenfalls \u00fcbersetzt von Julia Schiff. In den 1985er Jahren habe sie angefangen ungarische Lyrik zu \u00fcbersetzen, erz\u00e4hlt sie im Vorwort.<br \/>\nDie Sammlung kann nicht repr\u00e4sentativ sein, erm\u00f6glicht aber einen sch\u00f6nen Streifzug durch die neuere ungarische Dichtung, angefangen von J\u00e1nos Pilinszky, gestorben 1981, bis zu G\u00e1bor Lanczkor, der im gleichen Jahr geboren wurde. Schade, dass so wenige Frauen in diesen Band aufgenommen wurden. Auf Anhieb fallen mir ein: Zs\u00f3fia Balla, Krisztina T\u00f3th, Anna T. Szab\u00f3 und die in der Slowakei lebende Mila Haugov\u00e1. Das mag daran liegen, dass diese nicht von der Herausgeberin \u00fcbersetzt wurden \u2013 oder dass Verlage und Autorinnen die Gedichte nicht frei gegeben haben. Nur zwei der Dichter, Fenyvesi und Visky, stammen nicht aus dem heutigen Ungarn, sondern geh\u00f6ren zur sog. Ungarischen Minderheit im ehemaligen Gro\u00dfungarn, heute Serbien und Rum\u00e4nien. Auch hier h\u00e4tte ich mir einige Namen gew\u00fcnscht, welche die Besonderheit dieser Ungarn ausmacht.<br \/>\nDie Anthologie bietet ein Hineinschnuppern in die gro\u00dfe Tradition der ungarischen Lyrik, welche f\u00fcr viele Leser im deutschsprachigen Raum nach wie vor unerschlossen ist. Dazu kommt, dass Lyrik hier keinen so gro\u00dfen Stellenwert hat wie in Ungarn.<br \/>\nUmso sch\u00f6ner ist es, dass sich das Lyrik-Kabinett und Julia Schiff aufgemacht haben, eine weitere T\u00fcr aufzumachen zur ungarischen Lyrik.<br \/>\nIn ihrem Vorwort schreibt Julia Schiff, dass die Anthologie ein Schauplatz der Begegnung zwischen Gedicht und Leser sein soll und legt jeweils eine oder mehrere Gedichte von 5 Dichterinnen und 23 Dichtern vor, ab der 2. H\u00e4lfte des letzten Jahrhunderts. Sieben von ihnen &#8211; acht mit Cs\u00f3ori, der 2016 starb \u2013 leben schon nicht mehr.<br \/>\nDie Sammlung Streiflichter ist zweisprachig. (Nomen est omen: Die reiche ungarische Lyrikszene kann nur gestreift werden). Wo es n\u00f6tig erscheint, werden historische und kulturelle Bez\u00fcge in den Anmerkungen erkl\u00e4rt. Dabei m\u00f6chte ich anmerken: Ein ausf\u00fchrlicher Hinweis oder sogar eine Erkl\u00e4rung zur Entstehung des Gedichtes w\u00e4re hilfreich gewesen f\u00fcr den deutschen Leser, der weder Ungarns vergangene oder gegenw\u00e4rtige Geschichte im Bewusstsein hat, noch Gegebenheiten der ungarischen Minderheit vor \u2013und nach dem Wechsel, z. B. in Rum\u00e4nien oder Serbien. (Jugoslawienkrieg!)<br \/>\nIm Nachwort kommt Orsolya Kal\u00e1sz darauf zu sprechen, wie Julia Schiff Autoren und Gedichte ausw\u00e4hlt, indem sie sich von ihrer Intuition leiten l\u00e4sst: Sie muss sich mit dem Inhalt der Gedichte identifizieren k\u00f6nnen und habe sich die Freiheit genommen, diejenigen literarischen Texte zu \u00fcbertragen, die sie selbst begeistern. Sowohl f\u00fcr Deutsche auf Entdeckerreise, als auch f\u00fcr Ungarn, die sich f\u00fcr die klangvoll sch\u00f6ne Sprache begeistern, sei der Band gemacht. Die Autoren repr\u00e4sentieren drei aufeinanderfolgende Generationen und vertreten diese durch ma\u00dfgebliche Stimmen.<br \/>\nDer Band vereine Autoren, die durch jahrzehntelange politische Grabenk\u00e4mpfe in Ungarn getrennt wurden und trotz aller Differenzen durch die gleiche Tradition verbunden.<br \/>\n\u00c1rp\u00e1d Hudy macht uns mit einem kurzen Abriss der ungarischen Literatur bekannt. Angefangen bei der einzigartigen, jahrhundertealten Volksdichtung, den wichtigsten Protagonisten der ungarischen Dichtung das aufkeimende Interesse ausl\u00e4ndischer Wissenschaftler, Philosophen und Literaten zu Beginn des 18. Jahrhunderts, die Aufkl\u00e4rung und das radikale Gedankengut der franz\u00f6sischen Revolution, den Verlust eines Gro\u00dfteils seines Staatsgebietes an umliegende L\u00e4nder, die darauf folgende Zerst\u00fcckelung der bis dahin einheitliche ungarische Literatur. Hudy streift die Zeit des Kommunismus, die Zeit der \u201eNormalisierung\u201c unter K\u00e1d\u00e1r, welche die Lyrik mehr ins Private dr\u00e4ngte, da viele Dichter sich in die Isolation zur\u00fcck zogen. Nach der Wende wurden die Dichter zwar frei, verloren aber die staatliche Unterst\u00fctzung und die gesellschaftlich Achtung als moralische Stimme.<br \/>\nEs schlie\u00dfen sich biografische Notizen der Autoren an. Sie erscheinen etwas d\u00fcrftig; denn es ist weniger interessant, ob und wieviele Auszeichnungen ein Autor bekommen hat, sondern interessanter sind die Umst\u00e4nde unter denen er lebt(e) und schreibt.<br \/>\nIn diesem Zusammenhang: Es fehlen die Biografien von Julia Schiff, Orsolya Kal\u00e1sz und \u00c1rp\u00e1d Hudy.<br \/>\nDie Auswahl beginnt mit Pilinszky und seiner Hommage auf den gro\u00dfen Dichter Attila J\u00f3zsef. Und Nemes Nagy dichtet, dass wir alles zu wissen glauben, aber unsere Zeit steht still, wie in Frost erstarrt. Cs\u00f3ori verzweifelt in seinem Gedicht Dies ist also mein Land? (1996) an seinem Volk, das sich nicht aufrafft, sondern sich von \u201estolzen Kr\u00e4hen\u201c bewachen l\u00e4sst. Die Weltl\u00e4ufigkeit der Gedichte sind Erinnerungen oder Denkm\u00e4ler an andere K\u00fcnstler: M\u00e1rai, H\u00f6lderlin, F\u00fchmann (Dichter und \u00dcbersetzer), Bart\u00f3k, Van Gogh.<br \/>\nGern h\u00e4tte ich noch weitere Gedichte von Ott\u00f3 Orb\u00e1n gelesen, der mir bis dahin unbekannt war. Er vergleicht das Heute mit dem grausamen Mittelalter \u2013 und in Lieb Vaterland ist er seines Landes \u00fcberdr\u00fcssig. Die Rechtsordnung funktioniert nicht, die Demokratie kann sich nicht durchsetzen, es entschuldigt die Nazis der Vergangenheit. Die verbalen Attacken und die Ungarnt\u00fcmelei verabscheut er. Die \u00e4u\u00dfere T\u00fcnche kann nicht verbergen wie es im Inneren aussieht. Wie einst Bart\u00f3k w\u00fcnscht er Ungarn nach all seinen Revolutionen sch\u00f6n und herrlich zu sehen, treu einem besseren Ich.(2001). Wie er besch\u00e4ftigen sich auch andere Dichter mit der Wende-Zeit, mit verlassenen D\u00f6rfern \u2013 und doch bleiben die Bewohner stumpf-optimistisch, mit dem Unverm\u00f6gen des Westens, der nichts Neues zu bieten hat, au\u00dfer schillernder T\u00fcnche.<br \/>\nTrotz einiger kleiner M\u00e4ngel m\u00f6chte ich dem interessierten Leser diese Anthologie ganz herzlich empfehlen. Auch wenn sie keinen umfassenden \u00dcberblick \u00fcber die ungarische Lyrik und ihre Autorinnen und Autoren gibt, so \u00f6ffnet sie doch, wie gesagt, eine wichtige T\u00fcr f\u00fcr neugierige Leser.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus dem Ungarischen von Julia Schiff Verlag Stiftung Lyrik Kabinett M\u00fcnchen \u201eBlaue B\u00fccher\u201c, 2018 ISBN: 978-3-938776-47-6 Bezug: Preis: 24,00 Euro von Gudrun Brzoska Gleich zwei Publikationen ungarischer Lyrik sind 2018 erschienen. 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