{"id":4620,"date":"2018-08-06T13:21:33","date_gmt":"2018-08-06T13:21:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=4620"},"modified":"2018-08-06T13:21:33","modified_gmt":"2018-08-06T13:21:33","slug":"orte-nr-195-schweizer-literaturzeitschrift-irgendeine-schwere-frucht-neue-ungarische-lyrik","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=4620","title":{"rendered":"orte Nr. 195. Schweizer Literaturzeitschrift: Irgendeine schwere Frucht. Neue ungarische Lyrik"},"content":{"rendered":"<p><em><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/Irgendeine-schwere-Frucht_cover.png\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-4621 alignright\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/Irgendeine-schwere-Frucht_cover-214x300.png\" alt=\"\" width=\"130\" height=\"182\" srcset=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/Irgendeine-schwere-Frucht_cover-214x300.png 214w, http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/Irgendeine-schwere-Frucht_cover-768x1077.png 768w, http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/Irgendeine-schwere-Frucht_cover-730x1024.png 730w, http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/Irgendeine-schwere-Frucht_cover.png 900w\" sizes=\"(max-width: 130px) 100vw, 130px\" \/><\/a>Neue ungarische Lyrik<\/em><br \/>\n<em> Hrsg. und \u00fcbersetzt von Anne-Marie Kenessey.<\/em><br \/>\n<em> weitere \u00dcbersetzungen von Gy\u00f6rgy Buda, Orsolya Kal\u00e1sz &amp; Monika Rinck<\/em><br \/>\n<em> Verlag: orte, CH-9103 Schwellbrunnen<\/em><br \/>\n<em> ISBN: 978-3-85830-231-1<\/em><br \/>\n<em> Bezug: beim Verlag, Preis: 18,00 Euro<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>von Gudrun Brzoska:<\/em><\/p>\n<p>Zeitgen\u00f6ssische ungarische Lyrik!<\/p>\n<p>Im deutschsprachigen Raum ist sie wenig bekannt, sind doch eher Prosa-Texte gefragt. Dabei lohnt es, sich diese Lyrik einmal genauer anzuschauen. In Ungarn ist Lyrik immer noch hoch angesiedelt im literarischen Bewusstsein, doch auch hier wird immer h\u00e4ufiger zum Roman gegriffen. Der bekannte ungarische Schriftsteller Gy\u00f6rgy Dalos sagte mir einmal in einem Gespr\u00e4ch, ein echter Ungar habe mit 10 Jahren schon mindestens ein Gedicht gemacht. Inzwischen hat sich dieser Brauch wohl auch in Ungarn etwas ge\u00e4ndert. Auch hier sind Smartphone, Facebook und Instagram die angesagten Besch\u00e4ftigungen der jungen Leute. Wenn Gedichte, dann \u00fcbers Internet. Dieses Genre scheint zur Zeit zu boomen, die Zuh\u00f6rer sind schnell zu erreichen, k\u00f6nnen sofort antworten.<\/p>\n<p>Umso verdienstvoller ist es, dass die angesehene Schweizer Literaturzeitschrift \u201eorte\u201c, die sich haupts\u00e4chlich mit Lyrik besch\u00e4ftigt, fast ein ganzes Heft der neuen ungarischen Lyrik gewidmet hat. Gesammelt und zum allergr\u00f6\u00dften Teil \u00fcbersetzt von der Schweizerin mit ungarischen Wurzeln, Anne-Marie Kenessey.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte hier nicht auf einzelne Gedichte eingehen, wohl aber auf die sehr lesenswerte Einleitung zur ungarischen Literatur, insbesondere zur Lyrik, zu den interessanten Kurzbiografien der Dichterinnen und Dichter und zur Entwicklung der ungarischen Lyrik nach 1989, einem Gespr\u00e4ch der Herausgeberin mit G\u00e1bor Schein.<\/p>\n<p>Schon einmal, 1990, gleich nach der Wende, hatte der orte-Verlag ein Ungarn-Heft publiziert, \u201eUngarische Poeten\u201c. Unter dem Titel: \u201e Ihr sollt leben, lachen aus vollem Hals\u2026\u201c, versammelte der damalige Herausgeber und \u00dcbersetzer Andr\u00e1s S\u00e1ndor fast ausschlie\u00dflich nach dem ersten Weltkrieg geborene und noch lebende Autoren. Hier d\u00fcrfen, wie im neuen, vorliegenden Heft, alle ungarischen Lyriker zu Wort kommen die zum ehemaligen Mutterland geh\u00f6ren und heute zu den ungarischen Minderheiten in den angrenzenden L\u00e4ndern gez\u00e4hlt werden. S\u00e1ndor geht in seinem geschichtlichen R\u00fcckblick zur\u00fcck bis zur Zeit der t\u00fcrkischen Herrschaft in Ungarn, zur Doppelmonarchie, dem Trauma des 1. Weltkrieges mit dem Verlust von Zweidritteln seines Territoriums, zum 2. Weltkrieg und der anschlie\u00dfenden kommunistischen Herrschaft. Heute, das ist 1990, ist Ungarn frei, ohne Demonstration, ohne Revolution, ohne t\u00f6dliche Zwischenf\u00e4lle. Alle sind voller Hoffnung und Zuversicht. Von dieser Hoffnung und Zuversicht sei heute nur noch wenig zu sp\u00fcren, so Kenessey in ihrem Vorwort \u2013 und so auch G\u00e1bor Schein im Gespr\u00e4ch mit ihr.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst gibt auch sie dem Leser einen geschichtlich-politischen \u00dcberblick \u00fcber die Zeit vor und nach der Wende in Ungarn. Nach der Wende, dem \u201eSystemwechsel\u201c vertrauten nicht nur die Ungarn darauf, dass alles besser werden w\u00fcrde. Praktisch \u00fcber Nacht waren die Roten Sterne in Ungarn verschwunden, wurden freie Wahlen abgehalten, zogen 1991 die sowjetischen Besatzer ab, wurde Ungarn 1999 Mitglied der Nato. Es wurde wieder aufgebaut und renoviert. Doch die \u201eBelohnung\u201c, die Aufnahme in die EU erfolgte zu sp\u00e4t. Schon hatten sich westliche Firmen \u00fcberall \u2013 nicht nur in Ungarn, sondern im gesamten ehemaligen \u201eOstblock\u201c &#8211; breit gemacht, heimische Firmen vernichtet und viele Menschen in die Arbeitslosigkeit getrieben. Bei der Privatisierung der Wirtschaft kam es <em>\u201ezu einer Korruption ungekannten Ausma\u00dfes, die den Grundstein legte f\u00fcr die Korruption, die die Entwicklung des Landes bis heute hemmt.\u201c<\/em> Ungehemmte K\u00e4mpfe innerhalb und gegen die Parteien breiteten sich nicht nur im Land aus, sondern entzweiten ganze Familien. Inzwischen haben viele j\u00fcngere, gut ausgebildete Menschen das Land verlassen, um sich eine bessere Existenzgrundlage vornehmlich in \u00d6sterreich, der Schweiz, Deutschland, aber auch Gro\u00dfbritannien zu verschaffen. Die Demokratie wird immer mehr zur\u00fcck gedr\u00e4ngt, da ein aufgekl\u00e4rtes B\u00fcrgertum fehlt und die Gegens\u00e4tze zwischen Stadt und Land nach wie vor sehr gro\u00df sind.<\/p>\n<p>Hier hinein f\u00e4llt die immer noch gro\u00dfartige ungarische Literatur: <em>\u201eDie ungarische Gegenwartsliteratur zeichnet sich durch eine Dringlichkeit, Imagination, Bild- und Sprachkraft aus, die ihresgleichen suchen. Die Werke mehrerer ungarischer Prosaschriftsteller genie\u00dfen gro\u00dfe Aufmerksamkeit im deutschsprachigen Raum und z\u00e4hlen zur Weltliteratur. <\/em><\/p>\n<p>Die Herausgeberin konfrontiert uns in diesem Heft mit der allerneuesten Lyrik, mit Gedichten, die bis auf eines noch nirgendwo erschienen sind, unter anderen Ott\u00f3 Tolnai, Krisztina T\u00f3th, Istv\u00e1n Kem\u00e9ny, Tam\u00e1s J\u00f3n\u00e1s. Man darf also durchaus neugierig sein. Es sind elf Stimmen aus verschiedenen Generationen, Regionen und Stilrichtungen, Frauen und M\u00e4nner. Sie alle sind zwischen 1940 und 1989 geboren. Alle hier versammelten Autorinnen und Autoren schreiben auf Ungarisch und wurden ins Deutsche \u00fcbersetzt. <em>\u201eEin zweisprachiger Abdruck einiger ausgew\u00e4hlter Texte soll einen lebendigen Eindruck von der ungarischen Sprache vermitteln.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Auf diese Einleitung folgt eine kurze Charakterisierung der hier versammelten Dichterinnen und Dichter und jeweils eine Kurzbiografie.<\/p>\n<p>Hoch aufschlussreich erweist sich ein Gespr\u00e4ch zwischen Anne-Marie Kenessey und dem Literaturwissenschaftler, Romanautor und Lyriker G\u00e1bor Schein \u00fcber die Stellung der zeitgen\u00f6ssischen Lyrik in Ungarn. Schein gibt Auskunft \u00fcber die Wurzeln der ungarischen Lyrik, die sich nach wie vor \u2013 seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts auf franz\u00f6sische, deutsche und englische Einfl\u00fcsse beruft. Das komme daher, dass viele ungarische Literaten gleichzeitig \u00dcbersetzer seien und so einen guten Einblick in die ausl\u00e4ndische Literatur h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Seit dem Systemwechsel 1989 sei zwar die politische Wende markant, die Wende in der Lyrik aber nicht klar erkennbar. <em>\u201eSeit 1989 sind viele neue wichtige Lebenswerke entstanden, die Einfluss aus\u00fcben.\u201c <\/em>Die neue Generation (das sind haupts\u00e4chlich die in diesem Heft versammelten) von Literaten hat die ungarische Lyrik wesentlich weiterentwickelt und beeinflusst. Auch die noch J\u00fcngeren konnten sich eine eigene Sprache aneignen, vor allem hat sie einen sehr direkten Kontakt mit ihrem Publikum.<\/p>\n<p>G\u00e1bor Schein sieht die politischen und gesellschaftlichen Misserfolge, die auch in der Dichtung benannt werden, darin, dass die Politik sich aus der Gesellschaft zur\u00fcckgezogen habe. Die Gesellschaft habe Selbstvertrauen und die F\u00e4higkeit zur Solidarit\u00e4t verloren. Das sei ganz offenbar gewesen, als viele Menschen nach der Wende ihre Arbeit verloren h\u00e4tten und ihnen niemand solidarisch zur Seite gestanden habe. In diesem Zustand sei die Literatur immer weniger wichtig geworden, ganz anders als vor 1989, wo sie versuchte <em>\u201eArt von Wirklichkeit und politischer Freiheit herauszubuchstabieren. <\/em><em> Deshalb muss und soll die Literatur, und auch die Lyrik, versuchen, eine ganz andere innere Struktur der Sprache zu gewinnen. Ich denke an eine Sprache, die sich nicht auf dem Feld zu verifizieren versucht, wo auch politische Propaganda und Ideologie ihre Wirkung aus\u00fcben, sondern eine Sprache, die eine post-politische, post-ideologische Wirklichkeitswahrnehmung m\u00f6glich macht.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Ob die Lyriker dieses Heftes dabei sind, diese Sprache zu finden, das m\u00fcssen Sie, liebe Leser selbst herausfinden. Ich kann diese Auswahl der zeitgen\u00f6ssischen Lyrik Ungarns nur empfehlen.<\/p>\n<p>Im Heft zu finden ist au\u00dferdem eine ganz pers\u00f6nliche Bestenliste von Zsuzsanna Gahse, selbst eine Schweizer Dichterin, Schriftstellerin und \u00dcbersetzerin mit ungarischen Wurzeln, deren Werke ich hier schon einige Male vorgestellt habe. Darunter sind Lyrik- und Prosab\u00e4nde. Wer sich die Zeit nimmt, diese zu lesen (manche, wie z. B. Garaczi <em>\u201ePikasso sieht rot\u201c<\/em> nur noch im Antiquariat erh\u00e4ltlich), hat damit eine recht gute Einf\u00fchrung in die ungarische Literatur geworden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neue ungarische Lyrik Hrsg. und \u00fcbersetzt von Anne-Marie Kenessey. weitere \u00dcbersetzungen von Gy\u00f6rgy Buda, Orsolya Kal\u00e1sz &amp; Monika Rinck Verlag: orte, CH-9103 Schwellbrunnen ISBN: 978-3-85830-231-1 Bezug: beim Verlag, Preis: 18,00 Euro &nbsp; von Gudrun Brzoska: Zeitgen\u00f6ssische ungarische Lyrik! 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