{"id":4549,"date":"2018-06-19T14:03:29","date_gmt":"2018-06-19T14:03:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=4549"},"modified":"2019-01-10T12:23:15","modified_gmt":"2019-01-10T12:23:15","slug":"nadj-abonji-melinda-schildkroetensoldat","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=4549","title":{"rendered":"Rezension: Nadj Abonji, Melinda &#8211; \u201eSchildkr\u00f6tensoldat\u201c"},"content":{"rendered":"<p><em>Roman<\/em><br \/>\n<em> Verlag\u00a0 Suhrkamp Berlin 2017<a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/cover_Schildkr\u00f6tensoldat.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright wp-image-4550\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/cover_Schildkr\u00f6tensoldat-181x300.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"249\" srcset=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/cover_Schildkr\u00f6tensoldat-181x300.jpg 181w, http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/cover_Schildkr\u00f6tensoldat.jpg 301w\" sizes=\"(max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><\/a><\/em><br \/>\n<em> ISBN: 978-3-518-42759-0<\/em><br \/>\n<em> Bezug: Buchhandel, Preis: 20,00 Euro<\/em><\/p>\n<p><em>von Gudrun Brzoska<\/em><\/p>\n<p>Sieben Jahre nach ihrem zweiten Roman bildet die Heimat der Autorin wieder die Folie f\u00fcr das neue Buch: 1992, der Jugoslawienkrieg ist noch in vollem Gange, das Massaker in Vukovar hat bereits stattgefunden, als Anna, die Lieblingscousine des \u201eSchildkr\u00f6tensoldaten\u201c Zolt\u00e1n, genannt Zoli, zur\u00fcck in ihre serbische Heimat f\u00e4hrt. Er war wegen dieses Krieges gestorben, aber nicht \u201eauf dem Feld der Ehre\u201c, als Held, wie es seine Mutter gern gesehen h\u00e4tte, sondern ganz prosaisch, zu Hause, bei einem epileptischen Anfall, an einem St\u00fcck Brot erstickt, kaum 22 Jahre alt.<\/p>\n<p>Vier Monate nach seinem Tod ist Anna nichts anderes mehr wichtig, nicht ihr Freund Serge, dem sie davon nichts erz\u00e4hlen kann, nicht ihre Lehrt\u00e4tigkeit in Z\u00fcrich. Sie will und muss nach Jugoslawien, muss sich selbst ein Bild machen vom Sterben ihres Cousins. Viele St\u00e4dte sind inzwischen \u201eethnisch ges\u00e4ubert\u201c und Vukovar fast v\u00f6llig zerst\u00f6rt. Die Landschaft ist noch immer \u201eunertr\u00e4glich sch\u00f6n\u201c und jagt ihr den Puls in die H\u00f6he \u201eweil das Blau blau bleibt, obwohl die Sonne untergeht. \u00a0\u2013 und nur ein paar Kilometer weiter entfernt wird geschossen, gemordet, Befehle werden ausgef\u00fchrt, und nichts und niemand und keine Sch\u00f6nheit hat offenbar die Kraft, auch nur einen Schuss zu verhindern. \u00a0Jugoslawien, das Land, in dem du geboren und aufgewachsen bist, existiert nicht mehr.\u201c<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Fahrt erinnert sie sich an Zolis Kindheit und Jugend, sieht ihren Cousin als kleinen Jungen dastehen, schmutzig, vertr\u00e4umt, aber mit aufmerksamen blauen Augen. Sie \u00fcberlegt, wie das mit seinen Augen war: \u201e\u00a0wie alles in Zolis Augen hineinfloss, ungehindert, ungefiltert. Er nahm alles auf, was da war, und dazu geh\u00f6rte auch das Verborgene, das, was im Verborgenen bleiben sollte. Sein Blick wusste etwas, was wir anderen nicht wussten.\u201c Zoli f\u00fchlte sich im Garten am wohlsten, vor allem liebte er seinen Hund Tango.<\/p>\n<p>Vor Jahren hatte sie ihn zum letzten Mal gesehen \u2013 oder vielleicht erst gestern, im Traum? Obwohl sie \u00e4lter war als er, war er ihr immer etwas unheimlich gewesen; gleichzeitig war sie fasziniert von ihm, seinem geheimnisvolles Wesen, seiner \u00fcberbordende Fantasie. Zoli war das Kind ihrer Tante Zorka. Es ist schmutzig bei ihnen, sie und ihr Mann Lajos, ein \u201eHalbzigeuner\u201c, sind arm, sie streiten, fluchen, trinken. Der kleine Junge nannte seine Cousine Hanna und setzte voraus, dass sie ihn verstand: \u201edas \u00bbH\u00ab ist die feinste M\u00f6glichkeit, sich hinzusetzen, sich auszuruhen.\u201c<\/p>\n<p>Zoli ist also unser Held \u2013 eigentlich ein Anti-Held. Um ihn, um sein Leben und Sterben dreht es sich in diesem Requiem. Er selbst erz\u00e4hlt sein Leben in einem Monolog, ohne Punkt, immer wieder unterbrochen von Worten in Gro\u00dfbuchstaben. Er erz\u00e4hlt nicht atemlos, sondern mit Pausen, mit Zwischenr\u00e4umen, leiser Selbstironie ohne Beleidigtsein. Es ist das Leben eines Kindes und jungen Mannes, der anders ist, ein wenig zur\u00fcckgeblieben, dem die Schule Schwierigkeiten macht, der aber W\u00f6rter liebt und herauszufinden versucht, was hinter ihnen steckt. Er nimmt sie auseinander, versteckt sich in ihren Zwischenr\u00e4umen, setzt sie wieder fantasievoll zusammen. Und er hat Hefte voller Kreuzwortr\u00e4tsel, f\u00fchlt sich als \u201eK\u00f6nig aller Kreuzwortr\u00e4tsel\u201c.<\/p>\n<p>Sein Vater meinte, damals habe alles angefangen, der Anfang vom Ende, als er \u201ewie ein Mehlsack\u201c vom Motorrad gefallen sei, ohne dass sein Vater es gemerkt habe. Der Junge war bei einem B\u00e4cker in die Lehre gegangen, der hatte ihn auf den Kopf geschlagen, bis er ohnm\u00e4chtig wurde. Weder Zoli, noch der B\u00e4cker lie\u00dfen etwas davon verlauten. Doch von da an konnte ihn der B\u00e4cker \u201eleider\u201c nur noch als Hilfsarbeiter im Lager besch\u00e4ftigen. Der Junge war ein sanftm\u00fctiger Mensch, doch immer, wenn er sich total missverstanden f\u00fchlte, wenn er mit Gewalt aus seiner Welt herausgerissen wurde, rastete er aus und schrie w\u00fctend alles aus sich heraus, was die Menschen um ihn herum nicht verstehen wollten. Sein Vater sagte, dass er von diesem Tag an \u201ebl\u00f6d geworden\u201c sei \u201ewie eine Kanone\u201c. Da f\u00e4llt es zum ersten Mal, das \u201eKriegswort\u201c, Kanone. Und dass eine Kanone bl\u00f6d sei. Warum? Weil sie auf Menschen schie\u00dft? Aber bl\u00f6d war Zoli \u00fcberhaupt nicht. Er machte sich \u00fcber Vieles Gedanken \u2013 und wahrscheinlich auch \u00fcber Wichtigeres und Elementareres, als seine Mitmenschen. Dabei war er meist fr\u00f6hlich, ja, mit kleinen Dingen gl\u00fccklich und zufrieden. Das aber konnte seine Umgebung, konnten seine Eltern nicht verstehen, dass er nicht h\u00f6her hinaus wollte, dass er es am sch\u00f6nsten fand, in seinem geliebten Garten zu sitzen, Pflanzen, Tieren, Himmel und Wolken zuzuschauen und dar\u00fcber nachzudenken. Er weinte, wenn er ungl\u00fccklich war, Angst hatte \u2013 oder wenn man ihn nicht verstand. \u201eKert\u00e9sz\u201c \u2013 ein sprechender Name \u2013 zu Deutsch: G\u00e4rtner.<\/p>\n<p>Der Vater jammerte dar\u00fcber, wie der Sohn ihn h\u00e4tte \u201eretten\u201c k\u00f6nnen, retten mit einem anst\u00e4ndigen Beruf. \u201emein Vater h\u00e4tte sein Zigeunerblut an meinem wei\u00dfen Beruf abgewaschen, jeden Tag, wir w\u00e4ren nicht mehr \u00a0Dreck, das Vieh, Eingeweide und H\u00fchnerf\u00fc\u00dfe, gestohlenes Brennholz, Kaffeesatz und Klimbim gewesen\u201c. Seine Mutter, die es mit der ehelichen Treue nicht so genau nimmt \u2013 und die nach dem Wunsch ihres Vaters ein Junge h\u00e4tte sein sollen \u2013 w\u00fcnschte sich ihrem Sohn als richtigen Kerl, als Helden, zu dem alle aufschauten. Aber diese W\u00fcnsche konnte Zoli seinen Eltern nicht erf\u00fcllen. Er konnte sie nicht retten, wie er sp\u00e4ter einsah. Seit seinem Sturz \u00fcberfiel ihn immer wieder ein Flattern, ein Schl\u00e4fenzittern, eine Schreckhaftigkeit, die doch f\u00fcr einen jungen Kerl \u201enicht normal\u201c sein konnte. \u201ewenn es geschieht, meine Gedanken dr\u00fccken sich an die W\u00e4nde meines Kopfes, und ich bin ich ohne Zoli\u201c.<\/p>\n<p>Er erz\u00e4hlt weiter von seinem Soldatenleben in Zrenjanin (eine Stadt, ganz in der N\u00e4he von Nadj Abonjis Heimatort Becsej, in der Vojvodina). \u201esie haben mich geholt, sie haben mich mit Stiefelf\u00fc\u00dfen geholt, nachts, ich habe die Nacht aufgeweckt mit meinem Schreien, mit meiner Katzenmusik, dem Gejammer eines unreifen Mannes \u201c Und er hatte sich geduckt, in seinen Schildkr\u00f6tenpanzer zur\u00fcck gezogen, aber es hatte ihm nichts genutzt, auch nicht sein Protest, es sei doch Krieg! Der Vater meinte, du kommst in die Kaserne, sie trainieren dich da, und die Mutter fl\u00f6tete, einen richtigen Mann machen sie aus dir, einen Helden, wie ihn die Lieder besingen.<\/p>\n<p>Die ersten Tage waren schrecklich, er konnte keine Gedanken fassen, das Schnarchen seiner Zimmergenossen st\u00f6rte ihn, ein Probealarm, den er nicht als solchen verstand, wie er vieles nicht verstand, weil es eigentlich gegen den gesunden Menschenverstand ging und nur milit\u00e4rischer Drill, Gehorsam und ein Brechen des Willens gefordert war. Sie wurden \u201egeschliffen\u201c. Beim K\u00fcchendienst lernte er einen Kameraden kennen, Jen\u0151. Auch er ein Au\u00dfenseiter, \u201eFettsack\u201c, wurde er geh\u00e4nselt. Er war dick \u2013 aber gescheit. Und er verstand Zoli \u2013 meistens -. Er half ihm, er beruhigte ihn: \u201eoh ja, wenn nicht dieser eine namens Jen\u0151 gewesen w\u00e4re, f\u00fcr jeden Menschen muss es doch wenigstens einen Jen\u0151 geben!\u201c<\/p>\n<p>\u201eNach den Schie\u00df\u00fcbungen, nach den schlaflosen N\u00e4chten waren meine Z\u00e4hne Stricknadeln, aber nicht die Stricknadeln meiner Gro\u00dfmutter, ich habe geklappert und nichts gestrickt, ich habe geklappert und gejammert.\u201c Jen\u0151 erkl\u00e4rte ihm die Situation: \u201ein unserer Zeit brauchen sie uns f\u00fcr ihr Naturgesetz, den Krieg! und weil sie dich daf\u00fcr brauchen, mein Freund, sollst du ein Bl\u00f6dmann werden, ein Hasser \u2013 du sollst ein Frustrierter werden, der es nicht merkt, einer der tagelang marschiert, sich im Schlamm w\u00e4lzt und dann mit hei\u00dfem Gesicht salutiert. \u00a0Zeig deine Furcht nicht, Zoli, aber behalt sie immer in dir, das muss unser Naturgesetz sein, unser einziges, kapiert?\u201c Der Freund brachte damit die ganze Unsinnigkeit des milit\u00e4rischen Drills auf den Punkt. Dabei wurde ihnen t\u00e4glich vorgelogen, dass sie sich auf den Frieden vorbereiteten. Dazu brauchten sie aber zuerst den Krieg. \u201ein der Armee, gibt es S\u00e4tze, die fangen irgendwo an und h\u00f6ren woanders auf, und zwischen den W\u00f6rtern gibt es keine einzige Verschnaufpause.\u201c erkannte Zoli.<\/p>\n<p>Die anderen Kameraden identifizierten sich inzwischen ganz und gar mit dem Machtwillen des Milit\u00e4rs: \u201eKert\u00e9sz, wir bauen an einem neuen Staat, und jeder von uns ist wichtig, \u00a0mit einem gro\u00dfen Schritt machen wir Vukovar platt, in Reih und Glied marschieren wir, wirbeln Staub auf, weil sie n\u00e4mlich noch existiert, die Jugoslawische Volksarmee! \u00a0wir haben unsere eigene Zeit und die hei\u00dft siegen!\u201c<\/p>\n<p>Auch Zoli und Jen\u0151 hatten sich bereits von diesem \u201eBefehl ist Befehl\u201c anstecken lassen und erschlugen eines Nachts w\u00e4hrend ihres Wachdienstes einen Hund, denn sie waren angewiesen, niemanden durchzulassen. Beide wussten, <strong>das<\/strong> ist der Anfang vom Ende und sch\u00e4mten sich. Jen\u0151 erkl\u00e4rte, dass dieser Krieg die Fortsetzung des Ersten Weltkrieges sei \u2013 und dass die M\u00fctter ihren Kindern zwischen den Kinderliedern Kriegslieder ins Hirn s\u00e4ten. Darum w\u00fcrde es nie ein Ende geben. Er wusste, dass es bald gegen Vukovar gehen w\u00fcrde, wo seine Verwandten und Freunde lebten, dass es kein Ausweichen geben und dass sie sich gegenseitig abschlachten w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Eine weitere Schikane: Zoli sollte f\u00fcr die ganze Kompanie in einer Nacht 756 Pfannkuchen backen. In seiner M\u00fcdigkeit und Angst sah er aus allen vorbereiteten Pfannkuchenkugeln echte Kugeln werden \u2013 Pfannkuchen-Kugel-Gescho\u00dfe! Er sah die ganze Kompanie vor sich \u2013 756 Namen, die verschwanden \u2013 alle gleich und doch voneinander getrennt &#8211; ausgel\u00f6scht von Kugeln \u2013. Wenn Jen\u0151 ihm nicht heimlich geholfen h\u00e4tte!<\/p>\n<p>Die Situation spitzte sich immer mehr zu. Mit 24 weiteren Rekruten mussten sie einen Marsch antreten, sollten dabei einen neuen Rekord aufstellen. Bald schon konnte Jen\u0151 nicht mehr und wurde an Zolis Rucksack festgebunden, der ihn hinter sich herzog. Mehrmals baten sie, Jen\u0151 ausruhen zu lassen, doch der Leutnant befahl den Weitermarsch. Bis Jen\u0151 buchst\u00e4blich umfiel und kurz darauf starb: Frigyes Jen\u0151 \u2013 22 Jahre alt -. Der Kommandant hatte Zoli noch eingesch\u00e4rft, er habe die Verantwortung f\u00fcr seinen Kameraden. Wie kann man Verantwortung haben, wenn es keinen Ausweg au\u00dfer dem Befehl des Marschierens gibt? Zoli wird sich sp\u00e4ter Vorw\u00fcrfe machen, dass er nicht einfach stehen geblieben war. Er f\u00fchlte sich schuldig am Tod des Freundes. Zun\u00e4chst aber rastete er aus, schlug auf den Leutnant, auf den Kommandanten ein, \u201everw\u00fcnscht alle Dekorierten in einem langen Fluch\u201c \u2013 und musste doch weitermarschieren. Danach erhielt er selbstverst\u00e4ndlich Arrest, wurde mit einem Trichter zwangsern\u00e4hrt, weil er vor Kummer nicht mehr essen konnte und wurde schlie\u00dflich gebrochen ins Milit\u00e4rkrankenhaus eingeliefert.<\/p>\n<p>Niemand mehr besuchte die Familie \u2013 mit einem Idioten als Sohn. Niemand sagte es, doch er wusste es. Inzwischen war er wieder zu Hause, sprach nicht, kritzelte in sein R\u00e4tselheft, \u201eich bin ich ohne Zoli\u201c \u2013 zog sich in seinen Panzer zur\u00fcck. Ein Amt hatte geschrieben, dass er nicht bei der Arbeit arbeitsunf\u00e4hig geworden sei \u2013 und ihm deshalb keine Invalidenrente zust\u00fcnde.<\/p>\n<p>In Serbien angekommen, wird Anna immer wieder von Angst und Panikattacken \u00fcberfallen. Dagegen hilft Xanax, ein Psychopharmakon, von dem sie immer h\u00e4ufiger ein St\u00fcckchen abbei\u00dfen muss, um sich zu beruhigen. Der Zutritt zur Kaserne von Zrenjanjin, wo Zolis Sterben begonnen hatte, wird ihr als Frau verwehrt. Sp\u00e4ter fragt sie Zolis Mutter, warum sie den Jungen zum Milit\u00e4r gelassen h\u00e4tten. Doch diese antwortet, hier w\u00fcrde der Lauf der Welt regieren. Aus Zoli h\u00e4tte was werden k\u00f6nnen \u2013 aber der Lauf der Welt habe das nicht vorgesehen. \u201e\u00a0Zoli h\u00e4tte wenigstens in Uniform sterben k\u00f6nnen, im Einsatz. \u2013 Dann h\u00e4tte es eine echte Zeremonie gegeben, \u00a0\u2013 Kr\u00e4nze h\u00e4tte es gegeben, zuhauf, auf seinem Sarg. Und die Milit\u00e4rkapelle spielt einen Trauermarsch. \u2013 Achttausend Granaten t\u00e4glich, das gab\u2019s in Vukovar! Und keinen einzigen Helden!\u201c<\/p>\n<p>Als sie zu seinem Grab geht, bemerkt sie, dass ein Kreuzweg daran vorbei f\u00fchrt. Sie w\u00e4hlt eine Gladiole aus dem Strau\u00df und schreibt mit dem Stiel auf den Boden, sieht zu, wie die Buchstaben einsickern, die feuchte Erde beleben. \u201eDas Geschriebene \u2013 ein Rinnsal Sinn.\u201c<\/p>\n<p>Zoli ist \u201eder reine Tor\u201c, der kindlich und unverstellt die Welt mit seinen blauen Augen anschaut. Er bringt es auf den Punkt, wenn er direkt und undiplomatisch Wahrheiten ausspricht, die auf der Hand liegen, jedoch nicht gesehen werden sollen.<\/p>\n<p>Anna hat wohl einige Z\u00fcge der Autorin. Zumindest hat sie die gleiche Heimat in Serbien und das gleiche neue Zuhause in Z\u00fcrich.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend ich das Buch \u00fcber eine grausame Vergangenheit lese, holt mich die ebenso grausame Gegenwart ein: Unsere eigenen Soldaten werden oft genug ebenso unerbittlich zu Gewaltm\u00e4rschen getrieben, bis einige zusammenbrechen. Auch hier \u2013 in unserer Demokratie \u2013 wird H\u00e4rte mit Schikane verwechselt. Und noch viel erschreckender der gegenw\u00e4rtige Krieg in Syrien: Auch hier vor wenigen Tagen das Urteil \u00fcber Ost-Ghuta, wie vor dem Gemetzel in Vukovar: Auch Zivileinrichtungen sollen so lange bombardiert werden, bis sich die Rebellen ergeben.<\/p>\n<p>Nadj Abonjis Roman w\u00fchlt auf und macht betroffen. Der Leser ist mittendrin \u2013 gebannt nicht nur vom Text, sondern auch von der Sch\u00f6nheit und Unverwechselbarkeit der Sprache. Der Roman zeigt das \u00fcberhebliche Verhalten des \u201enormalen\u201c Menschen einem scheinbar \u201eZur\u00fcckgebliebenen\u201c gegen\u00fcber und ist gleichzeitig ein eindringlicher Appell, sich sinnlosen Schlagworten und Befehlen zu verweigern; das T\u00f6ten verweigern, dem Krieg entgegensteuern \u2013 notfalls mit Fantasie, Glauben und Vertrauen. Sich noch etwas w\u00fcnschen k\u00f6nnen, wie Zoli es sich w\u00fcnschte: Himmel, Sonne, Garten, Pflanzen und Tiere \u2013 das Gl\u00fcck. Ein besitzloses W\u00fcnschen, das seinen Eltern und seiner ganzen Umwelt schon seit Langem abhanden gekommen war.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Roman Verlag\u00a0 Suhrkamp Berlin 2017 ISBN: 978-3-518-42759-0 Bezug: Buchhandel, Preis: 20,00 Euro von Gudrun Brzoska Sieben Jahre nach ihrem zweiten Roman bildet die Heimat der Autorin wieder die Folie f\u00fcr das neue Buch: 1992, der Jugoslawienkrieg ist noch in vollem &hellip; <a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=4549\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":5,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[379],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4549"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/5"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4549"}],"version-history":[{"count":5,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4549\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4695,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4549\/revisions\/4695"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4549"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4549"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4549"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}