{"id":4530,"date":"2018-04-05T20:06:04","date_gmt":"2018-04-05T20:06:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=4530"},"modified":"2018-08-02T14:32:44","modified_gmt":"2018-08-02T14:32:44","slug":"lenard-sandor","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=4530","title":{"rendered":"L\u00e9n\u00e1rd, S\u00e1ndor"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u00dcber den Autor:<\/strong><\/p>\n<p><em>von Gudrun Brzoska<\/em><\/p>\n<p>Im Anhang schreibt Ern\u0151 Zeltner eine Biografische Notiz, welche ich mit den Daten aus Gy\u00f6rgy Dalos\u2018 Essay am Ende des Buches und mit einem Teil der ausf\u00fchrlichen Bemerkungen von P\u00e9ter Sikl\u00f3s erg\u00e4nzen m\u00f6chte:<\/p>\n<p>S\u00e1ndor L\u00e9n\u00e1rd wurde am 9. Mai 1910 in Budapest geboren. Er hatte noch eine j\u00fcngere Schwester, Johanna, und einen Bruder Carl, der 1944 ermordet wurde. Ihm hat er eine ganze Reihe von Gedichten gewidmet. Der Ausbruch des 1. Weltkrieges ver\u00e4nderte das gl\u00fcckliche Leben der Familie von Grund auf. Der Vater wurde eingezogen, geriet in Gefangenschaft und kam erst Anfang 1919 wieder nach Hause.<\/p>\n<p>Mittellos und im Gefolge der kurzen R\u00e4terepublik auch arbeitslos, zog der Vater mit S\u00e1ndor nach Wien, w\u00e4hrend die Mutter mit der j\u00fcngeren Schwester vorerst in Budapest blieb. S\u00e1ndor war sehr sportlich, aber auch sprachbegabt und dichterisch veranlagt. Schon als Sch\u00fcler \u00fcbersetzte er die ungarischen Lyriker Pet\u0151fi und Heltai ins Deutsche und versuchte Goethes Faust ins Ungarische zu \u00fcbertragen.<\/p>\n<p>1928, nach dem Abitur schwankte er lange, in welche Fakult\u00e4t er sich einschreiben solle, entschied sich schlie\u00dflich f\u00fcr Medizin. Er reiste viel als Student, lernte Sprachen, studierte die F\u00e4cher seiner Neigung, Philologie und Philosophie in den Bibliotheken. 1936 heiratete er seine erste Frau, von der er einen Sohn, Hans-Gerd bekam. Es ist nicht bekannt, ob er sein Arztdiplom machte. Die Literatur zog ihn st\u00e4rker an (Sikl\u00f3s). Er \u00fcbersetzte viel, gab mit anderen schreibenden Medizinern eine Gedichtsammlung heraus.<\/p>\n<p>Im Sp\u00e4tsommer 1938 emigrierte er nach Rom, nachdem er seine Studentenverbindung hatte verlassen m\u00fcssen und erkannt hatte, dass f\u00fcr j\u00fcdische Mitb\u00fcrger kein Platz mehr in \u00d6sterreich war.<\/p>\n<p>Diana traf er 1942 in einem r\u00f6mischen Verlag, wo sie als Sekret\u00e4rin arbeitete. Wegen seiner fehlenden Papiere konnten sie erst 1950 heiraten. Anfang 1946 bekam Diana einen Sohn \u2013 L\u00e9n\u00e1rd musste jetzt f\u00fcr drei sorgen.<\/p>\n<p>Alle seine Kenntnisse und jede Gelegenheit zum Brotverdienen nutzte er. Er warHeiler, Fremdenf\u00fchrer, \u00dcbersetzer, Schriftsteller und Musikus.<\/p>\n<p>Die instabilen politischen Verh\u00e4ltnisse, sowie der sich zuspitzende Ost-West-Konflikt lie\u00dfen in der kleinen Familie die \u00dcberzeugung aufkommen, dass Italien nicht weiter das Land ihrer Zukunft sein konnte. Am 15. Februar 1952 gingen die L\u00e9n\u00e1rds nach 14t\u00e4giger Schiffsreise in Rio de Janeiro an Land.<\/p>\n<p>Im franz\u00f6sisch-brasilianischen Unternehmen einer Bleimine kam der Arzt als Feldscher unter. Au\u00dferhalb seiner Arbeitszeit fungierte er als Unfallchirurg, Geburtshelfer, Kinderarzt, Krankenpfleger und in vielen weiteren Aufgaben. Schon ein Jahr sp\u00e4ter verlie\u00df er den krankmachenden vergifteten Ort. Von 1953-56 stieg er bei dem Chirurgen Dr. Egberto Silva in S\u00e3o Paulo als Assistenzarzt ein.<\/p>\n<p>Ein wichtiges Ereignis fiel in diese Zeit: 1955 gewann er in einem Fernsehquiz mit seinem Spezialgebiet Johann Sebastian Bach 200 000 Cruzeiros. Damit war er in der Lage, sich ein Haus im klimatisch g\u00fcnstigeren Tal von Blumenau zu bauen und eine \u201eDschungel-Apotheke\u201c einzurichten.<\/p>\n<p>1968 unterrichtete er einige Zeit in den USA an einem College Latein und Altgriechisch. W\u00e4hrend dieser Zeit wurde er f\u00e4lschlich als KZ-Arzt Dr. Mengele verd\u00e4chtigt. Doch schnell wurde er rehabilitiert, da sich Bekannte, Freunde und Patienten f\u00fcr ihn einsetzten.<\/p>\n<p>Am 13. April 1972 starb der Autor und Arzt an einem Herzinfarkt. Voraussichtig hatte er seine eigene Todesnachricht in mehrsprachigen illustrierten Anzeigen verfasst. Und wie er es sich gew\u00fcnscht hatte, erklang an seinem Grab in Dona Emma die h-Moll-Messe von Bach.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>L\u00e9n\u00e1rd schrieb einige B\u00fccher, die vor den 2000er Jahren auch in Deutschland erschienen: \u201eEin Tag im unsichtbaren Haus\u201c, \u201eDie Kuh auf dem Bast\u201c, \u201e7 Tage Babylon\u201c. Dazu ein Kochbuch \u201eDie R\u00f6mische K\u00fcche\u201c. \u201eR\u00f6mische Geschichten\u201c hat er auf Deutsch und Ungarisch geschrieben. Auch Gedichte sind von ihm erhalten, dazu einige Aufs\u00e4tze in Zeitungen. Was noch fehlt, sind seine Briefe an seine S\u00f6hne auf Deutsch.<\/p>\n<p>Neben eigener Dichtung hat S\u00e1ndor L\u00e9n\u00e1rd auch einige wichtige Werke \u00fcbersetzt, so z. B. <em>\u201eDas Halsband der K\u00f6nigin\u201c<\/em> (\u00fcber Marie Antoinette) von Antal Szerb. Dar\u00fcber kam er mit der Witwe Kl\u00e1ra Szerb in Korrespondenz. Sie ermunterte ihn zu weiteren eigenen B\u00fcchern, u.a. zu \u201e<em>R\u00f6mische Geschichten\u201c<\/em> und \u201e<em>Ein Tag im unsichtbaren Haus\u201c<\/em>.<\/p>\n<p>In einigen Rezensionen habe ich gelesen, wie gern die Rezensenten noch Weiteres von L\u00e9n\u00e1rd lesen w\u00fcrden. Ich auch! Es w\u00e4re sicher eine verlegerische Tat, weitere B\u00fccher von L\u00e9n\u00e1rd, der unbestreitbar ein gro\u00dfes schriftstellerisches Talent besa\u00df und mitrei\u00dfend und kurzweilig erz\u00e4hlen konnte, zu publizieren &#8211; sowohl diejenigen B\u00e4nde neu aufzulegen \u2013 man m\u00fcsste sie nicht einmal \u00fcbersetzten \u2013 die es hier schon einmal gab, als auch noch im Deutschen unbekannte, aufzusp\u00fcren.<\/p>\n<p>Wie Gy\u00f6rgy Dalos schreibt, hat der Autor auch in seinem Heimatland Ungarn noch nicht den ihm geb\u00fchrenden Stellenwert gefunden. Da das Deutsche der ungarischen Literatur oft den Weg ebnet(e), k\u00f6nnte hier einmal mehr eine Vorreiterrolle gespielt werden.<\/p>\n<p>Sein gr\u00f6\u00dfter Erfolg war aber zweifellos die \u00dcbersetzung von A.A. Milnes Kinderbuch <em>\u201eWinne-the-Pooh<\/em>\u201c ins Lateinische. 1960 stand das Buch zwanzig Wochen auf der Bestsellerliste der New York Times. Damals wurde halt noch Latein gelernt \u2013 auch in Amerika!<\/p>\n<ul>\n<li><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=4519\">Am Ende der Via Condotti. Roman. Verlag Deutscher Taschenbuch Verlag, 2017. ISBN: 978-3-423-28112-6<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber den Autor: von Gudrun Brzoska Im Anhang schreibt Ern\u0151 Zeltner eine Biografische Notiz, welche ich mit den Daten aus Gy\u00f6rgy Dalos\u2018 Essay am Ende des Buches und mit einem Teil der ausf\u00fchrlichen Bemerkungen von P\u00e9ter Sikl\u00f3s erg\u00e4nzen m\u00f6chte: S\u00e1ndor &hellip; <a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=4530\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":5,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1,376],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4530"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/5"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4530"}],"version-history":[{"count":5,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4530\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4604,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4530\/revisions\/4604"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4530"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4530"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4530"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}