{"id":4515,"date":"2018-04-05T14:44:02","date_gmt":"2018-04-05T14:44:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=4515"},"modified":"2018-08-02T14:34:13","modified_gmt":"2018-08-02T14:34:13","slug":"tibor-noe-kiss-stumme-wiesen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=4515","title":{"rendered":"Kiss, Tibor No\u00e9  &#8211; \u201eStumme Wiesen\u201c"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_4516\" style=\"width: 190px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/cover-Stumme-Wiesen.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-4516\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-4516\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/cover-Stumme-Wiesen-192x300.jpg\" alt=\"\" width=\"180\" height=\"281\" srcset=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/cover-Stumme-Wiesen-192x300.jpg 192w, http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/cover-Stumme-Wiesen.jpg 469w\" sizes=\"(max-width: 180px) 100vw, 180px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-4516\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9Verlag Nischen<\/p><\/div>\n<p><em>Aus dem Ungarischen von Eva Zador<\/em><br \/>\n<em> Verlag Nischen, Wien 2017<\/em><br \/>\n<em> ISBN: 978-3-9503906-5-0<\/em><br \/>\n<em> Originaltitel: Aludnod kellene, 2014<\/em><br \/>\n<em> Bezug: Buchhandel, Preis: 19,00 Euro<\/em><\/p>\n<p><em>von Gudrun Brzoska<\/em><\/p>\n<p>Eine heruntergekommene Siedlung \u2013 irgendwo in Ungarn. Vergessen und fast verlassen. Niemand kommt, niemand k\u00fcmmert sich. Fr\u00fcher, vor der Wende, war das anders gewesen, da hatte der Staat eine Reihe von zehn gleich aussehenden H\u00e4uschen gebaut f\u00fcr die Angestellten der Landwirtschaftlichen Genossenschaft. Alles hat sich gewendet. Diejenigen, die den Anschluss verpasst haben, sind die \u00dcbrig- die Zur\u00fcckgebliebenen. Es herrscht nur noch \u00d6dnis und Eint\u00f6nigkeit in der vorherrschenden Farbe Grau.<br \/>\nIm vergangen Jahr hatte ich den serbischen Teil der Batschka besucht \u2013 die D\u00f6rfer oder Siedlungen von dort kamen mir sogleich in den Sinn, als ich \u201eStumme Wiesen\u201c las: Die gleiche Trostlosigkeit, die gleiche Hoffnungslosigkeit, kaum junge Leute, die waren entweder schon weggezogen, oder sie \u201everdienten\u201c sich ihren Lebensunterhalt mit Kleinkriminalit\u00e4t. Verfallende H\u00e4user h\u00fcben wie dr\u00fcben, ausgepl\u00fcnderte Natur -Mais so weit das Auge reicht. Eine unbarmherzige Sonne bleicht die Natur aus \u2013 der Regen verwandelt sie in Schlamm und Grau.<br \/>\nTibor No\u00e9 Kiss hat nicht nur eine Journalistenausbildung abgeschlossen, sondern war auch als Soziologin unterwegs: Sie schaut genau hin, besch\u00f6nigt nichts, verurteilt aber auch nicht. Sie beschreibt, was und wie es ist.<br \/>\nGanz langsam umkreist sie einzelne Bewohner der Siedlung, stellt sie kurz ins grelle Sonnenlicht, um sie dann wieder in den Schatten zur\u00fccksinken zu lassen. Geschichte findet nur in der Vergangenheit statt, wenn Schicksale in der R\u00fcckblende aufscheinen. Die Gegenwart ist nur Stillstand. Die Tage vergehen einer wie der andere. Die M\u00e4nner \u2013 in der Siedlung leben fast ausschlie\u00dflich M\u00e4nner &#8211; glauben alles voneinander zu wissen \u2013 und kennen und helfen einander doch nicht. Solidarit\u00e4t \u2013 fehl am Platz! Sie belauern sich misstrauisch, trauen dem Nachbarn allerhand zu, beklauen sich. Frauen leben fast keine mehr hier: Entweder sind sie geflohen oder gestorben. Es wird \u00fcberhaupt viel gestorben: weil man sich in den Suff fl\u00fcchtete, zu viel rauchte, im Kindbett, durch Unfall, Mord, oder durch Selbstmord. Wer es fertig gebracht hatte, den grauen Ort zu verlassen, kam nie wieder. Fremde kommen nie hierher. Zu abseits liegt die Siedlung; so, als w\u00e4re sie eine verlassene Insel in der Welt, w\u00fcrde einsam vor sich hin ausdorren oder vereisen, je nach Jahreszeit. Die \u201egro\u00dfe weite Welt\u201c interessiert aber auch nicht wirklich. Muss einer ins Dorf, um etwas zu besorgen, so kommt dieser \u201eAusflug\u201c ihnen eher unwirklich vor: \u201e [\u2026 ] sp\u00fcrte, dass das nicht die Wirklichkeit war, sondern nur eine Art Ausnahmezustand, der bald vorbei w\u00e4re. [\u2026] Und dann [\u2026] verschluckte ihn das hoffnungslose Grau, die Farben und Kontraste verschwanden aus der Welt.\u201c Alles dreht sich um die Belange jedes Einzelnen: Hat er genug Alkohol, genug zu essen, kann er sein \u00dcberleben sichern mit ein wenig Arbeit, die ihm Antal Pongr\u00e1cz zuteilt? Dieser Antal Pongr\u00e1cz \u201ehatte sich (im Umbruch nach der Wende) die Siedlung beschafft\u201c, wie es gleich zu Anfang hei\u00dft \u201eund sofort alle Pappeln f\u00e4llen lassen. Seitdem waren nur die Maisfelder zu sehen, ein paar verk\u00fcmmerte B\u00e4ume und ein vergessenes \u00d6lsilo. Am Rand der Zufahrtsstra\u00dfe lag M\u00fcll. Plastikflaschen, T\u00fcten, Zigarettenkippen.\u201c Kaum einer sprach mit ihm, nur diejenigen, die auf ihn angewiesen waren. Passte ihm etwas nicht, oder glaubte er zu wissen, wer ihn bestahl oder ihm schadete, pr\u00fcgelte er denjenigen brutal zusammen. Seine Frau Margit, schwer depressiv, hatte sich erh\u00e4ngt. Sie fehlt ihm, auch wenn Margit zum Schluss ganz verstummt war, nur traurig l\u00e4chelte. Wenigstens die Gegenst\u00e4nde hatten zu ihm gesprochen \u2013 aber auch die waren verstummt. Nun blieb ihm nur noch seine Geliebte, die Lehrerin \u00c9va, wie schon zu Margits Zeiten.<br \/>\nMit grimmiger Ironie schildert Kiss die einzelnen Charaktere. Dabei ist weder dem Leser, noch den Protagonisten zum Lachen. \u201eWie viele verlorene Menschen. Sie lachen \u00fcbereinander, aber l\u00e4cheln nie. In der Siedlung werden sie langsam wahnsinnig, aber an der Kreuzung machen sie immer kehrt, f\u00fcr sie ist es doch gut hier. Sie schlie\u00dfen die T\u00fcr hinter sich, schweigen. Sp\u00e4hen aus dem dunklen Zimmer hinter der Gardine hervor. Und wenn die Nacht niedersinkt, stehlen sie sich aus ihren H\u00e4usern. Mit gebeugtem R\u00fccken stolpern sie von Baum zu Baum. Ihr Platz w\u00e4re in der Anstalt. Sie sind genau wie die Leute hier, hinter denen man nach dem Zapfenstreich die T\u00fcr zusperrt.\u201c<br \/>\nFeri Guly\u00e1s, gerade 60 geworden, hat seine Zahnprothese verloren. Er wird sie nicht mehr finden und ohne sie weiterleben m\u00fcssen. Denn diejenigen, die sie gefunden haben, jene Bewohner der Anstalt f\u00fcr Suchtkranke, Trinker, die alles gegen Alkohol eintauschen, selbst wenn er mit Pflanzenschutzmittel gestreckt wird, haben sie gefunden. Sie wissen auch, dass sie Feri geh\u00f6rt, machen sich \u00fcber ihn lustig \u2013 und sind keinesfalls bereit, sie ihm zur\u00fcck zu geben. Seine Frau Judit ist ihm weg gelaufen: \u201eKeine Familie, keine Arbeit, kein Geld, nur dieser Sumpf\u201c, hatte sie ihm auf einem Zettel hinterlassen, bevor sie davon ging. Tochter Editke schreibt nur ab und zu einen Brief. Zu Besuch kommt sie nie. Jetzt lebt er mit Ir\u00e9nke zusammen, die sich nach der Wende nicht so ver\u00e4ndert hatte wie die anderen Frauen, einfach das tat, was Feri ihr auftrug, ohne zu mucken. Jetzt, alt und verbraucht, leicht dement, f\u00fchrt sie ihm den Haushalt. Als einzige Frau im Ort, ist sie den M\u00e4nnern ein Ziel ihrer Begierde \u2013 und muss deshalb von Feri bewacht werden.<br \/>\nManchmal spielt er Karten mit den J\u00fcngeren, mit Laci P\u00e9k, dessen Mutter sich davon gemacht hat, als er noch ein Kind war \u2013 und der seinen Vater als Jugendlicher tot und festgefroren an einem Eisenschrank gefunden hatte. Bandi Szokola mit dem Glasauge geh\u00f6rt auch zur Kartenrunde, ein Witwer, der seine Frau bei der Geburt des f\u00fcnften Kindes verloren hatte \u2013 und der nun seine drei Kinder alleine gro\u00df ziehen muss. Pista Tat\u00e1r, Junggeselle und Wachmann bei Antal Pongr\u00e1cz, geh\u00f6rt dazu, ein Schweiger, der schlie\u00dflich seine Mutter von ihrem Leiden glaubt erl\u00f6sen zu m\u00fcssen. Sie beschummeln sich beim Spiel, genauso wie sie auch im weiteren Alltag den Anderen \u00fcbervorteilen, wenn es geht. Keine Hilfsbereitschaft, nur ein Belauern, Hassen, Misstrauen, Schadenfreude. Brutalit\u00e4t.<br \/>\nKiss erz\u00e4hlt von der heruntergekommenen Siedlung, gegen\u00fcber ein W\u00e4ldchen, in dessen Mitte eine Wiese, der einstige Fu\u00dfballplatz, vergammelt. Auch die Hallen der Kolchose sind leer, die Fenster zerbrochen, die Neonr\u00f6hren zerschlagen. Wenn es regnet, h\u00f6rt es ich an, als w\u00fcrden Maschinengewehrsch\u00fcsse auf die Hallend\u00e4cher prasseln. \u201eDie Menschen hielten seit Jahren Wache, jeder trauerte um seine eigenen Toten. Und gab es keine Toten, dann trauerten sie um die Lebenden, die sie f\u00fcr immer verloren hatten.\u201c Tags\u00fcber bleiben sie zu Hause, sch\u00fctzen sich vor sengender Sonne, vor prasselndem Regen oder eisigem Schnee. \u201eBei Einbruch der Dunkelheit streiften sie auf den Pfaden durch das W\u00e4ldchen, sie wussten selbst nicht, warum. Sie gingen zu den Feldern hinaus, liefen viele Kilometer, den Traktorspuren folgend, dann machten sie kehrt. Sie irrten zwischen den verlassenen St\u00e4llen umher, als suchten sie jemanden. [\u2026] Auch im Dunkeln erkannten sie den anderen von Weitem [\u2026] Doch sie gingen sich lieber aus dem Weg, konnten nie wissen, was der andere im Sinn hatte.\u201c<br \/>\nDer \u201eEinbeinige\u201c geh\u00f6rt zu den M\u00e4nnern in der Anstalt. Er beobachtet, er wei\u00df vieles, kann oft nicht schlafen. Er wei\u00df auch um die schwule Veranlagung des Pflegers, Miska Szebeni. Szebeni ist der Einzige, der nicht in der Siedlung lebt, er wird es vielleicht einmal schaffen, auszubrechen.<br \/>\nDie Natur ist allgegenw\u00e4rtig: \u201eDer Einbeinige betrachtete die Sichel des Mondes, etwas anderes gab es in der Siedlung nicht mehr zu sehen.\u201c [\u2026] \u201eDer Hof der Anstalt war der Lieblingsplatz der Kr\u00e4hen [\u2026] den Einbeinigen mochten sie besonders, einige kamen regelm\u00e4\u00dfig auf den Balkon[\u2026.]. Die Kr\u00e4hen werden immer mehr und kreisen \u00fcber Bandi Szokolas Haus \u2013 Vorboten des Ungl\u00fccks. Nur sie wissen Bescheid, sitzen zusammen, als fl\u00fcsterten sie sich etwas zu. Sie sehen alles, h\u00f6ren alles, was in der Siedlung vor sich geht. Traumboten.<br \/>\nEs scheint, als gesch\u00e4he alles zu gleicher Zeit, doch darauf kommt es nicht an \u2013R\u00fcckblenden und Erinnerungen verflechten sich mit der Gegenwart: Stellen Sie sich ein gro\u00dfes Bild vor: wenn der Betrachter genauer hinschaut, sieht er unter grauem Dunst die ganze Siedlung und ihre Bewohner, sieht, was sie gerade tun, sieht sie in fr\u00fcheren Jahren, sieht sie in verschiedenen Jahreszeiten \u2013 es ver\u00e4ndert sich nicht wirklich etwas in dem Bild: Die Sonne scheint weiter hei\u00df und unbarmherzig \u2013 Gewitter mit Sturm und Regen braust \u00fcber die Siedlung, Schnee f\u00e4llt, alles vereist \u2013das Leben schleppt sich gleichf\u00f6rmig ohne sichtbare H\u00f6hen und Tiefen weiter. Und doch tut sich etwas hinter dem Gleichma\u00df: Leidenschaft und Triebhaftigkeit kommen kurz hoch, Menschen schleichen herum, schauen in die Fenster der Nachbarn, haben ihre Geheimnisse, pr\u00fcgeln, t\u00f6ten, erpressen und morden. Der \u00e4u\u00dfere Schein der Einf\u00f6rmigkeit tr\u00fcgt. Hinter dem Firnis bricht da und dort etwas auf, bis ein erstickendes Grau wieder alles zudeckt. W\u00fcnsche werden keine wach. \u201eEr sah zum Himmel hoch, vielleicht w\u00fcrde er eine Sternschnuppe bemerken. Sich etwas w\u00fcnschen, das war alles, was er wollte.\u201c Szandra hatte auch versucht die Siedlung zu verlassen. Sie kam nur bis zur Kreuzung. Der Einbeinige findet sie. Tot. Die Kr\u00e4hen sind emp\u00f6rt, dass sie gest\u00f6rt wurden.<br \/>\nTibor No\u00e9 Kiss erz\u00e4hlt in kurzen pr\u00e4gnanten S\u00e4tzen \u00fcber Armut, Wunschlosigkeit und die daraus resultierenden Folgen nach der Wende, als die Menschen sich wie im luftleeren Raum wiederfanden. Alle Erfahrung, die sie bisher gemacht hatten, konnten sie nicht mehr anwenden. Sie zogen sich zur\u00fcck, grenzten sich ab, machten alles mit sich selber aus, Opfer und T\u00e4ter in einem. Obwohl das Buch Eint\u00f6nigkeit beschreibt, zieht es den Leser sogartig immer mehr in seinen Bann und fesselt bis zum Ende.<br \/>\nWie ich schon am Anfang bemerkte, hat sich leider auch bis heute noch nicht viel ge\u00e4ndert. Im Gegenteil, diejenigen, die nicht dazu geh\u00f6ren, werden immer mehr \u2013 und immer weiter ausgegrenzt. Und das in Europa!<br \/>\nEva Zador hat die lakonische Sprache gl\u00e4nzend \u00fcbersetzt. Daran kann es also nicht liegen, dass sich die deutsche Literaturkritik mit diesem wichtigen Buch kaum besch\u00e4ftigt. In Ungarn wurde es 2014\/15 von allen namhaften Literatureinrichtungen hoch gelobt. Es w\u00e4re also an der Zeit, dieses Buch auch einem gr\u00f6\u00dferen Leserkreis hier vorzustellen. Ich hoffe, noch weitere B\u00fccher von dieser gro\u00dfartigen Erz\u00e4hlerin zu lesen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus dem Ungarischen von Eva Zador Verlag Nischen, Wien 2017 ISBN: 978-3-9503906-5-0 Originaltitel: Aludnod kellene, 2014 Bezug: Buchhandel, Preis: 19,00 Euro von Gudrun Brzoska Eine heruntergekommene Siedlung \u2013 irgendwo in Ungarn. Vergessen und fast verlassen. 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