{"id":4501,"date":"2018-03-07T14:48:04","date_gmt":"2018-03-07T14:48:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=4501"},"modified":"2018-08-02T14:34:52","modified_gmt":"2018-08-02T14:34:52","slug":"szilard-borbely-kafkas-sohn","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=4501","title":{"rendered":"Borb\u00e9ly, Szil\u00e1rd &#8211; \u201eKafkas Sohn\u201c"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_4502\" style=\"width: 150px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Borb\u00e9ly-Kafkas-Sohn.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-4502\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-4502\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Borb\u00e9ly-Kafkas-Sohn.jpg\" alt=\"\" width=\"140\" height=\"233\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-4502\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Suhrkamp<\/p><\/div>\n<p><em>Prosa aus dem Nachlass<\/em><\/p>\n<p><em>von Gudrun Brzoska<\/em><\/p>\n<p><em><em><em>Aus dem Ungarischen \u00fcbersetzt, mit Kommentaren und mit einem Nachwort versehen von Heike Flemming und Lacy Kornitzer<\/em><br \/>\n<em>Verlag Suhrkamp Berlin, 2017. 200 S.<\/em><br \/>\n<em>ISBN: 978-3-518-42590-9<\/em><br \/>\n<em>Originaltitel: Kafka fia<\/em><br \/>\n<em>Bezug: Buchhandel, Preis: 24,00 Euro<\/em><\/em><\/em><\/p>\n<p>Als sich Szil\u00e1rd Borb\u00e9ly im Februar 2014 das Leben nahm, galt der im \u00e4u\u00dfersten Zipfel Ungarns geborene Literaturwissenschaftler als einer der vielversprechendsten Schriftsteller Ungarns. Er hatte bereits wichtige Preise erhalten und fiel durch seine Gedichte auf und damit, wie er in <em>Halotti pompa <\/em>(2004), mit dem Raub\u00fcberfall auf seine Eltern umging. Die Mutter wurde totgeschlagen, der Vater schwer verletzt. In einem Interview sagte er dazu, dass er geglaubt habe, diese Trag\u00f6die mit den Gedichtsequenzen verarbeiten zu k\u00f6nnen \u2013 aber das sei wohl zu fr\u00fch gewesen. Zeit seines Lebens habe er sich in die Depression zur\u00fcckgezogen und gelernt damit umzugehen. Sein Roman <em>Die Mittellosen<\/em><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-admin\/post-new.php#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><em><strong>[1]<\/strong><\/em><\/a> war 2013 in Ungarn erschienen und wurde sogleich zu den bedeutendsten Werken der zeitgen\u00f6ssischen Literatur gez\u00e4hlt. Auch in Deutschland (2014) rief sein Roman gr\u00f6\u00dfte Beachtung hervor. Noch Ende 2013 schrieb er seinem Verleger, dass er einen fast fertigen Roman habe, den er bald schicken werde. Dazu ist es nicht mehr gekommen. Gleichwohl waren die Textfragmente des neuen Buches f\u00fcr die Ver\u00f6ffentlichung bestimmt. Heike Flemming und Lacy Kornitzer machten sich daran, in ganz un\u00fcblicher \u00dcbersetzermanier, nichts \u2013 oder nur sehr wenig &#8211; zu gl\u00e4tten, auch abgebrochene Textteile nicht weiterzuf\u00fchren, die Anordnung der Erz\u00e4hlungen so zu belassen, wie sie diese vorgefunden hatten. Daf\u00fcr kann ihnen nicht genug Hochachtung gezollt werden. Verst\u00e4ndlich wird vieles durch ihre Kommentare und die beiden einf\u00fchlsamen Essays am Ende des Buches.<\/p>\n<p>Borb\u00e9ly, das deutet er in einem Text an, war schon als Jugendlicher auf Kafka gesto\u00dfen. Mehr zuf\u00e4llig hatte er sich den <em>Prozess<\/em> ausgeliehen und ihn atemlos gelesen, ein ersch\u00fctterndes Leseerlebnis f\u00fcr ihn, denn<\/p>\n<p><em>Die Heimatlosigkeit, Verlorenheit darin, die ich so gut kannte, riss mich mit sich fort. Die Sehnsucht nach Gewissheit, das Ausgeliefertsein, die Schutzlosigkeit und Nacktheit des verachteten und erniedrigten Menschen erheben in diesem Roman auf fast schon schamlose Weise die Stimme.<\/em><em>\u00a0was mich bei der Lekt\u00fcre des Prozesses so sehr ersch\u00fctterte, weil es mir uns\u00e4glich, wirklich uns\u00e4glich bekannt war<\/em><em>\u201c.<\/em><\/p>\n<p>Borb\u00e9ly wendet sich in seinem Vorwort direkt an den Leser:<\/p>\n<p>\u201e<em>Dieser Roman spielt in Osteuropa. Er erz\u00e4hlt vom Reisen und von Reisenden. Von der Reise Franz Kafkas, der mit Franz Kafka nicht identisch ist. Und vom Bleiben an ein und demselben Fleck, <\/em><em>\u00a0Und vom Raum, der alldem ratlos zuschaut. <\/em><em>\u00a0R\u00e4ume, die in Osteuropa trotz allen Gedr\u00e4nges genauso einsam sind wie der Mensch, der sie mit seinem Spaziergang durchmisst.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Der Autor verschiebt und verkn\u00fcpft mehrere Erz\u00e4hlstr\u00e4nge ineinander und miteinander: Wir sehen Franz Kafka, wie er durch das n\u00e4chtliche Prag irrt, wir begleiten ihn, erfahren von seinen unbeholfenen Briefen an Felice Bauer, werden Zeuge, wie er \u00fcber sich selbst urteilt, lesen, wie er sich seinem Vater lebenslang unterlegen f\u00fchlte. Dahinein verwebt Borb\u00e9ly seine eigenen Erfahrungen, die zum Teil fast identisch sind mit Schilderungen aus <em>Die Mittellosen. <\/em>Zwischen den Zeilen zieht er Parallelen zu Kafka, den er, wenn er direkt von ihm spricht, immer bei seinem j\u00fcdischen Namen Anselm nennt. Er zieht Parallelen zu dessen Heimatlosigkeit, zu seinen Unsicherheiten, zu seiner Sehnsucht in der Welt zu verschwinden, zu seinem Schreibzwang &#8211; denn nur durch sein Schreiben will er sichtbar sein. Darin wird er ihm zum (Zwillings-) Bruder. Der dritte Erz\u00e4hlstrang sind die Briefe des Vaters Hermann an seinen Sohn Franz. Anders als in Kafkas ber\u00fchmtem Brief <em>An den Vater<\/em>, kommt hier Hermann zu Wort. Kraftstrotzend, von sich selbst \u00fcberzeugt. Einer, der sich aus dem Elend selbst herausgearbeitet hatte. Sein Vater, ein koscherer Metzger, hatte seine Familie nicht ausreichend versorgen k\u00f6nnen. Talmud und Synagoge waren ihm wichtiger. Daher lehnt auch der Sohn alles J\u00fcdische ab und f\u00fchlt sich d\u00fcpiert von Franz\u2018 Interesse an allem J\u00fcdischen.<\/p>\n<p>Die Antworten des Vaters lassen auf die Vorw\u00fcrfe des Sohnes schlie\u00dfen. Die arme Kindheit und Jugend \u00e4hnelt derjenigen Borb\u00e9lys, w\u00e4hrend Franz Kafka, zwar einsam, aber beh\u00fctet aufwuchs; denn der Vater sorgte bei aller Sparsamkeit f\u00fcr seine Familie, f\u00fcr eine ger\u00e4umige Wohnung, f\u00fcr eine gute Ausbildung und damit auch f\u00fcr einen eintr\u00e4glichen Beruf, dem Franz als Beamter in einer Versicherungsanstalt nachgehen konnte. Der Vater liebt seinen Beruf und er liebt seinen Sohn \u2013 aber auf seine Weise. Und da der Sohn sein Leben nicht so gestaltet, wie es sich der Vater f\u00fcr ihn gew\u00fcnscht hatte, dem\u00fctigt er ihn und reagiert mit Aggression. Den Sohn st\u00f6\u00dft das ab. Er hat das Gef\u00fchl, sein Vater sei allgegenw\u00e4rtig, w\u00fcrde ihn belauern und bespitzeln. Kafka ist zutiefst ungl\u00fccklich, sinnt immer wieder \u00fcber Selbstmord nach, hat Vorahnungen, was die Juden in Europa betrifft. Das kommt am deutlichsten in den Erz\u00e4hlungen <em>Erinnerung und N\u00e4he <\/em>(S. 130) und in <em>Kafka auf der Br\u00fccke<\/em> (S. 149) zum Ausdruck. In der ersten Erz\u00e4hlung sp\u00fcrt er die D\u00e4monen der Juden, die ihn so bedr\u00e4ngen, so dass er bis zum Morgen am Schreibtisch sitzt, um Luft aus <em>dem Wasser der Nacht<\/em> zu bekommen:<\/p>\n<p><em>\u00a0\u201eSchon seit Jahren rang er nach Luft. Er wusste, dass die schmutzige Flut nahte, dass der Geruch von Leichen sich \u00fcberall in Mitteleuropa ausbreitete.\u201c<\/em> In der zweiten Erz\u00e4hlung beugt er sich \u00fcber die Steinbr\u00fcstung und schaut in die Moldau. Dort sieht er sich selbst. <em>Er stellte sich vor, die Moldau w\u00fcrde diesen l\u00e4cherlichen K\u00f6rper, der ihm geh\u00f6rte, mit sich fortsp\u00fclen, und all seine Sorgen w\u00fcrden verschwinden, die sich gerade daraus ergaben, dass er sich mit diesem K\u00f6rper nicht abfinden konnte, der dazu da war, dass Kafka sich selbst, der ohne seinen K\u00f6rper unerfassbar gewesen w\u00e4re, f\u00fcr andere sichtbar machte. <\/em><\/p>\n<p>Immer wieder beschw\u00f6rt Borb\u00e9ly die hochgewachsene schlaksige Gestalt, die durch Prag streift. Wir begleiten ihn also zusammen mit seinem Autor durch die immer gleichen Gassen, \u00fcber die Br\u00fccken, an bestimmten H\u00e4usern, am zerst\u00f6rten Ghetto vorbei &#8211; Thema mit Variationen &#8211; fast identisch begonnene Erz\u00e4hlungen enden in der Variation ganz neu und anders.<\/p>\n<p>Borb\u00e9ly sieht in Kafka seinen (geistigen) Vater, der ihm Vorbild ist, mit dem er sich vergleicht und Gemeinsamkeiten aufzeigt: Kafkas Vater lehnte alles J\u00fcdische ab, zog es sogar ins L\u00e4cherliche. Kafka mutma\u00dft, dass dieser vermutete, nicht der biologische Sohn des Gro\u00dfvaters zu sein. Aus den <em>Mittellosen<\/em> wissen wir, dass Borb\u00e9lys Vater in seiner Familie ausgeschlossen wurde, da gemunkelt wurde, er sei der Sohn eines Juden.<\/p>\n<p>Darauf weist auch das Vorwort an den Leser hin: Kafka sei mit Kafka nicht identisch, also nicht mit dem Anselm Kafka, den er beschreibt. Wir wissen nicht, was Borb\u00e9ly wirklich \u00fcber Kafka dachte, wieweit er sich mit ihm identifizierte. Wir k\u00f6nnen aus den Textfragmenten nur mutma\u00dfen. Das Buch, so Borb\u00e9ly, handelt von Osteuropa, wo die S\u00f6hne V\u00e4ter werden und sogleich vergessen, wie brutal diese an ihnen gehandelt hatten. Sie fallen ins gleiche Muster, sind versoffene, brutal schlagende V\u00e4ter, um ihre Angst und Einsamkeit zu bet\u00e4uben. Es geht in diesem Buch auch um entsetzliche Einsamkeit, um erstarrte Heimatlosigkeit in der eigenen Familie (oder \/ und im eigenen Volk. &#8211; Borb\u00e9ly wurde n\u00e4mlich von seinen Landsleuten heftig angegriffen ob seines Interesses f\u00fcr das Judentum). Es geht um Kafkas und Borb\u00e9lys Abm\u00fchen, im Schreiben Heimat zu finden. Schreiben war ihnen alles, ihr Geb\u00e4ude aus Worten und S\u00e4tzen. Worte, die damit zu Literatur wurden. Borb\u00e9ly l\u00e4sst Kafka einen Besuch auf dem Friedhof machen um dort zur Erkenntnis zu gelangen, dass die Buchstaben der Friedhof der W\u00f6rter seien.<\/p>\n<p>Auch mit j\u00fcdischer Theologie setzt sich Borb\u00e9ly-Kafka auseinander. So geht Anselm Kafka eines Tages zu einem Rabbi, um sich bei ihm Rat und Hoffnung f\u00fcr sein Schreiben zu holen. Er erkl\u00e4rt ihm, dass er schreiben m\u00fcsse, nur das Schreiben mache ihn aus. Dahinter k\u00f6nne er als Person verschwinden. Der Rabbi, der sich Kafkas Vornamen nicht merken kann und ihn sogar einmal als Adolf anspricht \u2013 was dem Leser als gro\u00dfer Schreck in die Knochen f\u00e4hrt, kann ihm keinen Trost gew\u00e4hren. Die Juden k\u00f6nnten nicht vergessen, aber auch ihre Hoffnung (auf den Messias) nicht aufgeben. Judentum sei Schicksal, so sehr man sich auch dagegen str\u00e4ube. Das meint auch der Vater in seinen Gespr\u00e4chen und Briefen an den Sohn. Zum Schluss ermahnt ihn der Rabbi, immer alles aufzuschreiben. Und das tat Kafka auch in unz\u00e4hligen Tageb\u00fcchern, in denen er minuti\u00f6s alles, von seinem Tagesablauf bis zu Tischgespr\u00e4chen mit dem Vater festgehalten hat. In einem Brief an Felice Bauer reduzierte er sich einmal ganz und gar als Werkzeug des Schreibens, als schreibende Hand.<\/p>\n<p>Im letzten Brief des Vaters an den Sohn, ist dieser schon tot. Alle d\u00fcsteren Ahnungen des Vaters haben sich erf\u00fcllt. Sein Sohn hat Schande \u00fcber ihn gebracht, denn er, der Vater musste Kaddisch an seinem Totenbett sprechen und nicht umgekehrt.<br \/>\nUnter Borb\u00e9lys Feder und der umsichtigen \u00dcbersetzung von Heike Flemming und Lacy Kornitzer wurde die lose Szenenfolge zu gro\u00dfer Literatur, die nicht nur einen Einblick in Borb\u00e9lys Welt erlaubt, sondern auch in jene Kafkas.<\/p>\n<p>Es w\u00fcrde sich also lohnen, sich nicht nur (wieder einmal) mit Kafka zu besch\u00e4ftigen, sogar auf seinen Spuren Prag zu erleben, sondern vor allem die Pers\u00f6nlichkeit Szil\u00e1rd Borb\u00e9lys n\u00e4her kennen zu lernen. Dazu m\u00fcssten uns deutschen Lesern aber erst seine zahlreichen Gedichte und Essays in \u00dcbersetzungen nahe gebracht werden.<\/p>\n<p>[1] Szil\u00e1rd Borb\u00e9ly: &#8222;Die Mittellosen&#8220;. Roman. Aus dem Ungarischen von Heike Flemming\u00a0und Lacy Kornitzer. Suhrkamp Verlag, Berlin 2014. 250 S.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Prosa aus dem Nachlass von Gudrun Brzoska Aus dem Ungarischen \u00fcbersetzt, mit Kommentaren und mit einem Nachwort versehen von Heike Flemming und Lacy Kornitzer Verlag Suhrkamp Berlin, 2017. 200 S. 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