{"id":4490,"date":"2018-03-01T14:58:25","date_gmt":"2018-03-01T14:58:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=4490"},"modified":"2018-08-02T14:35:29","modified_gmt":"2018-08-02T14:35:29","slug":"toth-krisztina-die-brennende-braut-erzaehlungen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=4490","title":{"rendered":"T\u00f3th, Krisztina &#8211; &#8222;Die brennende Braut &#8211; Erz\u00e4hlungen&#8220;"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_2934\" style=\"width: 190px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/cover_Die-brennende-Braut.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-2934\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-4491\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/cover_Die-brennende-Braut.jpg\" alt=\"\" width=\"180\" height=\"281\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-2934\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9Verlag Nischen<\/p><\/div>\n<p>Aus dem Ungarischen von Gy\u00f6rgy Buda<em><br \/>\n<em>Verlag: Nischen <\/em><br \/>\n<em>Wien 2017<em><br \/>\n<em>Originaltitel: Pillanatragaszt\u00f3, 2014 erg\u00e4nzt mit weiteren neuen Erz\u00e4hlungen<em><br \/>\n<em>ISBN: 978-3-9503906-4-3<em><br \/>\n<em>Bezug: Buchhandel, Preis: 21,00 Euro<\/em><\/em><\/em><\/em><\/em><\/em><\/em><\/em><\/p>\n<p><em>von Gudrun Brzoska<\/em><\/p>\n<p>Meist ist es eine Erz\u00e4hlerin, die sachlich, fast dokumentarhaft ein Ereignis berichtet \u2013 man k\u00f6nnte sich jemanden hinter einer Kamera vorstellen, der eine zuf\u00e4llige Begebenheit einf\u00e4ngt, von der er weder den Anfang noch das Ende kennt. Dabei scheint die Situation auf den ersten Blick oft harmlos und belanglos zu sein. Da diese aber in grelles Licht getaucht und schlaglichtartig beleuchtet wird, erh\u00e4lt sie eine ganz neue Wichtigkeit. T\u00f3ths sarkastischer, oft auch bitterer Humor kommt dabei immer wieder zum Vorschein. Die Autorin deutet einige Szenen nur mit sehr d\u00fcrftigen Hinweisen und Kommentaren an, der Film im Kopf des Lesers spult die Geschichte aber weiter und erg\u00e4nzt selbst die Puzzleteile, steuert unbarmherzig auf ein Ende zu, das er so nicht erwarten w\u00fcrde oder das weder er noch die Erz\u00e4hlerin kennt.<\/p>\n<p>H\u00e4ufig geht es in den Geschichten um eine Atmosph\u00e4re des Verlassenseins, um Ehebruch, Entt\u00e4uschung, Wunschtr\u00e4ume und Surreales. Es geht um die \u00dcberlegenheit des M\u00e4chtigen, um Neid auf den Nachbarn, um Vorurteile, Gedankenlosigkeit. Es geht um die Langeweile der oberen Schichten, deren Gedanken nur noch um sich selbst und ihr Aussehen kreisen (z.B. Magersucht) und die im Leben keinen Sinn mehr sieht. Aber es geht auch um den Schritt von Kindheit und Jugend zum Erwachsen-Werden. Eine brutale Welt, Vater oder Mutter dem\u00fctigen die Kinder, sto\u00dfen sie in den Schritt zur Initiation.<\/p>\n<p>Manchmal blitzen in den Novellen Chancen auf, dem eigenen armseligen, verlogenen und verpfuschten Leben eine Wendung zum Guten zu geben, doch dieser Schritt gelingt nicht.<\/p>\n<p>Gleich in der ersten Geschichte <em>Nie ein einziges Wort <\/em>berichtet eine namenlose Erz\u00e4hlerin von ihrer Kinder- und Jugendliebe zu einem gleichaltrigen Mitsch\u00fcler, der zu einer Volkstanzgruppe geh\u00f6rte. Sie hatten sich immer nur angestarrt, aber nie ein Wort miteinander gewechselt. Nun ist sie wieder, mehr zuf\u00e4llig, in ihrer kleinen Stadt, besucht ihre Mutter, schl\u00e4ft aber im Hotel. Ein landesweites Tanzhaustreffen soll dort stattfinden. Sie beschlie\u00dft zu bleiben, denn <strong>er<\/strong> wird sicher dabei sein. Einmal m\u00f6chte sie ihm alles Unausgesprochene sagen, was sie seit ihrer Jugend unterdr\u00fcckt hatte. Zu ihrer gro\u00dfen Entt\u00e4uschung trifft sie ihn nicht, doch ihre Mutter berichtet, dass die Tochter, immer, bei jeder Veranstaltung im Zuschauerraum gefilmt wurde und gro\u00df ins Bild des \u00f6rtlichen Fernsehens kam. Die Frau ist entt\u00e4uscht, dass er sich nicht zu erkennen gegeben hatte und sucht ihn im Internet. Und siehe da, er ist Kameramann im Lokalfernsehen ihrer Kleinstadt. Er war die ganze Zeit dagewesen und hatte sie gefilmt. <em>\u201ePl\u00f6tzlich wusste ich nicht, was ich mit ihm anfangen w\u00fcrde, st\u00fcnde er jetzt vor mir; er war so anders und dabei doch dem so \u00e4hnlich, an den ich mich erinnerte.<\/em> <em>\u00a0Er blickte mir hinter dem Monitor in die Augen und ich hatte ihm nunmehr nichts zu sagen.\u201c<\/em> Das ist die vordergr\u00fcndige Geschichte. Im Hintergrund erf\u00e4hrt der Leser, dass sie sich nicht gut mit ihrer Mutter versteht, dass ihr die \u00e4rmliche Wohnung zu schmutzig und dass die Mutter beleidigt ist, wenn sie nicht bei ihr \u00fcbernachtet und sehr wohl f\u00fchlt, dass ihre Art zu leben der Tochter nicht mehr gut genug erscheint.<\/p>\n<p>In einer anderen Erz\u00e4hlung <em>Einmal habe ich schon gewonnen, <\/em>feiert ein Obdachloser junger Mann mit seiner Zufallsfreundin in einem gro\u00dfen M\u00f6belhaus seinen 25. Geburtstag. Sie \u201espielen\u201c b\u00fcrgerliches Paar, das Sekt aus Gl\u00e4sern trinkt und nicht <em>prolom\u00e4\u00dfig<\/em> gleich aus der Flasche. Mit Hotdogs in der Hand schl\u00fcpfen sie ins Ausstellungsbett, wohl wissend, dass sie Videokamera sie filmt. Er tr\u00e4umt von Amerika, davon, dass er dort reich wird und dann seiner Freundin Vera ein Flugticket schicken kann. Der Freundin, die er zuf\u00e4llig in einer Stra\u00dfenbahn kennen gelernt hat. Auch hier l\u00e4uft im Hintergrund wieder der passende \u201eFilm\u201c: Seine Mutter hatte sich kurz nach seiner Geburt davon gemacht, aber er stellt sie sich sehns\u00fcchtig als sch\u00f6ne blonde Frau vor. Der Vater starb, als er vier war, seine Gro\u00dfmutter auf dem Land war im vergangenen Jahr gestorben und hatte ihm gar nichts vermachen k\u00f6nnen. So bleiben ihm nur sein Traum und Vera in der Stra\u00dfenbahn aus Hannover. (Anmerkung: Nach der Wende konnte man in vielen St\u00e4dten des ehemaligen Ostblocks ausrangierte Stra\u00dfenbahnen und Busse aus Deutschland sehen, die aber immer noch viel luxuri\u00f6ser und funktionst\u00fcchtiger waren als die einheimischen.)<\/p>\n<p>Die Titelgeschichte, <em>Die brennende Braut, <\/em>erz\u00e4hlt von einer Frau, die in Litauen bei einem Kongress eine Funktion hat. Der Leser erf\u00e4hrt nicht, was sie dort tut, er erf\u00e4hrt nicht, warum sie sich so verlassen und \u00fcberdr\u00fcssig f\u00fchlt, fast-tot, und warum sie gerne aus sich heraustr\u00e4te. Sie legt sich in einem Park in einen Laubhaufen, wird dort von einer Gruppe von Schauspielern entdeckt und aufgefordert sich ihnen anzuschlie\u00dfen. In einem Caf\u00e9 kann sie einen Blick in eine englischsprachige Zeitung werfen und lesen, dass jemand eine Braut angez\u00fcndet habe. Der Gedanke daran l\u00e4sst sie nicht mehr los und am Abend, bevor sie in das Konzert der Gruppe geht, kommt sie noch einmal zu diesem Caf\u00e9 zur\u00fcck, um den Artikel genauer zu lesen. Es stellt sich aber heraus, dass Demonstranten in Ost-Indien eine Br\u00fccke angez\u00fcndet hatten. Von einer Braut war nichts zu lesen. Aber manchmal werden surreale Dinge auch Wirklichkeit: Als sie dann durch den Park geht, sieht sie in der Dunkelheit einen Springbrunnen, der seine rot leuchtenden Wasserstrahlen hoch schleudert. In der Mitte steht eine Statue aus Licht: <em>Die brennende Braut<\/em>.<\/p>\n<p>In anderen Erz\u00e4hlungen geht es um Krankheit und Sterben, um die Gedanken der Kranken und ihre Einstellung zu ihrem vergehenden Leben und dem baldigen Tod.<\/p>\n<p>In der Erz\u00e4hlung <em>Geht spielen! <\/em>zeigt schon der Beginn, dass Kinder und Jugendliche von den Erwachsenen nicht ernst genommen werden und wie diese ihre \u00dcberlegenheit und Macht ausspielen. Aber es kommt noch mehr zur Sprache: Der Gegensatz der Ungarn in Rum\u00e4nien und derer im Mutterland. Die Verwandtschaft in Budapest geh\u00f6rt zur noblen Sorte, w\u00e4hrend die Szekler in Siebenb\u00fcrgen zwar arm aber flei\u00dfig sind: Ein Vater nimmt seinen \u00e4ltesten Sohn zusammen mit Arbeitskollegen nach Budapest mit. Dort sollen sie f\u00fcr seine Verwandtschaft einiges instand setzen. Schon die \u00dcberquerung der Grenze bringt f\u00fcr den Jungen Ata eine Entt\u00e4uschung: Die D\u00f6rfer auf der anderen Seite sehen genauso armselig aus. In Budapest wird ihnen gesagt, was sie machen sollen, dann fahren die Verwandten in Urlaub. Beide Seiten sind zur\u00fcckhaltend und misstrauisch. Die M\u00e4nner arbeiten hart. Ata versteht nicht, warum sie das bereit gestellte Bier nicht trinken, das vorbereitete Essen nicht zu sich nehmen, sondern sich nur billige Kleinigkeiten im Laden kaufen. Erkl\u00e4rt wird ihm nichts. Als die Familie zur\u00fcckkommt, ist die Entlohnung \u00fcppiger als ausgemacht. Ata hat auch etwas verdient und hegt damit seine Tr\u00e4ume. Auf der R\u00fcckfahrt geben die M\u00e4nner ihren gesamten Verdienst f\u00fcr Pornohefte, Schnaps und Sex mit Prostituierten aus. Das ist Atas Eintritt in die Erwachsenenwelt: So etwas hat er sich nicht vorstellen k\u00f6nnen. Er f\u00fchlt sich gedem\u00fctigt, will das nicht sehen und zieht sich zur\u00fcck. Die M\u00e4nner lachen und verstehen sich, Ata wird erst wieder beachtet, als sie den letzten Forint ausgegeben haben. Da er seinen Verdienst nicht herausr\u00fccken will, schl\u00e4gt ihn sein Vater brutal zusammen. Als er wieder zu sich kommt, sind sie schon zu Hause. Dort kehrt er in sein fr\u00fcheres Leben zur\u00fcck. Er will seine Mutter besch\u00fctzen, indem er die Hefte, die seinem Vater heruntergefallen sind, versteckt. Er wird seinem Vater gehorchen. Seine G\u00fcrteltasche mit dem Geld ist leer &#8211; Erkl\u00e4rungen gibt es nicht.<\/p>\n<p>Ein ganzer Zyklus widmet sich dem \u00fcberlegenen Machtgef\u00fchl entweder der M\u00e4nner oder der Bev\u00f6lkerung gegen\u00fcber Fremden (Migranten):<\/p>\n<p>In der Erz\u00e4hlung <em>Wortkette<\/em> entl\u00e4dt sich aufgestaute Wut und Vorurteil \u00fcber eine im Zug reisende Mutter mit ihrem Sohn. Ohne dass der Begriff explizit genannt wird, geht aus der unfl\u00e4tigen Schimpfkanonade und der Drohung, dass ein Mann die \u201eZigeunerhur\u2018\u201c unter den Zug sto\u00dfen m\u00f6chte, hervor, dass es sich um eine Zigeunerin mit ihrem Sohn handelt. Die Beiden waren ganz harmlos und vergn\u00fcgt im Zug gesessen, um ein paar Tage Ferien zu machen. Keiner der Mitreisenden war ihnen zu Hilfe gekommen.<\/p>\n<p>Auch das Thema Migranten wird in <em>Sternlose Nacht <\/em>angeschnitten: Die Erz\u00e4hlerin wird Zeugin, wie eine freundlich l\u00e4chelnde junge Frau mit ihrer Kundschaft plaudert und nebenbei bemerkt, dass man \u201esie alle ins Meer schie\u00dfen solle\u201c. Als sie am n\u00e4chsten Tag in einem Taxi unterwegs ist, beginnt der gelangweilte Taxifahrer, um mit ihr ins Gespr\u00e4ch zu kommen, von <em>\u201eder verdammten Horde\u201c<\/em> zu schwatzen. Er meint das Problem k\u00f6nne man doch ein f\u00fcr allemal l\u00f6sen, indem man alle Einwanderer in ein gro\u00dfes Zelt triebe und dann ein wenig Gas hineinlie\u00dfe. Diese drei Geschichten werfen ein bezeichnendes Licht auf die aufgehetzte Stimmung in Ungarn.<\/p>\n<p>Bei all diesen Stories habe ich als Leserin ein zwiesp\u00e4ltiges Gef\u00fchl: Ich frage mich immer wieder, ob ich mit dieser Art von Realit\u00e4t konfrontiert werden m\u00f6chte, einer Realit\u00e4t ohne Aussicht auf Erl\u00f6sung. Es ist eine Realit\u00e4t, auf die man \u00fcberall in der Welt sto\u00dfen kann &#8211; und die vermutlich nicht die Realit\u00e4t der Autorin Krisztina T\u00f3th ist.<\/p>\n<p>Trotzdem \u00fcben die Erz\u00e4hlungen einen gewissen Sog aus weiterzulesen. Die Sprache ist einfach und klar \u2013 die Geschichten daf\u00fcr umso verworrener.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus dem Ungarischen von Gy\u00f6rgy Buda Verlag: Nischen Wien 2017 Originaltitel: Pillanatragaszt\u00f3, 2014 erg\u00e4nzt mit weiteren neuen Erz\u00e4hlungen ISBN: 978-3-9503906-4-3 Bezug: Buchhandel, Preis: 21,00 Euro von Gudrun Brzoska Meist ist es eine Erz\u00e4hlerin, die sachlich, fast dokumentarhaft ein Ereignis berichtet &hellip; <a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=4490\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":5,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1,367],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4490"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/5"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4490"}],"version-history":[{"count":5,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4490\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4609,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4490\/revisions\/4609"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4490"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4490"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4490"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}