{"id":4419,"date":"2018-02-01T14:35:40","date_gmt":"2018-02-01T14:35:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=4419"},"modified":"2018-08-02T14:25:05","modified_gmt":"2018-08-02T14:25:05","slug":"rezension-birnbaum-marianna-d-esterhazy-peter-die-flucht-der-jahre-ein-gespraech-mit-peter-esterhazy","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=4419","title":{"rendered":"Rezension: Birnbaum, Marianna D.; Esterh\u00e1zy, P\u00e9ter &#8211; Die Flucht der Jahre &#8211; Ein Gespr\u00e4ch mit P\u00e9ter Esterh\u00e1zy"},"content":{"rendered":"<p><em>Aus dem Ungarischen von Lacy Kornitzer<\/em><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/cover_Flucht-der-Jahre.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright wp-image-4420\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/cover_Flucht-der-Jahre-184x300.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"245\" srcset=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/cover_Flucht-der-Jahre-184x300.jpg 184w, http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/cover_Flucht-der-Jahre.jpg 278w\" sizes=\"(max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><\/a><br \/>\n<em>Verlag: Hanser Berlin, 2017<\/em><br \/>\n<em> ISBN: 978-3-446-25545-6<\/em><br \/>\n<em>Originaltitel:<\/em> Az \u00e9vek iszkol\u00e1sa, Budapest 2015<br \/>\n<em>Bezug: Buchhandel; Preis: 20 Euro<\/em><\/p>\n<p><em>von Gudrun Brzoska<\/em><\/p>\n<p>Wir Leser wissen ja bereits um den t\u00f6dlichen Ausgang von P\u00e9ter Esterh\u00e1zys Krebserkrankung. Als aber die Literaturwissenschaftlerin Marianna Birnbaum ihn schriftlich \u00fcber seine Biografie, n\u00e4mlich \u00fcber seine Familie, sein Verh\u00e4ltnis zu Gott, seine Vorlieben und Vorbilder und \u00fcber sein Schreiben befragte, hatte er noch keine Ahnung davon.<\/p>\n<p>Lebensbejahend, philosophisch und auch verspielt, kunstvoll sprudelnd oder direkte Antworten manchmal reizvoll umgehend, antwortet Esterh\u00e1zy auf jede noch so \u2013 manchmal &#8211; banal &#8211; wirkende Frage. Birnbaum m\u00f6chte aber auch wirklich a l l e s wissen!\u00a0 Erleichtert wird dem Leser die Lekt\u00fcre durch die am Rand markierten Jahreszahlen, den gefragten Lebensabschnitt oder Zitate aus seinen eigenen B\u00fcchern betreffend.<\/p>\n<p>Witzig ist seine Selbstparodie, w\u00e4hrend er die Fragen beantwortet, z.B.: <em>\u201eGeht, sieht nach. W\u00e4hrenddessen macht er einen Schlenker zur K\u00fcche, bricht ein kleines St\u00fcck Brot ab, tunkt es in den erstarrten Saft von kaltem Fleisch. \u2026\u201c<\/em><\/p>\n<p>F\u00fcr diejenigen, die ein bisschen weiter in Esterh\u00e1zys Leben hineinschauen m\u00f6chten, ist das eine lustvolle Lekt\u00fcre. Fast jede Antwort nutzt er zu einem kleinen Schn\u00f6rkel, zu einer politischen Anspielung, einer Geschichte, einem Nebenschauplatz, was noch weiter ins Abseits zu f\u00fchren scheint. Aber er w\u00e4re nicht Esterh\u00e1zy, wenn er nicht elegant und charmant wieder den Bogen zur\u00fcck schlagen w\u00fcrde. Lacy Kornitzer hat dieses Gro\u00dfinterview \u2013 wie gewohnt \u2013 hervorragend und einf\u00fchlsam \u00fcbersetzt.<\/p>\n<p>Die ersten Fragen gelten seinen Eltern, seiner Familie, seinen Vorfahren, seinem aristokratischen Hintergrund, seiner Liebe und seinem Heimatgef\u00fchl zu Ungarn. Selbstironisch geht er auf die Fragen um sein \u0152uvre ein \u2013 und breitet es mitsamt seinen von ihm selbst angesprochenen Fehlern und Schw\u00e4chen vor uns aus. F\u00fcr ihn selbst irgendwie \u00fcberraschend: Er ist gern Ungar, vor allem der Sprache wegen. Seine Schriftstellerei k\u00f6nne er sich in einer anderen Sprache gar nicht vorstellen.<\/p>\n<p>Esterh\u00e1zy ist sich seiner Herkunft bewusst, was ihm Sicherheit, Souver\u00e4nit\u00e4t und kritische Selbsteinsch\u00e4tzung bietet. Das \u201eGraf-sein\u201c war ihm schon immer l\u00e4stig. Darum hat er weder als Kind noch sp\u00e4ter etwas vermisst. Ganz im Gegenteil: Seine Kindheit spielte sich im geborgenen Familienkreis ab, die Eltern lie\u00dfen ihren Kindern die n\u00f6tige Freiheit. Dieses Elternhaus hat ihm erm\u00f6glicht, Zeit seines Lebens ein gl\u00fccklicher Mensch, ein in sich ruhender Mensch zu sein und zu bleiben, wie wir es sp\u00e4ter auch in seinem \u201eBauchspeicheldr\u00fcsentagebuch\u201c lesen k\u00f6nnen. <em>\u201eDer Name verpflichtet \u2013 so etwas gab\u2019s nicht. <\/em><em>\u00a0Es war eher Selbstkenntnis, dadurch Selbstsicherheit, kein Hochmut. Ich habe nie daran gedacht, allerdings wusste ich auch immer, was mein Name bedeutet. <\/em><em>\u00a0Wir waren frei, scheint mir\u201c. <\/em><\/p>\n<p>Die Diktatur hat ihn nicht gehindert. Trotzdem, das wirklich Schlimme war damals die Angst, die Unberechenbarkeit, wann die Obrigkeit wieder zuschlagen k\u00f6nnte. Das Schlechte hat er irgendwie von sich<em> \u201eheruntergefegt\u201c.<\/em><\/p>\n<p>Es geht also zun\u00e4chst um seine Familie, die 1951 aus Budapest ausgesiedelt wurde. Nat\u00fcrlich kann er sich nur aus Erz\u00e4hlungen daran \u201eerinnern\u201c. Das Leben seines Vaters wurde damals \u201ezerlegt\u201c, dadurch auch das seiner Mutter.<\/p>\n<p>Der Sohn P\u00e9ter tritt uns ebenso als liebevoller Vater, als auch als liebender Sohn entgegen und l\u00e4sst immer wieder sp\u00fcren, wie wichtig ihm Familie ist \u2013 und wie wohl und geborgen er sich darin f\u00fchlt \u2013 auch wenn Unvorhergesehenes passiert. Auf die Frage nach seinem Vater antwortet er: <em>\u201eEine Geschichte Osteuropas ist die Geschichte gebrochener M\u00e4nner\u201c. <\/em>Und: \u201e<em>Einer meiner liebsten Verwandten, sosehr ich es auch drehe und wende, war mein Vater.\u201c<\/em><\/p>\n<p>\u00dcber seine Mutter sagt er: \u201e<em>Sie hat ihr Gl\u00fcck ausgelagert, in uns gepflanzt. Wenn uns etwas Gutes widerfuhr, machte sie das, wie man zu sagen pflegt, gl\u00fccklich.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Eine der n\u00e4chsten Fragen geht nach seinen Kindheitshelden. Auff\u00e4llig ist \u2013 und Esterh\u00e1zy best\u00e4tigt das auch \u2013 dass fast alle seine Helden und Vorbilder durch die Literatur gepr\u00e4gt sind. Schon als Kind war er ein begeisterter Leser.\u00a0 Sein Leben als Autor\u00a0 speist sich aus diesen Leseerlebnissen, deren Aufz\u00e4hlung er abbrechen muss, weil es so viele sind.<\/p>\n<p>Und nat\u00fcrlich kommt die Faszination Fu\u00dfball zur Sprache; nicht als Fan, \u00e4u\u00dfert er sich, sondern als Kenner, der den Mannschaftssport liebt und als solchen fachm\u00e4nnisch beurteilen kann.<\/p>\n<p>Ausgespart bleibt auch nicht die unaufschiebbare Frage nach seinem Glauben \u2013 und wann er zum ersten Mal von Gott geh\u00f6rt habe: Gott war in seiner Kindheit der Ausdruck von Ordnung und System, etwas, dem man vertrauen konnte, und weil Gott eine Vorstellung von allem haben musste. Sein Katholizismus bedeutet ihm \u201e<em>Bildung, Kultur, Europa (oder die Welt)\u201c.<\/em> Und: \u201e<em>Das Gef\u00fchl, Christ zu sein, ist das Gef\u00fchl, Europ\u00e4er zu sein, einer, f\u00fcr den es keine Wahl gibt.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Dabei kommt auch zur Sprache, dass er noch nicht an seinen Tod denkt! Vielleicht in einigen Jahren einmal w\u00fcrde er \u00fcber Glauben und Jenseits anders denken.<\/p>\n<p>Und wie bald ist das gekommen!<\/p>\n<p>Zu sich selbst als Autor entsinnt er sich, dass er von Anfang an habe Literatur und P\u00e4dagogik studieren wollen, wobei ihm klar war, dass er zu diesem Studium nicht zugelassen w\u00fcrde. In der Schule war er ganz gut in Mathematik \u2013 und so belegte er diesen Studiengang. Aber beschlossen, dass er Mathematiker werden wolle, das habe er nicht. Genauso wenig, wie er beschlossen habe, Schriftsteller zu werden: \u201e<em>Im Allgemeinen beschlie\u00dfe ich nicht. Ich gucke, was los ist. <\/em><em>\u00a0Mit leichter \u00dcbertreibung w\u00fcrde ich sagen: Pl\u00f6tzlich, hipp und hopp, merkte ich, dass ich es war&#8230;\u201c<\/em>. <em>\u201e<\/em><em>\u00a0Ich habe mich nie danach gesehnt, jemand anderes zu sein\u2026. Wie ich schon sagte, sehnte ich mich zwar nicht danach, Schriftsteller zu werden, doch bevor ich meine Sehns\u00fcchte h\u00e4tte formulieren k\u00f6nnen, war ich es bereits\u2026\u201c<\/em><\/p>\n<p>Dem Leser seiner Werke w\u00fcnscht er sich, nach M\u00e1rais Ausspruch, dass der mit aller Kraft lese, unerbittlich und leidenschaftlich. Lesen, als sei es das letzte Buch, so wie er selbst liest. <em>\u201eBedenke, nur der Mensch liest.\u201c<\/em> sagte M\u00e1rai. Und Esterh\u00e1zy dazu: <em>\u201eIch lese, wie ich esse und trinke \u2013 kulinarisch. Weil es gut ist, wegen des Genusses, keinerlei gesundes Essen; obschon es Hunger gibt und auch Leidenschaft\u2026.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Der Ruhm aufgrund seiner Literatur war und ist ihm nicht so wichtig: Seine ganze Aufmerksamkeit gilt der Arbeit, gilt dem Schreiben. Ist ein Werk abgeschlossen, steht er ihm eher distanziert gegen\u00fcber \u2013 und st\u00fcrzt sich in das n\u00e4chste. Das kommt in seinem (sp\u00e4teren) Tagebuch auch immer wieder zum Ausdruck: <em>\u201eVon Worten fallen mir Worte ein, und umgekehrt. <\/em><em>\u00a0Schreiben ist nicht Erinnerung an die Welt, sondern selbst die Welt\u2026\u201c<\/em> Dabei geht es kaum um Autobiografisches, denn: <em>\u201eEinen Autor hinter einer dem Autor \u00e4hnlichen Figur zu verbergen, das schafft Distanz und Ironie \u2013 auf selbstironische Art\u201c.<\/em> Sein Leben ist ihm der Stoff zu seinen Romanen: <em>\u201eIch schreibe, was nicht ist, und dann ist es\u201c.<\/em><\/p>\n<p>Sehr pers\u00f6nliche Fragen stellt Birnbaum \u00fcber das erste Treffen mit Gitta, seiner sp\u00e4teren Frau. Wie w\u00e4re sein Leben verlaufen, ohne sie: <em>\u201eAlso diese Frage f\u00fchrt nirgendwohin. Mein Leben w\u00e4re anders, ich w\u00e4re anders, mein F\u00fcller, meine Hand w\u00fcrde sich anders bewegen. Auch meine F\u00fc\u00dfe. Und nat\u00fcrlich die Bauchspeicheldr\u00fcse\u201c.<\/em> Da haben wir sie, die erste Erw\u00e4hnung der Bauchspeicheldr\u00fcse \u2013 noch ganz arglos, wahrscheinlich weil ihm das Wort so gut gef\u00e4llt: \u00a0\u201e<em>hasny\u00e1lmirigy\u201c. <\/em><\/p>\n<p>\u00dcber das \u00c4lterwerden meint er, dass sein Leben, so wie es bisher verlaufen war, in Ordnung sei, ja, er w\u00fcrde sein Leben auch noch einmal leben und akzeptiert es so, wie es ist. Dabei f\u00fchlt sich Esterh\u00e1zy auch f\u00fcr die Ereignisse seines Lebens verantwortlich.<\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang denkt er dar\u00fcber nach, dass im Kreis seiner Bekannten und Verwandten die Krankheit Krebs um sich schl\u00e4gt \u2013 er das aber nicht auf sich beziehen kann. <em>\u201eWarum glaubt man trotzdem, dass es nur f\u00fcr andere gilt?\u201c<\/em><\/p>\n<p>Und zur letzten Frage, ob man wenigstens ein Geheimnis haben solle:<\/p>\n<p><em>\u201eEin Geheimnis soll sein, 1 bis 1,2 pro Kopf. Ich bin, liebe Frau Fragekommissarin, ein offenes Buch. Nur dass das Buch in irgendeiner fremden Sprache geschrieben ist. Das einzige Wort, das man auf Anhieb lesen kann, ist: Cary Grant.\u201c<\/em> Eine Anspielung darauf, dass viele Menschen gern Cary Grant w\u00e4ren.)<\/p>\n<p>\u00a9 Gudrun Brzoska<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus dem Ungarischen von Lacy Kornitzer Verlag: Hanser Berlin, 2017 ISBN: 978-3-446-25545-6 Originaltitel: Az \u00e9vek iszkol\u00e1sa, Budapest 2015 Bezug: Buchhandel; Preis: 20 Euro von Gudrun Brzoska Wir Leser wissen ja bereits um den t\u00f6dlichen Ausgang von P\u00e9ter Esterh\u00e1zys Krebserkrankung. 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