{"id":4183,"date":"2017-04-02T19:23:07","date_gmt":"2017-04-02T19:23:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=4183"},"modified":"2017-04-02T19:33:49","modified_gmt":"2017-04-02T19:33:49","slug":"rezension-krudy-gyula-der-geschmack-der-traume","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=4183","title":{"rendered":"Rezension: Kr\u00fady, Gyula &#8211; &#8222;Der Geschmack der Tr\u00e4ume&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/der_geschmack_der.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-4187\" title=\"der_geschmack_der\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/der_geschmack_der.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"236\" \/><\/a><em>zehn Erz\u00e4hlungen<br \/>\nAus dem Ungarischen von Gy\u00f6rgy Buda<br \/>\nund mit einem Nachwort von L\u00e1szl\u00f3 Darvasi<br \/>\nVerlag Edition Alea, Badenweiler, 2016<br \/>\nISBN: 978-3-944524-04-7<br \/>\nOriginaltitel: Az \u00e9let \u00e1lom<br \/>\nBezug: Buchhandel, Preis: 24,90 Euro <\/em><\/p>\n<p>Der Geschmack der Tr\u00e4ume! Welch sch\u00f6ner Titel f\u00fcr diese Erz\u00e4hlungen. Die Geschichten, die sich um essen und trinken drehen, sind vor allem auf die Erinnerung eines bestimmten Geschmacks ausgerichtet, nicht etwa auf die Zubereitung von Speisen und Getr\u00e4nken. Ja, \u201edie gute alte Zeit\u201c! Wie sehr beschw\u00f6rt Kr\u00fady sie herauf in seinen Tr\u00e4umen vom Genie\u00dfen, die sich nicht nur mit essen und trinken besch\u00e4ftigen. Es ist die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, die Zeit der Monarchie, als noch alles \u201ein Ordnung\u201c war \u2013 und auch, als \u201edas W\u00fcnschen noch geholfen\u201c hat. Kr\u00fady, der wunderbare Erz\u00e4hler, sp\u00fcrt dieser Zeit nach und stellt uns in diesen Novellen Wirtsh\u00e4user, Restaurants und Beisln mit ihren G\u00e4sten vor. Nicht, dass er geradlinig von deren Besuchen erz\u00e4hlte, nein, Kr\u00fady schweift gern ab, scheint den Faden zu verlieren in Anekdoten und kleinen ironischen Seitenhieben auf die \u201emoderne Zeit\u201c in der er lebt, n\u00e4mlich Ende der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts. Doch er kommt, wie von einer unsichtbaren Schnur gezogen, immer wieder auf seine essenden und trinkenden G\u00e4ste zur\u00fcck.<br \/>\nKr\u00fady, das kann man diversen Literaturgeschichten entnehmen und auch dem h\u00f6chst lesenswerten Nachwort von L\u00e1szl\u00f3 Darvasi, war gar kein so gro\u00dfer Esser. Er setzte sich ins Wirtshaus und beobachtete die G\u00e4ste: die Gierigen, die Schlemmer, die Vielfra\u00dfe, die Trinker, die S\u00e4ufer, die Schw\u00e4tzer und Besserwisser. Er beobachtete auch die Kellner, die Wirtinnen und Wirte, die Schankt\u00f6chter. Aus jeder ihrer Gesten und \u00c4u\u00dferungen holte er ihre pers\u00f6nliche Geschichte heraus; ein hingeworfenes Wort gen\u00fcgte ihm da schon.<br \/>\nKr\u00fady ist kein Erz\u00e4hler, der in die Psyche seiner Figuren eindringt und sie analysiert, er entwirft ein Bild, quasi eine \u201eimpressionistische Malerei mit realem Hintergrund\u201c, in der es um Stimmungen und Atmosph\u00e4re geht, nicht um Handlung und spannende Ereignisse.<br \/>\nIn \u201eDer Geschmack der Tr\u00e4ume\u201c geht es nebenbei und haupts\u00e4chlich um die Lust am Essen, um die \u201erichtige\u201c Reihenfolge der Mahlzeiten, um das \u201erichtige\u201c, das dazu passende Speiselokal. Wir schauen nicht in K\u00fcchen und T\u00f6pfe, aber wir erfahren von h\u00f6chst kenntnisreichen Genie\u00dfern, welche Zutaten unabdingbar zu welchen Speisen geh\u00f6ren, wie gut auch Reste und sogar leicht Angebranntes schmeckt, wo und wann das beste Bier getrunken wird \u2013 und dass es auch abgestanden \u2013 gar nicht so schlecht ist.<br \/>\nGem\u00e4chlich und zeitvergessen treiben Kr\u00fadys Erz\u00e4hlungen dahin, spie\u00dfen ironisch hier und dort ein Anekd\u00f6tchen oder ein H\u00f6ren-sagen auf. Er beschreibt kleine Absonderlichkeiten und setzt damit den gesamtgesellschaftlichen Zustand seiner Zeit in Szene, in seinen ironischen Bemerkungen versteckt sich manchmal der Autor.<br \/>\nWie in seinen anderen Erz\u00e4hlungen kommt auch hier der Schabernack nicht zu kurz, etwa, wenn er lang und breit beschreibt, wie eine Wirtin unbedingt Leute zum Krautstampfen braucht. In fast jede noch so kleine Beobachtung flicht er eine neue Hintergrundstory mit ein \u2013 \u00fcbrigens hervorragend \u00fcbersetzt im dazu passenden, etwas altmodischen, gew\u00e4hlten Deutsch, von Gy\u00f6rgy Buda.<br \/>\nDie ersten beiden Erz\u00e4hlungen, Der Journalist und der Tod und Eine Nacht im Wirtshaus zum \u201eAraberschimmel\u201c geh\u00f6ren zusammen. Sie wurden bereits fr\u00fcher in Anthologien ungarischer Kurzgeschichten \u00fcbernommen.<br \/>\nDer unbedeutende Journalist Titusz Sz\u00e9plaki hatte sich despektierlich \u00fcber die hochvornehmen Herren des Casinos ge\u00e4u\u00dfert, wof\u00fcr selbstverst\u00e4ndlich Satisfaktion geleistet werden muss. Er wei\u00df, dass er sterben wird, denn er hat keinerlei \u00dcbung im Duellieren \u2013 wie h\u00e4tte er auch! Also l\u00e4sst er sich noch einen Vorschuss von seinem Chef geben \u2013 kleidet sich w\u00fcrdevoll und dem Anlass entsprechend, schlendert scheinbar unbeeindruckt am Casino vorbei und l\u00e4sst sich treiben. Sp\u00e4t kehrt er in einem Nachbeisl ein, in dem sonst nur die Herren Drucker und der Chefredakteur speisen. Einmal will er ein Mann von Welt sein, wenigstens einen Tag lang, bevor er stirbt. Er bestellt sich gute Speisen, besucht danach ein Caf\u00e9, scherzt mit den Schauspielerinnen, bis ihm kaum noch ein Trinkgeld \u00fcbrig bleibt. Gest\u00e4rkt verbringt er die Nacht und noch einen halben Tag, den er mit einem wunderbaren Mittagessen kr\u00f6nt, bis es Zeit f\u00fcr das Duell ist.<br \/>\nGanz anders sein Kontrahent, ein Husarenoberst a.D., ein ge\u00fcbter Duellant, der eigentlich gar nichts gegen den armen Schreiberling hat \u2013 aber das Erschie\u00dfen, das muss einfach sein, da f\u00fchrt kein Weg dran vorbei. Er will dem armen Schlucker in dessen letzten Stunden ganz nah sein, geht in ein armseliges Beisl und bestellt sich zu essen und zu trinken, wie es \u2013 so stellt er es sich vor &#8211; der Arme sein Leben lang getan hat. Sie schmecken ihm sogar, diese einfachen Speisen, Grammeln, die er mit allen zehn Fingern isst, ein Gulaschrest vom Mittag \u00fcbrig geblieben \u2013 und er steigert sich geradezu hinein in das einfache Essen und vertilgt gewaltige Mengen. Die Verkleidung ist ihm gut gelungen, keiner erkennt in ihm den feinen Herrn. Der Oberst lie\u00df die Radieschen unter den Z\u00e4hnen krachen, diese Speise der Armen, \u2026.<br \/>\nIn der Novelle Die Wirtin oder die verzauberten G\u00e4ste ist es die gestandene Frau Wirtin, die ihre G\u00e4ste f\u00fcr sich arbeiten l\u00e4sst: Ein Schweineh\u00e4ndler, schon lange mit ihr bekannt, m\u00f6chte bei ihr speisen. Er reist immer mit der Bahn \u2013hier schiebt Kr\u00fady plaudernd einige Beobachtungen zur Bahn ein, \u00fcber den Fahrplan, die P\u00fcnktlichkeit der Z\u00fcge, die Reisenden. Vor allem die Stiefel der Reisenden, ihre St\u00f6cke, Pelze, Koffer und Portemonnaies nimmt er genau in Augenschein.<br \/>\nW\u00e4hrend der Herr bestellt und isst, plaudert die Wirtin mit ihm und erz\u00e4hlt wie nebenbei, dass sie eine Wagenladung Kraut gekauft habe, das am Nachmittag eingelegt werden solle. In immer neuen Schleifen kehrt Kr\u00fady hingebungsvoll zur Nahrungsaufnahme des Schweineh\u00e4ndlers zur\u00fcck, personalisiert sogar seine Z\u00e4hne: \u2026.alles das fand\u2026. den Weg in den Mund des Herrn P\u00e1szm\u00e1ti, wo es die Mahlz\u00e4hne, die ja die ganze Nacht nur Nebel oder den Zigarettenspitz aus Weichselholz zum Bei\u00dfen bekommen hatten, sie freudig empfingen. Er nimmt den Faden wieder auf, zusammen mit kleinen Nebenerz\u00e4hlungen, bis er auf das Krautstampfen zur\u00fcck kommt. Dazu wei\u00df P\u00e1szm\u00e1ti nat\u00fcrlich, wie jeder kundige Gast in Kr\u00fadys Erz\u00e4hlungen, von wem und wie Kraut gestampft werden m\u00fcsse, wer das Kraut vorher auszusuchen und gar, woher es unbedingt stammen m\u00fcsse. Und schon hat ihn die Wirtin am Haken, f\u00fcr sie Kraut zu stampfen. Ohnehin habe er am Vormittag noch ein Bad nehmen wollen, sagt er, nachmittags w\u00fcrde er dann in den Krautbottich steigen\u2026.<br \/>\nNoch weitere G\u00e4ste kommen, welche die listige Wirtin f\u00fcrs Krautstampfen begeistern kann. Nebenbei erfahren wir, dass es, im Gegensatz zur Stadt \u2013 auf dem Lande immer noch Sitte sei, p\u00fcnktlich mit dem Mittagsl\u00e4uten, den \u201eSuppenglocken\u201c mit dem Essen zu beginnen. Wir lesen, wie man Magenleiden kuriert, wie in einem ordentlichen Gasthaus die Tische gedeckt sein m\u00fcssen \u2026die Terrinen waren noch aus Porzellan, und sie trugen dieselben Monogramme wie die Teller und das sonstige Essgeschirr. Alle G\u00e4ste sind kenntnisreiche Genie\u00dfer, die wissen, wo man den besten Paprika kauft, wie der beste Kren gemacht wird und dass es am besten sei, einige Zutaten immer selbst dabei zu haben, z.B. getrocknete Paprikaschoten, kleine Zwiebeln, echten ausl\u00e4ndischen Pfeffer, echten Knoblauch und immer ein kleines Glas Senf. Am Nachmittag wetteifern die Herren dann miteinander, wer in den Bottich steigen und stampfen darf, ganz nach den Erwartungen der Wirtin. Nat\u00fcrlich ist auch das eine umst\u00e4ndliche Angelegenheit. Vieles muss bedacht und besprochen werden. Nicht nur der Tiroler, der das Kraut schneidet, wartet mit seinen Kenntnissen auf, sondern auch die sich \u00fcberbietenden Herren Krautstampfer wachen eifers\u00fcchtig dar\u00fcber, wer zuerst \u2013 und wer zuletzt Kraut stampfen darf.<br \/>\nEine seiner ber\u00fchmten Sindbad-Geschichten hat Kr\u00fady mit in diese Auswahl einbezogen und ebenso einen l\u00e4ngeren Diskurs dar\u00fcber, wie es gehen kann, wenn einem Trinker der Alkohol und damit der Genuss am Leben und Lieben voll und ganz entzogen wird.<br \/>\nL\u00e1szl\u00f3 Darvasi schreibt in seinem bewundernswerten Essay \u00fcber die Umst\u00e4nde, wie Kr\u00fady diese Novellensammlung selbst zusammen gestellt hat: Er war in gro\u00dfer Not, als 1931 unbedingt ein Buch von ihm gedruckt sein musste, damit er einen ihm zugesprochenen Literaturpreis in Empfang nehmen konnte \u2013 f\u00fcr kurze Zeit lebensnotwendig f\u00fcr den armen Autor.<br \/>\nUnd so, angeregt und gest\u00e4rkt von Kr\u00fadys schmackhafter Lekt\u00fcre, kann man heute dem Essen, dem Zelebrieren einer Mahlzeit in der guten alten Zeit nur nachtrauern. Was h\u00e4tte der Autor wohl zu \u201eFast Food\u201c, zum Essen im Stehen an Resopaltischen gesagt? Das Fest des Speisens, des Genie\u00dfens, das ahnt die Moderne nur noch in ihren Wunschtr\u00e4umen, in ihrer hoffnungslosen Sehnsucht nach dem guten Geschmack.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>zehn Erz\u00e4hlungen Aus dem Ungarischen von Gy\u00f6rgy Buda und mit einem Nachwort von L\u00e1szl\u00f3 Darvasi Verlag Edition Alea, Badenweiler, 2016 ISBN: 978-3-944524-04-7 Originaltitel: Az \u00e9let \u00e1lom Bezug: Buchhandel, Preis: 24,90 Euro Der Geschmack der Tr\u00e4ume! 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