{"id":4141,"date":"2017-01-22T22:17:38","date_gmt":"2017-01-22T22:17:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=4141"},"modified":"2017-01-22T22:22:10","modified_gmt":"2017-01-22T22:22:10","slug":"rezension-boszormenyi-zoltan-in-den-furchen-des-lichts","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=4141","title":{"rendered":"Rezension: B\u00f6sz\u00f6rm\u00e9nyi, Zolt\u00e1n &#8211; &#8222;In den Furchen des Lichts&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/in_den_furchen.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-4142\" title=\"in_den_furchen\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/in_den_furchen.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"240\" \/><\/a><em>Roman<br \/>\nAus dem Ungarischen von Hans-Henning Paetzke<br \/>\nVerlag Mitteldeutscher Verlag Halle, 2016<br \/>\nISBN: 978-3-95462-730-1<br \/>\nOriginaltitel: Reg\u00e1l, 2011<br \/>\nBezug: Preis: Buchhandel, 24,95 Euro<\/em><\/p>\n<p><em><\/em>Durch Erinnerung sich der Vergangenheit stellen \u2013 und sich befreien:<br \/>\n2016 konnten wir gleich zwei spannende autobiografisch gef\u00e4rbte Fluchterz\u00e4hlungen ungarischer Autoren lesen: Im August erschien Akos Domas \u201eDer Weg der W\u00fcnsche\u201c. Hier schildert er romanhaft die Flucht seiner Familie Mitte der 70er Jahre aus dem kommunistischen Ungarn, die Schwierigkeiten im italienischen Lager, die Behandlung der Fl\u00fcchtlinge als Menschen dritter Klasse, die beginnende Entwurzelung und die Irritationen an fest verankerten Werten.<br \/>\nIm September kam B\u00f6sz\u00f6rm\u00e9nyis \u201eIn den Furchen des Lichts\u201c heraus. Auch er f\u00fchrt die Gr\u00fcnde seiner Flucht aus einem kommunistischen Land an, hier Rum\u00e4nien, in den fr\u00fchen 80er Jahren und seine Ankunft in einem Zwischenlager des \u201eGelobten Westens\u201c.<br \/>\nIn beiden Romanen geht es nicht nur um die \u00e4u\u00dferen Umst\u00e4nde der Flucht, sondern auch um den inneren Zwiespalt, der bereits in der N\u00e4he der Grenze beginnt, als die Fl\u00fcchtlinge am liebsten noch einmal umgekehrt w\u00e4ren ins warme Nest der Familie.<br \/>\nAuch B\u00f6sz\u00f6rm\u00e9nyi blickt immer wieder zur\u00fcck auf sein Leben vor der Flucht, vornehmlich in Tr\u00e4umen und Albtr\u00e4umen.<br \/>\nRum\u00e4nien, das Land aus dem er floh, wird nicht ein einziges Mal genannt, doch man muss nicht erst in der Biografie des Autors lesen, um zu wissen, um welches kommunistische Land in den 80er Jahren es sich handelt, wo die Geheimpolizei (Securitate) einem angeblichen Staatsfeind mit einem t\u00f6dlichen Verkehrsunfall droht, seine B\u00fcrger fertig machen will, in st\u00e4ndige Verfolgungsangst versetzt und damit gleichzeitig alle Angeh\u00f6rigen und Bekannten.<br \/>\nDas Buch ist nicht nur bemerkenswert, weil es gerade richtig zu kommen scheint in unsere Zeit der gro\u00dfen Fl\u00fcchtlingsstr\u00f6me mit ihren Schicksalen von Ungewissheit, Heimatlosigkeit und Fremdheit, sondern auch, weil Flucht an sich ein literarisches Thema ist, das durch alle Jahrhunderte gegenw\u00e4rtig ist.<br \/>\nDer Verlag schreibt in seiner Information: \u201eEin lebensnahes Psychogramm der Fl\u00fcchtlings- und Lagerrealit\u00e4t\u201c. Vieles \u00e4hnelt den heutigen Fluchten: Die Unm\u00f6glichkeit in der Heimat zu bleiben, die Angst, die Gef\u00e4hrlichkeit der Flucht; die unfreundliche, gleichg\u00fcltige Aufnahme im Lager, das Warten auf Bewilligung des Asylantrages; die Reibereien im Lager untereinander, die d\u00fcnnh\u00e4utigen Nerven, die Gereiztheit, ja, sogar Angriff und Mord. Und immer wieder aufkeimende Hoffnung und \u00fcbersch\u00e4umende Freude \u00fcber eine Bewilligung \u2013 und die Leere danach; das Hin- und Hergerissensein, die qu\u00e4lenden Gedanken an die Zur\u00fcckgebliebenen und ihr ungewisses Schicksal, die nagenden Zukunftsfragen, die Ablehnung und das Misstrauen der Einheimischen und das st\u00e4ndige Bewusstsein, als Mensch kaum noch etwas wert zu sein, hochn\u00e4sig, absch\u00e4tzig und gleichg\u00fcltig behandelt zu werden.<br \/>\nEin junger Mann, Ingenieur und Familienvater, ger\u00e4t ins Visier der Geheimpolizei, die ihn nicht nur bespitzelt, verh\u00f6rt, sondern ihm auch offen droht. Sein weiteres Leben ist von Angst \u00fcberschattet, bis er von jetzt auf nachher in einem Herbst beschlie\u00dft aus dem Land zu fliehen. Er will auch vor sich selber fliehen, vor seiner Angst, die ihn schon seit Langem beherrscht.<br \/>\nAngekommen im Westen, wird er ziemlich barsch und unfreundlich in ein Gef\u00e4ngnis zu wirklichen Verbrechern gesteckt, bis sich seine Personalien gekl\u00e4rt haben. Den Zellenkumpanen gelingt es auch, ihn fast zu ermorden\u2013 nur so \u2013 um ihren Frust auszutoben. Die Gleichg\u00fcltigkeit des Wachpersonals ist erschreckend. Ein Mitfl\u00fcchtling, Schnurri, nimmt sich seiner an, bis sie in ein Asylantencamp kommen und einen Lagerausweis erhalten. Vorsichtige Freundschaften unter Landsleuten bahnen sich an: Sie alle wollen weg, f\u00fchlen sich politisch verfolgt, m\u00f6chten endlich frei und ohne Angst leben. Unter ihnen auch Gro\u00dfm\u00e4uler, wie z. B. Mathi, der genug Geld hatte, um im Zug zur Grenze zu fahren, sich im Taxi ins Lager bringen zu lassen; der eine Verlobte in Australien hat, die ihm den Fug bezahlt und auch schon Arbeit f\u00fcr ihn gefunden hat. Trotzdem b\u00e4ndelt er mit einer jungen Frau im Lager an. &#8211; Ein Hans-Dampf in allen Gassen. Nicht so unser Fl\u00fcchtling, dessen Name, Tam\u00e1s, erst ganz zum Schluss genannt wird: Er will arbeiten, den Kontakt zu seiner Familie nicht abrei\u00dfen lassen. Das erweist sich aber als unm\u00f6glich. Au\u00dfer seinen Ansichtskarten kommt dort nichts an, weder das Lebensmittelpaket, das er geschickt hat, noch die Telefonversuche, die unterbrochen werden.<br \/>\nZweifel bem\u00e4chtigen sich seiner immer wieder: Kann man von vorn beginnen, was nie zuvor existiert hat? Beziehungsweise so, wie es einst geschehen ist? Die Erinnerung ver\u00e4ndert das einmal Geschehene. Die Wirklichkeit der Zeit t\u00e4uscht mein Bewusstsein, damit ich nicht bemerke, dass das Seiende lediglich eine Wiederholung des Gewesenen ist\u2026.<br \/>\nAuch damals durften die Lagerinsassen keine Arbeit annehmen. Und trotzdem sind sie auf Arbeit angewiesen, wenn sie nicht eigenes Geld mitgebracht haben. Sie wollen ihre Familien unterst\u00fctzen, sich Kleidung kaufen, da sie au\u00dfer der, die sie w\u00e4hrend der Flucht anhatten, nichts haben, oder sich zus\u00e4tzlich zum Kantinenessen, etwas leisten. Die Schwarzarbeiter werden ausgenutzt, bekommen wenig, werden meist unfreundlich und herablassend behandelt, sogar um ihren Lohn geprellt, als die Polizei gemeinsame Sache mit dem Arbeitgeber macht.<br \/>\nDoch auch erfreuliche Zeichen von Mitmenschlichkeit kommen zum Vorschein: Tam\u00e1s wird von einem Rentnerehepaar, bei dem er Holz spaltet, zum Essen eingeladen, ganz wie einer, der dazu geh\u00f6rt.<br \/>\nDie Fl\u00fcchtlinge, die zum Teil schon monatelang auf ihre Bescheide warten, haben immer wieder das ohnm\u00e4chtige Gef\u00fchl, Willk\u00fcr und Zufall ausgesetzt zu sein. Olga, eine Frau in der Verwaltung, zeigt Mitgef\u00fchl: Keine M\u00f6glichkeit, Berufung einzulegen. Das ist der reinste Menschenhandel. Wenn du jung bist, Familie und eine gute Ausbildung hast, noch dazu einen Beruf, der im betreffenden Land gefragt ist, dann hast du gro\u00dfe Chancen, dass dein Antrag positiv beschieden wird.<br \/>\nUnd immer wieder gibt es R\u00fcckschl\u00e4ge: Nicht nur, dass er nicht eingeladen wird, bei der australischen Botschaft vorzusprechen, wie er es sich gew\u00fcnscht hat, um eine m\u00f6glichst gro\u00dfe Strecke zwischen seine alte Heimat und die Zukunft zu legen, er schwebt auch tagelang im Ungewissen, ob ihn Kanada trotz eines erfolgversprechenden Interviews einreisen lassen wird, da man bei R\u00f6ntgenaufnahmen Schatten auf seiner Lunge gefunden hat. Tuberkulose?<br \/>\nIhn, wie die anderen auch, qu\u00e4lt, trotz der vielen Menschen im Lager, die Einsamkeit, das Bed\u00fcrfnis nach zwischenmenschlichem Kontakt. Zu gern w\u00e4re er so leichtlebig wie seine neuen Freunde und w\u00fcrde sich an ein M\u00e4dchen kuscheln, zu gern w\u00fcrde auch er sich anlehnen, doch seine \u201eAuserw\u00e4hlte\u201c hat schon einen Verlobten in Amerika \u2013 und bleibt standhaft. Das schlechte Gewissen plagt ihn: so leicht vergisst er seine Frau und seine beiden Jungen zu Hause?<br \/>\nEin Traum, ein Gef\u00fchl zwischen Wachen und Schlafen, in einem Lichttunnel, in Lichtstreifen, schwebend, ohne Halt, heimatlos und einsam in einer Welt, die Gedanken und der Wille in den Lichttunneln dem Zufall preisgegeben, dr\u00fcckt seine Empfindungen in dieser Zeit aus.<br \/>\nImmer wieder ist es die Angst, die er beschreibt, sein Leben vor der Flucht, sein Leben w\u00e4hrend und nach der Flucht. Nur wenige Momente gibt es, in denen er sich sicher und fast unbeschwert f\u00fchlt, bis er endlich in den Transferbus zum Flughafen einsteigen kann.<br \/>\nHier, im Roman, ist der Fl\u00fcchtling Ingenieur, der tats\u00e4chliche Autor war zur Zeit seiner Flucht aber Literat, der wegen \u201enationalistischer \u00c4u\u00dferungen\u201c zu Gunsten Ungarns in den Focus der Securitate geriet.<br \/>\nDass er nach \u00fcber 20 Jahren wieder zu seiner urspr\u00fcnglichen Liebe, der Literatur, zur\u00fcckgekehrt ist, merkt man an vielen poetischen Formulierungen, die manchmal so gar nicht in den harten Fl\u00fcchtlingsalltag passen wollen. Sie geben aber das Lebensgef\u00fchl des jungen Fl\u00fcchtlings im R\u00fcckblick wieder, der gezwungenerma\u00dfen gerade aufgeh\u00f6rt hatte zu schreiben: Die Sonne sitzt auf dem H\u00fcgel, als wollte sie von dort nie herunterkommen. \u2013 Auf dem R\u00fccken des Winds galoppiert der Herbst mit zerzaustem Haar durch die sehnsuchtsvollen B\u00fcsche.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Roman Aus dem Ungarischen von Hans-Henning Paetzke Verlag Mitteldeutscher Verlag Halle, 2016 ISBN: 978-3-95462-730-1 Originaltitel: Reg\u00e1l, 2011 Bezug: Preis: Buchhandel, 24,95 Euro Durch Erinnerung sich der Vergangenheit stellen \u2013 und sich befreien: 2016 konnten wir gleich zwei spannende autobiografisch gef\u00e4rbte &hellip; <a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=4141\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[353],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4141"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4141"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4141\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4146,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4141\/revisions\/4146"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4141"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4141"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4141"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}