{"id":4125,"date":"2016-12-28T22:00:14","date_gmt":"2016-12-28T22:00:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=4125"},"modified":"2016-12-28T22:00:14","modified_gmt":"2016-12-28T22:00:14","slug":"rezension-darvasi-laszlo-wintermorgen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=4125","title":{"rendered":"Rezension: Darvasi, L\u00e1szl\u00f3 &#8211; &#8222;Wintermorgen&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/wintermorgen.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-4126\" title=\"wintermorgen\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/wintermorgen.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"249\" \/><\/a><em>Novellen<br \/>\nAus dem Ungarischen von Heinrich Eisterer<br \/>\nVerlag Suhrkamp Berlin, 2016<br \/>\nISBN: 978-3-518-42552-7<br \/>\nOriginaltitel: Isten. Haza., 2015<br \/>\nBezug: Buchhandel, Preis:24 Euro<br \/>\n<\/em><br \/>\nWelch ein Gegensatz! Hinter einer \u00fcberaus poetischen, manchmal fast romantisch anmutenden Sprache lauern Grausamkeiten, Lieblosigkeit, Gewalt und Mord. In seinen 35 Novellen f\u00fchrt uns Darvasi schutzlos lakonisch und pr\u00e4gnant in menschliche Abgr\u00fcnde von Zusammenleben und Einsamkeit, in problematische Familien mit behinderten Kindern, zu pflegebed\u00fcrftigen Angeh\u00f6rigen, zu S\u00e4ufern und Schl\u00e4gern.<br \/>\nIn all seinen Geschichten holt Darvasi bei aller Lakonie so weit aus, dass er das Umfeld seiner Protagonisten detailreich beleuchtet, ihre \u00dcberlegungen, ihre gegenw\u00e4rtige Situation, ihre Vergangenheit. (Was hat ihn zu diesem Menschen gemacht?). Aber er erhebt keinen moralischen Zeigefinger, l\u00e4sst die Geschichten einfach so stehen: so sind die Menschen eben.<br \/>\nDabei ist es eher schwierig, die Novellen nachzuerz\u00e4hlen \u2013 der Leser muss sie einfach auf sich wirken lassen, denn wie in seinen fr\u00fcheren Novellen muss der Leser auch hier nicht alles verstehen, was zuweilen so fantastisch und surrealistisch daher kommt. Auch hier wieder zeigt Darvasi das B\u00f6se, das hinter scheinbarer Allt\u00e4glichkeit und Ehrbarkeit lauert: Der ganz normale Wahnsinn, der achselzuckend hingenommen und weil er schon zum Ritus, zum festen Bestandteil geh\u00f6rt, als unausweichlich empfunden wird.<br \/>\nAbgel\u00f6st werden Hinterh\u00e4ltigkeit und Grausamkeit von einigen wenigen bitters\u00fc\u00dfen Novellen, wie z. B. der Erz\u00e4hlung vom Kesselmann, der alles verbrennt, was hinterbliebene Angeh\u00f6rige von Verstorbenen nicht mehr aufbewahren wollen. Ausgerechnet in \u201eM\u00e1rta, die schon einmal in Asien gewesen\u201c sein soll \u2013 eine eher abweisende Frau, an deren Frisur \u201eetwa nicht stimmt\u201c, in diese M\u00e1rta hat er sich verliebt. Und erst seine Verletzungen nach einer Rauferei \u2013 und seine Erkenntnis, dass M\u00e1rta krebskrank ist, f\u00fchren die Beiden zusammen.<br \/>\nDie Hand sitzt locker bei seinen Protagonisten, es wird viel gepr\u00fcgelt, auch ein wenig totgeschlagen, betrogen und \u00fcber den Tisch gezogen, es wird geliebt und auch Liebe vorget\u00e4uscht.<br \/>\nManche Novellen kommen fantastisch und surrealistisch daher, andere lapidar, b\u00f6se und zynisch und trotzdem irgendwie auch witzig. Doch das Lachen bleibt dem Leser meist im Halse stecken \u2013 denn hinter der scheinbaren Situationskomik, der scheinbaren Idylle, lauert bereits die n\u00e4chste Derbheit, die n\u00e4chste Brutalit\u00e4t.<br \/>\n\u201e Mich interessieren die Existenzen am Rande der Gesellschaft\u201c sagte Darvasi bei einer Lesung \u2013 \u201eintakte Gestalten sind langweilig und geben wenig Stoff her\u201c. Und, \u201eder Kernpunkt jeder Erz\u00e4hlung hat einen wahren Bezug, um den sich eine Erz\u00e4hlung spinnt\u201c. Darvasi beobachtet genau, selbst wenn fantastische, unwirkliche Z\u00fcge das Ende einer Novelle bilden.<br \/>\nMan muss nur die Zeitung aufschlagen, Radio h\u00f6ren, fernsehen, dann wei\u00df der Leser gleich, wie nah auch hierzulande das Grauen hinter einem \u201enormalen\u201c Leben lauert. Auch wenn die Novellen in Ungarn spielen \u2013 sie sind \u00fcberall m\u00f6glich. Klar, es gibt ein paar Bezugspunkte zur ungarischen Geschichte und Politik \u2013 von Verrat und Geheimpolizei &#8211; trotzdem k\u00f6nnte das meiste auch woanders geschehen.<br \/>\nDer Band ist in drei Abteilungen aufgegliedert: Gott \u2013 Heimat \u2013 Familie.<br \/>\nGleich im ersten Abschnitt will ein Vater seinem geistig behinderten erwachsenen Sohn Begriffe beibringen \u2013 doch der kann sich an nichts erinnern \u2013 auch nicht an einen selbst kreierten Namen f\u00fcr eine Blume. Nur daran kann er sich erinnern, dass Mutter gegangen ist.<br \/>\nIn der n\u00e4chsten Geschichte kommt ein Vater mit seiner unf\u00f6rmigen behinderten Tochter t\u00e4glich zum Strand. Sie nickt st\u00e4ndig, kann prima schwimmen, hat aber Angst eine Treppe hinaufzugehen.. Eine Gruppe von Jungen f\u00fchlt sich bem\u00fc\u00dfigt, sich um sie zu k\u00fcmmern und zu weit mit ihr hinauszuschwimmen.<br \/>\nIn einer weiteren Geschichte f\u00fchlen sich Bauarbeiter, die an einem Gotteshaus arbeiten, durch das Geplapper eines Papageis nachdr\u00fccklich so gest\u00f6rt, dass sie ihm ein gewaltsames Ende setzen. Dabei hatte der doch nur die Gespr\u00e4che mit einem Einsamen wiedergegeben.<br \/>\nDa ist auch die Geschichte vom verungl\u00fcckten Trommler, der als Einziger einer Musikergruppe \u00fcberlebt hat. Stur will er seinen Auftrag erf\u00fcllen f\u00fcr eine Gruppe von Patienten zu spielen, die durch das gemeinsame H\u00f6ren von Musik von ihren Verr\u00fccktheiten geheilt werden sollen. Er schafft es auch f\u00fcr sie zu trommeln, w\u00e4hrend ihm Blut aus dem Ohr sickert.<br \/>\nImmer wieder kommen die Aggressionen zur Sprache, von denen Menschen \u00fcberfallen werden, wenn sie das scheinbare Gl\u00fcck anderer beobachten, wo sie doch selbst in einer ungl\u00fccklichen Situation leben. Sie w\u00fcrden gern dreinschlagen, totschlagen, das Gl\u00fcck anderer niedermachen, bis sie erkennen m\u00fcssen, dass auch deren Gl\u00fcck nur ein vordergr\u00fcndiges ist. Danach f\u00fchlen sie sich wie befreit. (\u201eWo wohnt die Erde?\u201c)<br \/>\nOder die Aggression gegen den Vater, dem ein Fremder so \u00e4hnlich sieht, dass der Sohn den Fremden stellvertretend einfach niederschlagen \u201emuss\u201c, dann aber nicht mehr weiter wei\u00df.<br \/>\nSkurril wird es in der Erz\u00e4hlung \u201eDer Sturz\u201c, in der ein Mann von der Leiter f\u00e4llt, bewegungsunf\u00e4hig bleibt, aber sein Denk- und Beobachtungsverm\u00f6gen noch v\u00f6llig intakt sind. Er muss miterleben, wie die Familie sich seiner entledigt, ihn weit unter Preis verkauft. Verschiedene weitere Leute nehmen ihn in Besitz, bis sich ein Kleinkrimineller im Gef\u00e4ngnis seiner annimmt, um endlich, nach der gemeinsamen Entlassung diesem Leben ein Ende zu machen, \u201eweil er so gern t\u00f6tet\u201c.<br \/>\nSkurril ist auch die Novelle vom \u201eTod meines Nachbarn\u201c, in der ein Ehepaar sich so paranoid beobachtet f\u00fchlt, dass der Mann beschlie\u00dft, den Nachbarn zu t\u00f6ten. Doch der kommt ihm durch Selbstmord zuvor. Er hinterl\u00e4sst ihm aber ein unvollst\u00e4ndiges Manuskript mit dem Titel \u201eDer Tod meines Nachbarn\u201c. Und der ist sich sicher, dass er von nun an bis in alle Ewigkeit von diesem beobachtet wird.<br \/>\nAuch zum Thema \u201eFamilie\u201c hat Darvasi einiges beizutragen: Gleich in der ersten Erz\u00e4hlung ist der gr\u00f6\u00dfere Bruder auf den j\u00fcngeren, der vor vielem Angst hat, nur nicht vor verheerenden Fernsehnachrichten, so eifers\u00fcchtig, dass er ihn nachts aus dem oberen Stockbett schubst. Doch der Vater, der vieles zu reparieren wei\u00df, hat den Kleinen aufgesammelt (lebend oder tot) und ihn in die Mitte des Ehebetts gelegt.<br \/>\nUnd die Tochter schminkt ihre im Koma liegende Mutter so, dass sie sich auf die letzte Reise machen kann: \u201eGeh, Mutter. \u2026 Hab keine Angst. Du wirst ihm gefallen.\u201c<br \/>\nSelber lesen, kann ich nur dazu sagen. In der ausgezeichneten \u00dcbersetzung von Heinrich Eisterer; mehr wird nicht verraten. Aber Achtung: Nicht zu viel auf einmal! So viel Bosheit und menschliche Abgr\u00fcnde kann man sonst nicht ertragen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Novellen Aus dem Ungarischen von Heinrich Eisterer Verlag Suhrkamp Berlin, 2016 ISBN: 978-3-518-42552-7 Originaltitel: Isten. Haza., 2015 Bezug: Buchhandel, Preis:24 Euro Welch ein Gegensatz! Hinter einer \u00fcberaus poetischen, manchmal fast romantisch anmutenden Sprache lauern Grausamkeiten, Lieblosigkeit, Gewalt und Mord. 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