{"id":4069,"date":"2016-10-23T18:32:28","date_gmt":"2016-10-23T18:32:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=4069"},"modified":"2016-10-23T18:36:37","modified_gmt":"2016-10-23T18:36:37","slug":"rezension-doma-akos-der-weg-der-wunsche","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=4069","title":{"rendered":"Rezension: Doma, \u00c1kos &#8211; &#8222;Der Weg der W\u00fcnsche&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/der_weg.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-4070\" title=\"U1_XXX.indd\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/der_weg.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"245\" \/><\/a><em>Roman<br \/>\nVerlag Rowohlt Berlin<br \/>\nISBN: 978-3-87134-839-6<br \/>\nBezug: Buchhandel, Preis: 19,95 Euro <\/em><\/p>\n<p>Warum fliehen Menschen? Warum flieht eine Familie, die einigerma\u00dfen \u00fcber die Runden kommt im Ungarn der K\u00e1d\u00e1r-Zeit? Ter\u00e9z, die Mutter und K\u00e1roly, der Vater, der stille Dulder, dem im Leben schon viel genommen wurde, halten es nicht mehr aus; sie wollen hinaus aus L\u00fcge und T\u00e4uschung, aus Beschwichtigungen und Sch\u00f6nreden. Bisher haben sie sich gewehrt, ihre Ideale und Tr\u00e4ume hochgehalten, auch wenn sie deswegen besp\u00f6ttelt wurden.<br \/>\nDer Autor Akos Doma ist auch geflohen, 1972 mit seiner Familie \u00fcber Jugoslawien, nach Italien. In einem Interview erz\u00e4hlte er: &#8222;Geflohen sind wir \u00fcber Jugoslawien, denn dorthin konnte man noch legal, in den \u201eBruderstaat\u201c, und dann sind wir illegal \u00fcber die Grenze nach Italien. Das erste Durchgangslager in Triest war ertr\u00e4glich, da waren wir einen Monat. Danach kamen wir nach Capua, bei Neapel, dort herrschten katastrophale Zust\u00e4nde. Manche Leute haben dort ihr ganzes Leben verbracht, weil kein Land sie aufgenommen hat. &#8230;F\u00fcr meine Eltern war es ein Alptraum, aber f\u00fcr uns Kinder war es spannend &#8230; Das ist eben die Kinderperspektive&#8220;. Und aus dieser Kinderperspektive erz\u00e4hlt er die Flucht noch einmal &#8211; im Roman:<br \/>\nGanz harmlos f\u00e4ngt die Geschichte an, mit Misis siebtem Geburtstag. Die ganze Familie ist zusammen gekommen, wie sonst nie, in einer Einzimmerwohnung ohne K\u00fcche und eigenem Bad &#8211; allesamt Verwandte der Mutter; der Vater hat schon lange keine Angeh\u00f6rigen mehr. Das Fest, wie auch das Leben der Familie Kallay scheint ein normales in Ungarn zu sein. Silber und Porzellan, aus besseren Tagen her\u00fcbergerettet, gl\u00e4nzen auf der &#8211; allerdings schon angeschlissenen und verblassten &#8211; Tischdecke. Das alles k\u00fcndet von normalem Leben &#8211; auch in der bleiernen Zeit des K\u00e1d\u00e1r-Kommunismus mit allerlei Schikanen und Zur\u00fccksetzungen. F\u00fcr die Kinder bedeutet dieses Leben dennoch Sicherheit und Geborgenheit im Familiennest, f\u00fcr den Leser ein Einlullen in scheinbare Normalit\u00e4t: So k\u00f6nnte es weitergehen, ist ja alles nicht so schlimm. Die Leute scheinen politisch nicht verfolgt zu werden &#8211; sie leben etwas beengt, aber andere doch auch!<br \/>\nDa taucht der erste Nadelstich auf: Ter\u00e9z wird ihre Stelle an der Universit\u00e4t gek\u00fcndigt, d.h., sehr subtil wird sie an einen Arbeitsplatz in die Provinz, weg von Budapest, versetzt &#8211; ohne Begr\u00fcndung, was einer K\u00fcndigung gleichkommt. Den Grund kennt sie nat\u00fcrlich: Sie weigert sich standhaft, in die Partei einzutreten.<br \/>\nBori, die Tochter, ist 14 Jahre alt. Sie m\u00f6chte wissen und verstehen, doch die Erwachsenen bleiben im Ungef\u00e4hren. Die Kinder sollen gesch\u00fctzt, ihr Kindsein noch erhalten werden.<br \/>\nAn diesem Geburtstag verk\u00fcndet Vater K\u00e1roly der versammelten Familie, dass er ein Jahresstipendium in Westdeutschland erhalten habe. Die Familie ber\u00e4t dar\u00fcber; immer wieder legt jemand den Finger auf die Lippen, aus Angst vor der Bespitzelung durch den Nachbarn, der im Innenministerium arbeitet und schon lange ein Auge auf ihre kleine Wohnung geworfen hat. In dieser Situation erfasst Ter\u00e9z pl\u00f6tzlich eine gro\u00dfe Sehnsucht mit ihrer Familie all dies hinter sich zu lassen und irgendwo ein neues Leben zu beginnen.<br \/>\nN\u00e4chstes Bild: Ein Jahr ist vergangen. Der Vater ist wieder zur\u00fcck, die Mutter hat ihn aus Westdeutschland abgeholt. Nun soll es in die Ferien gehen an den Plattensee. So wird es den Kindern gesagt. Beinahe h\u00e4tten sie Misis neues Fahrrad nicht mitnehmen k\u00f6nnen. Und als sie es doch noch aufs Auto schnallen, ihren wei\u00dfen VW-K\u00e4fer, wird dem Leser klar, dass es sich hier um den Beginn der bisher vor den Kindern verheimlichten Flucht handeln muss.<br \/>\nDie Wohnung haben sie zur\u00fcckgelassen, so als ob sie nur f\u00fcr kurze Zeit weg w\u00e4ren; vor allem die blauen Reisep\u00e4sse f\u00fcr die nichtsozialistischen L\u00e4nder haben sie da gelassen. Ihr offizielles Reiseziel ist Jugoslawien. Da brauchen sie die P\u00e4sse nicht. W\u00fcrden sie damit angetroffen, w\u00e4ren ihre Fluchtpl\u00e4ne gleich offenbar.<br \/>\nZum gro\u00dfen Erstaunen der Kinder f\u00e4hrt der Vater am Plattensee vorbei. Ohne Erkl\u00e4rung. Nicht nur wegen der Entt\u00e4uschung der Kinder &#8211; es w\u00e4re auch gef\u00e4hrlich gewesen, ihnen von der Flucht zu erz\u00e4hlen; sie h\u00e4tten sich unbedacht verraten k\u00f6nnen. Misi ist neugierig, Bori lauscht aufmerksam den Fragen und Antworten der Erwachsenen an der Grenze. Sie w\u00fcsste gern, was hier gespielt wird. Ans Meer also. Und schon sind sie in Jugoslawien. Das war erst mal reibungslos gegangen!<br \/>\nIn R\u00fcckblenden werden Gr\u00fcnde und Hintergr\u00fcnde f\u00fcr die Flucht aufgebl\u00e4ttert: Es ist vor allem Ter\u00e9z, die Unfreiheit und L\u00fcge, T\u00e4uschung und Verrat nicht mehr ertragen will. Onkel Barnab\u00e1s, zu dem sie Vertrauen hat, wollte sie zun\u00e4chst zur\u00fcck halten &#8211; auch im Westen sei nicht alles Gold, was gl\u00e4nzt: &#8222;Wie die Amerikaner die Welt mit ihrer Propaganda von Freiheit und Wohlstand und Demokratie berieseln und gehirnwaschen, w\u00e4hrend sie in Vietnam Millionen abschlachten&#8220;. Doch pl\u00f6tzlich schwenkt er um: &#8222;Dann geht in Gottes Namen, geht! &#8211; Ja, geht, geht lieber heute als morgen. Hier ist kein Platz mehr f\u00fcr anst\u00e4ndige Menschen. War schon vor dem Krieg nicht, ist auch jetzt nicht. Wer auch immer an die Macht kommt, will nur noch die F\u00fc\u00dfe hochlegen und Herr sein&#8230;&#8220;<br \/>\nErst beim dritten Anlauf gelingt ihnen der Grenz\u00fcbertritt nach Italien ohne Visum. Ein Grenzer z\u00f6gert, sieht die \u00e4ngstliche, aber nicht unterw\u00fcrfige Familie an &#8211; macht eine kleine Bewegung, tritt zur\u00fcck, l\u00e4sst sie passieren. \u00c1kos Doma dazu: Seine Familie habe es ganz blau\u00e4ugig und offen \u00fcber die jugoslawische Grenze versucht \u2013 und beim dritten Anlauf Gl\u00fcck gehabt. Und: \u201eWenn etwas gut ging, in meiner Familie, dann eigentlich wider jede Wahrscheinlichkeit.\u201c<br \/>\nIn einem Sammellager bei Triest stellen sie einen Antrag auf politisches Asyl. Sie werden in einer alten Kaserne untergebracht, umgeben von einem drei Meter hohen Maschendrahtzaun. &#8222;Niemand kam ihnen nahe, niemand sprach sie an, alle taten, als s\u00e4hen sie sie nicht, und taten es doch&#8220;. Ter\u00e9z und K\u00e1roly werden endlos verh\u00f6rt. Ter\u00e9z erz\u00e4hlt wahrheitsgem\u00e4\u00df, froh, dass sie endlich frei sprechen kann, auch von der Zwangsaussiedlung ihres Mannes, als er 16j\u00e4hrig mit seiner Mutter in die Gro\u00dfe Tiefebene verbannt worden war, ohne Angabe von Gr\u00fcnden, weil jemand ihre Wohnung hatte haben wollen. In einem Ziegenstall h\u00e4tten sie hausen m\u00fcssen. Die Mutter sei dort gestorben, bis K\u00e1roly 1953 wieder gehen durfte. Der Vater war aus dem Krieg nicht zur\u00fcck gekehrt.<br \/>\nSie scheinen vom Regen in die Traufe zu geraten: &#8222;Die Enge, das Elend hatten sie wieder eingeholt. &#8230; Sie waren drau\u00dfen&#8230; aber noch nirgendwo drinnen, sie lebten zwischen zwei Glasw\u00e4nden, im Niemandsland&#8220;.<br \/>\nAnfang September (1972) werden sie ins Lager Capua, nahe Neapel gebracht.<br \/>\nIm Zug wird Bori auf einen Ungarn aufmerksam, der von seiner Flucht erz\u00e4hlt. Anders als die anderen Fl\u00fcchtlinge sieht er so adrett und sauber aus, in seinen wei\u00dfen Hosen und seinem wei\u00dfen Hemd. Ihn wird sie im Lager wieder treffen und er wird Bori f\u00fcr sich einnehmen, bis sie sich in ihn verliebt.<br \/>\nIn Capua weist man ihnen eine Baracke zu: im Lager Schlamm und Pf\u00fctzen, zertretenes Gras, t\u00fcr- und fensterlose L\u00f6cher in den schmutzigen W\u00e4nden unter Wellblechd\u00e4chern. Ein schmutziger Raum ohne M\u00f6bel, mit F\u00e4kalien \u00fcbers\u00e4t. &#8222;Wir wollen den Raum sch\u00f6n herrichten&#8220;, redet Ter\u00e9z den entgeisterten Kindern sch\u00f6n, &#8222;damit Papa sich freut, wenn er ankommt&#8220;. K\u00e1roly hat die Erlaubnis mit seinem VW hinterher zu fahren.<br \/>\nTer\u00e9z will die menschenunw\u00fcrdigen Zust\u00e4nde nicht hinnehmen, beschwert sich beim Lagerleiter, der zwischen H\u00f6flichkeit und Unverst\u00e4ndnis laviert. Als sie hinauskomplimentiert wird, \u00fcberkommt &#8222;sie wieder ein Gef\u00fchl von Scham, das Gef\u00fchl, ein Bittsteller zu sein, ein Mensch zweiter Klasse, l\u00e4stig und unerw\u00fcnscht, ein Ostblockler eben&#8220;. &#8211; Wochenlang haben die Fl\u00fcchtlinge nichts zu tun: &#8222;Die Tage vergingen, nachts kamen die Ratten &#8230; Ter\u00e9z versuchte best\u00e4ndig, das Zimmer zu versch\u00f6nern, h\u00e4ngte Laken vor die T\u00fcr- und Fenster\u00f6ffnungen, fertigte aus Dr\u00e4hten und einem Handtuch einen Lampenschirm &#8230;. Abends schrieben sie&#8230; Antragsformulare und Briefe an K\u00e1rolys fr\u00fcheres Institut in Deutschland, an das Hochkommissariat f\u00fcr Fl\u00fcchtlingsfragen, den zust\u00e4ndigen ungarischen Seelsorger in Rom&#8220;.<br \/>\nBori hat sich mit dem Mann aus dem Zug, mit Attila, angefreundet; er macht sie neugierig: er kann Kunstst\u00fccke und er behandelt sie wie eine Erwachsene, gr\u00fc\u00dft sie mit &#8222;Borb\u00e1la&#8220; , fragt sie aus und scheint im \u00dcbrigen genau zu wissen wo es lang geht.<br \/>\nDie Eltern bemerken kaum etwas von der Ver\u00e4nderung ihrer Tochter, die eigenen Sorgen halten sie gefangen: Nichts geht voran, die Antr\u00e4ge werden nicht bearbeitet, keine Reaktion des deutschen Instituts. Ter\u00e9z wird zwar von der Lagerleitung ein besseres Zimmer angeboten, doch der direttore sch\u00fcchtert sie gleichzeitig ein, Deutschland w\u00fcrde nur Gastarbeiter aufnehmen. Und schlau l\u00e4sst er den Faden zwischen Verunsicherung und Hoffnung nicht abrei\u00dfen: Der geschickte K\u00e1roly soll seine Uhr reparieren &#8211; und als Ter\u00e9z ihm die Uhr bringt, l\u00e4dt er sie ein, verwickelt sie in eine Unterhaltung. Sie erz\u00e4hlt von ihrer Emigration: &#8222;Wir gingen, weil uns nichts anderes \u00fcbrigblieb, nicht einfach so, aus Abenteuerlust &#8230; verstehen Sie, wir sind keine Gl\u00fccksritter. Wir wollten nie weggehen, man liebt doch seine Heimat&#8230;&#8220;. Der Lagerleiter will ihr die Augen \u00f6ffnen, sie sollten zur\u00fcckkehren, w\u00fcrden nicht in den dekadenten wertelosen und gleichg\u00fcltigen Westen passen. Au\u00dferdem seien ihre Dokumente wertlos. Es bed\u00fcrfe allerdings nur ihres, Ter\u00e9z&#8216; Entgegenkommen, dann w\u00fcrde er seine Beziehungen spielen lassen&#8230;.<br \/>\nAm 4. November wird Bori 16 Jahre alt, ein &#8222;Revolutionskind&#8220;, nennen sie die Eltern.<br \/>\nDoma f\u00fcgt hier einen Ausschnitt ungarischer Geschichte ein \u00fcber die Revolutionstage 1956 &#8211; wie sich die Menschen so frei und befreit gef\u00fchlt hatten: &#8222;Denn schlimmer noch als die Verbrechen des Systems waren die L\u00fcgen gewesen, mit denen sie gerechtfertigt und sch\u00f6ngeredet wurden&#8220;.<br \/>\nNat\u00fcrlich merkt Ter\u00e9z doch, dass Bori mit einem Mann zusammen ist, immer wieder verschwindet sie ohne etwas zu sagen, t\u00e4uscht die Eltern. Doch die Tochter will nicht reden, hat das Gef\u00fchl, nicht verstanden zu werden. F\u00fcr die Eltern steht fest: Sie m\u00fcssen so schnell wie m\u00f6glich von hier weg. Eines Morgens geht Ter\u00e9z dann zum direttore, bringt es hinter sich. &#8211; Von da an \u00fcberschlagen sich die Ereignisse: Alles ist auf einmal da: die Papiere, die P\u00e4sse, der Entlassungsschein, das Transitvisum f\u00fcr die Schweiz, die Einreiseerlaubnis f\u00fcr Deutschland, die Briefe vom Institut, ihre Anerkennung als politische Fl\u00fcchtlinge.<br \/>\nIn Rom erz\u00e4hlt Ter\u00e9z von ihrer Flucht 1945, als sie 16, ihre Schwester Jol\u00e1n 9 Jahre alt waren: Wie sie zu Dritt mit ihrer Mutter vor der Roten Armee flohen, der Vater noch in Kriegsgefangenschaft. Bori h\u00f6rt zu, w\u00fcrde am liebsten liegen bleiben in der Obhut ihrer Familie. Aber dann w\u00fcrde sie Attila nicht wiedersehn. Und so schleicht sie hinaus, in seine Arme, in seinen schwarzen Moskwitsch mit ungarischem Kennzeichen, das ihr auff\u00e4llt, doch Attila wei\u00df sie abzulenken. Sp\u00e4testens hier kommen dem Leser Zweifel: Wie kommt ein ungarischer Fl\u00fcchtling, der ohne alles aufgebrochen war, an einen Moskwitsch? Die \u00dcberlegung liegt nahe, dass er von der Geheimpolizei eingesetzt wurde, um Fl\u00fcchtlinge wieder zur\u00fcckzubringen.<br \/>\nWie Bori sich herausretten kann, ist ein weiterer Teil der spannenden Erz\u00e4hlung und wirft ein Schlaglicht auf die Machenschaften der Kommunisten, die ihre Fl\u00fcchtlinge um jeden Preis zur\u00fcckholen wollten &#8211; um sie dann in Gef\u00e4ngnissen verschwinden zu lassen.<br \/>\nDoch noch sind sie nicht in Deutschland, noch kommen Pr\u00fcfungen auf die Familie zu; denn Misi hat durchs Schl\u00fcsselloch etwas beobachtet, das weitreichende Folgen haben k\u00f6nnte. &#8211; Aber Ter\u00e9z wurde schon einmal gen\u00f6tigt, als Sechzehnj\u00e4hrige f\u00fcr einen Passagierschein, als sie auf der Flucht Brot besorgen wollte, kurz vor dem Ziel: Von amerikanischen Soldaten war sie vergewaltigt worden: &#8222;Jetzt wusste sie, dass es keine Rolle spielte, auf welcher Seite man stand, dass beide Seiten gleich waren und die Sieger nicht besser als die Besiegten, dass die Demarkationslinie eine L\u00fcge war, dass der Frieden eine L\u00fcge war, dass die Befreiung eine L\u00fcge war, dass Gut und B\u00f6se, dass alles was Erwachsene sagten, eine L\u00fcge war, jetzt wusste sie es, jetzt war auch sie erwachsen. Fortan w\u00fcrde auch sie nur l\u00fcgen&#8220;. &#8211;<br \/>\nEine Familie auf der Flucht. Vor 45 Jahren so aktuell wie heute, wenn auch unter ganz anderen Voraussetzungen. Ein zeitloser Roman. Ausschnitte ungarischer Geschichte &#8211; auch sie k\u00f6nnten heute wie damals in vielen L\u00e4ndern passiert sein, wo Unfreiheit und Bevormundung herrschen. Ein Heranholen von Lebensumst\u00e4nden und Menschen, die ihrem scheinbar vorbestimmten Schicksal trotzen, ihr Leben in die Hand nehmen und sich auf den Weg machen. Auf den Weg ihrer unterschiedlichen W\u00fcnsche und Vorstellungen.<br \/>\nWohltuend schlicht und unspektakul\u00e4r, trotz der dramatischen Ereignisse, zeichnet Doma die Flucht seiner Familie nach, ein spannendes Dokument \u00fcber Ursachen von Flucht, \u00fcber Beweg- und Hintergr\u00fcnde, \u00fcber Repressalien und Zumutungen, denen Fl\u00fcchtlinge immer ausgesetzt sind.<br \/>\nDer Autor hatte den Roman \u00fcbrigens schon lange angefangen &#8211; und auch fast fertig geschrieben, als die Fl\u00fcchtlingswelle in Europa ankam. Umso eindringlicher, weil unbeabsichtigt sind seine Schilderungen von seelischer Not und \u00e4u\u00dferem Zwang, von innerer Verantwortung und \u00e4u\u00dferer N\u00f6tigung derer, die am l\u00e4ngeren Hebel sitzen, der Macht der &#8222;Sieger&#8220; und der Beharrlichkeit der &#8222;Besiegten&#8220;.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Roman Verlag Rowohlt Berlin ISBN: 978-3-87134-839-6 Bezug: Buchhandel, Preis: 19,95 Euro Warum fliehen Menschen? Warum flieht eine Familie, die einigerma\u00dfen \u00fcber die Runden kommt im Ungarn der K\u00e1d\u00e1r-Zeit? 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