{"id":4052,"date":"2016-09-04T08:22:21","date_gmt":"2016-09-04T08:22:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=4052"},"modified":"2016-09-04T08:24:18","modified_gmt":"2016-09-04T08:24:18","slug":"rezension-barnas-ferenc-ein-anderer-tod","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=4052","title":{"rendered":"Rezension &#8211; Barn\u00e1s, Ferenc &#8222;Ein anderer Tod&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/ein_anderer_tod.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-4053\" title=\"ein_anderer_tod\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/ein_anderer_tod.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"188\" \/><\/a><em>Roman<br \/>\nAus dem Ungarischen von Eva Zador<br \/>\nVerlag: Nischen Verlag, Wien<br \/>\nISBN: 978-3-9503906-3-6<br \/>\nOriginaltitel: M\u00e1sik hal\u00e1l, 2012<br \/>\nBezug: Buchhandel, Preis: 22,00 Euro <\/em><\/p>\n<p>&#8222;Mich interessiert die innere Welt&#8220;, sagte der Schriftsteller Ferenc Barn\u00e1s in einem Interview. Es gehe ihm darum, was in der Psyche des Menschen passiert. Und in der Psyche des namenlosen Erz\u00e4hlers passiert viel: Zun\u00e4chst sch\u00e4len sich aus Gedanken- und Erinnerungsfetzen eines ungef\u00e4hr 50j\u00e4hrigen ehemaligen Lehrers und Universit\u00e4tsdozenten heraus, dass er einschneidende Erlebnisse oder Begegnungen hatte, die ihn aus der Bahn geworfen haben. Gleichzeitig stellt uns der Autor Ferenc Barn\u00e1s ein St\u00fcck neuere ungarische Geschichte und Zeitgeschichte vor.<br \/>\nAls 51j\u00e4hriger Saalw\u00e4rter in einer Galerie l\u00e4sst unser Antiheld die letzten elf Jahre seines Lebens Revue passieren. Er erz\u00e4hlt unzusammenh\u00e4ngend, was ihm in den Sinn kommt, anmutend wie Traumsequenzen. F\u00fcr den aufmerksamen Leser sind aber auch die scheinbar losen Anf\u00e4nge wichtig, denn nach und nach ergibt sich der Sinn.<br \/>\nSeine unzureichenden Bez\u00fcge in seinem fr\u00fcheren Leben hatte der Lehrer jahrelang, wie schon zu seiner Studentenzeit, als Stra\u00dfenmusikant im westlichen Ausland aufgebessert. Es war nicht leicht gewesen f\u00fcr ihn, aus seinem Milieu auszubrechen und es so weit, zu diesen angesehenen Berufen, zu bringen. Eines Tages tr\u00e4gt er sich trotzdem mit dem Gedanken, seine Stellen als Lehrender aufzugeben, nur noch als \u201eStra\u00dfenirgendwas\u201c herumzuziehen und sich seinen Texten zu widmen, die er \u201eVariationen\u201c nennt. Es soll kein Roman werden, sondern er m\u00f6chte sich mit dem Schreiben \u00fcber etwas, \u00fcber sich selbst klar werden. \u201eEs macht nicht viel Sinn, wenn ich hier aufschreibe, in welcher Reihenfolge ich meine Stellen als Lehrer gek\u00fcndigt habe, und wie es zu dieser Zeit ungef\u00e4hr um mich stand. In Budapest hatte ich in mehreren Schulen mit k\u00fcnstlerischem Schwerpunkt unterrichtet und eine Zeit lang auch an der Universit\u00e4t, dort zwar nicht Literatur, sondern etwas anderes. Ich hatte viel daf\u00fcr getan, diesen Beruf aus\u00fcben zu k\u00f6nnen. Meine Verwandten glaubten eine ganze Weile nicht, dass ich eine Universit\u00e4t absolvieren k\u00f6nnte, damit hatten sie im Wesentlichen auch recht, schlie\u00dflich ist das aus dem Landwirtschaftlichen Kombinat in K\u00f6rnye, wenn ich recht wei\u00df, bislang noch niemandem gelungen. Mir ist es gelungen, und lange Zeit schien es tats\u00e4chlich so, als w\u00e4re ich oben angekommen\u2026<br \/>\nNoch vor seinen K\u00fcndigungen lernt er in Kempten an einer Stra\u00dfenecke, an der er musiziert, einen Deutschen kennen, Michael Landenberg. Dieser Michael war einst als Kellner in Johannesburg besch\u00e4ftigt gewesen. Dort schm\u00e4hte und bedrohte ihn ein Bure stundenlang. Nach diesem Erlebnis konnte Landenberg kaum mehr schlafen, nur noch f\u00fcr einige Stunden und nur mit starken Medikamenten. Dies alles erz\u00e4hlt er dem neuen Bekannten in endlosen Satzschleifen. Eine enge Freundschaft beginnt, allerdings meist nur brieflich und sp\u00e4ter auch telefonisch. Eines Tages \u00fcberredet ihn Michael, sich nur noch auf die \u201eVariationen\u201c zu konzentrieren und seine Berufe ganz aufzugeben. Er w\u00fcrde f\u00fcr seinen Lebensunterhalt aufkommen. Der Erz\u00e4hler l\u00e4sst sich \u00fcberreden.<br \/>\nIn dieser Zeit unternimmt er viele Wanderungen durch Budapest, etwas, das er schon fr\u00fcher gemacht hatte. Er ertr\u00e4gt es n\u00e4mlich nicht, sich l\u00e4ngere Zeit in einem geschlossenen Raum aufzuhalten. Und er beobachtet. Er beobachtet seine Mitbewohner im Haus, seine Mitmenschen unterwegs, es sind immer wieder die gleichen, die ihm auffallen: Bettler, Landstreicher, sozial Ausgegrenzte, Rowdies, die auch schon mal einen, der ihnen nicht behagt, zusammenschlagen. Er sieht Tote in Plastiks\u00e4cken liegen, die nicht gleich weggeschafft werden konnten. Das erinnert ihn an die Leichen, die 1945 in Budapests Stra\u00dfen lagen, weil die Pfeilkreuzler zu viele aus dem Ghetto getrieben und ermordet hatten. In dieser Zeit kommt es vor, dass er aus sich heraustritt, nicht mehr wei\u00df, wer und was er ist, Absencen hat. Das war ihm vorher nur zweimal so ergangen, als 17-18-J\u00e4hrigem, als er ein Foto aus dem 2. Weltkrieg in die H\u00e4nde bekam: \u201eauf dem verst\u00fcmmelte Zivilisten ausgestreckt auf einer Lichtung oder an einem Waldrand lagen: Das Gesicht der meisten war nicht zu erkennen; zertr\u00fcmmerte Sch\u00e4del, nebeneinander aufgereihte Gliedma\u00dfen; \u00fcber ihnen einige Soldaten\u2026.\u201c<br \/>\nAls er durch einen Telefonanruf erf\u00e4hrt, dass sein Freund Michael Selbstmord begangen hat, bricht etwas in ihm zusammen. Immer h\u00e4ufiger \u00fcberkommen ihn paranoide Wahnvorstellungen, er sieht Schatten, hat gro\u00dfe Angst. Das bringt ihn dazu, das Fenster seiner Einzimmerwohnung vergittern zu lassen, obwohl sie nicht im Parterre liegt. Was in diesen Momenten mit ihm geschieht, wei\u00df er nicht, will es auch nicht wissen, was er sieht. Er hat schizophrene Zust\u00e4nde, in denen er den Eindruck hat, dass nicht er es ist, der ist \u2013 und doch wei\u00df er, dass er er ist: \u201eWenn ich endlich aussprechen k\u00f6nnte: Das und das bin ich\u201c.<br \/>\nJeden Tag dreht er stundenlang seine gleichen Runden durch Budapest, trifft die immer gleichen Menschen, die er beobachtet und \u00fcber die er sich Gedanken macht. Haupts\u00e4chlich, so scheint es, leidet er an Ungarn, daran, dass sich das Land nicht seiner Vergangenheit und seinen Erinnerungen stellt.<br \/>\nMit einem Mal sp\u00fcrt er, dass sich etwas beginnt, in ihm zu ver\u00e4ndern, er hat das Gef\u00fchl, dass es ihm gut t\u00e4te, wieder zu unterrichten. Doch er bekommt nur Absagen. Endlich erh\u00e4lt er eine Stelle als Saalw\u00e4rter in einer Galerie. Anfangs kann er sich nicht entspannen, ist immer auf dem Sprung, versteckt sich: Ehemalige Kollegen, Bekannte und fr\u00fchere Sch\u00fcler sollen ihn hier nicht sehen, sollen nicht wissen, dass er \u201eso\u201c ist. Er ist sich seiner selbst nicht sicher, f\u00fcrchtet, dass er etwas anstellen k\u00f6nnte, wenn \u201ees\u201c \u00fcber ihn kommt, hat kein Zutrauen zu sich selbst. Am schlimmsten w\u00e4re es, mit ihm geschehe etwas, und die anderen w\u00fcrden es merken. Davor hat er Angst und daran muss er zwanghaft denken, dass dieses Etwas eintreten k\u00f6nnte, diese Anf\u00e4lle, egal wo und egal wann. Er erinnert sich, dass er in den Minuten davor irgendetwas sucht, wei\u00df aber nicht, was. W\u00e4hrend diese \u201eSache\u201c \u00fcber ihn kommt, ist er nur mit einem besch\u00e4ftigt: Eins zu bleiben mit sich selbst, nicht auseinanderzufallen.<br \/>\nElf Jahre ist er in der Galerie besch\u00e4ftigt. Die ersten Jahre sind anstrengend, mit viel Publikumsverkehr. Er versucht sich ganz seiner Arbeit zu widmen, nicht zu denken, nur zu tun, alles gut zu machen. Im Laufe der Zeit beginnt er doch ernsthaft nachzudenken, weicht den Bildern nicht mehr aus, die \u00fcber ihn kommen. Geholfen haben ihm dabei indirekt seine Kollegen, vor allem die \u201eGr\u00e4fin\u201c, eine Esterh\u00e1zy, der man ihren ganzen Besitz genommen hat, die schon viele Berufe hatte aus\u00fcben m\u00fcssen, vom Klempner bis zur Taxifahrerin, und die eine gewisse Besch\u00fctzerrolle f\u00fcr ihre Kollegen \u00fcbernimmt. Als die Regierungen der \u201enicht miteinander Sprechenden\u201c wechseln und damit auch Leitung und Aufgabe der Galerie, kommen ruhigere Zeiten. Er hat mit einem Mal Zeit, die Stille um ihn herum, die Kunstwerke zu sich sprechen zu lassen. Er will wieder der sein, der er 40 Jahre lang war, bevor der Telefonanruf kam. Nach und nach wird er st\u00e4rker und psychisch stabiler. Zusammen mit den Kunstobjekten, zusammen mit atmenden Menschen, ist es gut zu sein, auch deshalb weil er an nichts anderes denken muss\u2026<br \/>\nZwischenzeitlich hatten seine \u201eVariationen\u201c ihren eigenen Weg angetreten; in den USA bekam er ein Stipendium daf\u00fcr, welches ihm auch von der Leitung der Galerie bewilligt worden war.<br \/>\nNach elf Jahren des Beobachtens, Lernens, des Sich-Vorw\u00e4rts-Tastens glaubt er sich wieder so gefestigt, dass er ein zweites Stipendium in Amerika antreten kann und vielleicht auch die st\u00e4ndigen Anf\u00e4nge in seinem Leben dort weiterf\u00fchren wird: Mein Leben beginnt st\u00e4ndig, bei mir hat nichts eine Fortsetzung, und es gibt darin auch nichts anderes, nur den Beginn und das Beginnen, was traurig ist, ich wei\u00df, weil man mit einundf\u00fcnfzig vielleicht schon an einem anderen Punkt angekommen sein m\u00fcsste.<br \/>\nVier Jahre lang hatte er intensiv nachgedacht \u2013 Schicht um Schicht seiner zusammengepressten Erinnerungen abgetragen \u2013 das hat er von der abstrakten Malerei gelernt, wie dort Schicht um Schicht aufgetragen wurde, um einen bestimmten Farbton zu erreichen.<br \/>\nUnd um nichts zu vergessen, was ihm durch den Kopf geht \u2013 und was er beobachtet oder an das er sich erinnert, schreibt er es schnell in ein kleines Notizbuch, das er immer bei sich tr\u00e4gt. \u00c4ngstlich gibt er Acht, dass ihm dabei niemand zusehen kann. Daraus will er ein Buch machen \u2013 dieses Buch \u2013 in Amerika, w\u00e4hrend seines Stipendiums. Jedenfalls hatte ich in diesen Tagen \u00f6fter das Gef\u00fchl: Es ist gut, zu leben, es ist gut zu sein.<br \/>\nFerenc Barn\u00e1s hat als Student viel im westlichen Ausland, in Deutschland und in der Schweiz gearbeitet, u.a. als Kellner, als Stra\u00dfenmusikant, als Museumsw\u00e4rter. Dem ist zu verdanken, dass seine Beobachtungen so genau, farbig und lebensnah sind.<br \/>\nDie Sprache ist so auf den unter psychischen St\u00f6rungen leidenden Erz\u00e4hler zugeschnitten, dass man glaubt, ihm zuzuh\u00f6ren. Wenn der Leser nur genau genug zuh\u00f6rt \u2013 der Erz\u00e4hler geht drei Schritte vor, dann zwei zur\u00fcck -, indem er immer wieder relativiert, woran er sich gerade erinnert hat \u2013 h\u00f6rt er zwischen den Zeilen etwas \u00fcber Geschichte und Politik, etwas \u00fcber den Zustand Ungarns.<br \/>\nDas Buch verlangt vom Leser ein hohes Ma\u00df an Konzentration und Kombinationsverm\u00f6gen, vor allem wegen der umst\u00e4ndlichen, aber literarisch so ausgefeilten Sprache, welche die Spannung bis zum Ende h\u00e4lt. Es lohnt sich also sehr, durchzuhalten!<br \/>\n\u00dcber Ferenc Barn\u00e1s: Der 1959 in Debrecen geborene Autor studierte in seiner Heimatstadt, in Budapest und M\u00fcnchen Hungarologie und Literaturwissenschaft. Er war als Stra\u00dfenmusiker unterwegs, als Postbote, Bergmann und Fahrer, als Erzieher und Dozent f\u00fcr Musik\u00e4sthetik.<br \/>\nVier Romane hat er bisher geschrieben. \u201eDer Neunte\u201c, sein erstes, ins Deutsche \u00fcbersetzte Buch, erhielt in den USA einen Preis f\u00fcr den besten ausl\u00e4ndischen Roman. Wir Leser k\u00f6nnen nur hoffen, dass nach diesem zweiten Roman auch bald die \u00dcbersetzung der weiteren folgen wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Roman Aus dem Ungarischen von Eva Zador Verlag: Nischen Verlag, Wien ISBN: 978-3-9503906-3-6 Originaltitel: M\u00e1sik hal\u00e1l, 2012 Bezug: Buchhandel, Preis: 22,00 Euro &#8222;Mich interessiert die innere Welt&#8220;, sagte der Schriftsteller Ferenc Barn\u00e1s in einem Interview. 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