{"id":4034,"date":"2016-04-30T18:48:57","date_gmt":"2016-04-30T18:48:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=4034"},"modified":"2016-04-30T18:48:57","modified_gmt":"2016-04-30T18:48:57","slug":"rezension-kristof-agota-irgendwo","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=4034","title":{"rendered":"Rezension: Krist\u00f3f, \u00c1gota &#8211; &#8222;Irgendwo&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/irgendwo.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-4035\" title=\"irgendwo\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/irgendwo.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"234\" \/><\/a><em>Nouvelles<br \/>\nAus dem Franz\u00f6sischen von Carina von Enzenberg<br \/>\nVerlag : Piper M\u00fcnchen, 2015<br \/>\nISBN: 978-3-492-30938-7<br \/>\nOriginaltitel: C&#8217;est \u00e9gal<br \/>\nBezug: Buchhandel; Preis: 9,99 \u20ac<\/em><\/p>\n<p>Nahezu unbemerkt startete der Piperverlag 2015 eine Neuauflage der Novellensammlung &#8222;Irgendwo&#8220;, als Taschenbuchauflage. Etwas mehr Beachtung fand die H\u00f6rbuchversion, die im gleichen Jahr herauskam und zu den besten H\u00f6rb\u00fcchern des Jahres 2015 gez\u00e4hlt wurde. Dabei k\u00f6nnen wir Leser uns nur freuen, wenn das gro\u00dfartige Werk der Ungarin Agota Kristof, die 2011 verstarb, nach und nach neu aufgelegt wird. Ein Wermutstropfen ist jedoch dabei, der hier angemerkt werden muss: Wie bereits in der ersten deutschsprachigen Ausgabe, hat der Piper Verlag auch diesmal weder ein Inhaltsverzeichnis dazu gef\u00fcgt, noch einen Begleittext, der dem Leser die enge Verkn\u00fcpfung von \u00c1gota Krist\u00f3fs tragischem, einsamen Leben und den hier versammelten Novellen aufzeigt.<br \/>\nNein, das sind keine aufbauenden Geschichten, die wir da zu lesen bekommen, keine Gedanken, die in unsere Zeit passen wollen, in der Wohlf\u00fchl- und Kuscheltr\u00e4ume das Lebensgef\u00fchl ausmachen. \u00c1gota Krist\u00f3f konfrontiert uns dagegen mit dem wirklichen Leben, das von Heimatlosigkeit, Ausgrenzung und Einsamkeit erz\u00e4hlt, von Grausamkeit, Hass und fehlendem Mitleid, von der Angst vor dem Sterben, aber auch von der Sehnsucht nach dem Tod.<br \/>\nEs scheinen Texte aus verschiedenen Epochen ihrer schriftstellerischen T\u00e4tigkeit zu sein &#8211; aus der Zeit vor ihren gro\u00dfen Romanen &#8211; 25 kurze bis k\u00fcrzeste Geschichten, die verlorenem Gl\u00fcck nachtrauern, Gl\u00fcck, das in Heimat bestand und unwiderruflich verloren ist. Resignation und Stillstand treten an seine Stelle.<br \/>\nAllen Erz\u00e4hlungen gemeinsam ist die knappe, lakonische Sprache: \u00c1gota Krist\u00f3f musste nach ihrer Flucht 1956 in der franz\u00f6sischen Schweiz eine neue Sprache lernen, wie sie in ihrem autobiografischen Buch &#8222;Die Analphabetin&#8220; erz\u00e4hlt. Nicht nur die Heimat musste sie aufgegeben; auch f\u00fcrs Schreiben hat Kristof alles aufgegeben, Freunde, Geselligkeit, ihre Muttersprache &#8211; und wie aus Trotz schreibt sie alle ihre Romane und Geschichten auf Franz\u00f6sisch &#8211; mit dem W\u00f6rterbuch in der Hand &#8211; kurz, pr\u00e4gnant, lakonisch. Von der Farbigkeit ihrer Muttersprache bleiben nur Landschaft und Erinnerung. In einem Interview sagte sie : &#8222;Wie w\u00e4re mein Leben gewesen, wenn ich mein Land nicht verlassen h\u00e4tte? H\u00e4rter, \u00e4rmer, denke ich, aber auch weniger einsam, weniger zerrrissen, vielleicht gl\u00fccklich&#8220;.<br \/>\n&#8222;Irgendwo&#8220; ist nirgendwo. Dazu braucht es keine Ortsangaben. Irgendwo kann auch ein Ort in sich selbst sein. Irgendwo ist das Exil, das Fremdsein, die Suche nach der Identit\u00e4t. &#8222;Irgendwo&#8220; ist auch der Ort zum Sterben: &#8222;Zu Hause angekommen, werde ich m\u00fcde sein, ich werde mich aufs Bett legen, auf irgendein Bett, die Vorh\u00e4nge werden wehen, wie die Wolken dahinwehen. So wird die Zeit vergehen. Und unter meinen Lidern werden die Bilder dieses b\u00f6sen Traums, der mein Leben war, vorbeiziehen. \u2026&#8220;.<br \/>\nDie meisten Geschichten sind uns\u00e4glich traurig; selbst im Tod scheint Erl\u00f6sung nicht m\u00f6glich, wie die Erz\u00e4hlung &#8222;Der Kanal&#8220; andeutet. Oder auch voller Gewalt und Gleichg\u00fcltigkeit, wie in der ersten Geschichte: Darin befreit sich eine Frau &#8211; lebenslanges Opfer &#8211; vom Trauma ihres Lebens, indem sie ihren Mann ermordet. So gef\u00fchllos war sie geworden im Laufe ihrer Ehe, dass sie diesen Mord einfach ausblendet und sich nur noch erleichtert f\u00fchlt.<br \/>\nDie Figuren wissen um ihr Abgestorbensein, wie in der Geschichte &#8222;Ein Zug nach Norden&#8220;, in dem ein Mann versteinert, als er seinen Hund, den er zur\u00fccklassen m\u00fcsste, ein letztes Mal umarmt. Er ist nicht abgefahren. Seither wartet er erstarrt auf den Zug, der nicht mehr f\u00e4hrt, um seine Eltern, um seine Familie wieder zu sehen. Doch &#8222;Niemand wartet auf mich \u2026&#8220;. In der Geschichte &#8222;Das Haus&#8220;, liebt ein kleiner Junge sein Haus \u00fcber alles. Er muss es verlassen. Als reicher Mann l\u00e4sst er das Haus in der Fremde nachbauen, doch es ist nicht sein Haus. Er kehrt zur\u00fcck &#8211; und findet &#8211; sich selbst als Kind wieder.<br \/>\nSurrealistisch und b\u00f6se ist die Erz\u00e4hlung &#8222;Die Lehrer&#8220;, und ironisch-autobiografisch &#8222;Der Schriftsteller&#8220;: &#8222;Ich bin ein gro\u00dfer Schriftsteller. Das wei\u00df noch niemand, weil ich noch nichts geschrieben habe&#8220;.<br \/>\nDie &#8222;Nouvelles&#8220; werden heute vielleicht wieder besser verstanden als 2007; heute, 2016, wenn so viele Fl\u00fcchtlinge und Heimatlose unterwegs sind mit geplatzten Tr\u00e4umen und aufgegebenen Hoffnungen.<br \/>\n&#8222;C&#8217;est \u00e9gal&#8220; hei\u00dft das Buch im Original. &#8222;Alles egal&#8220; &#8211; &#8222;Egal&#8220;, wie eine der Kurzgeschichten \u00fcbertitelt ist: &#8222;&#8230;Wohin gehst du? &#8211; Nirgendwohin. Oder vielleicht gehe ich doch irgendwohin. &#8211; Egal, man f\u00fchlt sich sowieso nirgends wohl&#8220;.<br \/>\nDer Briefkasten ist immer leer. Die Gedanken des Mannes, der im Waisenhaus aufgewachsen ist, kreisen st\u00e4ndig um einen m\u00f6glichen Brief seiner nie gekannten Mutter, oder seines unbekannten Vaters. Was w\u00fcrden sie schreiben? Er sieht sich als Held, der ihnen Gutes tun w\u00fcrde. Als eines Tages doch ein Brief im Kasten liegt, nimmt der Mann Rei\u00dfaus. Viele L\u00e4nder will er zwischen sich und den Briefschreiber legen, der behauptet, sein Vater zu sein.<br \/>\nImmer wieder spricht die Autorin von einer Stadt, einem Haus, von Stra\u00dfen der Kindheit, die verloren sind. In der letzten Geschichte ist ein Vater gestorben. Der Bequemlichkeit halber hat man ihn einge\u00e4schert, obwohl er in seinem Heimatdorf hatte begraben werden wollen. So sehr hatte sie sich gew\u00fcnscht mit dem Vater an der Hand spazieren zu gehen. Aber: &#8222;Nirgends ist mein Vater mit mir Hand in Hand spazierengegangen&#8220;.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nouvelles Aus dem Franz\u00f6sischen von Carina von Enzenberg Verlag : Piper M\u00fcnchen, 2015 ISBN: 978-3-492-30938-7 Originaltitel: C&#8217;est \u00e9gal Bezug: Buchhandel; Preis: 9,99 \u20ac Nahezu unbemerkt startete der Piperverlag 2015 eine Neuauflage der Novellensammlung &#8222;Irgendwo&#8220;, als Taschenbuchauflage. 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