{"id":4019,"date":"2016-04-03T08:14:46","date_gmt":"2016-04-03T08:14:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=4019"},"modified":"2016-04-03T08:14:46","modified_gmt":"2016-04-03T08:14:46","slug":"rezension-zsuzsanna-gahse-jan-janka-sara-und-ich","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=4019","title":{"rendered":"Rezension: Zsuzsanna Gahse &#8211; &#8222;Jan, Janka, Sara und ich&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/jan-janka.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-4020\" title=\"jan, janka\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/jan-janka.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"201\" \/><\/a><em>Jan, Janka, Sara und ich<br \/>\nVerlag Edition Korrespondenzen, Reto Ziegler, Wien 2015<br \/>\nISBN: 978-3-902951-16-8<br \/>\nBezug: Buchhandel, Preis: 20,00 \u20ac<br \/>\nVerlag Edition Korrespondenzen, Reto Ziegler, Wien 2015<br \/>\nISBN: 978-3-902951-16-8<br \/>\nBezug: Buchhandel, Preis: 20,00 \u20ac<\/em><\/p>\n<p><em><\/em>Wieder liegt vor mir, vor dir, vor uns ein Buch, in dem sich die Wahl-Schweizerin Zsuzsanna Gahse mit der Gegend besch\u00e4ftigt, in der sie lebt. Beim ersten Durchbl\u00e4ttern f\u00e4llt auf, dass es kurze bis k\u00fcrzeste Kapitel enth\u00e4lt; es kommen die immer gleichen Namen vor, Janka, Max, Karl, Baltasar, Sara \u2013 dreiundzwanzig Protagonisten, und alle enthalten ein \u201eA\u201c. Auch in den dazugeh\u00f6rigen \u00dcberschriften steckt ein \u201eA\u201c. Ein Spiel mit dem Buchstaben \u201eA\u201c, eine Hommage an diesen offenen Vokal, der so vielf\u00e4ltig ausgesprochen werden kann? Ja, und noch mehr! Der ganze Text, eine Mischung aus Prosa und Lyrik, aus H\u00f6rspiel und Theater ist ein Spiel, mit leichter Hand dargeboten, humorvoll aber mit realem Hintergrund. Oder wie soll man das nennen, wenn die Autorin in die wirkliche Thurgauer Landschaft, akribisch und liebevoll gezeichnet mit seinen H\u00f6hen und T\u00e4lern, mit Fluss und See und einzelnen H\u00f6fen, eine fiktive Stadt hoch oben auf den Berg setzt, leuchtend wei\u00df wie ein \u201eCarrara-Mantel mit Flecken auf dem R\u00fccken\u201c? Dabei geht es auch um ein &#8222;Gegen&#8220; . &#8211; &#8222;Um dein Staunen dar\u00fcber, wie einem Landschaften be-gegnen kann&#8220; und ihrem geschichtlichen und erdgeschichtlichen Hintergrund.<br \/>\nDie Stadt, B\u00fcren, entstanden aus einem Weiler, w\u00e4chst unaufhaltsam, weil es heutzutage Mode ist, mindestens eine Zweitwohnung zu besitzen, um etwas zu gelten. Es ist eine moderne Stadt: Frauen, die zu Hause arbeiten, sind nicht erw\u00fcnscht, Kinder auch nicht. Die passen nicht zu einer modernen Frau \u2013 h\u00f6chstens die Neuank\u00f6mmlinge bringen welche mit. Es werden zwar Gr\u00fcnfl\u00e4chen und Spielpl\u00e4tze f\u00fcr Kinder angelegt. Benutzen tun sie aber nur die Jogger, die dort ihre Dehn\u00fcbungen machen. Aber Hunde gibt es und Hasen, Biberspuren werden gesichtet und einmal sogar ein Hermelin. Gro\u00dfst\u00e4dtisch, weltgewandt will man sein \u2013 unter allen Umst\u00e4nden &#8211; aber das Bewusstsein des L\u00e4ndlichen m\u00f6chte man nicht missen &#8211; und stellt seine Pferde im Reiterhof unter.<br \/>\nDie Alteingesessenen, ebenso Leute, die zuf\u00e4llig einmal da sind, kommen immer wieder in Hagmanns Tonstudio vorbei, um hier frank und frei ihre Meinung sagen zu k\u00f6nnen &#8211; ohne Zuh\u00f6rer. Die B\u00e4nder werden beschriftet und weggepackt, ohne dass sie je abgeh\u00f6rt werden. Das gibt Sicherheit und Freiheit. Manche \u00e4u\u00dfern sich begeistert von der schnell wachsenden Stadt, anderen wird sie zu laut, einige sehen mit Wehmut, wie die Hochh\u00e4user in die H\u00f6he klimmen und die alten Schweizer H\u00e4user ganz zusammendr\u00fccken. Die &#8222;Ureinwohner&#8220; sind eher hochm\u00fctig, sie sprechen nicht mit Fremden, d.h. mit Leuten, die nicht von hier sind.<br \/>\nVergleiche werden zu Lieblingsst\u00e4dten und ihren Stra\u00dfen und M\u00e4rkten gezogen. Das ist wichtig. So ist B\u00fcren zwar nicht, aber es hat auch seine Qualit\u00e4ten. Alte L\u00e4den verschwinden zwar und m\u00fcssen in mietg\u00fcnstigere Bereiche ausweichen, so der Sattler, Metzger und die K\u00e4serei, daf\u00fcr gibt es aber Superm\u00e4rkte, B\u00e4ckereiketten, das Tonstudio, eine Opernscheune, eine Landuniversit\u00e4t und f\u00fcr die Nostalgie ein Fotoarchiv; ganz wichtig: einige Apotheken. B\u00fcren ist keine reale, aber eine m\u00f6gliche Stadt.<br \/>\nUnd da gibt es noch ein \u201eIch\u201c im Tal, \u201eTaltext\u201c genannt. Dieses Ich, mal weiblich, mal m\u00e4nnlich macht sich \u00fcber Vieles Gedanken, \u00fcber die Weltpolitik, die Sicherheit, \u00fcber B\u00fccher, die sie oder er liest, es nennt sich Du und wir und jemand. Dieses Ich geht nicht ins Tonstudio, es gibt schreibend seine Kommentare. Einer der k\u00f6stlichsten Texte ist der Dialog mit sich selbst, der die Eigenart mancher Menschen, auch ganzer V\u00f6lker beschreibt, wenn sie &#8222;du&#8220; sagen und sich selbst meinen: \u201eDann beginne ich, du zu mir zu sagen, oder um von Anfang an genauer zu sein, bist es du, der du zu dir sagt, nicht ich, da ich jetzt bereits begonnen habe, du zu mir zu sagen. Du beginnst, du zu dir zu sagen. Du sagst du und denkst keinen Augenblick mehr, dass es um mich gehen k\u00f6nnte. \u2026\u201c<br \/>\nLange Zeit f\u00fchlen sich alle sicher in B\u00fcren. Das Leben geht seinen Gang, Puzzleteile von verschiedenen Lebensgeschichten bekommen wir als unsichtbare Zuh\u00f6rer im Tonstudio mit. Geruhsam, wird das Leben von durchreisenden Rum\u00e4nen genannt. Doch langsam scheint es bedrohlich zu werden: Albtr\u00e4ume \u00fcber einen Giftgasangriff tauchen auf, der auf den Traum gleich zu Beginn, \u00fcber eine Zwangsenteignung, hinweist. Wo sollte man sich am besten verstecken? fragt zum Beispiel das Ich im Tal. Einhergehend mit be\u00e4ngstigenden Nachrichten \u00fcber Krieg und Katastrophen, die mit Gewissheiten vorgetragen werden, die es doch gar nicht gibt, wird es langsam ungem\u00fctlich:<br \/>\nGestalten tauchen auf, die \u00fcber die Stadt sprechen, \u00fcber Ma\u00dfnahmen, die ergriffen werden m\u00fcssten: &#8222;Von Erfassungen war die Rede. Vor allem im st\u00e4dtischen Bereich&#8230; Sie wollten ein Provisorium errichten&#8230; Von Ballungsraum war die Rede&#8220;.<br \/>\nEines Tages verschwindet Klangrat Hagmann. Wurde er entf\u00fchrt? Seinem Sohn macht ein Unbekannter ein lukratives Angebot, alle Tonb\u00e4nder aufzukaufen. Und als dieser ablehnt, droht der Unbekannte, es g\u00e4be auch andere Wege.<br \/>\nVers\u00f6hnlich l\u00e4sst die Autorin sprachspielerisch eine ganze Gesellschaft von Verwandten, die da sind: Gegend, Bezirk, Bereich, Flur, Landschaft, Region und viele andere, den steilen Hang nach B\u00fcren hinaufklettern. Sie rempeln sich an und \u00fcberholen sich, doch alle kommen oben an.<br \/>\nZum Vergn\u00fcgen des Lesers zieht sich dieses Spiel und das Jonglieren mit W\u00f6rtern und Sprache durch das ganze Buch, das eine kleine Geschichte der Urbanisation erz\u00e4hlt. Mitten drin beginnt es; wir erfahren nicht, aus welchem Grund der Weiler zur Stadt wurde, die aus allen N\u00e4hten platzt.<br \/>\nAlle Texte kommen so leichtf\u00fc\u00dfig und elegant daher, auch wenn sie sich \u00fcber &#8222;Modeerscheinungen&#8220; auslassen wie: es ist zur Zeit Mode, grob daher zu kommen, st\u00e4dtisch halt; oder Bart-Tragen ist Mode, oder Frauen, die lange, seitlich gebundene Z\u00f6pfe tragen.<br \/>\nAlles wird beleuchtet, was der Autorin, d.h. ihren Protagonisten durch den Kopf geht: Von der Politik \u00fcber die Leute, die man zuf\u00e4llig trifft, bis zur Beobachtung der Landschaft. Die Autorin f\u00e4ngt ein, was die Leute denken, was sie \u00fcber andere denken. Das steht alles nebeneinander &#8211; ohne Kritik. Alle d\u00fcrfen zu Wort kommen und sagen was sie denken, sagen, was sie wollen.<br \/>\nIm Register des Buches ist zusammenh\u00e4ngend mit Seitenzahlen aufgelistet, wann eine Person auftritt. Und es ist recht vergn\u00fcglich, das Buch auf diese Weise noch einmal zu lesen, was ich Jedem, der Freude am Sprachspiel und Wortwitz hat, nur empfehlen kann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jan, Janka, Sara und ich Verlag Edition Korrespondenzen, Reto Ziegler, Wien 2015 ISBN: 978-3-902951-16-8 Bezug: Buchhandel, Preis: 20,00 \u20ac Verlag Edition Korrespondenzen, Reto Ziegler, Wien 2015 ISBN: 978-3-902951-16-8 Bezug: Buchhandel, Preis: 20,00 \u20ac Wieder liegt vor mir, vor dir, vor &hellip; <a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=4019\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[340],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4019"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4019"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4019\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4021,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4019\/revisions\/4021"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4019"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4019"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4019"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}