{"id":4005,"date":"2016-03-11T18:48:32","date_gmt":"2016-03-11T18:48:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=4005"},"modified":"2016-03-11T18:48:32","modified_gmt":"2016-03-11T18:48:32","slug":"rezension-szilasi-laszlo-die-dritte-brucke","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=4005","title":{"rendered":"Rezension: Szilasi, L\u00e1szl\u00f3 &#8211; &#8222;Die dritte Br\u00fccke&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/die_dritte_bru\u0308cke.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-4006\" title=\"die_dritte_bru\u0308cke\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/die_dritte_bru\u0308cke.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"199\" \/><\/a><em>Die dritte Br\u00fccke<br \/>\n(Private Aufzeichnungen zum Tod von P\u00e9ter Foghorn)<br \/>\nRoman<br \/>\nAus dem Ungarischen von Eva Z\u00e1dor<br \/>\nVerlag: Nischen Wien, 2015<br \/>\nISBN: 978-3-9503906-1-2<br \/>\nOriginaltitel: A harmadik h\u00edd<br \/>\nBezug: Buchhandel, Preis: 22,00 Euro<\/em><\/p>\n<p>L\u00e1szl\u00f3 Szilasi nimmt uns in seinem neuen Roman mit in die Welt der Obdachlosen in Szeged. Die Rahmenerz\u00e4hlung bildet ein Klassentreffen dort, nach 30 Jahren. Betroffen nehmen die ehemaligen Schulkameraden zur Kenntnis, dass einer ihrer Mitsch\u00fcler, P\u00e9ter Foghorn, bereits verstorben ist. \u201eDaraus ergab sich nat\u00fcrlich, dass jeder versuchte, all das zu erz\u00e4hlen, was er von den letzten Jahren und den Umst\u00e4nden seines Todes mit Sicherheit wusste. Und selbstverst\u00e4ndlich noch ein bisschen mehr\u201c. Auch manch kleine Aff\u00e4re aus der Schulzeit wird durchgehechelt, \u201eHeldentaten\u201c und geplatzte Tr\u00e4ume. Im Gro\u00dfen und Ganzen nimmt das Wiedersehn jedoch einen feucht-fr\u00f6hlichen Verlauf.<br \/>\nNur zwei Schulkameraden, fr\u00fchere Freunde, dessen dritter im Bunde jener P\u00e9ter Foghorn war, sondern sich ab: der damals engste Freund, Ferenc Noszt\u00e1vszky, genannt Noszta und der Erz\u00e4hler, D\u00e9nes Sug\u00e1r. In dieser Nacht erz\u00e4hlt Noszta was mit P\u00e9ter \u201ewirklich\u201c los war: Er selbst war 1987 nach Kanada emigriert und schildert seine guten Jahre dort, seine Ehe \u2013 und seinen Absturz nach der Scheidung 2009. Er begann zu trinken, verlor seine Stelle und flog schlie\u00dflich mit seinen letzten Ersparnissen in die Heimat zur\u00fcck. Er sah sich als Verlierer und wollte als solcher nicht zu seinen Eltern zur\u00fcck kehren. Gleichzeitig war ihm klar, dass er in seinem abgerissenen Aufzug keine Arbeit finden w\u00fcrde. Schon nach kurzer Zeit landete er auf der Stra\u00dfe in Szeged. Der Gedanke an Selbstmord kam ihm allerdings nie, denn er hatte es sich zur Aufgabe gemacht, seine blo\u00dfe Existenz zu erhalten.<br \/>\nEines Tages, im sehr kalten Winter 2010, sah er einen Geiger am Denkmal des Dichters Attila J\u00f3zsef stehen. Es war Foghorn. Auch er hatte Noszta sofort erkannt und weihte ihn in die Geheimnisse des Lebens auf der Stra\u00dfe ein. Eine Reihe von Kumpels besorgten ihm Kleidung, gingen mit ihm zur Tafel der Franziskaner, zur medizinischen Versorgung der Malteser und zur \u00dcbernachtung im Obdachlosenwohnheim. Foghorn war der unangefochtene Anf\u00fchrer, \u201eRoboter\u201c sein neuer Name. Noszta beschreibt die Helfer, die anderen Bettler, meist Alkoholiker, ihre Schicksale und wie es soweit kommen konnte, dass sie auf der Stra\u00dfe landeten. Eigentlich hassten sie einander, diese M\u00e4nner, die sich nur mit ihren Spitznamen anredeten, sich oft wegen Kleinigkeiten pr\u00fcgelten \u2013 doch irgendwie hielt sie das auch zusammen. Vor allem sch\u00e4tzten alle Roboter. Einige M\u00e4nner waren Foghorn sicherlich auf vielf\u00e4ltige Weise \u00fcberlegen, aber all das war nebens\u00e4chlich: \u201eDie F\u00fchrungsrolle Foghorns beruhte einerseits \u2026 auf seiner in einzigartiger Weise zuverl\u00e4ssigen F\u00e4higkeit, Geld zu beschaffen \u2026 Allerdings glaubte er fest daran, dass er auf die kleinste Aggression sofort mit der brutalsten physischen Reaktion, \u2026, antworten musste. \u2026 Andererseits beruhte die F\u00fchrungsrolle Foghorns, \u2026 darauf, dass er in der Lage war, eine zielgerichtete, zusammenh\u00e4ngende \u2026 sinnvolle Tagesordnung aufzubauen. Das Ziel war, unter den gegebenen Umst\u00e4nden auf m\u00f6glichst angenehme Weise am Leben zu bleiben\u201c.<br \/>\nEigentlich beschreibt Noszta nur einen einzigen Tag im Januar 2010, erg\u00e4nzt mit allen vorangegangenen \u2013 und daran anschlie\u00dfenden Geschichten. Dazwischen erz\u00e4hlt er vom Leben der acht Obdachlosen, die Foghorn, der Roboter, anf\u00fchrt: Von Engels und Mars, vom Zigeuner Angel und der alten Droll, von Roboter und seiner Freundin Anna, von Fondue und ihm selbst, dem Neuen. Er erz\u00e4hlt von ihrem Kampf um die kleine menschliche W\u00fcrde, die ihnen noch geblieben war. Noszta beobachtete die Menschen, wie sie gesch\u00e4ftig an ihnen vorbei liefen, ihre vergeudete Zeit \u2013 und so sahen es die Obdachlosen &#8211; ihr sinnloses Leben &#8211; dem sie nachgingen. Diese B\u00fcrger br\u00e4uchten sie, die Verlierer, um sich sagen zu k\u00f6nnen, ich lebe nicht falsch, ich habe Familie, lebe in geordneten Verh\u00e4ltnissen. Nat\u00fcrlich l\u00fcgen sie sich alle etwas vor: Diejenigen, die trotzig darauf beharrten, das Leben auf der Stra\u00dfe vorzuziehen, wie auch die Gegenseite, die b\u00fcrgerliche Gesellschaft, die glaubt das k\u00f6nne ihr nie passieren. Noszta f\u00fchrt uns auf einem langsamen, aber unaufhaltsamen Zug durch Szeged, vom Quartier am Fluss \u00fcber Stra\u00dfen und Pl\u00e4tze, wo es f\u00fcr sie etwas zu essen und zu trinken gibt, wo sie versorgt werden und wo sie schlie\u00dflich schlafen k\u00f6nnen. Nur nicht stehenbleiben, nur nicht den Anschein der Sesshaftigkeit erwecken: \u201eEs war ein Sisyphosleben. Die Steine, die wir waren, rollten st\u00e4ndig zur\u00fcck. \u2026 Sie (die Helfer) retteten unser Leben an dem Tag. Am n\u00e4chsten erneut. Und dann wieder. Dabei legten sie uns beiseite, um uns immer wieder neu retten zu k\u00f6nnen\u201c. Wenn man Szeged ein bisschen kennt, ist das ein Wiedersehn mit der Stadt \u2013 aus einem ganz anderen Blickwinkel.<br \/>\nWir erfahren nicht, warum Foghorn 2001 als Obdachloser gelandet war. Von sich selbst erz\u00e4hlte er nie. Jedoch, die Eltern der Gescheiterten waren alle b\u00fcrgerliche Existenzen gewesen, waren selbst gescheitert \u2013 und mit ihnen ihre Familien.<br \/>\nEines Tages wurde Roboters Freundin Anna ermordet. Wir kennen den M\u00f6rder, es ist Bart\u00e1k vom Rathaus, die graue Eminenz der Stadt, einer der wenigen, der den Einsturz der \u201eDritten Br\u00fccke\u201c \u00fcberlebt hatte, die dritte Br\u00fccke, \u00fcber welche die Gesellschaft im Gleichschritt marschierte bis sie zu schwingen begann und einst\u00fcrzte. Sie ist Sinnbild daf\u00fcr, wie die Welt aus den Fugen ger\u00e4t, wenn \u2013 ohne \u00dcberlegung \u2013 jedermann im befohlenen Gleichschritt marschiert. Die bald wieder aufgebaute neu-alte Br\u00fccke verbindet die Ufer der Theiss &#8211; und das alte Leben mit dem neuen.<br \/>\nSp\u00e4ter geschah noch ein Mord, doch davon soll hier nicht die Rede sein. Noszta erz\u00e4hlt seine Wirklichkeit, sein idealistisches, romantisiertes Bild von der Stra\u00dfe und von Roboters F\u00fchrerqualit\u00e4ten. Ihm war es gelungen, mit einem genau durchdachten Tagesablauf dem Leben der Acht einen Sinn zu geben. Doch auch Roboter zog sich, zutiefst verletzt nach dem Tod seiner Freundin zur\u00fcck, auch er vergammelte zeitweise. Allm\u00e4hlich zerfiel die Gruppe, sie brachte keine gegenseitige Empathie mehr auf.<br \/>\nRoboters Wieder-Auftauchen hat fast religi\u00f6se Z\u00fcge. Ein Vergleich mit dem letzten Abendmahl Jesu dr\u00e4ngt sich auf: Er schickte um Essen, bezahlte gro\u00dfz\u00fcgig, gab f\u00fcr seine Bande ein Festmahl; er selbst a\u00df nichts, aber \u201eseine Augen lachten\u201c. Hierbei weihte er zum ersten und einzigen Mal seinen Freund Noszta in verschiedene Geschichten und Umst\u00e4nde ein, hinterlie\u00df ihm sein Verm\u00e4chtnis. F\u00fcr Noszta war es das letzte Mal, als er ihn sah: \u201eAls er sich aufmachte, ging er, um zu sterben.\u201c Er konnte sich nur von der dritten Br\u00fccke in die Theiss gest\u00fcrzt haben! Das ist Nosztas Wahrheit und Wirklichkeit. Er ist \u00fcberzeugt, wenn Foghorn ihn \u201enicht mit seinem Vertrauen ausgezeichnet h\u00e4tte, dann w\u00e4re ich heute ganz bestimmt nicht hier mit dir. Er hat mir damit Kraft gegeben, \u00fcber seinen Tod hinaus, dass er damals mich ausgew\u00e4hlt hat.\u201c<br \/>\nIm letzten Kapitel kommt der ehemalige Migrant zu Wort, der Kriminalinspektor, der fr\u00fcher in Deutschland t\u00e4tig gewesen war. Nach der Wende kam er auf Wunsch der ungarischen Polizeibeh\u00f6rde zur\u00fcck, um bei verschiedenen Ermittlungen zu helfen. Gegen allen Widerstand blieb er der Einzige, der den ungel\u00f6sten Mordfall kl\u00e4ren wollte. Er ist unser Erz\u00e4hler, in ihm verbindet sich die Stimme des Autors mit der des Ermittlers. Beide haben lange zum Leben der Obdachlosen recherchiert. Seine Gedanken \u00fcber die Obdachlosen sind sehr n\u00fcchtern. \u201eIch wei\u00df, es gibt solche, die von vornherein f\u00fcr die Stra\u00dfe geboren werden. Er kommt zur Erkenntnis, dass die meisten dieser Obdachlosen aus der Welt des Sozialismus nach der Wende nicht lernen konnten, mit dieser total neuen Welt umzugehen: \u201eSie waren auf diese andere Welt einfach nicht vorbereitet, und diese andere Welt nicht auf sie\u201c. Es ist fast unm\u00f6glich, sie wieder in die andere Welt hin\u00fcber zu holen. Man darf es erst gar nicht so weit kommen lassen, dass sie in jene Parallelwelt hinab sinken.<br \/>\nHier nimmt die Erz\u00e4hlung nun eine ganz neue, \u00fcberraschende und hochspannende Wendung.<br \/>\nNur soviel sei verraten: mindestens zwei aus der Gruppe haben es wider Erwarten geschafft, ins b\u00fcrgerliche Leben zur\u00fcckzufinden: Angel, der seinen Traum wahrmachen konnte, in einem entv\u00f6lkerten Dorf ein neues Leben aufzubauen, und Noszta, der seinen Stolz \u00fcberwinden und nach vielen Irrungen wieder zu seinen Eltern zur\u00fcck kehren konnte.<br \/>\nSzilasi hat in diesem Roman ein Kapitel aufgeschlagen, das nur selten anger\u00fchrt wird: Das Leben von Obdachlosen, beobachtet ohne jedes falsche Pathos, aber mit Empathie. Er gibt keine Rezepte; es ist ihr Leben, das sie gew\u00e4hlt haben \u2013 aber besser w\u00e4re es, sie w\u00fcrden erst gar nicht so weit kommen.<br \/>\nEs ist schade und unverst\u00e4ndlich, dass in Deutschland dieser wichtige Roman, der gesellschaftliche Zust\u00e4nde aufgreift, bisher von der Kritik \u00fcberhaupt nicht beachtet wurde. In Ungarn war er Thema in allen wichtigen Literaturzeitschriften. Daher ist dem Nischen-Verlag nicht genug zu danken, dass er uns immer wieder &#8211; in Deutschland &#8211; noch unbekannte Literatur vorstellt, in ausgezeichneter \u00dcbersetzung.<br \/>\nVon der einstigen Begeisterung f\u00fcr das \u201eLiteraturwunderland Ungarn\u201c ist n\u00e4mlich hier in den Feuilletons nicht mehr viel zu sp\u00fcren; es wird viel weniger rezensiert. Dabei ist die junge, zeitgen\u00f6ssische Literatur aus Ungarn sehr spannend und allemal eine Besch\u00e4ftigung wert; etliche junge Schriftsteller und Schriftstellerinnen h\u00e4tten uns Interessantes und Neues \u00fcber die Befindlichkeiten im heutigen Ungarn zu berichten \u2013 doch sie werden kaum wahrgenommen. Man kann nur hoffen, dass auch Szilasis erster Roman in absehbarer Zeit ins Deutsche \u00fcbersetzt und besprochen wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die dritte Br\u00fccke (Private Aufzeichnungen zum Tod von P\u00e9ter Foghorn) Roman Aus dem Ungarischen von Eva Z\u00e1dor Verlag: Nischen Wien, 2015 ISBN: 978-3-9503906-1-2 Originaltitel: A harmadik h\u00edd Bezug: Buchhandel, Preis: 22,00 Euro L\u00e1szl\u00f3 Szilasi nimmt uns in seinem neuen Roman &hellip; <a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=4005\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[339],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4005"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4005"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4005\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4007,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4005\/revisions\/4007"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4005"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4005"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4005"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}