{"id":3995,"date":"2016-01-24T17:28:39","date_gmt":"2016-01-24T17:28:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=3995"},"modified":"2016-01-24T17:28:39","modified_gmt":"2016-01-24T17:28:39","slug":"rezension-gelleri-andor-endre-die-groswascherei","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=3995","title":{"rendered":"Rezension: Gell\u00e9ri, Andor Endre &#8211; &#8222;Die Gro\u00dfw\u00e4scherei&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/die_gro\u00dfwa\u0308scherei.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-3996\" title=\"die_gro\u00dfwa\u0308scherei\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/die_gro\u00dfwa\u0308scherei.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"247\" \/><\/a><em>Roman<br \/>\nAus dem Ungarischen von Timea Tank\u00f3<br \/>\nGuggolz Verlag Berlin, 2015<br \/>\nISBN: 978-3-945370-04-9<br \/>\nOriginaltitel: A nagymosoda, 1931<br \/>\nBezug: Buchhandel, Preis: 22,00 Euro<\/em><\/p>\n<p>In den 20er Jahren herrschte gro\u00dfe Arbeitslosigkeit in Budapest. Da Andor Gell\u00e9ri, trotz zahlreicher Literaturpreise und Stipendien, nicht von der Schriftstellerei leben konnte, machte er u.a. eine Ausbildung zum F\u00e4rber in einer Dampfw\u00e4scherei. Er wei\u00df also, wovon er spricht, wenn er uns die Geschichten der Angestellten in der Gro\u00dfw\u00e4scherei erz\u00e4hlt: Farbig, funkelnd und spritzig vor Leben, immer ganz nah am Menschen und damit auch beim Leser. 1931 erschien der Roman nach einer Reihe von W\u00e4scherei-Erz\u00e4hlungen in Budapest, 1962 wurde er in der ehemaligen DDR mit allerhand Streichungen, die nicht ins politische Bild passten, erstmalig ins Deutsche \u00fcbersetzt unter dem Titel \u201eDampfw\u00e4scherei Ph\u00f6nix\u201c. Gratulieren kann man dem noch jungen Verlag Guggolz, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, vergessene Literatur aus Osteuropa neu zu verlegen, nicht nur dazu, gerade diesen spannenden Roman wieder zug\u00e4nglich zu machen, sondern auch zur bibliophilen Aufmachung des Buches. Der \u00dcbersetzerin Timea Tank\u00f3 ist zu danken, welche die farbig-brillante Sprache Gell\u00e9ris ebenso farbig-brillant ins Deutsche komponiert hat. Wie sie im lesenswerten Nachwort schreibt, gilt es, ein eigenes Gell\u00e9ri-Ungarisch h\u00f6rbar zu machen.<br \/>\nGleich findet sich der Leser mittendrin im \u00d3buda der 20er Jahre, das nicht nur seine vertr\u00e4umt-romantischen Winkel hat, sondern auch ein Heer von Armen und Arbeitslosen: man riecht und schmeckt die Ausd\u00fcnstungen von Menschen und Maschinen, h\u00f6rt die Pferdewagen, das Geschnatter vom Federvieh, das Hupen der Lastwagen, sieht das Gewimmel von Passanten und H\u00e4ndlern. Man blickt in die Verschl\u00e4ge der Handwerker, die Kellerwerkst\u00e4tten. Gell\u00e9ris Figuren sind nie nur Opfer; sie sind lebende Menschen, die man ernst nehmen muss. Manchmal scheinen sie wie skurrile Karikaturen; doch so ist das Leben, zum Weinen und zum Lachen.<br \/>\nUnd schon schwitzt und friert der Leser in der d\u00e4mpfigen Luft der Gro\u00dfw\u00e4scherei Ph\u00f6nix. \u201eDiese f\u00fcnf zimmergro\u00dfen R\u00e4ume sind voller Maschinen, Kessel, Menschen, Dampf und dem bei\u00dfenden Geruch von Chemikalien\u201c. Ungef\u00e4hr einhundert Menschen arbeiten in diesem Betrieb. Sie alle sind sie abh\u00e4ngig von Jen\u0151 Taube, dem Gesch\u00e4ftsmann, der es aus kleinsten Anf\u00e4ngen zu etwas gebracht hat. Er ist Fachmann, hat das Handwerk von der Pike auf gelernt. Viele Frauen hatten ihm auf diesem Weg geholfen. Heute ist er stolz darauf, dass so viele von ihm abh\u00e4ngen: \u201e\u2026 sehen Sie sich diese Frauen an. (\u2026) Von wem bekommen sie ihr Brot? Von mir! Und wenn mir einmal danach ist und ich sie alle hinauswerfe, wo es doch in dem Beruf nirgends Arbeit gibt, was w\u00fcrden sie dann machen? &#8230;\u201c<br \/>\nKlar, dass er Neider unter den anderen H\u00e4ndlern hat: Keiner g\u00f6nnt es ihm, dem Juden, so richtig, dass er den Reichtum aus der Dampfw\u00e4scherei seinem Geschick und Gesch\u00e4ftssinn zu verdanken hat. \u201eEr hat halt Gl\u00fcck gehabt\u201c, sagen sie. Taube bleibt davon unger\u00fchrt. Wenn er mit seiner Karosse vor dem Betrieb auftaucht, wuselt es in diesem noch schneller und dienstbeflissener als sonst: \u201eDer Alte ist da\u201c: \u201eTaubes Erscheinen erhitzt auch die jungen Frauen im Maschinenraum; sie arbeiten so ange-strengt, als wollten sie dadurch ihre ewige Treue zu ihm ausdr\u00fccken \u2026 Aber die Seelen, die besudelten K\u00f6rper der Frauen rein zu waschen, ist nicht so einfach.\u201c Alles wird hier sauber und wei\u00df, \u201enur sie werden immer schmutziger und befleckter.\u201c<br \/>\nGell\u00e9ri erz\u00e4hlt die pers\u00f6nlichen dramatischen und lachhaften Geschichten von vielen Menschen:<br \/>\nEs gibt da z.B. einen Heizer, Tir, der mit den Revolution\u00e4ren in China mitf\u00fchlt, sich als Heerf\u00fchrer Wu Peifu tr\u00e4umt, der sein Volk rettet. Doch wenn seine Pause vor\u00fcber ist, arbeitet er wie umgewandelt, ganz der folgsame loyale Arbeiter des Herrn Taube. Der bettelarme Tir ist im ganzen Betrieb der einzige, der mit seinen Kollegen f\u00fchlt, sich Gedanken um sie macht und hilft.<br \/>\nWaschmeister Rusz wird gleich zu Anfang des Romans gemobbt. Der aalglatte Empork\u00f6mmling, der F\u00e4rber Nov\u00e1k will seinen Posten und ergreift die Gelegenheit, als Rusz es nicht fertig bringt, verf\u00e4rbte Seidenhemden wieder zu entf\u00e4rben. Taube entl\u00e4sst ihn kurzerhand: \u201eJa, wer so wenig Mumm hat, wer kein Wort herausbringt. \u2026 Sie scheren sich fort, springen am besten in den Fluss, denn Sie sind ein Schwein, Sie sind niedertr\u00e4chtig.\u201c Der W\u00e4schereibesitzer sch\u00e4tzt nur Menschen wie er selbst es ist, aus hartem Holz geschnitzt und r\u00fccksichtslos. Nov\u00e1ks Art sich aufzuspielen, gef\u00e4llt ihm. Ihn will er zu seinem Nachfolger machen, einf\u00fchren in die Geheimnisse des \u201eGeldmachens\u201c bei gleichzeitigem Genuss der willigen Frauen.<br \/>\nTaube selbst langweilt inzwischen alles. Er k\u00f6nnte ganze D\u00f6rfer aufkaufen, jeden Konkurrenten ausschalten. Wie langweilig! Er schl\u00e4ft lieber und tr\u00e4umt\u2026\u201cDie letzten f\u00fcnf Jahre versanken vor ihm wie ein gro\u00dfes G\u00e4hnen. Er erinnerte sich an so gut wie gar nichts.\u201c Kurz vor dem Einschlafen denkt er an seine eigene Frau, zu der er manchmal nach Hause geht, daran, dass sie immer f\u00fcr ihn da ist, auf ihn wartet: \u201eWie oft ich sie betrogen habe, dachte Taube, immer wieder habe ich ihr die Liebe, die ihr geb\u00fchrte, gestohlen\u201c.<br \/>\nNov\u00e1k indessen, f\u00fchlt sich schon ganz als der Herr: wie k\u00f6nnte er die Belegschaft effizienter einsetze, weniger zahlen und mehr erwirtschaften? Er kann nun tun und lassen, was er will; denn mit Taube ist eine gro\u00dfe Wandlung vorgegangen. Mit Unlust und Langeweile hatte es angefangen; nur die Lebensgeschichten anderer Menschen interessiert ihn noch, rei\u00dfen ihn f\u00fcr kurze Zeit aus seiner Lethargie. Da kommt z.B. der Vertreter Izrael Lanker, nach guten Tagen, heruntergekommen, bem\u00fcht er sich, reichen Leuten Radios, Heimkinos und Plattenspieler zu verkaufen. Schlau beginnt er das Verkaufsgespr\u00e4ch \u2013 doch Taube durchschaut die Strategie. Trotzdem schickt er ihn nicht weg: Endlich ist er wieder wach. Der Vertreter ist so alt wie er, 1880 in Polen geboren. Und Lanker erz\u00e4hlt, erz\u00e4hlt; Taube am\u00fcsiert sich, biegt sich vor Lachen. \u201eHinter den lachend vorgetragenen Geschichten konnte man tief ins Elend blicken, seine leichten Beuten zeigten so deutlich den entsetzlichen Kampf der Menschen um das t\u00e4glich Brot.\u201c Und als Lanker weiter pikante Geschichten erz\u00e4hlt, entgegnet Taube: \u201e\u2026 Keine von ihnen hat sie geliebt. \u2026Es war, als h\u00e4tte sich Taube bereits mit Lankers Gestalt vollgesogen und blicke nun in seine eigene bis zum Rand mit dieser gef\u00fcllten Seele\u201c: Vielleicht wurde auch er nur wegen seines Geldes geliebt. Er erinnert sich an seine Geliebten, die im Grunde auch nichts anderes wollten als Geld, Kleidung und Schmuck. Wie ein Berauschter hatte er das Leben vieler Arbeiter zertreten \u2013 nur wer rechtzeitig von ihm abgelassen hatte, dem war es gut gegangen. Allein seine Frau liebt ihn immer noch. Jeden Abend wartet sie auf ihn \u2013 auch wenn er sich die Zeit mit seinen Geliebten vertreibt. Sie k\u00e4mpft mit im Betrieb \u2013 sie ist seine beste Angestellte. Das ist der Wendepunkt in Taubes Leben: In der Nacht kommt es wie ein D\u00e4mon \u00fcber ihn. In einer halben Stunde zieht sein ganzes Leben an ihm vorbei. So wenig hat sich wirklich ereignet &#8211; in einer halben Stunde ist alles gesagt.<br \/>\nNun denkt er st\u00e4ndig an den Tod, hat das Gef\u00fchl, um ihn herum w\u00fcrden sich schwarze T\u00fccher legen, er erschrickt vor der Dunkelheit. Sein eigener Beruf kommt ihm pl\u00f6tzlich schmutzig vor \u2013 wie eine dreckige Br\u00fche. Ihn ekelt vor allem.<br \/>\nNov\u00e1k hat sich inzwischen in einen Pascha verwandelt, er ist viel schlimmer als sein Patron. Vor ihm hat man noch viel mehr Angst. Er, der sich den Betrieb nicht erarbeitet hat, ist viel grausamer, fauler, geldgieriger. Die spanische Grippe w\u00fctet in der Stadt; verlangt wird das F\u00e4rben unz\u00e4hliger Trauerkleidung. \u201eDie H\u00e4user dr\u00f6hnen vom unaufh\u00f6rlichen Niesen, das \u00e4chzende Klagen der Fiebernden fliegt beim morgendlichen \u00d6ffnen aus den Fenstern auf die Stra\u00dfe hinaus. Und der Himmel blickt gelb und stumm auf die erkrankte Stadt hinab\u201c. Auf seinen ehemaligen Kollegen Angelov sieht er geringsch\u00e4tzig herab. Er l\u00e4sst ihn noch mehr arbeiten, erh\u00f6ht seinen Lohn nicht. Angelov lebt mit seinen 21 Jahren in v\u00f6lliger Hoffnungslosigkeit. Seit zehn Jahren arbeitet er schon in der W\u00e4scherei. \u201eSeine Seele ist ein Skelett, das sein Fleisch verloren hat: Eine Erinnerung an einen Menschen ist sie, aber nicht dessen Leben. Schon so oft hat er sterben wollen\u2026.\u201c Er \u201esieht, wie die gesamte Dampfw\u00e4scherei in Nov\u00e1ks H\u00e4nde ger\u00e4t und dieser die Menschen wie Linsen zwischen den Fingern langsam auf den Boden rieseln lassen kann\u201c. Und als er nicht mehr kann, als er nicht mehr die an ihn gestellten (unm\u00f6glichen) Aufgaben erf\u00fcllen kann, als Nov\u00e1k am Ziel ist und ihn ausbootet, da nimmt sich Angelov das Leben.<br \/>\nUnterdessen lebt Taube weiter in seinem Wahn, alles, wirklich alles muss wei\u00df werden. Nachts l\u00e4sst er die verschmutzte Fassade seines Hauses wei\u00df kalken, sucht st\u00e4ndig nach jedem auch noch so kleinen Fleck, der sofort beseitigt werden muss.<br \/>\nErinnerungen qu\u00e4len ihn, denen er nicht entkommen kann. Schnell fabriziert er sich eine Entschuldigung: \u201eEs ist nicht meine Schuld, das Geld tr\u00e4gt die Schuld an allem! Nicht mich sollte man erh\u00e4ngen, sondern das Geld, das Geld! \u2026\u201c \u2026\u201cDenn ich war ein armer Junge\u2026. Wenn ich nicht reich geworden w\u00e4re, h\u00e4tte ich nicht siebenhundert Geliebte gehabt, wenn ich arm geblieben w\u00e4re, w\u00e4ren die beiden Gehilfen nicht verbrannt, dann w\u00e4re auch Angelov nicht gestorben. Das Geld m\u00fcsste man umbringen, nicht mich.\u201c<br \/>\nAm Ende kommt ihm Gott in den Sinn. Er sucht alte Gebetb\u00fccher zusammen, versucht Gebete zu sprechen: \u201eklettert mit den Augen durch das komplizierte Gestr\u00fcpp der hebr\u00e4ischen Buchstaben\u201c. Doch nichts kann ihn mehr retten, weder Gebet noch Opfergaben. Nur die gro\u00dfe Waschmaschine in seinem Betrieb scheint f\u00e4hig, den ganzen Dreck aus ihm herauszuwaschen. \u201eDie Maschine lief und klagte wie ein Mensch, und sie drehte sich, drehte sich wie die Erde. Sie lief und spuckte Blut wie die Kriege\u2026.\u201c<br \/>\nNoch ein Hinweis: Wer sich eingelesen hat in die \u201eW\u00e4scherei-Geschichte\u201c, dem seien noch die Erz\u00e4hlungen empfohlen: \u201eBudapest und andere Prosa\u201c. Bibliothek Suhrkamp, ISBN: 978-3-518-01237-6; erh\u00e4ltlich im Buchhandel. Preis 12,99 \u20ac. Die Erz\u00e4hlungen haben ebenso autobiografischen Charakter wie die Novellen \u201eZauberer, hilf\u201c, die nur noch antiquarisch zu haben sind. Vielleicht ein weiteres lohnendes Projekt f\u00fcr den Guggolz Verlag!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Roman Aus dem Ungarischen von Timea Tank\u00f3 Guggolz Verlag Berlin, 2015 ISBN: 978-3-945370-04-9 Originaltitel: A nagymosoda, 1931 Bezug: Buchhandel, Preis: 22,00 Euro In den 20er Jahren herrschte gro\u00dfe Arbeitslosigkeit in Budapest. 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