{"id":3987,"date":"2016-01-24T17:13:45","date_gmt":"2016-01-24T17:13:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=3987"},"modified":"2016-01-24T17:13:45","modified_gmt":"2016-01-24T17:13:45","slug":"rezension-dragoman-gyorgy-der-scheiterhaufen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=3987","title":{"rendered":"Rezension: Dragom\u00e1n, Gy\u00f6rgy &#8211; &#8222;Der Scheiterhaufen&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/der_scheiterhaufen.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-3988\" title=\"der_scheiterhaufen\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/der_scheiterhaufen.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"249\" \/><\/a><em>Roman<br \/>\nAus dem Ungarischen von Lacy Kornitzer<br \/>\nVerlag: Suhrkamp, 2015<br \/>\nISBN: 978-3-518-42498-8<br \/>\nOriginaltitel: M\u00e1glya, 2014<br \/>\nBezug: Buchhandel, Preis: 24,95 Euro <\/em><\/p>\n<p>In einem Interview mit seiner Lektorin Katharina Raabe erz\u00e4hlt Gy\u00f6rgy Dragom\u00e1n, dass er die Romane, die sich mit Diktatur und Umsturz in Rum\u00e4nien besch\u00e4ftigen, als Trilogie geplant hat. Der wei\u00dfe K\u00f6nig, (Deutschland 2008) in dem der elfj\u00e4hrige Dzs\u00e1t\u00e1 mit seiner Mutter um das Leben seines Vaters k\u00e4mpft, ist der erste Band. Noch w\u00e4hrend er am zweiten Teil arbeitete, wurde in ihm die Stimme eines M\u00e4dchens so stark, dass er diese Stimme im &#8211; eigentlich als dritten &#8211; geplanten Band vorziehen musste. Es ist die Stimme von Emma, mit der sich der Autor seinen Erinnerungen stellt, und durch die der Leser die Geschichte von Schuld und Verkettung, von Diktatur und Familiengeschichte und von der Suche nach Freiheit und Wahrheit im Chaos der Nachbeben der Revolution erlebt. In Dragom\u00e1ns Roman h\u00e4ufen sich Binnenerz\u00e4hlungen voller Erinnerungen und detaillierter Beschreibungen von Dingen.<br \/>\nDas Land Rum\u00e4nien wird kein einziges Mal genannt in diesem Nach-Revolutionsro-man, und doch weist alles darauf hin: der erschossene \u201eGeneral\u201c, die heruntergerissenen Fotos mit ihren Leerstellen in Klassenzimmern und Beh\u00f6rden, die gest\u00fcrzten Denkm\u00e4ler, vor allem aber die vielen Toten nach dem Umsturz, die Stimmung in der Bev\u00f6lkerung, die unterschwellige Angst vor der noch immer existierenden Sicherheitspolizei. Die Revolution ist nicht richtig gegl\u00fcckt. Von \u201eWende\u201c kann kurz nach dem Sturz des Diktators nicht die Rede sein, mochten auch seine Fotos heruntergerissen und seine Denkm\u00e4ler gest\u00fcrzt sein. Die alte Macht versucht immer wieder Fu\u00df zu fassen. Freiheitsk\u00e4mpfer stehen auf der einen Seite, Wendeh\u00e4lse, die sich auf die Seite der Sieger geschlagen haben, versuchen ihre Gesch\u00e4fte zu machen. Schlie\u00dflich m\u00fcssen diejenigen, die in irgendeiner Form Schuld auf sich geladen haben, mit Angriffen rechnen. Die im Kommunismus nicht verarbeitete Vergangenheit l\u00e4sst sich nicht mehr unterdr\u00fccken. In diesem ganzen Durcheinander m\u00f6chte die bedr\u00fcckte Bev\u00f6lkerung Freiheit erleben. Dragom\u00e1n versteht es, die Atmosph\u00e4re des Misstrauens, die wie ein b\u00f6ser Geist durch die Gesellschaft wabert, die \u00dcberheblichkeit derer, die es \u201eimmer schon gewusst\u201c haben \u2013 und derer, die sich rechtzeitig auf die richtige Seite geschlagen haben, ganz wirklichkeitsnah entstehen zu lassen \u2013 und das alles durch die Stimme seiner Protagonistin.<br \/>\nDer Roman handelt nicht nur von Schuld und Vergangenheitsbew\u00e4ltigung, sondern vor allem von der Freiheit, die in der Wahrheit steckt, vom Suchen und Sich-Finden eines jungen M\u00e4dchens an der Schwelle der Adoleszenz. Fast zwei Jahre lang d\u00fcrfen wir sie dabei begleiten.<br \/>\nGleich der Anfang stellt uns mitten in die Geschichte: Die 13j\u00e4hrige Emma wird ohne Vorwarnung von einer alten Frau, die vorgibt ihre Gro\u00dfmutter zu sein, aus dem Internat geholt. Vor einem knappen halben Jahr hat sie beide Eltern bei einem Autounfall verloren \u2013 und von einer Gro\u00dfmutter bis jetzt nichts gewusst. Sie z\u00f6gert, doch die alte Frau versteht es, Emma zauberisch davon zu \u00fcberzeugen, dass sie ihre Enkelin sei. Als beide allein sind, gibt sie sich gro\u00dfm\u00fctterlich-weich und gar nicht so kalt und herrisch, wie es zuerst den Anschein hatte. Emma verl\u00e4sst das Internat, sie denkt daran, wie die Lehrerin und sie, die Sch\u00fclerinnen, die Fotos des Generals wild heruntergerissen, darauf herum getrampelt, Bilder, Fotos, Aufschriften auf einem Scheiterhaufen verbrannt haben.<br \/>\nEmma ist die Ich-Erz\u00e4hlerin. Nur ihre Stimme h\u00f6rt man; sie denkt, sie h\u00f6rt, sie schaut, sie erinnert, was andere gesagt haben. Das ist das Faszinierende an dem Roman: Wie Dragom\u00e1n es verstanden hat durch diesen literarischen Kunstgriff nicht nur das M\u00e4dchen Emma, sondern alle Figuren seiner Geschichte durch ihre Beobachtung zu Wort kommen zu lassen; einf\u00fchlsam und sprachlich sehr farbig \u00fcbersetzt von Lacy Kornitzer. Emma erweckt alle zum Leben. Mit ihr erlebt der Leser alles in der Gegenwart \u2013 die Vergangenheit kommt nur in der Erinnerung vor. Dragom\u00e1n erz\u00e4hlt in kurzen S\u00e4tzen und knappen Szenen, die scheinbar verbindungslos nebeneinander stehen. Doch bereits wenige Seiten weiter ist die Verbindung da, eins greift ins andere. Alle Geschichten sind wichtig, bleiben nicht in der Luft h\u00e4ngen \u2013 f\u00fchren zur n\u00e4chsten \u2013 oder zum Ende der n\u00e4chsten Geschichte. So entsteht ein dreidimensionales Bild.<br \/>\nEs gibt zwei starke Emma-Stimmen: Die eine rekapituliert, was geschieht \u2013 das allt\u00e4gliche Leben, die Gew\u00f6hnung an das Zusammenleben mit der Gro\u00dfmutter, die K\u00e4mpfe und das Sich-Behaupten in der Schule, die erste Liebe, das Gewahr-Werden der eigenen Weiblichkeit, des eigenen K\u00f6rpers \u2013 und die andere Emma, die denkt, die beobachtet, die Freunde hat unter den Tieren; besonders Ameisen und F\u00fcchse sind ihre \u201esprechenden, magischen\u201c Freunde, die andere Emma, die sich gegen die schmerzhaften Erinnerungen wehrt, die doch immer wieder durchdringen. Es gibt eine nachdenkliche Emma, die sehr sensibel alles wahrnimmt und selbst magische Kr\u00e4fte hat. Schlie\u00dflich gibt es am Ende des Romans auch eine Emma, die in inneren und \u00e4u\u00dferen K\u00e4mpfen erwachsen geworden ist und erkennt, wozu die Toten gestorben, bzw. nicht gestorben sind. \u2013Gro\u00dfmutters Stimme ist ebenfalls stark und unmittelbar, kursiv gedruckt. In diesen Kapiteln will sie ihrer Enkelin etwas mitteilen \u2013 und sich selbst \u00fcber ihre eigenen Traumata klar werden. \u201eDie schmerzvollsten Geschichten k\u00f6nne man nur so erz\u00e4hlen, dass der, der zuh\u00f6rt, das Gef\u00fchl hat, dass sie ihm selbst widerfahren, dass es seine eigenen Geschichten sind\u201c, sagt Gro\u00dfmutter einmal.<br \/>\nIn ihrem neuen Leben muss sich Emma erst einmal behaupten: Das f\u00e4ngt schon beim Kaufen der Fahrkarte an, als ein Stra\u00dfenjunge sie bestehlen will \u2013 und die erfahrene Gro\u00dfmutter ihm dazwischen funkt. Das ist eine neue Welt f\u00fcr sie \u2013 die Wirklichkeit; fr\u00fcher waren die Eltern immer da gewesen. Im Speisewagen geht es weiter: da bedr\u00e4ngen beschwipste Musiker das M\u00e4dchen zum Tanzen, doch Gro\u00dfmutter tanzt f\u00fcr sie \u2013 und wie! Es hat etwas Mystisches \u2013 und Emma wird in Ruhe gelassen. Sp\u00e4ter fragt das M\u00e4dchen, wie sie das gemacht hat \u2013 und Gro\u00dfmutter antwortet, weil sie ihre Enkelin sei, d\u00fcrfe sie ihr Geheimnis verraten \u2013 und ihr ein paar Sachen beibringen. Um diesen Pakt zu besiegeln, sticht sie ihr in den Finger, bis Blut kommt. Davon wird auch sp\u00e4ter \u00f6fter die Rede sein: Zur Erinnerung geh\u00f6rt der Schmerz, auch der, den man sich selbst zuf\u00fcgt. \u201eGro\u00dfmutter sagt \u2026 Der Schmerz helfe, sich zu erinnern, doch so, dass wir uns nicht nur des Schmerzes entsinnen, sondern aller Dinge, an alles m\u00fcsse man sich erinnern, denn es gebe nur das, woran wir uns erinnern, doch was wir vergessen, gebe es nicht mehr, es verschwinde aus der Vergangenheit, es verschwinde aus der Welt.\u201c<br \/>\nIn Gro\u00dfmutters Haus kommt viel Neues und Geheimnisvolles auf Emma zu: sie sieht Gro\u00dfmutter in der K\u00fcche, wie sie etwas ins Mehl auf dem Backbrett zeichnet, wegwischt, erneut zeichnet. Emma wei\u00df nicht, was sie davon halten soll. Gro\u00dfmutter erkl\u00e4rt nichts. Das wird sie noch \u00f6fter machen, das Schicksal befragen, oder besser, es beschw\u00f6ren, es zu \u00fcberlisten suchen. Gro\u00dfmutters ganzes Leben besteht aus Ritualen, wird Emma erkennen, sie ist gefangen in ihren Ritualen. Emma schaut sich einiges davon ab. Auch sie versucht, Erinnerung und Gegenwart damit zu bannen, bis sie es eines Tages nicht mehr n\u00f6tig haben wird.<br \/>\nGro\u00dfvater ist vor knapp zwei Monaten gestorben und scheint sich noch immer im Haus zu bewegen: Er macht seine Morgengymnastik, was man an den sich bewegenden Teppichfransen sehen kann, manchmal erscheint er als wei\u00dfer Nebel oder durchsichtig wie Glas. Er hat seinen Frieden vorl\u00e4ufig noch nicht gefunden \u2013 Emma betrachtet ein Foto von ihm: \u201eIn seinem Gesicht sehe ich eine gro\u00dfe Traurigkeit, tiefer schwarzer Kummer sitzt hinter seinen Augen\u201c; die beiden lebenden Bewohner des Hauses, genauso wenig wie die ganze Stadtbev\u00f6lkerung nach der Revolution, hat bisher Frieden gefunden. Ger\u00fcchte werden ausgestreut, das Misstrauen ist mit H\u00e4nden zu greifen. Das bekommt Emma auch in der Schule zu sp\u00fcren. Es ist seltsam, dass Gro\u00dfmutter sie nur bis zum Schultor bringt \u2013 sie habe mit der Direktorin alles besprochen \u2013 und Emma solle nicht auf das Geschw\u00e4tz der Leute h\u00f6ren. Ihre neue Banknachbarin, Krisztina erweist sich zun\u00e4chst als niedertr\u00e4chtige Feindin und Rivalin, die auf keinen Fall Emma neben sich leiden will: Ihre Zwillingsschwester R\u00e9ka ist bei den Unruhen der Revolution an ihrer Seite auf dem Hauptplatz erschossen worden \u2013 wof\u00fcr Emma in Sippenhaft genommen wird: \u00dcble Nachrede ist in Umlauf; ihre Gro\u00dfeltern seien Spitzel gewesen, der Gro\u00dfvater gar nicht ermordet worden, wie die Gro\u00dfmutter behauptet, sondern er habe sich, aus seinen Schuldgef\u00fchlen heraus, das Leben genommen. Gro\u00dfmutter sei sogar Insassin einer Nervenheilanstalt gewesen &#8211; und sowieso eine verr\u00fcckte Hexe. Da n\u00fctzt es auch nur kurzfristig, dass Gro\u00dfmutter mit allerlei Abwehrzauber das schwierige Leben meistern \u2013 und die Geister der Vergangenheit bannen will. Emma k\u00e4mpft nicht nur in der Schule gegen ein Netz von Verd\u00e4chtigungen. Sie muss auch mit anderen Schwierigkeiten fertig werden, wenn sie mit ihren eigenen Erinnerungen k\u00e4mpft. Es sind die Zumutungen an Wahrheiten, die dem M\u00e4dchen aufgedr\u00fcckt werden, ohne dass sie davon wissen will. Eigentlich m\u00f6chte sie noch ein beh\u00fctetes Kind sein, andererseits ist sie aber auch mutig und neugierig, was die eigene Familiengeschichte betrifft.<br \/>\nSchon auf ihrem ersten Weg in die Schule kommt Emma ganz eng mit den Ereignissen nach der Revolution in Ber\u00fchrung: sie hatte Halt auf einem Platz gemacht, der \u00fcbers\u00e4t war mit Blumen und Kerzen vor unz\u00e4hligen Fotos von Frauen, M\u00e4nnern, Kindern. \u201eWir werden sie niemals vergessen\u201c steht dar\u00fcber. Eines davon zeigt Krisztinas Schwester R\u00e9ka, wie Emma sp\u00e4ter erkennt. Und bereits hier wird ihr gezeigt, was es hei\u00dft, zu \u201edenen da\u201c, zu einer Familie von vermeintlichen Spitzeln zu geh\u00f6ren, in Sippenhaft genommen zu werden. Zum Gl\u00fcck denken nicht alle so: Es gibt in dieser Schule, in der noch Praktiken von entw\u00fcrdigender Dem\u00fctigung und altkommunistischer Geschichtsklitterei betrieben werden, auch Lehrer, die ihren Kollegen, den Gro\u00dfvater, als aufrechten und gerechten Kollegen sch\u00e4tzen, dem sie nichts Schlechtes zutrauen k\u00f6nnen.<br \/>\nDie Geschichte in Vergangenheit und Gegenwart ist st\u00e4ndig pr\u00e4sent, obwohl, wie Dragom\u00e1n ausdr\u00fccklich betont, dies kein historischer Roman ist: Die Revolution ist kaum vergangen und wirft noch ihre Schatten; die Zeit davor kommt zur Sprache, mit den vielen Entbehrungen, nicht nur der Freiheit, sondern auch an allt\u00e4glichen G\u00fctern, die es rundum gab, nur waren sie in diesem Land f\u00fcr das gew\u00f6hnliche Volk nicht zu haben. Daher wurde selbst wegen einer Handvoll Maismehl betrogen, gelogen und gestohlen.<br \/>\nMit der Freiheit k\u00f6nnen manche in der Nach-Revolutionszeit noch nicht viel anfangen, z.B. der Geschichtslehrer. Andererseits gibt es auch diejenigen, die nicht deswegen gek\u00e4mpft haben, damit sich nun alle in gegenseitigen Beschuldigungen einen Kleinkrieg liefern: Da ist der Lauftrainer, der Emma ermuntert, hart zu trainieren, ihren Weg zu finden und nicht auf das Geschw\u00e4tz der anderen zu h\u00f6ren. Er war ein guter Freund des Gro\u00dfvaters, der ein Held gewesen sei, den Krieg durchgemacht habe, Kriegsgefangenschaft, Arbeits- und Umerziehungslager. Aus ihm, einem Chirurgen, habe man einen Stra\u00dfenfeger gemacht \u2013 alles habe er ausgehalten. Und das sei die Wahrheit! Als in der Stadt die Kugeln gepfiffen, die Geheimpolizei das Krankenhaus besetzt und die Toten gestohlen habe, da sei Gro\u00dfvater ganz allein hingegangen und habe die Toten zur\u00fcckgefordert; denn er hatte f\u00e4lschlich geglaubt, ihm, dem alten Lehrer, w\u00fcrden sie diese herausgeben. Der Trainer sucht noch immer nach Massengr\u00e4bern; denn es hatte sich herausgestellt, dass die S\u00e4rge der Revolutionstoten leer sind und die Leichen unauffindbar. Und da ist der Zeichenlehrer, der die jungen Menschen ermuntern will, selbst zu denken, selbst etwas anzufangen, und nicht darauf zu warten, dass Aufgaben explizit gestellt werden. Und vor allem ist da P\u00e9ter, Emmas erste Liebe. Er hat sich ein Falkenweibchen aufgezogen, dem er die Freiheit g\u00e4be, wenn sie nicht immer wieder zu ihm zur\u00fcck kehrte.<br \/>\nIm Laufe der erz\u00e4hlten Zeitspanne von etwa zwei Jahren wird das Kind Emma erwachsen. Alles, was sie erf\u00e4hrt, setzt sich in ihrer Fantasie fest und wird zu Geschichte. Sie sp\u00fcrt vieles im Voraus und hat mystische F\u00e4higkeiten wie ihre Gro\u00dfmutter. Doch sie bem\u00fcht sich um ihr eigenes Leben und versucht, sich von Bevormundung und Verboten der Erwachsenen zu l\u00f6sen.<br \/>\nEine gro\u00dfe Rolle spielt nicht nur das Haus, in dem manchmal merkw\u00fcrdige Dinge geschehen. Da ist auch noch der Garten, dessen Mauer an den Friedhof grenzt. Darin steht ein alter Nussbaum; seine \u00c4ste reichen bis auf das Dach eines kleinen Holzhauses. Dieser Schuppen ist verbotenes Terrain: Die Gro\u00dfmutter hat Emma ausdr\u00fccklich untersagt, dieses H\u00e4uschen je zu betreten \u2013 ansonsten k\u00f6nne sie sich frei bewegen. Da kommt einem der Garten Eden in den Sinn, mit dem verbotenen Apfelbaum, dem Baum der Erkenntnis. Und \u00e4hnlich ist das auch hier: Der Schuppen bringt Erkenntnis. Nicht nur, weil Emma darin eine weinende Stimme zu h\u00f6ren meint, sich \u00fcber das Verbot hinwegsetzt und \u00fcber den Nussbaum in den Schuppen klettert, sondern weil Gro\u00dfmutter darum wei\u00df und deswegen gen\u00f6tigt ist, Emma ihre eigene ungl\u00fcckliche Geschichte zu erz\u00e4hlen: Ihre verdr\u00e4ngte Erinnerung aus der Zeit des Krieges, der Judenverfolgung, die w\u00e4hrend der kommunistischen Diktatur totgeschwiegen wurde: In diesem Schuppen hatte sie ihre Freundin Bertuka mit deren Freund und ihrem Bruder Mikl\u00f3s, Gro\u00dfmutters erster Liebe, lange Zeit versteckt. Als sich die Freunde mit Hilfe ihres Schmuckes heimlich \u00fcber die Grenze bringen lassen wollten, wurden sie wohl verraten; denn in dieser Nacht kamen die Soldaten, t\u00f6teten vor Gro\u00dfmutters Augen deren ahnungslose Eltern \u2013 und drangen schlie\u00dflich in den Schuppen ein, wo sie Bertuka und die Ihren ermordeten. Gro\u00dfmutter hatte gro\u00dfe Schuldgef\u00fchle und versuchte alles zu verdr\u00e4ngen, bis sie Gro\u00dfvater in einer Nervenheilanstalt kennen lernte. Er half ihr, die Vergangenheit anzunehmen. Noch jetzt, w\u00e4hrend sie ihrer Enkelin von dieser grauenhaften Geschichte erz\u00e4hlt, ist sie nicht sicher, ob sich auch alles genau so abgespielt hatte. Sicher ist nur, dass ihre Eltern von der Miliz ermordet wurden.<br \/>\nUnd noch ein weiteres Geheimnis kommt heraus, als Gro\u00dfmutter einen n\u00e4chtlichen Gast empf\u00e4ngt und dabei von Emma heimlich belauscht wird: Sie hat wohl f\u00fcr die Staatsicherheit spioniert, um von Gro\u00dfvater, der so etwas vehement abgelehnt hatte, alles Schreckliche fern halten zu k\u00f6nnen. Aber, wie sie beteuert, habe sie nur das angegeben, was ohnehin schon bekannt war.<br \/>\nAllm\u00e4hlich kommen sich die beiden Rivalinnen, Krisztina und Emma, n\u00e4her. Krisztina erz\u00e4hlt vom Tod ihrer Schwester R\u00e9ka und wie seitdem alles in ihr tot sei, sie sich schuldig f\u00fchle. Alle, die \u00fcberlebt h\u00e4tten, seien schuldig \u2013 auch Emma. Mit M\u00fche kann Emma sie mit einem Lied vom Selbstmord abhalten: \u201e\u2026 die L\u00fcge ist tot, es lebe die Wahrheit, die Knechtschaft ist tot, es lebe die Freiheit\u2026\u201c<br \/>\nAls selbsternannte Revolution\u00e4re vor der ersten Wahl Unruhe stiften, erinnert sich die Bev\u00f6lkerung wieder an die Vorw\u00fcrfe gegen die Gro\u00dfeltern und in einem Klima von Lynchjustiz wird Gro\u00dfmutter fast ermordet. Dass das nicht geschieht ist Emma und ihrem Freund P\u00e9ter zu verdanken. Sie erkennt, dass es kein Ende gegenseitigen Misstrauens und Krieg F\u00fchrens geben kann, wenn man immer wieder auf den anderen einschl\u00e4gt, sondern wenn man die Wahrheit sagt und sich die Hand reicht, damit weder R\u00e9ka, noch Gro\u00dfvater, noch die weiteren Opfer umsonst gestorben sind.<br \/>\nEigentlich sind alle Protagonisten dieses Romans Helden: \u00fcber alle ist ein unvorhergesehenes schweres Schicksal hereingebrochen. Alle mussten ihr Leben irgendwie in den Griff bekommen, auch wenn sie dabei unabsichtlich Schuld auf sich geladen haben.<br \/>\nWie Puzzlest\u00fccke hat Emma aus Andeutungen, Erz\u00e4hlungen, Beobachtungen und Erinnerungen die Geschichte ihrer Eltern und Gro\u00dfeltern zusammengef\u00fcgt: Das eigene verdr\u00e4ngte Trauma an den Unfall der Eltern, der wohl keiner war, die Traumata der Gro\u00dfmutter an vermeintliche und tats\u00e4chliche Schuld. Am Ende hat Emma die Magie gar nicht mehr n\u00f6tig, obwohl sie dazu f\u00e4hig w\u00e4re. Sie kennt die Wahrheit und hat die Freiheit zu gehen oder zu bleiben. Mit dieser Einsicht hat sie sowohl die Toten, als auch sich selbst erl\u00f6st. Und auch Gro\u00dfmutter kommt ganz ohne Zauber wieder zu sich.<br \/>\nNoch eine Anmerkung zum Schluss: Es tat mir richtig Leid, Emma am Ende des Buches verlassen zu m\u00fcssen. Umso ungeduldiger warte ich \u2013 und mit mir sicher viele Leser \u2013 auf den weiteren Roman aus dieser Umsturz-Zeit, gesehen mit den Augen des Kindes.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Roman Aus dem Ungarischen von Lacy Kornitzer Verlag: Suhrkamp, 2015 ISBN: 978-3-518-42498-8 Originaltitel: M\u00e1glya, 2014 Bezug: Buchhandel, Preis: 24,95 Euro In einem Interview mit seiner Lektorin Katharina Raabe erz\u00e4hlt Gy\u00f6rgy Dragom\u00e1n, dass er die Romane, die sich mit Diktatur und &hellip; <a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=3987\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[337],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3987"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3987"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3987\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3990,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3987\/revisions\/3990"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3987"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3987"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3987"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}