{"id":3973,"date":"2015-11-28T16:46:07","date_gmt":"2015-11-28T16:46:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=3973"},"modified":"2015-11-28T16:46:07","modified_gmt":"2015-11-28T16:46:07","slug":"rezension-gardos-peter-fieber-am-morgen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=3973","title":{"rendered":"Rezension: G\u00e1rdos, P\u00e9ter &#8211; &#8222;Fieber am Morgen&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/fieber_am.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-3974\" title=\"fieber_am\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/fieber_am.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"231\" \/><\/a><em>Roman<br \/>\nAus dem Ungarischen von Timea Tank\u00f3<br \/>\nVerlag: Hoffmann und Campe Hamburg, 2015<br \/>\nISBN: 978-3-455-40557-6<br \/>\nOriginaltitel: Hajnali l\u00e1z, 2015<br \/>\nBezug: Buchhandel, Preis: 22,00 Euro<\/em><\/p>\n<p>P\u00e9ter G\u00e1rdos bekommt nach dem Tod seines Vaters die Liebesbriefe in die Hand, die er sich mit seiner Mutter im fernen Schweden geschrieben hatte. Der Autor, er ist Regisseur, macht ein Buch daraus, in dem er abwechselnd den Vater mit Zitaten aus seinen Briefen \u2013 und die Mutter mit ihren Briefen zu Wort kommen l\u00e4sst \u2013 wie in Filmsequenzen.<br \/>\nDer Roman, eine Neuerscheinung dieses Herbstes, erhitzt die Kritikergem\u00fcter: Vom \u201eanr\u00fchrenden, einf\u00fchlsamen Roman\u201c bis zum \u201eHolocaust-Kitsch\u201c sind fast alle Meinungen vertreten. Es herrscht Unverst\u00e4ndnis dar\u00fcber, dass einer, der dem KZ entkommen ist, eine Frau heiraten m\u00f6chte, die das gleiche Schicksal \u00fcberwunden hatte: Eben darum, weil man diese grausame Zeit nicht wieder und wieder erz\u00e4hlen muss, da der Andere \u00c4hnliches erlebt hatte. Und als kitschig wird empfunden, dass ein Todkranker einen solchen Optimismus aufbringt, seine Krankheit mit Liebe zu besiegen, dabei meist heiter bleibt und sich seinen Lebenstraum von niemandem ausreden lassen will \u2013 auch nicht vom nahen Tod; und dass dieser Traum auch noch in Erf\u00fcllung geht! Dieses Buch handelt vom \u00dcberleben, w\u00e4hrend der Tod noch immer nach den Erretteten greifen will.<br \/>\nIn der Fernsehsendung \u201eTitel Thesen Temperament\u201c kommen der Regisseur P\u00e9ter G\u00e1rdos und seine Mutter \u00c1gnes \u2013 im Buch \u201eLili\u201c zu Wort. Sie erz\u00e4hlt, dass sie ihrem Sohn die Briefe \u00fcberlassen habe, damit er daraus etwas mache. Sie selbst sei nicht \u00fcber den ersten Brief hinausgekommen, so sehr habe sie die Erinnerung aufgew\u00fchlt, die sie doch habe hinter sich lassen wollen.<br \/>\nUnd das Vergessenwollen wird auch im Roman deutlich: Nie erw\u00e4hnen die Beiden in ihren Briefen die schrecklichen Erlebnisse in KZ und Lager \u2013 nur der Sohn und Autor deutet manches an. Beide haben einen unbedingten Lebenswillen, wollen nur noch vorw\u00e4rts schauen, alles hinter sich lassen, was sie in die Unmenschlichkeit der Vernichtungslager gebracht hat &#8211; die Mutter sogar ihr Judentum, mit dem sie nichts mehr zu tun haben will.<br \/>\nSie, Lili, veranstaltet mit ihren beiden Freundinnen S\u00e1ra und Judit bunte Abende in den Krankenlagern in Schweden, wohin sie nach ihrer Befreiung vom Roten Kreuz gebracht wurde. Er, Mikl\u00f3s, schreibt Briefe. \u00dcber die Zentrale Meldebeh\u00f6rde f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge in Schweden hat er sich eine Liste schicken lassen von allen jungen Frauen, die aus der N\u00e4he seiner Heimat, aus Debrecen und Umgebung stammen. Es sind 117 Frauen. Eine von ihnen m\u00f6chte er heiraten. Also beginnt er eine rege Korrespondenz mit allen Frauen \u201eEr schrieb mit Bleistift, in seiner wundersch\u00f6nen Handschrift\u201c, stellt sich als Journalist und Dichter vor, sortiert aus. \u201eDie hundertsiebzehn Briefe sahen fast so aus, als h\u00e4tte man sie mit Durchschlagpapier geschrieben. Sie unterschieden sich nur in einem einzigen Wort: dem Namen in der Anrede\u201c. 18 junge Frauen antworten ihm, doch von einer wei\u00df er ganz genau: \u201eSie ist die Richtige\u201c \u2013 \u201eWoher wei\u00dft du das?\u201c fragt ein Freund. \u201eIch wei\u00df es einfach\u201c. Mikl\u00f3s will leben, sich verlieben, heiraten. F\u00fcrs Sterben hat er keine Zeit, obwohl ihm sein schwedischer Arzt, Dr. Lindholm, ganz klar sagt, dass er mit seiner Tuberkulose in fortgeschrittenem Stadium h\u00f6chstens noch ein halbes Jahr zu leben habe. Mikl\u00f3s ignoriert das \u2013 sollen doch andere sterben. Daf\u00fcr hat man ihn nicht aus Bergen-Belsen errettet, dass er hier in Schweden stirbt! Dickk\u00f6pfig und stur h\u00e4lt er an seinem Lebensplan fest. Irgendwie scheint er nicht ganz von dieser Welt: Er l\u00e4chelt, wenn er eigentlich verzweifeln m\u00fcsste. Doch er kann sich nur vor dem Tod retten, indem er sich an das Leben klammert.<br \/>\nIn einem anderen Lagerkrankenhaus erholt sich Lili Reich, das 18j\u00e4hrige M\u00e4dchen.<br \/>\nAuf Mikl\u00f3s\u2018 Brief antwortete sie aus purer Langeweile im Krankenhausbett: \u201e\u00dcber mich nur so viel: Tadellos geb\u00fcgelte Hosen oder eine adrette Frisur imponieren mir nicht; mich ziehen nur die inneren Werte an.\u201c Auch Mikl\u00f3s stellt sich vor: \u201eLiebe Lili, ich bin f\u00fcnfundzwanzig Jahre alt, und war, bis mich das erste Judengesetz von meiner Arbeit befreite, Journalist\u2026.\u201c<br \/>\nCharmant \u00fcbertreibt er: Journalist hatte er werden wollen\u2026. Mit Beharrlichkeit schafft er es, Lili f\u00fcr sich zu interessieren. Der Leser erlebt mit, wie sich die Beiden von Brief zu Brief ineinander verlieben.<br \/>\nP\u00e9ter G\u00e1rdos versucht das Leben seines Vaters nachzuzeichnen, den er nicht mehr fragen konnte. Er stellt ihn uns vor wie in Filmbildern, immer belegt durch Briefzitate: den 19j\u00e4hrigen, der Journalist werden wollte, dann aber wegen der Judengesetze gek\u00fcndigt wurde &#8211; Sodawasser verkaufte &#8211; in einer Textilfabrik und in vielen anderen Branchen arbeitete, bis er 1941 zum Arbeitsdienst eingezogen wurde. Mikl\u00f3s ist begeisterter Sozialist und m\u00f6chte nicht nur seine Freunde im Lager, sondern auch Lili von der guten neuen Welt \u2013 und dem neuen Menschen, von Freiheit, Gleichheit, Br\u00fcderlichkeit \u00fcberzeugen. Hier in Schweden, geht das leicht in der Theorie. Sp\u00e4ter, in Ungarn, wird er sich entt\u00e4uscht von den Kommunisten abwenden.<br \/>\nIn weiteren Briefen erf\u00e4hrt man, dass Lili noch nichts von ihrer Mutter geh\u00f6rt hat &#8211; dass Mikl\u00f3s eine Suchmeldung aufgibt \u2013 und die Mutter auch gefunden wird. Seine eigenen Eltern sind 1945 durch einen Bombenangriff auf das Lager in Laxenburg, \u00d6sterreich, ums Leben gekommen, wie er durch eine Bekannte der Beiden erf\u00e4hrt.<br \/>\nDer vergangene Krieg, KZs, Dem\u00fctigungen, Folter und Tod spielen immer noch eine gro\u00dfe Rolle, doch nichts wird ausgemalt, zum Gl\u00fcck; denn genaue Schilderungen hat der Leser schon zu viele gelesen. Umso ersch\u00fctternder sind die Anspielungen, die Erinnerungen, welche die ehemaligen H\u00e4ftlinge nicht loslassen, so gern sie auch vergessen m\u00f6chten. Eines Abends schaut Mikl\u00f3s in ein beleuchtetes Fenster: \u201eDie Fenster hatten keine Vorh\u00e4nge: Ich konnte in eine kleine Arbeiterwohnung blicken \u2026 Ich f\u00fchle mich m\u00fcde. F\u00fcnfundzwanzig Jahre, und wie viel, ja wie viel Schlimmes. \u2026\u201c<br \/>\nIn den Briefen wird viel berichtet \u00fcber die Zeit in Schweden, \u00fcber schreckliches Heimweh, die Ungewissheit, was mit den Familien zu Hause ist, wer Krieg und Lager \u00fcberstanden hat: \u201cDiese Schweden gehen mir langsam auf die Nerven. Am liebsten w\u00e4re es ihnen, wenn wir Tag und Nacht Lobeshymnen \u00fcber ihre G\u00fcte singen w\u00fcrden \u2026 Ich habe so ein uns\u00e4gliches Heimweh!!!\u201c &#8211; Und sp\u00e4ter, als sie in ein anderes Lager umziehen m\u00fcssen: \u201eIn den Baracken gibt es nichts, wo wir uns hinsetzen k\u00f6nnten! Keinen Stuhl, keinen Tisch! Wir irren den ganzen Tag nur wie streunende Hunde auf der Lagerstra\u00dfe herum.\u201c<br \/>\nMikl\u00f3s schottet sich von der Au\u00dfenwelt ab, dichtet, schreibt Sonette f\u00fcr Lili, seine Freunde bringen eines seiner Gedichte, \u201eAn einen schwedischen Jungen\u201c, sogar bei einer Zeitung unter. Aber ein Buch \u00fcber die Zeit in den Lagern und danach, die Zeit, wie er Lili kennen gelernt hatte, das hatte er nicht mehr schreiben k\u00f6nnen, als er 1998 starb. Aber selbst ein solcher \u00dcberlebensk\u00fcnstler wird einmal vom Lebensmut fast verlassen: als sein Freund Hirsch sich aus Verzweiflung das Leben nimmt \u2013 und als er aus einer Geste seines Arztes schlie\u00dfen muss, dass der ihn abgeschrieben hat. Doch Mikl\u00f3s w\u00e4re nicht Mikl\u00f3s, wenn er seinen Lebensmut, seinen Optimismus und seine flotten Spr\u00fcche nicht wieder gefunden h\u00e4tte.<br \/>\nDer Roman changiert in einer Mischung aus heiterer, optimistischer Erz\u00e4hlung \u2013 und ernster schauriger R\u00fcckschau, z. B., als Lilis Arzt Dr. Svensson erz\u00e4hlt, wie er Lili zwischen den Leichen gefunden hatte, wie ihm war, als w\u00e4re in einer \u201eLeiche\u201c noch ein Hauch Leben, \u201ewie der letzte Fl\u00fcgelschlag einer Taube\u201c \u2013 und wie sie Lili ins Leben zur\u00fcckholen konnten.<br \/>\nDoch Optimismus und Liebe siegen \u00fcber den drohenden Tod \u2013 im Juni 1946 heiraten die Beiden in Stockholm und k\u00f6nnen ihren Heimweg nach Ungarn antreten.<br \/>\nP\u00e9ter G\u00e1rdos schlie\u00dft das Buch mit einigen Anmerkungen \u00fcber den weiteren Lebensweg seines Vaters, seiner Eltern.<br \/>\nDieser \u201eRoman\u201c beleuchtet das Leben der Davongekommenen einmal von einer ganz anderen Seite, vom Lebenswillen und dem Sieg \u00fcber Untergang und Tod. Hier kann die Liebe \u201eBerge versetzen\u201c..<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Roman Aus dem Ungarischen von Timea Tank\u00f3 Verlag: Hoffmann und Campe Hamburg, 2015 ISBN: 978-3-455-40557-6 Originaltitel: Hajnali l\u00e1z, 2015 Bezug: Buchhandel, Preis: 22,00 Euro P\u00e9ter G\u00e1rdos bekommt nach dem Tod seines Vaters die Liebesbriefe in die Hand, die er sich &hellip; <a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=3973\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[334],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3973"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3973"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3973\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3976,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3973\/revisions\/3976"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3973"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3973"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3973"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}