{"id":3944,"date":"2015-09-13T21:03:29","date_gmt":"2015-09-13T21:03:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=3944"},"modified":"2015-09-13T21:03:29","modified_gmt":"2015-09-13T21:03:29","slug":"rezension-barnas-ferenc-der-neunte","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=3944","title":{"rendered":"Rezension: Barn\u00e1s, Ferenc &#8211; &#8222;Der Neunte&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/der_neunte.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-3945\" title=\"der_neunte\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/der_neunte.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"210\" \/><\/a><em>Der Neunte<\/em><br \/>\n<em> Roman<\/em><br \/>\n<em> Aus dem Ungarischen von Eva Zador<\/em><br \/>\n<em> Verlag Nischen, Wien 2015<\/em><br \/>\n<em> ISBN: 978-3-9503906-0-5<\/em><br \/>\n<em> Originaltitel: A kilencedik, 2006<\/em><br \/>\n<em> Bezug: Buchhandel, Preis: 21,00 \u20ac<\/em><\/p>\n<p>Im Traum ist er mutig, da nimmt er es sogar mit seinem Peiniger Perec auf und erledigt ihn einfach. Er, der Erz\u00e4hler, ist das neunte von elf Kindern einer bitterarmen Familie in Ungarn. Nach dem Krieg wurde sein Vater aus der Volksarmee entlassen, weil er sich weigerte der Partei beizutreten. Daraufhin war er gezwungen, einen Beruf nach dem anderen zu lernen. Den \u201eRoten\u201c wollte er es zeigen. Und so kam er auf den Gedanken, heimlich Rosenkr\u00e4nze zu fabrizieren und sp\u00e4ter auch Heiligenbilder zu vermarkten. Im Jahr 1968, w\u00e4hrend der K\u00e1d\u00e1r-Diktatur, ist die Familie gerade dabei, mit Hilfe eines Darlehens ein gr\u00f6\u00dferes Haus zu bauen. Vor zweieinhalb Jahren waren sie aus Debrecen nach Pom\u00e1z, nahe Budapest, gezogen und leben seit-her in einer Einzimmerwohnung auf 20 Quadratmetern. Nur die \u00e4lteste Schwester, Klara, war dort geblieben weil sie geheiratet hatte.<br \/>\nDer neunj\u00e4hrige Erz\u00e4hler, behindert von Sprachproblemen und einer Handverletzung, der nur zweimal bei seinem Spitznamen gerufen wird &#8211; liebevoll von seiner Schwester \u201eStruwwelchen\u201c &#8211; oder im Zorn vom Bruder \u201eBlauer!\u201c &#8211; ist die Stimme seiner Familie. Er macht sich \u00fcber alles Gedanken, was er sieht und erf\u00e4hrt, spontan, ungeordnet. Es ist eine einfache, klare, aber nicht kindliche Stimme, welche da Wahrheiten aufdeckt und ausspricht: die bedr\u00fcckende Armut, die sie zu Au\u00dfenseitern macht, die \u00fcbergro\u00dfe N\u00e4he auf den zusammengestellten Betten, gleichzeitig die k\u00f6rperliche Distanz, ja Pr\u00fcderie der Eltern und \u00fcber allem der Zusammenhalt in der Familie.<br \/>\nDie Mutter hatte eigentlich Pianistin werden wollen, dann Nonne, bis sie den Vater kennen lernte, der damals Offizier war. Seine Offiziersall\u00fcren hat er beibehalten und kommandiert nicht nur die Familie, sondern auch Nachbarn, Arbeitskameraden und alle Welt schneidig herum. Ausnahmen macht er nur, wenn er \u201eStaatsleute\u201c vor sich hat. Von seinen Kindern verlangt er, dass sie arbeiten sollen wie er: \u201eIch glaube, in erster Linie st\u00f6rt ihn, dass wir liegen, und dann erst, dass wir nicht arbeiten. In seinem Kopf vermischen sich die beiden Sachen vermutlich, deshalb schreit er wohl an einem Tag das &gt;Es-ist-ungesund-so-viel-zu-schlafen&lt; und am anderen Tag das &gt;Solang-ihr-rumliegt-soll\u2013ich-mich-abrackern Die Mutter scheint nur dann richtig lebendig zu werden, wenn sie in der Kirche ist und Harmonium spielt.<br \/>\nIhre Armut ist nicht nur existenzbedrohend, sie ist eine Katastrophe f\u00fcr den Erz\u00e4hler, der alles daransetzt, niemanden merken zu lassen, welche Zust\u00e4nde zu Hause herrschen. Und trotzdem, Kind, das er ist und nichts anderes kennt, nimmt er hin, was kommt, das herrische Wesen des Vaters, die Schl\u00e4ge, die Marotten seiner Geschwister, das Mobbing durch die Schulkameraden, die in ihm das wehrlose Opfer sp\u00fcren. Wehren tut er sich nur im Traum. Tagtr\u00e4ume hat er nicht. Daf\u00fcr ist keine Zeit \u2013 da muss der Alltag bew\u00e4ltigt werden: Die K\u00e4lte im Haus, wenn kein Geld da ist f\u00fcr Kohlen, das unregelm\u00e4\u00dfige Essen, der st\u00e4ndige Hunger, der ihn in die Metzgerei und ins Caf\u00e9 treibt, nur um sich dort Wurst oder Kuchen anzuschauen, der Blick in die Fenster anderer Leute: \u201eIm Allgemeinen gef\u00e4llt mir am besten, dass es \u00fcberall sauber ist und dass es richtige elektrische Lampen gibt\u201c. Die vielen Gedanken, die er sich \u00fcber alles machen muss. Erkl\u00e4rt wird nichts, die Kinder haben zu gehorchen.<br \/>\nEr erz\u00e4hlt von seiner Familie, portr\u00e4tiert seine Geschwister, berichtet n\u00fcchtern vom Schulalltag, beobachtet seine Mitsch\u00fcler, sch\u00e4tzt ihre Schw\u00e4chen und St\u00e4rken ein, er erz\u00e4hlt von Frau V\u00e9ra, seiner Lieblingslehrerin, die ihm wohlgesonnen ist \u2013 und auch mal mit der Hand \u00fcber den Kopf streicht. Gleichm\u00fctig kommentiert er seine Schwierigkeiten beim Lesen und Sprechen, vor allem wenn er Hunger hat: \u201eEigentlich denke ich um diese Zeit schon an das Pausenbrot, es f\u00e4llt mir auch dann ein, wenn ich es gar nicht will, und so muss ich mich schon damit besch\u00e4ftigen, was wir heute wohl als Pausenbrot bekommen. Davon h\u00e4ngt ab, wie viele ihren Teil auf dem Tablett liegen lassen. \u2026\u201c<br \/>\nDem Bau des gr\u00f6\u00dferen Hauses wird alles geopfert: Geld f\u00fcr regelm\u00e4\u00dfiges Essen, f\u00fcr Kleidung. Daf\u00fcr m\u00fcssen alle in der Familie Opfer bringen: Die Mutter und die Schwestern, die ihr ganzes Geld abgeben m\u00fcssen, der Vater, der alles daran setzt, mit den Kindern im Akkord Rosenkr\u00e4nze zu fabrizieren. Es ist ein Kampf ums \u00dcberleben, ein Kampf um aus der qu\u00e4lend-z\u00e4hen Armut heraus zu kommen, die an ihnen klebt. In der Schule w\u00fcrde der Neunte gern erz\u00e4hlen, dass sie den Bau des gro\u00dfen Hauses fortsetzen, doch er spricht mit niemandem.<br \/>\nMit seinen kleineren Geschwistern bekommt er immer mal wieder Gelegenheit bei Beerdigungen zu ministrieren. Von dem verdienten Geld kauft er sich etwas zu essen: Wurst und Brot.<br \/>\nAls sie endlich ins neue Haus einziehen k\u00f6nnen, kommt es ganz anders, als ertr\u00e4umt. Jeder hat nun sein eigenes Bett, aber: \u201eIch habe so lange auf diesen Abend gewartet, dass ich jetzt am Ende unf\u00e4hig bin, ihn richtig zu erleben. &#8211; \u2026 und doch, von meinem eigenen Bett hatte ich gedacht, ich w\u00fcrde mich darin so freuen, wie ich das in den vergangenen Monaten geplant hatte. Es scheint, wir m\u00fcssen einen Zustand, wenn wir nicht in ihn hineingeboren werden, erst extra erlenen.\u201c<br \/>\nAls der Vater dann die Idee hat, auch noch Heiligenbilder zu vervielf\u00e4ltigen, wird der Familie das Bad weggenommen, das wird seine Dunkelkammer. In genauer Terminplanung m\u00fcssen selbst die Kleinen schon vor der Schule Heiligenbilder kolorieren, oft auch noch abends bis neun oder zehn Uhr. Alles Geld wird in Material gesteckt \u2013 und als ein fr\u00fcher Winter mit gro\u00dfer K\u00e4lte kommt, muss die Mutter ihr Harmonium verkaufen &#8211; f\u00fcr Kohlen.<br \/>\nIn dieser Zeit begeht der Neunte einen Vertrauensbruch. Ausgerechnet gegen\u00fcber seiner Lieblingslehrerin. Ausl\u00f6ser war die best\u00fcrzende Erkenntnis, dass er aus einer Kleidersammlung den Pullover eines Mitsch\u00fclers bekommen hat \u2013 und dieser es bemerkt hat. Danach gehen ihm ohne \u00dcbergang tausendundein Gedanke durch den Kopf: \u2013 sein ganzes Leben &#8211; die Eltern &#8211; die Mitsch\u00fcler &#8211; die Geschwister \u2013 die Sachen, die sie aus der Sammlung kriegen &#8211; der Pullover, den er weggeschmissen hat \u2013 das erste Mal, als die Jungs ihn qu\u00e4lten \u2013 morgen wird er in der Messe ministrieren<br \/>\nDie beiden liebsten Menschen hat er entt\u00e4uscht, seine Mutter, die ihm nun wie eine Fremde vorkommt und die Lehrerin, die er immer noch liebt.<br \/>\nEin gro\u00dfartiges kunstvolles Buch, das wieder einmal (nach Borb\u00e9ly, Die Mittellosen und T\u00f3th, Aquarium) das elende im ungarischen Kommunismus totgeschwiegene Leben beschreibt. Es h\u00e4lt den Leser gefangen, bis zur letzten Seite. Es ist die n\u00fcchterne klare Sprache, die genaue und unbefangene Beobachtung, die Situationskomik, die Schw\u00e4chen, seine eigenen und die seiner Umwelt, die der neunj\u00e4hrige Junge aufspie\u00dft und die den Leser weitertreibt, nicht etwa umwerfende Ereignisse. Es ist der Blick in die Seele eines alten Kindes, welches in seinen jungen Jahren schon so viel hat durchstehen m\u00fcssen und das alles fast ohne Rebellion, aber auch ohne sich entmutigen zu lassen, \u00fcber sich ergehen l\u00e4sst und als er schuldig wird, auch zum ersten Mal in seine eigene Seele blickt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Neunte Roman Aus dem Ungarischen von Eva Zador Verlag Nischen, Wien 2015 ISBN: 978-3-9503906-0-5 Originaltitel: A kilencedik, 2006 Bezug: Buchhandel, Preis: 21,00 \u20ac Im Traum ist er mutig, da nimmt er es sogar mit seinem Peiniger Perec auf und &hellip; <a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=3944\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[330],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3944"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3944"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3944\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3946,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3944\/revisions\/3946"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3944"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3944"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3944"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}