{"id":394,"date":"2011-08-12T21:07:01","date_gmt":"2011-08-12T21:07:01","guid":{"rendered":"http:\/\/ungarischeliteratur.wordpress.com\/?p=394"},"modified":"2012-05-18T21:00:38","modified_gmt":"2012-05-18T21:00:38","slug":"rezension-judith-magyar-isaacson-freut-euch-ihr-lebenden-freut-euch-erinnerungen-einer-ungarischen-judin","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=394","title":{"rendered":"Rezension: Magyar Isaacson, Judith &#8211; &#8222;Freut euch, ihr Lebenden, freut euch&#8220; &#8211; Erinnerungen einer ungarischen J\u00fcdin"},"content":{"rendered":"<p><em>Herausgegeben von Gerda Neu-Sokol<a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2011\/08\/freut_euch.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-2391\" title=\"freut_euch\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2011\/08\/freut_euch-e1337374831636.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><br \/>\nVerlag: Hentrich &amp; Hentrich, 2010<br \/>\nISBN 978-3-941450-10-3<br \/>\nBezug: Buchhandel; Preis: 24,80 Euro<\/em><\/p>\n<p>Judith Magyar Isaacson wuchs in der ungarischen Stadt Kaposv\u00e1r auf und verbrachte dort eine unbeschwerte Kindheit und Jugend. Als J\u00fcdin wurde sie im Juli 1944 nach Auschwitz deportiert. Zusammen mit ihrer Mutter Rose Magyar und ihrer Tante Magda V\u00e1g\u00f3 Rosenberger durchlitt sie die KZ-Haft in Auschwitz sowie den Aufenthalt in dem zum KZ Buchenwald geh\u00f6rigen Arbeitslager Hessisch-Lichtenau. W\u00e4hrend der Zeit der Befreiung 1945 lernte sie im zerst\u00f6rten Leipzig ihren sp\u00e4teren Ehemann, den Amerikaner Irving Isaacson, kennen.<br \/>\nDie Heirat, die Gr\u00fcndung einer Familie sowie die Umsiedelung nach Maine, USA, begr\u00fcndeten ihre R\u00fcckkehr in ein b\u00fcrgerliches Leben und sp\u00e4ter den Beginn einer beruflichen Laufbahn.<br \/>\nMit Beginn der 80er Jahre setzte sich Judith Magyar Isaacson zunehmend mit ihren Erinnerungen an den Holocaust auseinander; die daraus resultierende Niederschrift wurde mehr und mehr zu einer Hauptbesch\u00e4ftigung. Entstanden ist daraus der erste \u2013 und weitaus umfangreichere \u2013 Teil dieses Erinnerungsbuches.<br \/>\nUnter dem Titel \u201eSarahs T\u00f6chter\u201c erz\u00e4hlt die Autorin in diesem Teil von ihrer Kindheit und dem Familienleben in Kaposv\u00e1r, von dem Terror der KZ-Haft und des Arbeitslagers sowie der Zeit der Befreiung in Leipzig.<br \/>\nDen Abschluss des ersten Teils bildet die Schilderung ihrer ersten &#8211; emotional sehr bewegenden &#8211; Reise 1977 nach Kaposv\u00e1r und weiteren Recherche-Reisen nach Hessisch Lichtenau und F\u00fcrstenhagen in den 80er Jahren. Erg\u00e4nzt werden die zum Zeitpunkt der Verlobung bzw. Hochzeit geschriebenen Briefe an die noch unbekannten Familienangeh\u00f6rigen in Maine, denen sich die Autorin vertrauensvoll \u00f6ffnet: \u201eEure Liebe ist sehr wichtig f\u00fcr mich&#8220; &#8211; oder an anderer Stelle: &#8220; Jetzt habe ich nur noch den Wunsch nach einem Zuhause, nach Liebe und einem ruhigen Leben.\u201c<br \/>\nNachdem der erste Teil 1990 erschienen war, gab Judith Magyar Isaacson sehr viele Lesungen und hielt Vortr\u00e4ge zum Thema Holocaust. Unvermittelt kamen dabei neue Erinnerungen auf; einzelne Ereignisse und Personen wurden dadurch wieder lebendig. Diese Erinnerungen begr\u00fcnden den zweiten Teil des Buches und sind von Reflektionen \u00fcber ihr Leben in den USA und sp\u00e4teren Begegnungen mit der ehemaligen Heimat begleitet. Unter dem Titel \u201eWeiterleben\u201c sind Geschichten versammelt, die sich auf die Befreiung und der ersten Begegnung mit Irving Isaacson beziehen, aber auch auf ihren in den 60er Jahren beginnenden neuen Lebensabschnitt: Die Aufnahme des Mathematik-Studiums, der Beginn ihrer T\u00e4tigkeit als Dozentin und als Dean of Women bzw. sp\u00e4ter Dean of Students am Bates College in Maine.<br \/>\nNicht zuletzt finden sich in diesem zweiten Teil kurze Texte &#8211; Tr\u00e4ume und Skizzen &#8211; die immer wieder die Schrecken der Vergangenheit evozieren.<\/p>\n<p>Beide Teile des Buches sind durch eine \u00e4u\u00dferst lebendige Sprache und detaillierte Formulierungen gekennzeichnet. Nicht nur aus ihren eigenen Schilderungen, sondern auch aus den im Buch abgedruckten Fotos sowie den diversen Vor- und Geleitworten des Buches spricht eine Lebensfreude, die angesichts des erlebten Grauens r\u00e4tselhaft erscheint. Dies insbesondere vor dem Hintergrund ihrer Erfahrungen im Lager B III in Auschwitz, in dem in der Regel niemand l\u00e4nger als drei Wochen \u00fcberlebt hat. In einem Brief an ihre Schw\u00e4gerin zur Zeit der Befreiung 1945 erkl\u00e4rt sie: \u201eTrotzdem kann ich nicht sagen, da\u00df ich in den Lagern sehr ungl\u00fccklich war. Das Ganze war so schrecklich, da\u00df es auf seltsame Weise unterhaltsamer war, als ich erwarten konnte.\u201c<br \/>\nGanz offensichtlich haben die Holocaust Erlebnisse die Selbstsicherheit und das Moralgef\u00fchl der Autorin nicht brechen k\u00f6nnen; immer wieder zeigt sich, wie sie unbeirrt ihrer Intuition folgte und nach eigenen Werten handelte. Zur Hilfe wurde ihr dabei die Literatur: Auschwitz lie\u00df sie an Aldous Huxleys&#8216; sch\u00f6ne neue Welt denken und im Viehwaggon auf dem Weg nach Leipzig erinnerte sie sich an Goethes \u201eWanderers Nachtlied\u201c.<br \/>\nNicht zuletzt verweist allein der Titel des Buches &#8222;Freut euch, ihr Lebenden, freut euch&#8220; auf die besondere Bedeutung der Literatur f\u00fcr Judith Magyar Isaacson: Dies ist die Zeile eines Gedichtes des ungarischen Dichters Endre Ady, die von der Autorin selbst als ihr &#8218;Auschwitzmotto&#8216; bezeichnet wird. Als ein weiteres Motto mag ihr ein Zitat von Sokrates gedient haben, das ihr ehemaliger Lehrer Dr. Bicz\u00f3 f\u00fcr sie in einem Buch gekennzeichnet hat, welches die Autorin wie vieles andere im Krieg verloren hatte: \u201eLieber ein Unrecht erleiden als ein Unrecht begehen.\u201c<\/p>\n<p>Judith Magyar Isaacson hegte lange den Traum \u2013 selbst in Auschwitz, aber auch sp\u00e4ter \u2013 an der Sorbonne Komparistik und franz\u00f6sische Literatur, und in Ungarn dann ungarische Literatur zu studieren. Zwar hat sie sich sp\u00e4ter f\u00fcr ein Mathematikstudium entschieden; ihre Neigung f\u00fcr die Literatur jedenfalls hat sie mit dieser Niederschrift eindrucksvoll verwirklicht: Ein wichtiges Erinnerungsbuch f\u00fcr eine Generation, die nicht \u00fcber eigene Erinnerungen an den Holocaust verf\u00fcgt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Herausgegeben von Gerda Neu-Sokol Verlag: Hentrich &amp; Hentrich, 2010 ISBN 978-3-941450-10-3 Bezug: Buchhandel; Preis: 24,80 Euro Judith Magyar Isaacson wuchs in der ungarischen Stadt Kaposv\u00e1r auf und verbrachte dort eine unbeschwerte Kindheit und Jugend. 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