{"id":3934,"date":"2015-08-22T20:32:04","date_gmt":"2015-08-22T20:32:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=3934"},"modified":"2015-08-22T20:34:31","modified_gmt":"2015-08-22T20:34:31","slug":"rezension-ackrill-ursula-zeiden-im-januar","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=3934","title":{"rendered":"Rezension: Ackrill, Ursula &#8211; &#8222;Zeiden, im Januar&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/zeiden.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-3935\" title=\"zeiden\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/zeiden.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"238\" \/><\/a><em>Roman<\/em><br \/>\n<em> Verlag: Klaus Wagenbach, Berlin, 2015<\/em><br \/>\n<em> ISBN: 978-3-8031-3268-0<\/em><br \/>\n<em> Bezug: Buchhandel, Preis: 19,90 \u20ac<\/em><\/p>\n<p>Was wissen wir in Deutschland \u2013 und im wieder vereinigten Europa \u2013 \u00fcber Siebenb\u00fcrgen, genauer \u00fcber die deutsch sprechenden Siebenb\u00fcrger Sachsen? Sehr wenig bis gar nichts, erfuhr ich in zahlreichen Gespr\u00e4chen. Als ich \u201eZeiden, im Januar\u201c in die H\u00e4nde bekam, war ich sehr erfreut; denn die anfangs fast ausnahmslos guten, bis \u00fcberschw\u00e4nglichen Kritiken hatten mich neugierig gemacht. Die Autorin kam mit ihrem Deb\u00fctroman sogar die Shortlist f\u00fcr den Leipziger Buchpreis! Mit diesem Buch, so dachte ich, k\u00f6nnte uns im Westen wieder ein Land mit seinen Menschen n\u00e4her r\u00fccken, vor allem mit der Fokussierung auf eine kritische, folgenreiche Zeit. Doch leider musste ich bald ern\u00fcchtert feststellen, dass zwar \u00fcber einen kleinen Zeitabschnitt, n\u00e4mlich den Januar 1941 viel, \u00fcber den 21. Januar fast minuti\u00f6s, berichtet wird, ja, dass fast die ganze Geschichte der Zeidener und auch des \u00fcbrigen s\u00e4chsischen Siebenb\u00fcrgen nur auf diesen einen Punkt hinzulaufen scheint, als die Zeidener sich n\u00e4mlich entschlossen, dem Werben der Nazis nachzugeben und ihre jungen M\u00e4nner in die Waffen-SS einschmuggelten. Von der jahrhundertealten Kultur- und Historienerz\u00e4hlung erf\u00e4hrt der Leser nur bruchst\u00fcckhaft und ohne Zusammenhang. Das ist schade. Stattdessen muss er viel selbst recherchieren und h\u00e4ufig nachschlagen welche, der handelnden Personen fiktiv oder historisch verb\u00fcrgt sind.<br \/>\nSicher, die Autorin m\u00f6chte nur die Zeit genauer beleuchten, in der sich f\u00fcr die Zeidener alles zum Schlechten wandte. Aber wie konnte es dazu kommen? Sie erw\u00e4hnt nur am Rande und eher vorwurfsvoll, dass sich die Bev\u00f6lkerung immer wieder ihre Eigenst\u00e4ndigkeit erk\u00e4mpfen musste, dass das K\u00f6nigreich Rum\u00e4nien nach dem 2. Weltkrieg mit dem Versprechen lockte, den Sachsen ihre Selbst\u00e4ndigkeit zur\u00fcckzugeben, diese Zusage aber nicht einhielt. Aus dieser Entt\u00e4uschung heraus und um endlich wieder etwas zu gelten, schlossen sich die Siebenb\u00fcrger, \u00e4hnlich wie die Banater, Nazideutschland an. So darf man die Geschichte meines Erachtens nicht verk\u00fcrzen.<br \/>\nDarum halten sich Lob und Kritik hier die Waage: Lob, weil Ackrill ein Thema in ihrer Heimat Siebenb\u00fcrgen angepackt hat, das so bisher noch nicht beleuchtet worden war. Sie wirft ein Schlaglicht auf die Verf\u00fchrung und die Verf\u00fchrbarkeit der Siebenb\u00fcrger Sachsen durch Nazideutschland. Bislang war eher vom Elend zu lesen gewesen, das die Bev\u00f6lkerung nach dem verlorenen 2. Weltkrieg mit Deutschland getroffen hatte, n\u00e4mlich die Enteignung, die Verschleppung der arbeitsf\u00e4higen Menschen zur Zwangsarbeit in die UdSSR und die Repressalien in der dann folgende Diktatur in Rum\u00e4nien. Die Autorin entwirft einen bunten Erz\u00e4hlteppich von Geschichte und Geschichten, stellt ihre Protagonisten mit ihren Biografien vor, flicht Erz\u00e4hlungen von fr\u00fcher ein, die teils authentisch, teils fiktiv sind.<br \/>\nKritik ist anzumelden, weniger, weil der Leser nur mit hoher Konzentration dem Fortlauf des Romans folgen kann, da Ackrill st\u00e4ndig zwischen Zeiten und Orten hin- und herspringt \u2013 daran kann man sich gew\u00f6hnen &#8211; sondern vor allem, weil sie den Leser v\u00f6llig allein l\u00e4sst, die wirklichen historischen Gegebenheiten herauszufinden. Es w\u00e4re hilfreich gewesen in einem Vorwort oder Anhang einen kurzen Abriss der Geschichte der Siebenb\u00fcrger Sachsen zu geben \u2013 und auch, warum sie, die nach dem 1. Weltkrieg noch f\u00fcr einen Anschluss an Rum\u00e4nien votiert hatten, in den 40er Jahren eine solche Kehrtwende vollzogen.<br \/>\nReizvoll ist zwar die Idee \u2013 verwirrt hier jedoch noch mehr &#8211; reale und fiktive Pers\u00f6nlichkeiten zu durchmischen, welche Ackrill im Anhang gleichberechtigt ohne Kommentar auff\u00fchrt, mit Geburtsjahr, Geburtsort und Werdegang.<br \/>\nDie Autorin kennt das Ende \u2013 und von daher kann sie ihre Heldin, die Historikerin Leontine Philippi, die an einer Chronik Zeidens schreibt und unbedingt wissen will, wie \u201eihre Zeit\u201c sich entwickelt \u2013 hellsichtig und stur ihre Landsleute beschw\u00f6ren lassen, nicht auf die Propaganda der Verf\u00fchrer hereinzufallen, sich lieber an die Mehrheitsbev\u00f6lkerung zu halten und mit dieser zu paktieren. Leontine wirft den Zeidenern vor, sich als eine verschworene Gemeinschaft zu sehen, die sich nicht assimilieren will, die sich gegen alle anderen Ethnien abgrenzt und die \u00fcberm\u00e4\u00dfig stolz ist auf ihre handwerklichen Fertigkeiten und ihre Sparsamkeit. Leontine ist keine historische Figur, sondern die Vorstellung der Autorin, wie es gewesen w\u00e4re, h\u00e4tte es eine solche Kassandra gegeben.<br \/>\nLeontine macht sich schon seit langem Gedanken dar\u00fcber, wie ihre Mitb\u00fcrger mit aller Kraft erst die Tradition verteidigten, ohne zu bemerken, dass sie sich damit in eine Sackgasse man\u00f6vrierten \u2013 um dann mit genau dem gleichen Ingrimm auf die Versprechungen und Verf\u00fchrungen der Reichsdeutschen hereinfallen. \u201eWas den Sachsen mangelt, ist indigene Selbstverst\u00e4ndlichkeit. Dass wir endlich einmal nicht mehr rechtfertigen, unsere Existenz erkl\u00e4ren und Meldung erstatten m\u00fcssen, wer wir sind, wie wir hergekommen sind, wieso wir leben wollen, so wie wir wollen, wieso wir uns unterstehen, hier zu leben.\u201c Obwohl Leontine also den Grund f\u00fcr die Verf\u00fchrbarkeit kennt, macht sie ihren Zeidenern weiter Vorw\u00fcrfe ohne ihnen aber eine praktikable Alternative aufzuzeigen.<br \/>\nEine neue Zeit ist angebrochen: aus Deutschland kommen Abgesandte und Verf\u00fchrer und erinnern die Sachsen daran, dass sie Deutsche sind. Aber so gut und vertrauensw\u00fcrdig sind diese dann auch wieder nicht, als dass sie in die Wehrmacht eintreten d\u00fcrften. F\u00fcr sie gibt es \u2013 wenn \u2013 dann nur die SS.<br \/>\nAlles kulminiert auf den einen Tag, den 21. Januar 1941 in Zeiden, der Wahlheimat Leontines, an dem die entscheidende Sitzung im Rathaus stattfindet \u2013 und auf der beschlossen werden soll, dem Ansinnen Deutschlands statt zu geben.<br \/>\nIn immer neuen Schleifen, Gedankensplittern, Erinnerungsfetzen \u2013 mit Einsch\u00fcben in die tats\u00e4chliche politische, gesellschaftliche und antisemitische Lage macht uns Ursula Ackrill mit einem kleinen Ausschnitt der Geschichte Siebenb\u00fcrgens und mit den Biografien ihrer Protagonisten bekannt. In Zeiden z. B sympathisiert Apotheker Reimers mit den M\u00f6glichkeiten der Euthanasie: \u201eKinder, Kinder, die Euthanasie beseitigt nur Ballastexistenzen, die uns auf der Tasche liegen und verbrauchen\u201c, seine Tochter Edith dagegen, will den Dorftrottel Joseph retten. &#8211; In Bukarest jagen und ermorden wild gewordene rum\u00e4nische Legion\u00e4re die Juden. Die Autorin bedient sich dabei einer befremdlich exaltierten Sprache, die leider auch grammatikalische Fehler enth\u00e4lt und nichts mit dem Siebenb\u00fcrger Idiom zu tun hat, so dass es manchmal schwer f\u00e4llt bei der unfreiwilligen Komik ernst zu bleiben. (\u201eDie Sonne k\u00e4mpft gegen die grauen H\u00fcllen an, ein dampfender Kn\u00f6del aus der Ursuppe\u201c. \u2013 \u201eDas Bett ist lauwarm, aber als Leontine sich wendet, ortet ihr Bauch die w\u00e4rmste Mitte des Bettes und br\u00fctet sie\u201c.)<br \/>\nLeontine hat eine Ziehtochter, Maria, sie kommt aus Bukarest nach Zeiden und f\u00fchrt Leontines Haushalt. In der Hauptstadt macht sie aber Gesch\u00e4fte, kauft und verkauft Waren, welche die Legion\u00e4re den ausreisewilligen rum\u00e4nischen Juden abgenommen haben. Maria scheint nichts zu verstehen, oder sie will es nicht. F\u00fcr sie ist nur wichtig, dass die Rum\u00e4nen \u2013 endlich! \u2013 wieder ein Volk sind mit \u201eWeltkultur\u201c und traditioneller Mystik. Auch sie sind ein Herrenvolk geworden \u2013 und darauf ist sie stolz.<br \/>\nAndere Figuren sind historisch verb\u00fcrgt, so etwa der \u201eAviator\u201c Albert Ziegler. ein bekannter s\u00e4chsischer Testflieger und Erfinder, ein Jugendfreund Leontines, der sie schon 1913 aufgefordert hatte, mit ihm zu kommen, doch sie wollte hier, in ihrer Geschichte, weiterleben. \u201eIch kann nicht weggehen, bis ich sehe, wie diese Geschichte ausgeht. \u2013 Es ist leider Gottes meine Geschichte. \u2013 Ich kann sie nicht \u00e4ndern, aber im Einzelnen nachzeichnen muss ich sie\u201c. Auch der Arzt Fritz Klein, sp\u00e4terer KZ-Arzt, der Sturmbannf\u00fchrer Kurt Gei\u00dfler und Andreas Schmidt, der die Musterung leitet, sind verb\u00fcrgte Personen. Nicht so Franz Herfurth, Schularzt in Zeiden, mit dem Leontine lange Zeit freundschaftlich verbunden war. Mit ihm diskutierte sie heftig und lustvoll, bis Herfurth ebenfalls das Heil der Sachsen im Anschluss an das Deutsche Reich sah. Nun haben sie sich nichts mehr zu sagen.<br \/>\nLeontine argumentiert: Die Rum\u00e4nen haben uns in ihrer Gewalt. \u2013 Nicht erst seit 1918, sie waren auch vorher die Mehrheit um uns, und haben nun noch die Staatsgewalt dazu. Was sie uns alles vorwerfen, l\u00e4uft darauf hinaus, dass sie mehr Recht als wir auf das haben, was wir uns in Siebenb\u00fcrgen erbaut haben. Sie haben zwar die Macht, sich in den Besitz unserer Eigent\u00fcmer zu bringen. Das reicht aber nicht aus. Der Mensch braucht Rechtfertigung. Es soll kein \u00dcbergriff sein, sondern eine R\u00fcckgabe von uns an sie. Weil wir hier sowieso nichts zu suchen h\u00e4tten. Weil wir unsere St\u00e4dte unter ausbeuterischen rechtsverletzenden Umst\u00e4nden errichtet h\u00e4tten. Weil wir ihnen etwas schuldig geblieben w\u00e4ren. \u2013 Das Verfahren k\u00f6nnen wir Schritt f\u00fcr Schritt verfolgen, wenn wir achtgeben, was den Juden widerf\u00e4hrt. Unter Deutschen und unter Rum\u00e4nen\u201c. Eigentlich liefert die Autorin damit doch den Grund, warum sich die Sachsen den Deutschen zuwenden.<br \/>\nHerfurth ist \u00fcberzeugt, dass Hitler sie sch\u00fctzen w\u00fcrde vor den Rum\u00e4nen, dass es f\u00fcr ihn ein Leichtes ist, sie in ihren angestammten Rechten zu belassen \u2013 und daf\u00fcr muss man auch deutsch f\u00fchlen und sich f\u00fcr das deutsche Reich einsetzen. Doch Leontine h\u00e4lt dagegen: \u201e \u2026 Wir sind schwach und flehen wie kleine Kinder. Wir bilden uns ein, dass Deutschlands Absichten mit unseren \u00fcbereinstimmen. \u2013 Deutschland jedoch will mit Amerika und Gro\u00dfbritannien ins Rennen gehen und die Vorrangstellung in der Welt erk\u00e4mpfen. Wir wollen blo\u00df unsere kauzige Stiftung Deutschtum unter den Schutz des Reichs stellen. Die ist dem Reich aber keinen Pfifferling wert. Alles was von der Nazi-Parteilinie abweicht, wird abgetrieben. Wo bleibt unsere Selbstregierung? Deutschland hat einfach Wichtigeres zu tun, als sich mit uns zu befassen\u2026\u201c<br \/>\nAuch andere Sachsen spricht sie an, sie haben doch Zeitung gelesen, wissen von der Gewaltt\u00e4tigkeit der Deutschen. Doch die Landsleute stellen sich unwissend. Dabei wei\u00df die Lehrerin wie alle anderen im Raum: \u201eSie kennt die N\u00fcrnberger Gesetze, wei\u00df vom Ausgang der Reichs-Kristallnacht, vom Feldzug durch Polen. Sie setzt auf die Macht des zweiten Gebots. Das zweite Gebot der Sachsen ist \u201eSchweig.\u201c\u201c<br \/>\nNach der Versammlung wird Leontine von Schmidt verh\u00f6rt und bedroht, w\u00e4hrend man ihre Wohnung durchsucht. Sie wei\u00df, sie kann nicht bleiben. Herfurth hilft ihr noch einmal: Sie kann am n\u00e4chsten Morgen mit den gemusterten Jungen heimlich das Land Richtung Deutschland verlassen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Roman Verlag: Klaus Wagenbach, Berlin, 2015 ISBN: 978-3-8031-3268-0 Bezug: Buchhandel, Preis: 19,90 \u20ac Was wissen wir in Deutschland \u2013 und im wieder vereinigten Europa \u2013 \u00fcber Siebenb\u00fcrgen, genauer \u00fcber die deutsch sprechenden Siebenb\u00fcrger Sachsen? 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