{"id":3916,"date":"2015-07-04T18:34:44","date_gmt":"2015-07-04T18:34:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=3916"},"modified":"2015-07-04T18:34:44","modified_gmt":"2015-07-04T18:34:44","slug":"rezension-heidelberger-leonard-irene-imre-kertesz-leben-und-werk","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=3916","title":{"rendered":"Rezension: Heidelberger-Leonard, Irene &#8211; &#8222;Imre Kert\u00e9sz. Leben und Werk&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/kerte\u0301sz.-leben-u.-werk.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-3917\" title=\"kerte\u0301sz. leben u. werk\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/kerte\u0301sz.-leben-u.-werk.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"250\" \/><\/a><em>Verlag: Wallstein, G\u00f6ttingen, 2015<br \/>\nISBN: 978-3-8353-1642-3<br \/>\nBezug: Buchhandel, Preis: 19,90 Euro<\/em><\/p>\n<p>Etliche Literaturwissenschaftler, Weggef\u00e4hrten, Freunde, Studenten, Doktoranden und Philosophen haben sich bereits intensiv mit Kert\u00e9sz\u2018 Werk und Leben auseinandergesetzt. Nun liegt ein neues Buch vor: Irene Heidelberger-Leonard f\u00fchrt uns gut lesbar und einf\u00fchlsam ein in die enge Verflechtung von Leben und Werk des Nobelpreistr\u00e4gers. Wer einen Einstieg zu Biografie und Werk des Schriftstellers sucht \u2013 und wer seinen \u00dcberblick vertiefen m\u00f6chte, der ist hier gut beraten. Heidelberger-Leonard geht von Kert\u00e9sz\u2018 Grundimpuls aus, dass in der Diktatur Opfer und Henker austauschbar sind \u2013 jeder ist schuldig &#8211; nur die Toten sind unschuldig (Kert\u00e9sz). Sowohl Opfer als auch T\u00e4ter nehmen ihre Rolle an \u2013 und sind daher schuldig &#8211; \u00fcber sie wird verf\u00fcgt &#8211; deshalb sind sie \u201eschicksallos\u201c. Anhand dieser Konstellation, Opfer und Henker, macht uns die Autorin mit Kert\u00e9sz gesamtem Werk bekannt und gibt dabei tiefe Einblicke in den jeweiligen Lebensabschnitt des Schreibenden. Ausf\u00fchrlich hat Kert\u00e9sz die Verzahnung seiner Werke mit seinem Leben in seinen Tageb\u00fcchern notiert, vor allem im zuletzt erschienenen \u201eLetzte Einkehr\u201c. Heidelberger-Leonard konnte Gespr\u00e4che mit Kert\u00e9sz f\u00fchren, seine Freunde befragen und Einsicht nehmen in die Materialsammlung der Kert\u00e9sz-Stiftung in Jena.<br \/>\nDiese Grundlagen \u2013 und die weitere Feststellung, dass mit Auschwitz der Grundkonsens, das Grundvertrauen in Europa vernichtet wurde und damit auch die Selbstbestimmung des Individuums, bilden das Ger\u00fcst f\u00fcr das ganze Buch. Kert\u00e9sz selbst beleuchtet den zuletzt genannten Aspekt in allen seinen Werken. Frei f\u00fchlt er sich nur im Schreiben, wenn er seinen Figuren, d.h. auch seinem eigenen Ich, die Freiheiten \u2013 aber auch die Determiniertheiten gestattet, mit denen der Autor im realen Leben das Drama Auschwitz verarbeiten kann. Heidelberger-Leonard geht es aber nicht nur um das Miteinander von Kert\u00e9sz\u2018 Leben und Werk, sondern auch um seine Lekt\u00fcre, um die Biografien der Autoren, die ihn ber\u00fchrten und seinen Stil pr\u00e4gten bez\u00fcglich Sprache und Inhalt: Nietzsche, Thomas Mann, Jean Am\u00e9ry, Franz Kafka, Paul Celan, S\u00e1ndor M\u00e1rai \u2013Weltliteratur, die sich komprimiert in seinem Werk niederschl\u00e4gt.<br \/>\nKert\u00e9sz lebt nicht, wie er selbst sagt, um zu schreiben, sondern er schreibt, um zu leben; er schreibt, um das, was ihm widerfahren ist, zu verstehen &#8211; um sein Leben zu verstehen. In seinen Romanen stirbt er immer neue Tode &#8211; und befreit sich schreibend von ihnen. Dabei versteckt er sein Ich hinter und in seinen Romanen, mit denen er das eigene Leben zu bew\u00e4ltigen sucht. Es geht ihm dabei nicht um seine Autobiografie, sondern um die immer gleiche Frage: wie konnte der Mensch so weit kommen, wie konnte er den gesamten Humanismus, den Europa jahrhundertelang angeh\u00e4uft hatte, \u00fcber Bord werfen? Und wenn er sagt, das einzige Thema, \u00fcber welches er schreibe, sei Auschwitz, so ist das richtig: Auschwitz ist der Ausgangs- und Endpunkt von allem. Seit Auschwitz wissen wir mit Sicherheit \u2013 was andere Denker und Schriftsteller davor schon angedacht hatten: Jeder kann ein M\u00f6rder sein, jeder zugleich T\u00e4ter und Opfer. Auschwitz war kein \u201eAusrutscher der Geschichte\u201c, sondern k\u00f6nnte jederzeit wieder geschehen.<br \/>\nUnd wie entfesselt sich diese ganze T\u00e4ter-Opfer-Struktur entwickelt hat, sieht, h\u00f6rt und sp\u00fcrt man mit Schaudern \u2013 allein wenn man die t\u00e4glichen Nachrichten verfolgt.<br \/>\nF\u00fcr jeden seiner Romane hat Kert\u00e9sz eine eigene Sprache gefunden, so Heidelberger-Leonard. Ein Roman baut auf dem anderen auf, wenngleich der eine nichts mit dem n\u00e4chsten zu tun zu haben scheint. Manchmal liegen Jahrzehnte zwischen Beginn und Fertigstellung eines Werkes \u2013 und doch kehrt der Schriftsteller immer wieder zum begonnenen Werk, zum Ausgangspunkt zur\u00fcck.<br \/>\nDas unermessliche Leid in Auschwitz habe ihn zu unermesslichem Wissen gef\u00fchrt, sagt Kert\u00e9sz; Auschwitz habe eine Kultur, einen Geist der Katharsis hervorgebracht.<\/p>\n<p>In sieben Kapiteln fasst die Autorin die Werke zusammen, die inhaltlich in engem Zusammenhang stehen, gleichzeitig bl\u00e4ttert sie Kert\u00e9sz\u2018 Leben auf: die Herkunft seiner Eltern, den Freiheitsdrang der Mutter, die Eifersucht des Vaters \u2013 die Trennung der Eltern, das Internat, welches er verabscheute, die ungl\u00fcckliche Beziehung zum Vater. Noch 1982 schreibt Kert\u00e9sz in sein Tagebuch: Das Verh\u00e4ltnis zu meinem Vater ist die Grundformel meines Lebens\u201c, die Verschleppung des Vaters zur Zwangsarbeit, seine eigene Verhaftung mit 17 weiteren Schulkameraden, die anschlie\u00dfende Deportierung nach Auschwitz, welche er als Einziger \u00fcberlebt, seine R\u00fcckkehr, die Jobsuche, Leben, Heirat und sein Exil in einer Einzimmerwohnung w\u00e4hrend der R\u00e1kosi und der K\u00e1d\u00e1r-Zeit, seine innere Emigration, um \u201edas einzig m\u00f6gliche Buch zu schreiben\u201c \u2013 auf ungarisch. 1958 war ihm bewusst geworden, dass f\u00fcr ihn \u201enur eine Wirklichkeit existierte: ich selbst, und dass ich aus dieser einmaligen Wirklichkeit meine einmalige Welt erschaffen musste.\u201c<br \/>\nKert\u00e9sz ist die Stimme, die nicht nur das eigene Erleben schildert, literarisch universell \u00fcberh\u00f6ht; sondern in seinen Romanen zur Katharsis auffordert, die Gr\u00fcnde f\u00fcr das wahnhafte Morden nennt, eindringlich dem Leser zeigt, wie dieses Morden in Gedanken und Taten bis heute weitergeht. F\u00fcr ihn bedeutet Auschwitz, nach seinen eigenen Worten, nicht nur \u00fcberleben, sondern auch wissen um den ganzen Menschen, der einmal Opfer und einmal \u2013 oder gleichzeitig M\u00f6rder ist.<br \/>\n1951 wird Kert\u00e9sz zum Milit\u00e4rdienst einberufen und zeitweise als W\u00e4chter im Milit\u00e4rgef\u00e4ngnis eingesetzt. Diese Episode hat ihn sehr gepr\u00e4gt. (Ich, der Henker).<br \/>\nHeidelberger-Leonard gibt Auskunft \u00fcber die Zusammenh\u00e4nge zwischen seinen Werken, schreibt \u00fcber die jahrzehntelange Arbeit an seinen Romanen, \u00fcber die Lekt\u00fcre, die M\u00fchen, die ausweichenden Arbeiten mit \u00dcbersetzungen, die Verzweiflung, bis er die jeweils angemessene Sprache findet.<br \/>\nNach dem Ende der Diktatur wird Kert\u00e9sz das Leben im Ostblock vollends unertr\u00e4glich, er ist der Ansicht, dass der Systemwechsel Ungarn nicht zur Freiheit gef\u00fchrt hat. So viele Hoffnungen seien in so kurzer Zeit vernichtet worden, schreibt er. (Nachzulesen in der Korrespondenz mit Eva Haldimann.)<br \/>\n1990 tritt er aus dem Ungarischen Schriftstellerverband aus, da er offenem Antisemitismus ausgesetzt ist. Zehn Jahre sp\u00e4ter siedelt er f\u00fcr viele Jahre nach Berlin. In Deutschland wird sein Werk gesch\u00e4tzt, hier f\u00fchlt er sich verstanden, und hier beginnt Kert\u00e9sz sein neues Leben mit der ungarischen Amerikanerin Magda M\u00e1ria Ambrus-Sass. Hier erf\u00e4hrt er vom Nobelpreis f\u00fcr Literatur, der ihm 2002 \u00fcberreicht wird. Das Schreiben, seine einzige Identit\u00e4t, wird zunehmend beschwerlicher (s. Letzte Einkehr). Die Verpflichtungen, denen er sich nach dem Nobelpreis ausgesetzt sieht, freuen ihn, machen ihm aber auch zu schaffen. In Ungarn tut sich, nach anf\u00e4nglicher Begeisterung \u00fcber den Nobelpreis, die Mehrheit seiner Landsleute bis zum heutigen Tag, schwer mit Kert\u00e9sz\u2018 Werken. Politik und Bev\u00f6lkerung stellen sich nicht ihrer Vergangenheit unter Hitler \u2013 und so verwandelt sich der Weltautor und Nobelpreistr\u00e4ger in seinem Heimatland in eine Hassfigur \u2013 Kert\u00e9sz\u2018 eigene Wahrnehmung, als er noch in Berlin lebt. Gleichzeitig verzweifelt er an Orb\u00e1ns Politik.<br \/>\nSeine Gesundheit zwingt ihn schlie\u00dflich, 2012 nach Budapest zur\u00fcckzukehren.<br \/>\n2014 nimmt er den Orden des Hl. Stefan entgegen, den h\u00f6chsten Orden des Landes, was bei seinen Freunden auf Unverst\u00e4ndnis und bei seinen Feinden auf Hohn trifft. Er sagt dazu, er nehme den Orden an im Geist der Vers\u00f6hnung; denn im heutigen Ungarn sei es dringend n\u00f6tig, endlich wieder einen Konsens herzustellen.<br \/>\nDas Geheimnis von Kert\u00e9sz\u2018 ganzem Leben und Werk liegt in der Spannung zwischen Selbstsch\u00f6pfung und Selbstvernichtung, zwischen unbedingtem Gestaltungswillen und tiefer Verzweiflung.<br \/>\nDamit zeigt uns die Autorin Kert\u00e9sz als Mensch und sensiblen K\u00fcnstler und nicht als unber\u00fchrbares Denkmal. Vor allem besch\u00e4ftigt sie sich dabei mit der literarischen Bedeutung seiner Werke, die bis heute zu oft hinter dem Leben des Schriftstellers nicht recht wahrgenommen wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Verlag: Wallstein, G\u00f6ttingen, 2015 ISBN: 978-3-8353-1642-3 Bezug: Buchhandel, Preis: 19,90 Euro Etliche Literaturwissenschaftler, Weggef\u00e4hrten, Freunde, Studenten, Doktoranden und Philosophen haben sich bereits intensiv mit Kert\u00e9sz\u2018 Werk und Leben auseinandergesetzt. 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