{"id":3904,"date":"2015-04-30T21:24:36","date_gmt":"2015-04-30T21:24:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=3904"},"modified":"2015-04-30T21:24:36","modified_gmt":"2015-04-30T21:24:36","slug":"rezension-kiss-noemi-schabiges-schmuckkastchen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=3904","title":{"rendered":"Rezension: Kiss, No\u00e9mi &#8211; &#8222;Sch\u00e4biges Schmuckk\u00e4stchen&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/scha\u0308biges_schmuckka\u0308stchen.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-3905\" title=\"scha\u0308biges_schmuckka\u0308stchen\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/scha\u0308biges_schmuckka\u0308stchen.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"238\" \/><\/a><em>Reisen in den Osten Europas<br \/>\nBukowina \u2013 Czernowitz \u2013 Galizien \u2013 G\u00f6d\u00f6ll\u0151 \u2013 Lemberg \u2013 Siebenb\u00fcrgen &#8211; Vojvodina<br \/>\nAus dem Ungarischen von Eva Z\u00e1dor<br \/>\nVerlag: Europa Verlag Berlin, 2015<br \/>\nISBN: 978-3-944305-97-4<br \/>\nOriginaltitel: Rongyos \u00e9kszerdoboz. Utaz\u00e1sok keleten, 2009.<br \/>\nDie deutsche Ausgabe wurde von der Autorin \u00fcberarbeitet und erweitert<br \/>\nBezug: Buchhandel; Preis: 17,99 Euro <\/em><\/p>\n<p>Zehn Jahre lang reiste die Autorin immer wieder in die R\u00e4nder des ehemaligen Habsburgerreiches, in den Osten Europas, im Bus, im Zug, im eigenen Auto. Drei Mal schloss sie sich der Busreise einer wissenschaftlich gef\u00fchrten Reisegruppe von Anthropologen und Ethnologen an, welche vor allem die unterschiedlichen Nationalit\u00e4ten und Sprachen suchte. No\u00e9mi Kiss nimmt uns mit auf diese Reisen, l\u00e4sst uns in Essays teilhaben an Jahreszeiten, an Landschaften, an Menschen, Geschichte, Geschichten und Legenden. Einige St\u00e4dte und Landschaften zieht sie besonders ins Rampenlicht, beleuchtet sie vom Historischen her und vergleicht den Aufbruch in die Gegenwart, den oft schwierigen Start in diesen Regionen voller politischer und gesellschaftlicher Umbr\u00fcche. In den Regionen der alten k.u.k. Monarchie lebten fr\u00fcher viele Ethnien, zogen viele verschiedene V\u00f6lker durch \u2013 einige blieben h\u00e4ngen. Sie alle zusammen woben an der bunten Verschiedenheit dieser Landschaften.<br \/>\nVon ihren Reisen hat sie ganz unterschiedliche Erinnerungen mitgebracht \u2013 und doch ist ihnen gemeinsam: Die eigene Erwartung, die sich oft genug ins Gegenteil verkehrte, der gleichzeitige Aufbruch der Regionen im scheinbaren Stillstand. Es scheint, als sei die Vergangenheit dort irgendwie festgefroren.<br \/>\nErst als No\u00e9mi Kiss 2014 nochmals nach Galizien reist, sieht sie den Unterschied: Vieles hat sich ge\u00e4ndert, zum Besseren \u2013 aber auch zum Schlechten: Der Krieg in der Ukraine lag schon in der Luft; und noch w\u00e4hrend sie dort ist, kommt die Nachricht, dass Putin sich die Krim geholt hat.<br \/>\nKiss schreibt keine literarischen Reiseerlebnisse, eher ethnologische und geschichtliches, die sie zusammengetragen hat. Es kommt ihr auf die unterschiedlichen Sprachen an, wie sie in einem Interview erz\u00e4hlt, auf die Fremdheit der Namen \u2013 und auch auf das Geheimnisvolle, das hinter diesen Namen steckt, wie ich als Rezensentin meine, die ich einige osteurop\u00e4ische L\u00e4nder auch bereist habe. Auf jeden Fall machen ihre Reiseessays neugierig \u2013 und am liebsten w\u00fcrde ich gleich meinen Koffer packen, um mit neuen Erkenntnissen, aber auch mit neuen Fragen dahin zu reisen.<br \/>\nVon ihrem eigenen Land, Ungarn, m\u00f6chte sie nicht sprechen. Nur ihrer Gro\u00dfmutter, der Rektorin der \u201eEnglischen Schule\u201c in G\u00f6d\u00f6ll\u0151, setzt sie ein liebevolles Denkmal \u2013 und erz\u00e4hlt damit eine kleine Geschichte \u00fcber die Zeit vor der Wende.<br \/>\nDie Schriftstellerin reist mit einer Gruppe in die rum\u00e4nische Bukowina, im Gep\u00e4ck einen Reisef\u00fchrer von 1901, den man ihr geschenkt hatte \u201egegen das Vergessen der Vergangenheit\u201c. Sie hatte \u00fcber die Orte, die sie besuchen wollte, gelesen, noch bevor sie von deren Existenz wusste \u2013 und will das Land vergleichen mit dem, was die vertriebenen Autoren dar\u00fcber geschrieben hatten. Sie bemerkt: \u201e \u2026 die Gegenwart im Osten Europas ist derart chaotisch und ungeordnet, dass die Erinnerung gerade in dieser Unordnung zu Leben erwacht.\u201c Anstrengend ist die Reise, nicht nur wegen der Entfernung, die gar nicht so gro\u00df ist \u2013 aber die Stra\u00dfen, aber die Umwege! Zur\u00fcckgeworfen in eine fast vergessene Welt von Pferdekarren, den gerodeten W\u00e4ldern der Karpaten in Rum\u00e4nien, das gelbliche H\u00fcgelland von Suceava: \u201eWir fahren in ein Land so gro\u00df wie Luxemburg, nur in umgekehrter Richtung: F\u00fcr uns z\u00e4hlen nicht die Zukunft, westliche Anspr\u00fcche und wohlbedachte Schritte, hier r\u00fcckt die Vergangenheit in die Gegenwart, und wir selbst sind auf der Suche nach den Landschaften der Erinnerung. Es scheint nur so, als gingen wir vorw\u00e4rts, in Wirklichkeit f\u00fchrt unser Weg zur\u00fcck\u201c.<br \/>\nDiese erste Reise kommt nicht zustande, sie m\u00fcssen umkehren, die Stra\u00dfen sind unbefahrbar. Aber soviel nimmt sie noch mit f\u00fcr eine sp\u00e4tere Reise: \u201eDie Bukowina ist der Schauplatz der Vergangenheit, der Restaurierungen, wir suchen nach ihren Wurzeln\u2026..wollen wissen, woher und wohin das Leben flie\u00dft, \u2026aber wir werden entt\u00e4uscht\u201c. &#8211; Ihr begegnen Schweigen, alte K\u00f6rper, gebeugte R\u00fccken, streunende Hunde, ru\u00dfverschmierte Frauen, Pferdewagen, Ochsen, H\u00e4ndler, K\u00f6hlereien und verlassene Salzbergwerke. Berge, von Schlammschichten bedeckt, Wege voller Schlagl\u00f6cher, die ins Nirgendwo f\u00fchren. Die ganze Reisegruppe ist ratlos \u2013 in ihre Vorstellungen und Raster passt die Bukowina nicht \u2013\u201eDie Bukowina ist nur Erinnerung. \u201eHier ist nur Vergangenheit zu sehen, einer Zukunft begegnen wir nirgends. \u2013 St\u00e4ndig breitet sich eine wahre und eine gef\u00e4lschte Vergangenheit vor uns aus.\u201c- \u201c Aus der Bukowina wurde die ungarische, deutschsprachige und j\u00fcdische Bev\u00f6lkerung beinahe vollst\u00e4ndig deportiert, ausgerottet oder ausgesiedelt. Aus der einst vielsprachigen, multikulturellen \u00f6sterreichisch-ungarischen und rum\u00e4nischen Gemeinschaft hat man heute ein bukowinisches Volk gemacht. \u2026\u201c<br \/>\nEine n\u00e4chste Reise f\u00fchrt die Gruppe ins Land der Sachsen, nach Siebenb\u00fcrgen. Sie sind gespannt: Die Sachsen waren schon zur Zeit der Monarchie anders, sie waren die \u201eHerren\u201c, packten aber selbst mit an, schufen ihren Reichtum selbst. Heute fallen die gro\u00dfen Gegens\u00e4tze ins Auge, welche die Diktatur hinterlassen hat: man kann alles kaufen, vom Traktor bis zum glitzernden Kulturbeutel aus China. Oradea ist sch\u00f6n und absto\u00dfend: Die alten Geb\u00e4ude, die Jugendstilfassaden, die Anlage der Stadt \u2013 die gr\u00e4sslichen Plattenbauten der Diktatur: \u201eDie Vergangenheit besteht aus lauter Splittern, eingeschlagene Fensterscheiben, sozialistisch; die Zukunft: betoniert, gekachelt, italienisch, deutsch, spanisch. Die Stadt ist ein Gemisch von Asche und Staub, glitzer, Rauch und Smog. Doch im ganzen Land wird in gl\u00fccklicher Erwartung gebaut, die Menschen sind in Bewegung. Erwartet hatte die Reisegruppe Stillstand, Unt\u00e4tigkeit, Zerfall. Europa, die EU (vor 2007) ist das Zauberwort, an das die Menschen glauben: \u201eWir sind sehr viel melancholischer als die Einheimischen, mit einem bitteren Geschmack im Mund \u00fcberqueren wir die Grenze von einem Land zum anderen, um einzukaufen, und sind betr\u00fcbt, wenn wir auf dem Parkplatz einer Mall (Einkaufszentrum) eintreffen und uns fr\u00f6hliche Farben umgeben. Wir stehen nur wie angewurzelt da, wie kann denen das gefallen? Wir schleppen uns geradezu aus dem ungarischen Pessimismus und der Lustlosigkeit in das l\u00e4chelnde, rum\u00e4nische Europa! Doch die Vergangenheit holt sie ein \u2013 im gleichen Dorf ein hypermodernes Haus und einige H\u00e4user weiter ein Lehmhaus und eine H\u00fctte aus morschem Tannenholz. \u201eMit einer ungarischen Kindheit ist es leicht, in Rum\u00e4nien zu reisen, alles ist klar\u201c: Es wird Neues auf Altes gebaut, auch wenn es \u00fcberhaupt nicht passt. Kiss sieht Industriest\u00e4dte: grau, staubig, voller Ru\u00df und Rauch, Plattenbauten, keine d\u00f6rflichen H\u00e4user mehr, sie sind alle Ceause\u015fcus Zerst\u00f6rungswahn zum Opfer gefallen. Nur mit Schnaps, \u0162uic\u1fb0, l\u00e4sst sich das ertragen, ist die Reisegruppe \u00fcberzeugt.<br \/>\nZiemlich ironisch vergleicht sie ihre Erwartungen mit der Realit\u00e4t bei der Ankunft in Hermannstadt, Sibiu: Gl\u00e4nzende neue gro\u00dfe Autos: Eine geschmacklose und provinzielle kleine Schweiz! Reich und glitzernd. Sibiu wetteifert blitzblank mit der Sauberkeit von Z\u00fcrich, Basel oder St. Gallen\u201c. Die Rekonstruktion der Altstadt sei so gut gelungen, dass man die Zeiten durcheinanderbringen k\u00f6nnte. Die Einwohner f\u00fchlen sich als Sachsen: nicht Roma, nicht Rum\u00e4ne, nicht Ungar, nicht Szekler \u2013 sondern Sachse. Immer wieder, so auch hier, macht uns die Schriftstellerin mit der Geschichte der Region bekannt \u2013 und bringt sie auf den Punkt: \u201eSachsen, Ungarn, Rum\u00e4nen. &#8211; Rum\u00e4nen, Ungarn, Sachsen. &#8211; In Siebenb\u00fcrgen hat die Volksrenovierung eingesetzt.\u201c<br \/>\nEin weiteres Mal unternimmt sie eine Reise in die Bukowina, diesmal in den ukrainischen Teil. Es soll nach Czernowitz gehen, s\u00fcdlich von Galizien, die versteckteste Stadt der Welt \u2013 den Mittelpunkt Europas. F\u00fcr die Reisegesellschaft ist es nicht einfach, dahin zu gelangen: Schwarze W\u00e4lder, tiefe Schluchten, hohe Gipfel \u2013 nichts Sanftes, das ist das Land der Huzulen und Chassidim. Felder voller Unkraut \u2013 und solche, die bestellt werden, kalter, bei\u00dfender Fr\u00fchlingswind. Unterwegs und in Czernowitz sind immer noch viele Ethnien zu finden: Ruthenen, Huzulen, Ukrainer, Rum\u00e4nen, Armenier, Lipowaner, Roma, Ungarn, Deutsche, Juden. Viele sprechen Deutsch. Bei Beregsur\u00e1ny \u00fcberqueren sie die Grenze in die Ukraine. Sie m\u00fcssen lange warten. Die Schmuggler, welche die Grenzer schmieren, kommen schneller voran. Es ist das Jahr (2004), in dem die \u201eOrangene Revolution\u201c begann. Juschtschenko ist noch im Amt. Das sind die kleinen zeitlichen Verortungen, die dem Leser zeigen, in welcher Zeit wir uns eigentlich befinden, n\u00e4mlich in der rauen Gegenwart, nicht in der beschaulichen Vergangenheit \u2013 auch wenn wir uns manchmal ganz dahinein eingesponnen f\u00fchlen. \u00dcber Celans Czernowitz, das wir schnell mit seinem Gedicht Todesfuge assoziieren schreibt sie: \u201eSie (die Stadt) ist wundersch\u00f6n, liegt in Tr\u00fcmmern und stinkt. Sie ist eifrig und r\u00fcckst\u00e4ndig. Doch unglaublich sanft. \u2026. Wer diese Stadt erblickt, der wei\u00df sofort, dass er an einem unbekannten und einzigartigen Ort ist.\u201c &#8211; \u201eEs ist das Zentrum der Region, eine echte Metropole mit Theater, Markt, Universit\u00e4t, Bischofssitz, \u2026Zentrum des Chassidismus. \u2026\u201c<br \/>\nEine n\u00e4chste Fahrt bringt sie ins \u201eSch\u00e4bige Schmuckk\u00e4stchen\u201c, nach Lemberg, welches heute zur Ukraine geh\u00f6rt. Auf der Reise durch Galizien sehen sie, wie die Karren noch von Tieren gezogen werden, mit Ochsen wird gepfl\u00fcgt. Einst eine reiche Region &#8211; jetzt aber ist sie bettelarm. Die Menschen taumeln umher, jeder w\u00fcnscht, sehnt sich \u2013 wei\u00df aber nicht wonach. Ein besseres Leben soll es sein \u2013 aber was ist ein besseres Leben? Es war der Wanderweg der Ruthenen. Polen haben hier gelebt, Juden, Armenier, \u00d6sterreicher, Schotten, Italiener. Es gibt keine mehr. Ruthenen, Ukrainer, Russen \u2013 sie leben jetzt allein hier.<br \/>\nGalizien war eine der damals gr\u00f6\u00dften Provinzen \u00d6sterreich-Ungarns. Fast jeder konnte sein eigenes St\u00fcck Boden bestellen. Heute gibt es weder ausreichend Ackerfl\u00e4che noch Ger\u00e4tschaften. Ost- und Westgalizien liegen in verschiedenen L\u00e4ndern \u2013 mit einem Unterschied: Ostgalizien mit Lemberg, dem Ziel der Reise, liegt heute in der Ukraine, Westgalizien mit Krakau, in Polen. Die Baustile mehrerer V\u00f6lker haben ihre Spuren hinterlassen, gotischen Kircht\u00fcrme, Jugendstil- und Barockgeb\u00e4ude, die Festung der Kathedrale. \u201eLemberg ist gleichzeitig grau, smogverhangen und neu, glitzernd und sch\u00e4big. Die Gesichter der H\u00e4user \u2013 sozialistisch und modern\u201c. Im Sommer fallen polnische und deutsche \u201eHeimwehtouristen\u201c ein, leben in guten Hotels, machen sich aufmerksam auf die verfallene Sch\u00f6nheit von einst \u2013 und k\u00f6nnen es kaum erwarten, zu Hause davon zu erz\u00e4hlen.<br \/>\nAuch die Reisegesellschaft st\u00f6bert in Erinnerungen: Auf dem Markt erstehen sie alte ungarische Peng\u0151-Scheine, sowjetische Orden, chinesische Armb\u00e4nder und Ma-<br \/>\ntrjoschkas in Gestalt von Juschtschenko, Janukowytsch und Tymoschenko.<br \/>\n\u201eIn Lemberg wurde die Bev\u00f6lkerung innerhalb von hundert Jahren ausgewechselt, die f\u00fchrende Nation wurde ausgetauscht, \u2026 &#8211; die Menschen wurden heimatlos und mittellos gemacht. Ihr Schicksal wandte sich vorerst auch im 21. Jahrhundert nicht zu einem Besseren.\u201c In Lemberg waren alle Sprachen und Religionen des ganzen polnischen Reiches vertreten: Polnische, deutsche und italienische Katholiken, ruthenische, griechische und bulgarische Orthodoxe, protestantische Schotten, Muslime und Juden lebten hier zusammen. Die Stadt galt als das Zentrum der galizischen Armenier. Sie waren reich, trieben Handel, waren st\u00e4ndig in Verbindung mit dem Mutterland, von dem immer neue Einwanderer kamen. Die Reisenden beobachten die Menschen, die chic gekleideten Frauen in gepunkteten Kleidern und roten Kost\u00fcmen, die M\u00e4nner (wie \u00fcberall im Osten) nachl\u00e4ssig, in Trainingsanz\u00fcgen mit breiten Streifen, die den ganzen Tag mit ihren Handys spielen und rauchen. Trotzdem hat man den Eindruck emsiger Gesch\u00e4ftigkeit.<br \/>\nDie Vojvodina besucht Kiss mit einer Freundin, einer \u00dcbersetzerin, im eigenen Auto. Sie besuchen deren Eltern. Kata hat viel Gep\u00e4ck dabei, Weine, Geschenke \u2013 Sommerkleider, R\u00f6cke, Ketten, Badeanz\u00fcge, B\u00fccher \u2013 alles Dinge, von denen sie wohl glaubt, dass sie in der Vojvodina willkommen seien. Die Eltern sind gastfreundlich, behandeln sie genauso herzlich und famili\u00e4r wie die eigene Tochter. Auch hier ein Land der Gegens\u00e4tze: Auf dem Weg nach Sombor rattern sie vorbei am Todeslager, das heute ein Kinderspielplatz ist. Damals wurden die Menschen hier gesammelt, ausgesiedelt, ausgesto\u00dfen. Zuerst die Deutschen, dann die Ungarn, dann die Juden.<br \/>\nIn diesem Sommer sollen aus Sombor die Spuren des Krieges wegger\u00e4umt werden.<br \/>\nMan sieht sie noch \u2013 doch die Gegenwart nimmt ihren Platz ein: Aus dem Fl\u00fcchtlingshotel mit den zerbrochenen Scheiben dr\u00f6hnt laute Musik, sie tanzen. Die Menschen suchen nach Arbeit \u2013 es gibt keinen Buchladen, das Kasino ist verschwunden; verschwunden die Schule und der Kindergarten. \u201eDie Vojvodina ist ein Land, das nicht eine einzige Sprache besitzt, sondern viele. \u2026 Subotica, eine pr\u00e4chtige Stadt, selbst an hei\u00dfen Sommertagen ist sie mittags voller Leben. \u2013 Porzellan und Tulpen, gr\u00fcne, blaue und gelbe Verzierungen auf den D\u00e4chern, winzige Balkone und breite Terrassen\u2026\u201c \u2013 Plattenbauten und \u201eZerbrochene Fenster, rissige Mauern. Auf dem Platz der Abgrund, die Ger\u00fcche, die Tr\u00fcmmer, der Gestank nach der Schlacht. Neid und S\u00e4belrasseln, Ausgrenzung und Dem\u00fctigung. \u2026 \u00dcberall Denkm\u00e4ler, Skulpturen, Dichter und Revolution\u00e4re, egal wer fr\u00fcher an welchem Ort gestanden hat, jetzt hat sein Kopf seinen Platz auf einer S\u00e4ule.\u201c<br \/>\nUnd Kiss erz\u00e4hlt uns noch eine kleine Geschichte von Fick\u00f3, einem bislang rein ungarischen Dorf in Siebenb\u00fcrgen mit G\u00e4rten, Blumen, Wald, Bienenst\u00f6cken. Fick\u00f3 ist ganz anders als die umliegenden D\u00f6rfer, in denen Roma schreien, Jugendliche mit ihren Handys herumspielen, tr\u00fcbsinnige Ungarn vor sich hinstarren. \u00dcberall macht sich das Neue breit. In Fick\u00f3 soll aber alles so bleiben, wie es ist. Von drau\u00dfen, sogar von weither kommen junge M\u00e4nner, um die ungarischen M\u00e4dchen aus Fick\u00f3 zu heiraten. Aber das sind dann Zugereiste! Nichts wird mehr so sein wie es war! Die Dorfbewohner tun sich zusammen und versuchen, die ansiedelnden Fremden zu verdr\u00e4ngen, die neuen Fick\u00f3s. In \u0162irg\u0103u gibt ihnen der Pfarrer einen Satz mit, der \u00fcber diesem ganzen Buch stehen k\u00f6nnte: \u201eDie Gegenwart ist ohne die Vergangenheit nicht zu verstehen\u201c.<br \/>\n2014 macht No\u00e9mi Kiss nochmals eine Reise nach Galizien. Nach 10 Jahren kommt sie noch einmal hierher \u2013 auf diesen \u201esch\u00e4bigen\u201c Boden. \u201eDoch er ist eben, keine Spur von den einstigen Falten \u2013 dieses Galizien ist nicht mehr jenes Galizien; \u2026. Die Grenze jedoch scheint wie mit einem Messer in die Landschaft geschnitten: Auf der ukrainischen Seite herrscht Krieg. \u2026 Es gibt vielleicht keine andere Provinz Mitteleuropas, die in diesem Ma\u00dfe neu zugeschnitten, umstrukturiert worden ist wie diese heute teils zu Polen, teils zur Ukraine geh\u00f6rende Region. Der Schauplatz von Genoziden, Bev\u00f6lkerungsaustausch, Aussiedlungen; Deportationen, Todesmarsch, Gemetzel. Lauter Sinnlosigkeiten, \u00c4ngste, \u00dcberlebensversuche. Die glanzvollen Renaissancest\u00e4dte und Palais von Krakau, Lublin, Lemberg (u. a.)\u2026 Theater aus der Zeit der Monarchie und exakter St\u00e4dtebau wie von Ingenieuren geplant. K\u00f6nigspal\u00e4ste, B\u00fcrgerh\u00e4user, Z\u00fcnfte und Universit\u00e4ten \u2013 auch das ist Galizien, das Nonplusultra der Widerspr\u00fcche. \u2026 All das lockt auch heute zu einer Reise. Aber in derselben Provinz k\u00f6nnen wir auch die Vernichtungslager von Auschwitz und Be\u0142\u017cec besuchen\u2026. Tiefe Wunden haben sie hinterlassen, es ist eine vernarbte Erde.<br \/>\nLassen wir uns also verlocken, uns mit eigenen Augen zu \u00fcberzeugen, wie diese Regionen im Osten Europas mit Vergangenheit und Zukunft heute fertig werden. Die Einladung dazu hat No\u00e9mie Kiss in ihren bewegenden Essays ausgesprochen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Reisen in den Osten Europas Bukowina \u2013 Czernowitz \u2013 Galizien \u2013 G\u00f6d\u00f6ll\u0151 \u2013 Lemberg \u2013 Siebenb\u00fcrgen &#8211; Vojvodina Aus dem Ungarischen von Eva Z\u00e1dor Verlag: Europa Verlag Berlin, 2015 ISBN: 978-3-944305-97-4 Originaltitel: Rongyos \u00e9kszerdoboz. Utaz\u00e1sok keleten, 2009. 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