{"id":3847,"date":"2015-03-05T21:24:30","date_gmt":"2015-03-05T21:24:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=3847"},"modified":"2015-03-05T21:25:44","modified_gmt":"2015-03-05T21:25:44","slug":"rezension-gaus-karl-markus-tinte-ist-bitter","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=3847","title":{"rendered":"Rezension: Gau\u00df, Karl-Markus &#8211; &#8222;Tinte ist bitter&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/tinte-ist-bitter_cover.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-3848\" title=\"tinte-ist-bitter_cover\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/tinte-ist-bitter_cover.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"237\" \/><\/a><em>Literarische Portr\u00e4ts aus Barbaropa<br \/>\nVerlag Wieser, Klagenfurt 2014<br \/>\nISBN: 978-3-99029-117-7<br \/>\nBezug: Preis: Buchhandel, 9,95 Euro<\/em><\/p>\n<p>Bereits vor der Wende, 1988, hatte der Wieser Verlag Klagenfurt dieses Buch schon einmal publiziert. Das Thema, die Literatur Mittel-Ost-Europas sollte inzwischen mehr denn je auf Europas N\u00e4geln brennen; daher erschien 2014 dieser Neudruck.<br \/>\nGau\u00df zeichnet leidenschaftlich und engagiert in acht Portr\u00e4ts Exilanten, Ermordete, Vergessene aus den L\u00e4ndern des ehemaligen k.u.k. Reiches \u00d6sterreich-Ungarn, aus M\u00e4hren, Galizien, Ungarn, Slowenien, Kroatien, Triest und Serbien. Vor 25 Jahren waren diese Schriftsteller im Westen praktisch unbekannt \u2013 in den letzten Jahren gab es doch einige wenige \u00dcbersetzungen ins Deutsche. Nur einer, der Serbo-Kroate mit ungarischem Vater, Danilo Ki\u0161, ist hier richtig bekannt geworden \u2013 und vielleicht auch noch der ungarische Lyriker Mikl\u00f3s Radn\u00f3ti, der als Jude auf einem Todesmarsch 1944 ermordet wurde. Alle diese Autoren haben uns auch heute noch Wichtiges mitzuteilen, n\u00e4mlich, dass man f\u00fcr etwas einstehen \u2013 und \u00dcberzeugungen haben muss.<br \/>\nNicht alle sp\u00e4teren Autoren hatten sich von vornherein dem Schriftstellerberuf zugewandt. Oftmals kamen sie erst nach Umwegen \u00fcber andere Berufe, wie Milit\u00e4r, Jura, Medizin usw. zum Schreiben.<br \/>\nDie \u00c4lteren unter ihnen \u2013 und das sind sechs der acht protr\u00e4tierten Autoren, wurden noch im multi-ethnischen Kulturraum der Habsburger Monarchie geboren; sie hatten sich noch grenzenlos im Vielv\u00f6lkerstaat bewegen k\u00f6nnen, sahen aber auch die Schwierigkeiten des Hin- und Hergerissen-Seins zwischen den Kulturen. Sie alle begannen gegen die herrschenden Zust\u00e4nde, die Bevormundungen, die Unterdr\u00fcckungen der Regierungen und gegen Verfolgung anzuschreiben.<br \/>\nAuff\u00e4llig ist, wie viele Autoren sich von Frankreich angezogen f\u00fchlten, von dort mit avantgardistischen und umst\u00fcrzlerischen Ideen in ihre Heimatl\u00e4nder zur\u00fcckkehrten \u2013 oder aber auch \u00fcber Frankreich ins Exil fliehen mussten.<br \/>\nGau\u00df geht es um Europa als Ganzes, um die L\u00e4nder, die schon immer dazu geh\u00f6rt haben, aber w\u00e4hrend vieler Jahrzehnte einfach nicht mehr wahrgenommen worden waren. Im Vorwort schreibt er dazu:<br \/>\nMein Vorsatz, gar nicht bescheiden, war ein doppelter: Zum einen den realen Reichtum, den die mitteleurop\u00e4ische Kultur seit dem 19. Jahrhundert ausgebildet hatte, bekannter zu machen; und zum anderen diesen Reichtum nicht gleich an jene zu verraten, die gerade dabei waren, mit ihm neues Schindluder zu treiben. Denn wie oft wurden damals ketzerische Geister, die von der habsburgischen Obrigkeit verfolgt worden waren, missbraucht, um nachtr\u00e4glich f\u00fcr jene Welt von gestern zu zeugen, gegen die sie einst angeschrieben hatten! Wie gedankenlos wurde von einem \u201eversunkenen Europa\u201c gesprochen, das doch alles andere als h\u00fcbsch melancholisch untergegangen, vielmehr ausgel\u00f6scht, vernichtet worden war! Und erst die Phrase, dass Polen, Ungarn, Bulgarien endlich \u201enach Europa zur\u00fcckgekehrt\u201c w\u00e4ren\u201c! Ja, lagen diese L\u00e4nder denn vorher in Asien?<br \/>\nDer intellektuelle und politische Austausch \u00fcber Grenzen hinweg, von Portugal bis nach Rum\u00e4nien, kann heute leichter gelingen, da die Menschen nicht mehr durch viele Grenzen voneinander getrennt sind. Freilich ist dazu etwas vonn\u00f6ten, was ich vor 25 Jahren geradezu pathetisch verlangte: dass die Europ\u00e4er n\u00e4mlich beg\u00e4nnen, sich endlich f\u00fcr sich selbst zu interessieren, f\u00fcr jenes Europa, das immer noch Terra incognita geblieben ist und der Entdeckung harrt.<br \/>\nGauss versteht es, den Leser f\u00fcr die Vielfalt der Literatur aus Mittel-Ost-Europa zu interessieren und auf literarische Entdeckungsreise zu schicken.<br \/>\nStellvertretend m\u00f6chte ich das Portr\u00e4t des ungarischen Dichters vorstellen: Mikl\u00f3s Radn\u00f3ti oder Mauern entstehen um mich, St\u00e4dte und L\u00e4nder verschwinden.<br \/>\nErst 1946 wurde in der N\u00e4he von Gy\u00f6r ein Grab mit 22 Leichen gefunden, get\u00f6tet durch einen Genickschuss. Es waren ungarische Juden, die entkr\u00e4ftet nach einem zweimonatigen Hungermarsch, nicht mehr weiter konnten und sich das eigene Grab hatten schaufeln m\u00fcssen. Bei einem der Ermordeten fand man, verborgen in seiner Jackentasche, eine Anzahl von Gedichten. Er war Mikl\u00f3s Radn\u00f3ti.<br \/>\nSechs eigene Gedichtb\u00e4nde hatte Radn\u00f3ti ver\u00f6ffentlichen k\u00f6nnen; mit diesen wurde er schnell ber\u00fchmt. Aber, so Gau\u00df, seine h\u00f6chste Kunst habe er in den hinterlassenen Gedichten entfaltet, im Lager und w\u00e4hrend des Todesmarsches &#8211; diszipliniert und formvollendet. Radn\u00f3ti hatte damals sein inzwischen wohl ber\u00fchmtestes Gedicht geschrieben, \u201eGewaltmarsch\u201c, ohne Hoffnung, dass je ein Leser es zu Gesicht bek\u00e4me. \u201e Der Widerstand eines Dichters.., der am Ort der puren Menschenvernichtung mit dem Schreiben von Gedichten fortfuhr \u2013 und der dem Alltag aus Mord, Hunger und Entw\u00fcrdigung buchst\u00e4blich bis in den Tod seine \u2026 Dichtung entgegen hielt.\u201c<br \/>\nDer Tod, so Gau\u00df, hatte schon an Radn\u00f3tis Wiege gestanden, als seine Mutter bei seiner und der Geburt des Zwillingsbruders starb. Vielfach hat er in sp\u00e4teren Jahren den Tod besungen, herbeigew\u00fcnscht und beschimpft. Als er 12 Jahre alt war, starb der Vater. 1909 geboren, sah das Kind fr\u00fch den Tod in mancherlei Gestalt.<br \/>\nHoffnung und Verzweiflung stehen sich in Radn\u00f3tis Lyrik unvers\u00f6hnlich gegen\u00fcber, doch das nahm er als sein pers\u00f6nliches Schicksal an, ohne damit an der ganzen Welt zu verzweifeln.<br \/>\nM\u00e4andernd f\u00fchrt uns Gau\u00df durch Radn\u00f3tis Leben, der als Vollwaise sp\u00e4ter den Textilbetrieb seines Onkels f\u00fchren soll und daher gegen sein Str\u00e4uben auf eine Fachhochschule geschickt wird &#8211; \u00fcber die Stationen seines Literatur- und Sprachstudiums in Szeged, als endlich der Onkel eingesehen hatte, dass Kaufmann-Sein nichts f\u00fcr seinen Neffen war, \u00fcber seine Anf\u00e4nge als \u201eexperimentierender, hochexpressiver Lyriker\u201c bis zum formstrengen Meister, \u201eder sich den wahrlich grenz\u00fcberschreitendem europ\u00e4ischem Reichtum anzueignen verstand.\u201c<br \/>\nUm die Jahre 1935 hatte der junge Gymnasialprofessor, mit Sympathien f\u00fcr die Kommunistische Partei, unter der Horthy-Regierung keinerlei Aussicht auf Anstellung. Er trat aber nie der Partei bei; im Gegenteil, er f\u00fchrte zerm\u00fcrbende Auseinandersetzungen mit ihr und versuchte, der Bedr\u00e4ngnis mit Reisen nach Frankreich, zusammen mit seiner Frau, zu entgehen. Dort war er der Erste, der schwarzafrikanische Lyrik ins Ungarische \u00fcbersetzte. Unbedacht kehrte er wieder in die Heimat zur\u00fcck, wo es ihm noch gelang, einen Gedichtband und sein einziges Prosawerk Monat der Zwillinge zu publizieren, bevor er nur noch an \u00dcbersetzungen arbeiten konnte: H\u00f6lderlin, Trakl, La Fontaine, Apollinaire u.a. &#8211; Jahre im Arbeitsdienst folgten, bis nach der Besetzung Ungarns auch dort die versch\u00e4rften Judengesetze griffen. Doch au\u00dfer Landes gehen wollte er nicht. \u201e je finsterer die Zeiten werden, umso r\u00fchrender das Lob der ungarischen Landschaft und ihrer Menschen\u201c. Noch im Lager schrieb er &#8211; umgeben von Tod und Folter \u2013 ersch\u00fctternd f\u00fcr uns heutzutage &#8211; Stimmungslyrik.<br \/>\nGau\u00df schlie\u00dft dieses Portr\u00e4t mit den Worten: Mikl\u00f3s Radn\u00f3ti war ein Dichter des Todes wider den Tod.<br \/>\nZeit also, sich endlich einmal wieder aufmerksam und neugierig mit dem Werk dieses gro\u00dfen Dichters und Europ\u00e4ers zu befassen.<br \/>\n<span style=\"text-decoration: underline;\">Karl-Markus Gau\u00df<\/span>, ein engagierter \u00f6sterreichischer Schriftsteller und Journalist, bedacht mit vielen Auszeichnungen, befasst sich seit Jahren mit den kleinen Sprachen und wenig beachteten Literaturen Mittel-Ost-Europas. Unter anderen hat er noch ein zweites lesenswertes Buch geschrieben, in dem er weitere Autoren portr\u00e4tiert: Die Vernichtung Mitteleuropas. Wieser Verlag Klagenfurt, 1991; ISBN 3-85129-043-7<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Literarische Portr\u00e4ts aus Barbaropa Verlag Wieser, Klagenfurt 2014 ISBN: 978-3-99029-117-7 Bezug: Preis: Buchhandel, 9,95 Euro Bereits vor der Wende, 1988, hatte der Wieser Verlag Klagenfurt dieses Buch schon einmal publiziert. 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