{"id":377,"date":"2011-08-11T15:09:58","date_gmt":"2011-08-11T15:09:58","guid":{"rendered":"http:\/\/ungarischeliteratur.wordpress.com\/?p=377"},"modified":"2012-05-18T20:59:11","modified_gmt":"2012-05-18T20:59:11","slug":"rezension-agota-kristof-trilogie-das-grose-heft-der-beweis-die-dritte-luge","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=377","title":{"rendered":"Rezension: Kristof, Agota  &#8211; Trilogie &#8222;Das gro\u00dfe Heft&#8220; \/ &#8222;Der Beweis&#8220; \/ &#8222;Die dritte L\u00fcge&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Am 27. Juli 2011 verstarb die hochgeachtete Schriftstellerin Agota Kristof in ihrem Exil in Neuch\u00e2tel\/ Schweiz nach langer Krankheit.<br \/>\nAus diesem Anlass m\u00f6chte ich ihre ber\u00fchmtesten Romane hier vorstellen. Den ersten Roman dazu schreibt sie mit 51 Jahren und wird mit einem Schlag weit \u00fcber die franz\u00f6sische Schweiz bekannt. Inzwischen sind ihre Romane in viele Sprachen \u00fcbersetzt.<br \/>\nIhre Themen sind die Katastrophen des 20. Jahrhunderts von Krieg, Grausamkeit, Diktatur, Flucht und Vertreibung und ihre eigene Erfahrung von Exil, Heimatlosigkeit und Entfremdung. Ihre Erz\u00e4hlweise ist karg und knapp, eisige Atmosph\u00e4re umf\u00e4ngt den Leser. Die Autorin schreibt zwar auf Franz\u00f6sisch, doch Landschaft und Erinnerungen sind ungarisch. In einem Interview sagt Kristof einmal, dass es sich bei dem Ort um die ungarische Grenzstadt K\u00f6szeg handelt, in die sie 1944 zusammen mit ihren Eltern zog. Doch eigentlich k\u00f6nnte es jeder Grenzort sein, in dem Grausamkeiten und Perversit\u00e4ten des Krieges noch mehr zu sp\u00fcren sind, als anderswo.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2011\/08\/das_gro\u00dfe.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-2385\" title=\"das_gro\u00dfe\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2011\/08\/das_gro\u00dfe-e1337374679603.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"239\" \/><\/a>Das gro\u00dfe Heft; Le grand cahier; aus dem Franz\u00f6sischen von Eva Moldenhauer<br \/>\nPiper, 1990, 2005; ISBN 978-3-492-20779-9; Preis als TB: 7,95 Euro<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2011\/08\/der_beweis.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-2386\" title=\"der_beweis\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2011\/08\/der_beweis-e1337374714726.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"241\" \/><\/a>Der Beweis; La preuve; Roman; aus dem Franz\u00f6sischen von Erika Tophoven-Sch\u00f6ningh<br \/>\nPiper, 1991, 2004; ISBN 3-492-21497-5; Preis als TB: 8,95 Euro<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2011\/08\/die_dritte.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-2387\" title=\"die_dritte\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2011\/08\/die_dritte.jpg\" alt=\"\" width=\"126\" height=\"206\" \/><\/a>Die dritte L\u00fcge; Le troisi\u00e8me mensonge; aus dem Franz\u00f6sischen von Erika Tophoven<br \/>\nPiper, M\u00fcnchen, 1993, 2005; ISBN 3-492-22287-0; Preis als TB: 7,95 Euro<\/p>\n<p>Im &#8222;Das gro\u00dfe Heft&#8220; berichten die noch namenlosen Zwillingsbuben lakonisch von ihrem Leben bei der Gro\u00dfmutter: Ihre Mutter hatte die Neunj\u00e4hrigen w\u00e4hrend des 2. Weltkrieges zu ihr aufs Land an der Grenze gebracht. Die Dorfbewohner nennen Gro\u00dfmutter \u201edie Hexe&#8220;. Unwillig nimmt sie die Kinder auf, nennt sie \u201eHundes\u00f6hne\u201c und macht ihnen auch gleich klar, dass sie selbst f\u00fcr ihren Unterhalt arbeiten m\u00fcssen. \u201eIch werde Euch zeigen, wie man lebt\u201c. Schuhe und alles, was sie aus der Stadt mitgebracht haben, sind hier unn\u00fctz und werden verkauft. Welt und Gesellschaft sind aus allen Fugen geraten; das verstehen auch die Kinder. Auf dem Dachboden machen die Buben ihre \u201eStudien\u201c, wie sie es nennen. Sie schreiben, was sie sehen und h\u00f6ren, Aufs\u00e4tze, die sie auf ihre eigene Wahrheit reduzieren. Erst wenn die Berichte korrigiert sind und ihren Anspr\u00fcchen gen\u00fcgen, werden sie in ein Heft eingetragen. Ein \u00dcberlebenstraining f\u00fcr die Beiden; sie machen sich hart, machen sich unempfindlich gegen Hunger und K\u00e4lte, gegen Schmerz und gegen Worte, seien sie verletzend oder liebevoll. Sie vergessen nie etwas, aber sie bleiben fast immer unbeteiligte Zuschauer. Da ihnen ein sachlicher \u00dcberblick fehlt, beginnen sie nach ihrem eigenen Ehrenkodex zu bestrafen oder zu belohnen; k\u00fcmmern sich um das Nachbarm\u00e4dchen, sch\u00fctzen ein j\u00fcdisches M\u00e4dchen, strafen den Pfarrer mit Erpressungen, versorgen einen desertierten Soldaten. Als die Gro\u00dfmutter stirbt, bleiben die Buben allein und sich selbst \u00fcberlassen: Sie wollen \u00fcberleben, selbst wenn das f\u00fcr einen von ihnen hei\u00dft, buchst\u00e4blich \u201e\u00fcber eine Leiche zu gehen\u201c, um in die Freiheit zu gelangen; der andere kehrt ins Haus der Gro\u00dfmutter zur\u00fcck. (Das gro\u00dfe Heft existiert auch in einer sehr guten H\u00f6rspielfassung.)<\/p>\n<p>&#8222;Der Beweis&#8220; erz\u00e4hlt vom Zwillingsbruder Lucas, der geblieben ist, wie abgeschnitten ohne seinen Bruder, der im Ausland verschwunden ist. Lucas k\u00fcmmert sich um eine junge Frau und deren uneheliches Kind, einen Kr\u00fcppel, das er bald wie sein eigenes liebt. Doch diese, wie all seine Lieben, scheitert in trostloser Einsamkeit. Der Spiegell seiner Seele fehlt ihm, sein Bruder. Lucas kann sich seiner Vergangenheit genauso wenig entgehen, wie sein Bruder Claus, der sich durch Flucht entziehen wollte und am Ende des Romans auftaucht. Zu diesem Zeitpunkt ist Lucas jedoch verschwunden. Sein Adoptivkind hat sich erh\u00e4ngt und ein Heft mit herausgerissenen Seiten hinterlassen. Die \u00e4u\u00dferen Umst\u00e4nde spielen sich in der schrecklichen, stalinistischen Nachkriegszeit ab, in der Menschen gefoltert und get\u00f6tet werden, in der Zeit des Volksaufstands und den etwas ruhigeren Jahren danach. Das Buch berichtet, wie schon das erste, von \u00e4u\u00dferen und inneren Trennungen. Schon wie zu Kinderzeiten, als die beiden ihre \u201ewahren\u201c Erlebnisse in einem Heft aufgeschrieben hatten, so f\u00fchrt Lucas weiterhin Tagebuch-Hefte.<\/p>\n<p>In &#8222;Die dritte L\u00fcge&#8220; tritt der aus dem Ausland kommende Bruder Claus als Erz\u00e4hler auf. Seinen Bruder hat er seit 50 Jahren nicht gesehen. Er berichtet von Trennung, Not und Einsamkeit aus seiner Sicht \u2013 langsam wird klar, dass Lucas und Claus eine Person zu sein scheinen, aus Lucas wird Claus, aus Claus wird Lucas (Lucas und Claus, ein Anagramm). Der Zwillingsbruder ist das \u201ealter ego\u201c eines traumatisierten einsamen Kindes, das sich den Bruder erdacht hat, um der Einsamkeit und dem \u00e4u\u00dferen Elend zu entgehen. Mit ihm zusammen war es stark. Und doch, vielleicht ist alles ganz anders, vielleicht gibt es doch diese Zwillingsbr\u00fcder, einen, der ausgewandert ist \u2013 und sein Gl\u00fcck nicht gefunden hat, einen, der zur\u00fcckgeblieben ist und hier vereinsamte. Was w\u00e4re gewesen wenn?<\/p>\n<p>Agota Kristof teilt nur das Wichtigste mit, knapp, schneidend, ohne \u00fcberfl\u00fcssiges Wort, ohne \u00fcberfl\u00fcssige Geste. Der Leser l\u00e4sst sich atemlos und schaudernd in innere und \u00e4u\u00dfere Abgr\u00fcnde mit hineinziehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 27. Juli 2011 verstarb die hochgeachtete Schriftstellerin Agota Kristof in ihrem Exil in Neuch\u00e2tel\/ Schweiz nach langer Krankheit. 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