{"id":3741,"date":"2014-10-08T21:00:08","date_gmt":"2014-10-08T21:00:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=3741"},"modified":"2014-10-08T21:04:42","modified_gmt":"2014-10-08T21:04:42","slug":"rezension-sandor-ivan-husar-in-der-holle-1914","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=3741","title":{"rendered":"Rezension: S\u00e1ndor, Iv\u00e1n &#8211; &#8222;Husar in der H\u00f6lle 1914&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/husar_in_der.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-3742\" title=\"husar_in_der\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/husar_in_der.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"231\" \/><\/a><em>Aus dem Ungarischen von Gy\u00f6rgy Buda<br \/>\nNischen Verlag Wien 2014<br \/>\nISBN 978-3-9513345-6-2<br \/>\nOriginaltitel: Az \u00e9jszaka m\u00e9ly\u00e9n, 2012<br \/>\nBezug: Buchhandel; Preis: 19,80 Euro<\/em><\/p>\n<p>In diesem Jahr kamen viele B\u00fccher mit dem Thema \u201eDer 1. Weltkrieg\u201c auf den Markt; unter ihnen auch das von Iv\u00e1n S\u00e1ndor. Ein ungew\u00f6hnliches Buch, welches den ganzen Irrwitz des Krieges zeigt, in dem der einzelne Soldat gar nicht in der Lage war, sich auch nur ann\u00e4hernd einen \u00dcberblick zu verschaffen \u2013 das konnten nicht einmal die kriegsf\u00fchrenden Kommandeure. S\u00e1ndor berichtet als au\u00dfen stehender Beobachter. Fast emotionslos versetzt er sich als Ich-Erz\u00e4hler mal in die eine, mal in die andere Seite. Kriegstaumel \u00fcberall. Der Roman zeigt aber nicht nur die Gr\u00e4uel, die ganze Sinnlosigkeit des 1. Weltkrieges, sondern er hat nat\u00fcrlich auch zwei Liebesgeschichten im Gep\u00e4ck. Es sind aber nicht Liebesgeschichten im herk\u00f6mmlichen Sinn; denn daf\u00fcr l\u00e4sst der Krieg keine Zeit.<\/p>\n<p>Bei einer Fotoausstellung, die Lesungen verschiedener Schriftsteller zum Thema \u201eDer Krieg in der Literatur\u201c umrahmt, kommt der Autor mit den beiden Fotok\u00fcnstlern ins Gespr\u00e4ch. Es sind die Franz\u00f6sin Susanne Alyette-Picguard und der Ungar Andreas K. Ill\u00e9s. Beide hatten je ein Familienfoto beigesteuert, das erstaunlicherweise ein und denselben Husar zeigt, einmal 1915 in ungarischer und einmal 1918 in franz\u00f6sischer Uniform mit der Mutter der Fotografin. Der Autor ist interessiert und l\u00e4sst sich die h\u00f6chst verzwickten Geschichten der Beiden, die bislang nichts voneinander gewusst hatten, erz\u00e4hlen:<br \/>\nKurz nach der Matura 1914, als er mit seinen Kommilitonen ausgiebig feiert, sieht der ungarische Student \u00c1d\u00e1m Kiss eine Leiche in der Theiss treiben. Au\u00dfer ihm scheint sie keiner bemerkt zu haben \u2013 oder niemand wollte sie sehen. Dieses Erlebnis steht wie ein Vorbote kommenden Unheils \u00fcber den weiteren Ereignissen.<br \/>\n\u00c1d\u00e1m, der Sohn eines Oberstallmeisters, war ein sehr guter Sch\u00fcler \u2013 und zur Belohnung wird er von seinem Franz\u00f6sischlehrer zu dessen Freund, einem ungarischen Landsmann nach Paris geschickt. Er soll dort seine Sprachkenntnisse vervollkommnen und auch eine Arbeit f\u00fcr seinen Lebensunterhalt finden.<br \/>\nIn Paris angekommen, geht es wie im Zeitraffer weiter: \u00c1d\u00e1m kommt an: Er findet das Haus. Der Freund empf\u00e4ngt ihn. Er ist in Eile. Er ist Modesch\u00f6pfer. Er hat einen Termin im Schloss der Laurentis-Tholoson. Er will ihn dort als Pferdeknecht unterbringen. Ein Major der Husaren, Henry Picguard holt die Beiden ab. &#8211; Ich f\u00fchle mich dabei sogleich an alte Wochenschauen erinnert \u2013 braun-monochrom \u2013 das innere Auge zeigt eine F\u00fclle von Farben: Das Getriebe auf den Stra\u00dfen \u2013 Miliz auf Pferden \u2013 Kutschen &#8211; gr\u00fc\u00dfende Soldaten &#8211; winkende Frauen \u2013 Offiziere sprengen auf ihren Pferden vorbei \u2013 stramm stehende Wachen \u2013 die wogende Menge, die ihren Alltagsgesch\u00e4ften und Alltagseink\u00e4ufen nachgeht, als g\u00e4be es die Kriegserkl\u00e4rung gar nicht, den Stellungsbefehl und damit den Abmarsch der Soldaten in eine ungewisse Zukunft. Von einem Krieg will keiner etwas wissen.<br \/>\nDas Fr\u00e4ulein Alyette-Laurentis verliebt sich ein wenig in den feschen Ungarn, der gut reiten kann, doch f\u00fcr weitere Ann\u00e4herung ist keine Zeit: Der Krieg ist ausgebrochen.<br \/>\n\u201eKriegstrunkenheit erfasst den ganzen Kontinent \u2013 Kaiser Wilhelm erkl\u00e4rt Russland den Krieg, \u00d6sterreich-Ungarn steht mit Serbien im Krieg, man schlie\u00dft sich der Kriegserkl\u00e4rung des Kaisers an, der Krieg, erkl\u00e4ren franz\u00f6sische M\u00e4nner, Liebhaber der deutschen Kultur, werde auch zwischen den Kulturen um den vollst\u00e4ndigen Sieg ausgefochten, deutsche Studenten werfen B\u00fccher franz\u00f6sischer Autoren auf den Haufen, in den Domen segnen Bisch\u00f6fe \u00e4hnliche Befehle werden in verschiedenen Sprachen in den kaiserlichen Pal\u00e4sten gegeben, in den k\u00f6niglichen Empfangsr\u00e4umen, in der Residenz des Zaren, in den Besprechungszimmern der Minister, in den Oberkommandos, in den Operationsst\u00e4ben, in den H\u00e4fen und an Flugpl\u00e4tzen, die Damen fl\u00fcstern in den Salons in Paris, Berlin, Wien, St. Petersburg, Budapest, Belgrad und Rom dasselbe, indessen sie die Sommerhitze mit ihren F\u00e4chern mildern, ach, quel malheur \u2026..\u201c \u00dcberall der gleiche Irrsinn \u2013 austauschbare Bilder, Hass. Alles was man vorher geliebt und geachtet hatte, die Kultur der Anderen \u2013 ist auf einmal nichts mehr wert \u2013 auch zum Feind geworden, den man ausrotten \u2013 und dem man es zeigen muss! Fahnenfl\u00fcchtige werden sofort erschossen. F\u00fcr Ehre und Vaterland soll in den Krieg gezogen werden, h\u00fcben wie dr\u00fcben. Aber welches \u201eVaterland\u201c ist f\u00fcr \u00c1d\u00e1m zust\u00e4ndig?<br \/>\nUm einer Internierung als Feind zu entgehen, wird er in eine franz\u00f6sische Husarenuniform gesteckt und zieht in den Krieg als Adam Petit, ohne Aufenthalt, immer im Galopp, ohne stehen zu bleiben, der Krieg sp\u00fclt ihn mal hierhin, mal dorthin. Der \u00dcberlebenskampf zwingt ihn, unterschiedliche Uniformen zu tragen, weil man ihm gar keine Zeit gelassen hatte sich zu entscheiden. Der Kampf geht Mann gegen Mann. \u201eSie fallen \u00fcbereinander her wie angestaute Wassermassen. \u2013 \u00c1d\u00e1m Kiss \u2026 sieht die in der Str\u00f6mung treibenden Leichen, nur die Uniformen unterscheiden sie voneinander, das Blut der deutschen und franz\u00f6sischen Toten f\u00e4rbt das Wasser gleicherma\u00dfen rot \u2026\u201c Noch bewahrt er sich seine Menschlichkeit, tr\u00e4gt Sterbende aus dem Gefecht. Major Henry Picguard, Alyettes Verehrer, zeichnet ihn wegen Tapferkeit aus. \u2013 Der Kampf geht weiter. \u00c1d\u00e1m t\u00f6tet inzwischen ohne nachzudenken: er \u2013 oder ich. \u00dcberall liege Tote. \u00c1d\u00e1ms Pferd wird getroffen. Immer wieder wird die Truppe, in der er k\u00e4mpft, aufgerieben, Im franz\u00f6sisch-deutschen Grenzgebiet wird er gefangen genommen und wagt es nicht, sich zu erkennen zu geben \u2013 er f\u00fcrchtet den Hass der Anderen \u2013 als Ungar geh\u00f6rt er zu niemandem. \u201e\u2026\u00fcber die Fl\u00fcsse ziehen \u00e4hnliche Z\u00fcge nach Westen, da treiben franz\u00f6sische Soldaten die gefangen genommenen deutschen Soldaten, Frauen, alte M\u00e4nner, Kinder vor sich her, lassen deutsche, franz\u00f6sische, russische, \u00f6sterreichische, ungarische, serbische, italienische, t\u00fcrkische Offiziere, begleitet von Soldaten in verschiedenen Uniformen, Menschen antreten, werden Fackeln mit derselben Bewegung auf die gepl\u00fcnderten H\u00e4user geschleudert\u201c<br \/>\nAuf deutscher Seite wird die Optimierung der Gefangenenhaltung vorangetrieben, Giftgasangriffe ausprobiert \u2013 man ahnt schon das F\u00fcrchterliche des 2. Weltkriegs.<br \/>\nSchlie\u00dflich offenbart sich \u00c1d\u00e1m einem Offizier in ungarischer Uniform. Nun k\u00e4mpft er mit den Ungarn und den Deutschen. Die K\u00e4mpfe Mann gegen Mann sind m\u00f6rderisch. \u201eSoldatenlieder erschallten in deutscher, franz\u00f6sischer, ungarischer, russischer, serbischer und italienischer Sprache\u2026\u201c \u201eIn den D\u00f6rfern wird requiriert. Die Menschen werden aus ihren armseligen H\u00e4usern getrieben. \u2026\u201c\u2026 Bei Lemberg trifft er seinen Klassenkameraden Hossz\u00fa, inzwischen Feldwebel Hajd\u00fa. \u2013 An Weihnachten feiern sie gemeinsam mit den gegen\u00fcber liegenden Kosaken, im Bewusstsein, dass am n\u00e4chsten Tag der Kampf weitergeht und sie sich gegenseitig erschie\u00dfen werden.<br \/>\nVerwundet kommt \u00c1d\u00e1m nach Lemberg, wo er Anna kennenlernt, die Tochter eines j\u00fcdischen Gelehrten und Redakteurs. Annas Schwester Sara macht mit Selbstausl\u00f6ser ein Foto von ihnen allen: Anna, \u00c1d\u00e1m, ihr Vater und Sara: \u201eDie Familie und \u00c1d\u00e1m Kiss, 1915\u201c. Dieses ist das eine Foto, welches in der Ausstellung gezeigt wird.<br \/>\nAnna und \u00c1d\u00e1m verbringen eine Liebesnacht miteinander. Sie erz\u00e4hlen sich gegenseitig ihr Leben. F\u00fcr mehr ist nicht Zeit \u2013 am anderen Morgen muss er schon weitermarschieren. Neun Monate sp\u00e4ter kommt ein Sohn zur Welt. Die weitere Geschichte erz\u00e4hlt sein Stiefbruder, der Fotograf Andreas K. Ill\u00e9s.<br \/>\n\u00c1d\u00e1ms Truppe wird aufgerieben und das Husarenregiment an die italienische Front verlegt. Er wird schwer verwundet, kommt in ein franz\u00f6sisch-italienisches Lazarett, wo ihn Alyette, inzwischen mit Picguard verheiratet, Oberschwester im Offiziersrang erkennt. Als er f\u00fcr gesund erkl\u00e4rt wird, steckt man ihn in eine franz\u00f6sische Uniform. \u00c1d\u00e1m Kiss geht mit Alyette spazieren &#8211; sie bittet unterwegs einen Feldarzt, der einen Apparat besitzt, sie beide zu fotografieren. \u2013 Das andere Foto in der Ausstellung: Es zeigt die Mutter der Fotografin mit \u00c1d\u00e1m, 1918. Zusammen verbringen sie die Nacht. Sie m\u00f6chte ihn als Oberstallmeister auf ihr Schloss bitten, doch \u00c1d\u00e1m will kein franz\u00f6sischer Soldat bleiben und flieht. In einem Haus kann er die franz\u00f6sische Uniform gegen Zivilkleidung austauschen, h\u00f6rt Kampfget\u00fcmmel und trifft auf einen toten Husarenleutnant, dem er die ungarische Uniform auszieht. Sp\u00e4ter trifft er wieder auf Hauptmann Hajd\u00fa: \u201eDu kommst selbst aus der H\u00f6lle noch zur\u00fcck\u201c. \u00c1d\u00e1m h\u00f6rt nur noch Kampfget\u00f6se, sieht nur noch, wen er vor seinem Gewehr hat: Er oder ich.<br \/>\nNach dem verlorenen Krieg zieht er mit den restlichen Soldaten und Hajd\u00fa als Kompanief\u00fchrer nach Ungarn zur\u00fcck.<br \/>\nDort ist eine neue Zeit angebrochen. Viele von \u00c1d\u00e1ms Mitsch\u00fclern sind gefallen. Die Rotarmisten terrorisieren alle, die nicht mitlaufen. Sie \u00fcberfallen D\u00f6rfer und h\u00e4ngen die Menschen auf oder erschie\u00dfen sie (der Rote Terror).<br \/>\nKommandant Hajd\u00fa zieht ein Freicorps auf, dem sich auch \u00c1d\u00e1m anschlie\u00dft; er will kein Deserteur sein. \u201eWir zahlen f\u00fcr alles zur\u00fcck\u201c, sagt Hajd\u00fa immer wieder. Wer verd\u00e4chtig ist bestimmt er. \u00c1d\u00e1m spricht noch weniger als sonst, das macht ihn verd\u00e4chtig, doch vorerst retten ihn noch seine Auszeichnungen. \u201eJede Nation hasst die andere \u2013 aber dass Menschen derselben Nation einander so hassen, das habe ich vielleicht nur bei den Russen gesehen\u201c \u2013denkt er. Die D\u00f6rfler denunzieren die, die ihnen nicht passen; sie werden als Kollaborateure ersch\u00f6ssen. Die M\u00e4nner des Freicorps sind wie im Blutrausch (der Wei\u00dfe Terror). Als \u00c1d\u00e1m einen jungen Matrosen erschie\u00dfen soll, bringt er es nicht fertig, wohl wissend, dass er nun der n\u00e4chste sein wird.<br \/>\nErgreifend in diesem mitrei\u00dfenden Buch sind aber die \u201ekleinen Geschichten\u201c die der Autor in verschiedene Episoden und Kriegsszenen hineinschiebt. In ganz anders gef\u00e4rbter Sprache, nicht mehr im Kriegsgalopp. Da erz\u00e4hlt er von Menschen, mit denen \u00c1d\u00e1m Kiss in Ber\u00fchrung gekommen ist, als Gefangener, im Schlachtfeld, am Rande einer t\u00f6dlichen Verteidigung, als zuf\u00e4lliger Beobachter: Eine Frau, der er als Gefangener hilft, ihr Kind, das ihm zuwinkt, ein kleiner Junge, den er in einem verlassenen Dorf nahe Lemberg findet und der sich ihm vertrauensvoll anschlie\u00dft, bis er in einem Gefangenentrupp seine Mutter entdeckt und auf sie zul\u00e4uft, gerade als sie mit vielen anderen gerade einwaggoniert wird. Da sind die beiden Scharfsch\u00fctzen, ein deutscher und ein franz\u00f6sischer, die sich gegenseitig t\u00f6ten \u2013 und in ihren letzten Minuten gewahr werden, dass sie beide Juden sind. \u00c1d\u00e1m Kiss hebt eine Grube aus und legt sie nebeneinander hinein. Da ist die Geschichte eines Kosaken, der ganz aus der Art geschlagen, weder hasserf\u00fcllt noch kriegerisch war, jungverheiratet ungern in den Krieg zieht \u2013 und den \u00c1d\u00e1m im \u00dcberlebenskampf t\u00f6tet. Die Geschichte von \u00c1d\u00e1ms Franz\u00f6sischlehrer und wie es ihm in der \u201eneuen Zeit\u201c in Ungarn ergeht, die Geschichte seines Pariser Freundes, der ihn besucht \u2013 aber doch wieder nach Frankreich zur\u00fcck will, obwohl er schwere Jahre, interniert in schrecklichen Gef\u00e4ngnissen, verbracht hat \u2013 und nat\u00fcrlich die Geschichte der Alyette-Laurentis Tholoson und die der Familie von Anna und ihren beiden S\u00f6hnen.<br \/>\nJeder der Protagonisten hat seine eigene Stimme, jede Erz\u00e4hlung die eigene F\u00e4rbung. S\u00e1ndor erz\u00e4hlt lakonisch, ohne Schn\u00f6rkel, kein Wort zuviel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus dem Ungarischen von Gy\u00f6rgy Buda Nischen Verlag Wien 2014 ISBN 978-3-9513345-6-2 Originaltitel: Az \u00e9jszaka m\u00e9ly\u00e9n, 2012 Bezug: Buchhandel; Preis: 19,80 Euro In diesem Jahr kamen viele B\u00fccher mit dem Thema \u201eDer 1. 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