{"id":3660,"date":"2014-05-04T14:22:15","date_gmt":"2014-05-04T14:22:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=3660"},"modified":"2014-05-04T14:22:15","modified_gmt":"2014-05-04T14:22:15","slug":"rezension-toth-krisztina-pixel","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=3660","title":{"rendered":"Rezension: T\u00f3th, Krisztina &#8211; &#8222;Pixel&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/pixel.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-3661\" title=\"pixel\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/pixel.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"230\" \/><\/a><em>&#8211; textk\u00f6rper &#8211;<br \/>\nAus dem Ungarischen von Gy\u00f6rgy Buda<br \/>\nVerlag: Nischen Verlag Budapest &amp; Wien, 2013<br \/>\nISBN: 978-3-9503345-5-5<br \/>\nOriginaltitel: Pixel, 2011<br \/>\nBezug: Preis: 19,80 Euro<\/em><\/p>\n<p>Die Autorin komponiert aus 30 K\u00f6rperteilen einen \u201eTextk\u00f6rper\u201c, der aber nicht endg\u00fcltig da steht, sondern sich st\u00e4ndig ver\u00e4ndert, je nachdem, welche Wendung sie der Erz\u00e4hlung gibt. Sie probiert aus, zeigt verschiedene Wege auf, welche das Schicksal nehmen k\u00f6nnte \u2013 die Figuren haben eine Eigendynamik \u2013 aber die unbarmherzige Erz\u00e4hlerin im Hintergrund sieht ihnen k\u00fchl und reserviert zu, wie sie sich verheddern in ihren Lebensgeschichten. Hilfe bekommen sie keine.<br \/>\nVielleicht kommt man dem gesamten Erz\u00e4hlband n\u00e4her, wenn man alles so betrachtet, wie in Kapitel 28 \u201eDie Geschichte des Knies\u201c beschrieben. Dort will ein Fotograf eine Ansammlung von ausgetrockneten Teefiltern als Gesamtbild fotografieren. \u00dcber Jahre ist das Werk entstanden, in seiner Fantasie hatte er schon immer das fertige Bild im Kopf, jahrzehntelang die einzelnen Details gesammelt und fotografiert. \u201eAus der N\u00e4he sieht man blo\u00df Pixel, ausgetrocknete Teebeutel, aus einer Entfernung aber w\u00e4chst alles das zu einem einzigen K\u00f6rper zusammen.\u201c<br \/>\nWenn man sich als Leser am Ende des Buches dieses Bild vergegenw\u00e4rtigt, dann entstehen in der Gesamtschau der einzelnen Geschichten, die eben wie Pixel wahllos und scheinbar zuf\u00e4llig aus unterschiedlichen Alltagsgeschichten herangezogen wurden, ein Zusammenhang, fast eine einzige Geschichte. Die Autorin erz\u00e4hlt nicht chronologisch, auch die einzelnen K\u00f6rperteile folgen keinem System von oben nach unten \u2013 man muss sich schon durcharbeiten durch Kopf und Knie, Mund, Hals, Ohren, Fu\u00df, Z\u00e4hne Gaumen usw.. Aus scheinbar zuf\u00e4lligen Begebenheiten w\u00e4chst ein Ganzes zusammen, alles steht miteinander in Verbindung. Die F\u00e4den laufen hin und her, auch wenn die Protagonisten der einzelnen Erz\u00e4hlungen nichts voneinander wissen, ver\u00e4ndern Kleinigkeiten das Gesamtbild. So wie die ber\u00fchmte Geschichte vom Schmetterling, der mit einem einzigen Fl\u00fcgelschlag die ganze Welt ver\u00e4ndern kann.<br \/>\nNur, dass die Geschichten derart pessimistisch und sarkastisch, zum Teil ironisch-zynisch sein m\u00fcssen, will mir nicht in den Kopf. Das Schicksal sucht sich doch nicht immer die schlimmste Variante aus! Die Autorin erz\u00e4hlt seltsam monoton und unterk\u00fchlt, distanziert und leidenschaftslos: Das Leben ist banal \u2013 mag es auch noch so vielversprechend beginnen. \u2026\u201cAls das Schicksal, noch ein letztes Mal, mehrere m\u00f6gliche Geschichten angeboten hatte \u2026. Und die Wirklichkeit zeigte auf die allerschlimmste[Geschichte]; sei\u2019s drum, wir wollen weiterkommen, entscheiden wir uns f\u00fcr diese hier. Immer ist es die schlimmste Geschichte, die zur Gegenwart wird, und das ist immer erst nachtr\u00e4glich zu sehen\u201c. Es gibt kein Ende, welches sich noch zum Guten wenden k\u00f6nnte. Es gibt Sehns\u00fcchte, ja, aber dem Leser bleibt eine gedachte Fortsetzung \u201eim Halse stecken\u201c \u2013 so weit er auch umherblickt, ist alles hoffnungslos \u2013 ohne Erl\u00f6sung und Gl\u00fcck. Und das nicht nur in Ungarn. Krisztina T\u00f3th nimmt uns mit nach Treblinka, nach Ulm, nach Bukarest, an den Strand, nach Paris, auf den Balkan und anderswo hin. Meist geht es um wenig gegl\u00fccktes Leben, verungl\u00fcckte Beziehungen, um Geschiedene, einsame Singles, Gescheiterte, um Ehebruch, Treulosigkeit und Verrat, um Missverst\u00e4ndnis und Rache \u2013 um sogenannte Alltagsgeschichten eben.<br \/>\nDie Figuren strahlen oft keine eigene Individualit\u00e4t aus, sie stehen f\u00fcr viele \u2026\u201cnennen wir sie Norma\u201c damit wenigstens einmal eine einen Namen hat. Und wenn wir auch immer wieder den gleichen Personen in T\u00f3ths Geschichten begegnen, aus anderer Sicht, aus anderer Zeit erz\u00e4hlt, so erleichtert das lediglich die Zuordnung. Eigentlich sind sie \u201edie Alte\u201c \u2013 \u201eder Alte\u201c, \u201edie Junge\u201c \u2013 \u201eder Junge\u201c; skurill und naiv, b\u00f6se, zynisch, ironisch und hoffnungslos.<br \/>\nMan wird leicht deprimiert und depressiv beim Lesen der Schicksale \u2013 und hat das dringende Bed\u00fcrfnis, mit etwas Sch\u00f6nem, Erfreulichem wieder etwas Hoffnung ins Leben sickern zu lassen \u2013 und sich damit dem niederdr\u00fcckenden Sog zu entziehen.<br \/>\nJa, einen Sog entfalten die Geschichten schon, man kann das Buch kaum aus der Hand legen \u2013 wie geht es weiter \u2013 kommt doch einmal ein gutes Ende?<br \/>\nGleich zu Anfang begegnen wir einem kleinen Jungen mit einer gepolsterten Kinderhand. Er zeichnet Kreise auf eine Tischplatte. Anr\u00fchrend &#8211; Er stirbt in Treblinka. \u201eNein\u201c, gibt die Erz\u00e4hlerin der Geschichte eine andere Wendung, es ist ein M\u00e4dchen aus Litauen, oder doch Gavriela aus Saloniki?<br \/>\nDann treffen wir eine \u00c4rztin, die als junge Frau, zum ersten Mal im Westen, sich auf einer Vortragsreise mit ihrem Oberarzt einl\u00e4sst. Wir werden ihr noch \u00f6fter begegnen Ihr Mann ist Fu\u00dfballfan \u2013 eine Tochter wird sp\u00e4ter nach Deutschland heiraten. Jahre sp\u00e4ter, sie ist inzwischen geschieden, kann sie ihrem Patienten nicht mitteilen, dass er einen Hirntumor hat. Stattdessen verbringt sie eine Nacht mit ihm. Auch dieser Patient taucht \u00f6fter auf, namenlos. Er hat eine Geliebte, er hat eine Familie.<br \/>\nIn einer anderen Erz\u00e4hlung geht die Fantasie mit der Erz\u00e4hlerin durch: In der U-Bahn sieht sie eine Frau mit dunkler Brille und wei\u00dfen Stock, gut zurecht gemacht. Sie tr\u00e4gt sogar eine Uhr. Sogleich fallen ihr allerhand Geschichten dazu ein, immer aufs Schlimmste gefasst: Ein Unfall? Eine Augenkrankheit? Wie ist ihr famili\u00e4rer Hintergrund? Sicher auch niederschmetternd. Und als die Frau schlie\u00dflich aufsteht und geht \u2013 ist sie nicht blind, sondern hat nur eine wei\u00dfe Vorhangstange in der Hand. Da schl\u00e4gt das Mitgef\u00fchl der Erz\u00e4hlerin in Gereiztheit um. Sie ist nicht zufrieden damit, dass die Frau gar nicht blind ist \u2013 sie muss ihr ein anderes Schicksal andichten: Die Uhr ist ein billiges Mitbringsel ihrer Tochter Helga aus Griechenland, welche ihre Mutter hasst.<br \/>\nEine rothaarige Lehrerin taucht auch ein paar Mal auf. Im Lauf der vierten Erz\u00e4hlung (Die Geschichte der F\u00fc\u00dfe) sieht sie u.a. einen Romajungen mit einer Kr\u00fccke. Dieser Junge begegnet uns wieder in der 26. Geschichte (Die Geschichte des R\u00fcckens). Wir erfahren von der Lehrerin, dass sie als 19j\u00e4hrige ein M\u00e4dchen geboren hat. Es hatte das Down-Syndrom und die junge Mutter, schrecklich allein, von ihren Eltern zur\u00fcckgewiesen, gibt das Kind weg. Sie kann es nicht vergessen. Immer, wenn sie eine junge Frau mit Down-Syndrom sieht, muss sie an ihre Tochter denken, von der niemand wei\u00df, auch nicht ihr Mann.<br \/>\nDann lernen wir noch Misi kennen, einen kleinen pummeligen Jungen, der Angst hat vor Hunden, der einen Senkfu\u00df hat, dessen Eltern geschieden sind und dessen Vater Busfahrer ist. Jahre sp\u00e4ter wird er Kontrolleur im Busbetrieb, legt den Beruf nieder und verdingt sich als Sicherheitsmann einer Firma. Dort trifft er auf den Bruder des Romajungen. Die Geschichte geht nat\u00fcrlich schlecht aus \u2013 f\u00fcr alle Beteiligten.<br \/>\nDas alles aber erf\u00e4hrt der Leser nur bruchst\u00fcckhaft \u2013 \u00fcber mehrere Kapitel verteilt. Genau das macht aber auch die Spannung und den Sog des Buches aus, dass man immer weiter und weiter lesen muss, um sich zu erinnern und den Faden nicht zu verlieren. Alles ist miteinander verwoben, ohne dass die Betreffenden davon wissen. Namen und Jahrszahlen werden nur genannt, um die Authentizit\u00e4t der Geschichte zu belegen, doch die Figuren sind auswechselbar, so wie ihre Schicksale.<br \/>\nTrotz aller M\u00fchen, die sie dem Leser abverlangen, sind das lesenswerte Geschichten, in ihrer Lakonie, in denen jede Wendung herausgemei\u00dfelt zu sein scheint. Vielleicht kommt dabei T\u00f3ths Ausbildung zur Bildhauerin zum Tragen.<br \/>\nNoch ein Wort zur \u00dcbersetzung: Es ist sch\u00f6n, dass Gy\u00f6rgy Buda in \u00f6sterreichisches Deutsch \u00fcbersetzt hat. Auf diese Weise wird das ungarische Idiom, der Klang, die Farben der Erz\u00e4hlungen besser unterstrichen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8211; textk\u00f6rper &#8211; Aus dem Ungarischen von Gy\u00f6rgy Buda Verlag: Nischen Verlag Budapest &amp; Wien, 2013 ISBN: 978-3-9503345-5-5 Originaltitel: Pixel, 2011 Bezug: Preis: 19,80 Euro Die Autorin komponiert aus 30 K\u00f6rperteilen einen \u201eTextk\u00f6rper\u201c, der aber nicht endg\u00fcltig da steht, sondern &hellip; <a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=3660\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[305],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3660"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3660"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3660\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3663,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3660\/revisions\/3663"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3660"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3660"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3660"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}