{"id":363,"date":"2011-08-09T18:18:39","date_gmt":"2011-08-09T18:18:39","guid":{"rendered":"http:\/\/ungarischeliteratur.wordpress.com\/?p=363"},"modified":"2012-05-18T20:21:03","modified_gmt":"2012-05-18T20:21:03","slug":"rezension-zsuzsa-bank-die-hellen-tage","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=363","title":{"rendered":"Rezension: B\u00e1nk, Zsuzsa &#8211; &#8222;Die hellen Tage&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><em>Roman<\/em><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2011\/08\/die_hellen1.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-2311\" title=\"die_hellen\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2011\/08\/die_hellen1-e1337372399655.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"250\" \/><\/a><br \/>\n<em> Verlag: S. Fischer, 2011<\/em><br \/>\n<em> ISBN: 978-3-10-005222-3<\/em><br \/>\n<em> Bezug: Buchhandel; Preis: 21,95 Euro<\/em><\/p>\n<p>Seri erz\u00e4hlt im R\u00fcckblick von den Stationen ihrer Freundschaft mit der gleichaltrigen Aja, die aus einer Zirkusfamilile stammt und ihrem Schulkamerad Karl, der sp\u00e4ter dazu kommt. Wie kam es, dass sie sich nie endg\u00fcltig aus den Augen verloren hatten, auch in Zeiten, als es schwieriger zwischen ihnen wurde? : \u201eWir h\u00e4tten uns aus den Augen verlieren k\u00f6nnen, wie sich viele in dieser Zeit aus den Augen verlieren, die uns erwachsen werden l\u00e4sst. \u2026Vielleicht war es der Schatten, mit dem jeder von uns lebte, vielleicht hielt uns das zusammen\u201c\u2026<br \/>\nIm Roman ist viel von Zufall, Schicksal und F\u00fcgung die Rede, wenn Zsuzsa B\u00e1nk diese Freundschaft von Kleinkindertagen bis in die Berufsjahre sehr poetisch, wie einen Bilderteppich vor uns entstehen l\u00e4sst. Genauso wichtig und umf\u00e4nglich f\u00fcgt sie die Geschichten der drei M\u00fctter zusammen, die aus verschiedenen Gr\u00fcnden ohne ihre M\u00e4nner auskommen und ihr Leben meistern m\u00fcssen.<br \/>\nMit leiser Melancholie l\u00e4sst sie Seri von den Verlusterfahrungen der Kinder wie auch der Erwachsenen erz\u00e4hlen, von Exildasein und Integration, von Geheimnissen, die lange nicht aufgedeckt werden, dann aber die scheinbar so vorbestimmte Welt von Kindern und M\u00fcttern drehen und ver\u00e4ndern:<br \/>\nDie Geschichte beginnt in den 60er Jahren als zeitloser Kindertraum. Eines Tages zieht die ehemalige Seilt\u00e4nzerin \u00c9vi Kal\u00f3cs mit ihrer Tochter Aja an den Rand der fiktiven Kleinstadt Kirchbl\u00fct, in ein windschiefes, bauf\u00e4lliges H\u00e4uschen. In Kirchbl\u00fct reihen sich die hellen Tage einer wonnigen Kindheit im Zaubergarten von \u00c9vi und Aja aneinander. Die M\u00e4dchen lernen sich kennen und sind sofort ein Herz und eine Seele. Die Bewohner des St\u00e4dtchens, auch Seris Mutter, beobachten die Unzertrennlichen von fern, lassen sie gew\u00e4hren, doch ohne Verst\u00e4ndnis, wie diese beiden unterschiedlichen Kinder zueinander finden konnten. Seri erz\u00e4hlt von einer Kindheit, in der alles erlaubt ist, was ein Kinderherz begehrt: In den B\u00e4umen sitzen, barfu\u00df durch die Wiesen streifen, in einem Tuch schaukeln, mit \u00c9vi abends am Feuer sitzen und die Sterne anschauen. Als Leser genie\u00dft man das mit \u2013mit leisem Bedauern, weil man selbst diese Freiheiten nicht hatte, oder in freudig zustimmender Erinnerung.<br \/>\nZsuzsa B\u00e1nk l\u00e4sst sich Zeit, spinnt den Leser ein in eine Idylle aus Klatschmohn \u00fcber den eine Br\u00fccke f\u00fchrt, Feldern die zusammenlaufen, Linden, die zusammengewachsen in \u00c9vis Garten stehen; mit einem windschiefen H\u00e4uschen, einem schief h\u00e4ngenden Tor, das \u00fcber Steinchen schleift, schiefen St\u00fchlen und einem schiefen Tisch, angeschlagenen Rosentassen und N\u00e4geln als Garderobe.<br \/>\nDoch Achtung, nicht einlullen lassen! Unter dieser sonnigen Oberfl\u00e4che lauern Sorgen, Probleme und gro\u00dfe Verluste: Ajas Vater, Zigi, arbeitet als Artist bei einem Zirkus in Amerika und kommt nur einmal im Jahr zu seiner Familie. Wenn er wieder verschwindet, \u00fcbers Meer, kehrt Niedergeschlagenheit im H\u00e4uschen ein.<br \/>\nAls die M\u00e4dchen bereits zur Schule gehen, taucht Karl auf &#8211; ein Junge, der so gar nicht zu ihnen passen will: geschniegelt, mit tadellosen Manieren, gesellt er sich dazu \u2013 und sie nehmen ihn auf, als h\u00e4tte er schon immer dazu geh\u00f6rt. \u201eObwohl uns nichts gefehlt hatte, schien Karl etwas zu erg\u00e4nzen, auch wenn jeder h\u00e4tte glauben k\u00f6nnen, er passe nicht zu uns\u201c. Auch hinter Karls anscheinend wohl geordnetem Leben lauert die Tragik: Erst nach und nach verstehen Aja und Seri, dass es Karls Bruder Ben war, der eines Tages in ein fremdes Auto eingestiegen war und nie mehr gesehen wurde. Die Eltern verzweifeln dar\u00fcber und ziehen sich zur\u00fcck, getrennt, jeder in seinem eigenen Haus Karl f\u00fchlt sich schuldig, weil er den j\u00fcngeren Bruder immer wieder eifers\u00fcchtig weg gew\u00fcnscht hatte.<br \/>\nNicht nur Karls Mutter Ella trauert, auch Seri und ihre Mutter Maria haben den Verlust des geliebten Mannes und nie wirklich wahrgenommenen Vaters zu verkraften.<br \/>\nDen Artisten \u00c9vi und Zigi war es 1956 gelungen, als die Panzer durch Budapest rollten, aus Ungarn zu fliehen. Sie trennen sich eine Zeitlang, bevor sie wieder in einem Zirkus zusammenarbeiten. Als eine Artistin, genannt Libelle, sich zu auff\u00e4llig um Zigi bem\u00fcht, packen sie das Kleinkind Aja und verlassen den Zirkus. Ein Jahr lang leben sie im Freien, bringen sich mit ihren Kunstst\u00fccken durch, doch \u00c9vi will nicht mehr weiterziehen, Aja soll aufwachsen wie andere Kinder. So landen sie in Kirchbl\u00fct, wo sich \u00c9vi in einem b\u00fcrgerlichen Leben probiert. Zigi allerdings, kann sich darin nicht zurechtfinden \u2013 er sucht Arbeit bei einem Zirkus in Amerika, \u00fcberm Meer.<br \/>\n\u00c9vi kann in einem Fotolabor arbeiten und als sich die M\u00fctter der drei Freunde endlich n\u00e4her kommen, setzt es sich Seris Mutter in den Kopf, f\u00fcr \u00c9vi ein Fenster zu \u00f6ffnen. Sie bringt ihr Lesen und Schreiben bei. Der H\u00f6hepunkt an Sicherheit und Normalit\u00e4t im Exil ist jedoch f\u00fcr \u00c9vi, als sie endlich einen deutschen Personalausweis erh\u00e4lt.<br \/>\nDer unkonventionellen Frau, die sich so gut in ihre Mitmenschen hineinf\u00fchlen kann, gelingt es, Karls Vater wieder ins Leben zur\u00fcckzuf\u00fchren \u2013 und auch seine Frau Ella f\u00fcr ein normales Leben zu \u00f6ffnen.<br \/>\nSeri erz\u00e4hlt viel und ausf\u00fchrlich von Aja, der in ihrem Ehrgeiz nichts zu viel wird; sie erz\u00e4hlt von \u00c9vi, von Karl und seiner Familie und auch von ihrer Mutter Maria. Nur von ihr selbst erfahren wir wenig. Sie scheint durch ihre Freunde zu leben. Auch Zigi der Tr\u00e4umer bleibt im Hintergrund mit seinen Spr\u00fcngen und Kunstst\u00fccken, pr\u00e4sent wird er eigentlich nur durch Ajas Sehnsucht nach ihrem Vater, oder durch kleine \u00e4rgerliche Bemerkungen \u00c9vis, dass eine Familie ohne Mann doch keine richtige sein k\u00f6nne. Karls Vater tritt zwar in Erscheinung, doch als wortloser Helfer und geschickter Handwerker; Seris Vater erleidet, als sie noch ganz klein ist, bei einer Radtour einen Herzinfarkt und stirbt. Sein Koffer vom letzten Flug aus Rom begleitet ihre Mutter \u00fcber 20 Jahre unausgepackt auf dem Beifahrersitz.<br \/>\nBeide Kinder, Seri und Karl erleben ihre eigentliche Kinderheimat bei \u00c9vi.<br \/>\nAls die Drei allm\u00e4hlich die Kindheit hinter sich lassen, Abitur machen beginnen sie im nahen Heidelberg zu studieren. Aja will \u00c4rztin werden, Seri studiert Sprachen, Karl besch\u00e4ftigt sich mit Fotografie. Noch w\u00e4hrend des Studiums ziehen sie zusammen nach Rom.<br \/>\nDie Ewige Stadt bringt Wahrheiten und Geheimnisse an den Tag: Karl und Aja verlieben sich ineinander. Seri f\u00fchlt sich hintergangen und verraten, zieht sich zur\u00fcck nach Kirchbl\u00fct. Dort hat ihre Mutter endlich Vaters Koffer ge\u00f6ffnet.<br \/>\nIn Rom l\u00f6st sich das L\u00fcgen- und Geheimniskn\u00e4uel f\u00fcr alle: Seris Vater hat hier ein zweites Leben gef\u00fchrt, Karl hat ein Geheimnis ausgeplaudert ohne Not, Aja muss erfahren, dass sie nicht \u00c9vis Tochter ist. \u201eWir waren nach Rom gekommen, um Dinge zu erfahren, die wir nicht hatten wissen wollen und die jetzt \u00fcber uns bestimmten, als gebe es nichts anderes mehr, als habe es davor nichts gegeben und als k\u00f6nne es auch danach nichts mehr geben\u201c. Rom ist die dunkle R\u00fcckseite der hellen Medaille von Kirchbl\u00fct geworden.<br \/>\nDoch ihre Freundschaft w\u00e4chst wieder zusammen, die jungen Leute beenden ihre Studien, werden berufst\u00e4tig. Aja wird \u00c4rztin, Seri f\u00fchrt das Speditionsgesch\u00e4ft ihres Vaters weiter, Karl bleibt als Fotograf in Rom. Alle haben sich ausges\u00f6hnt und vers\u00f6hnlich endet auch das Buch. Etwas viel Dramatik kommt zum Schluss auf, als von \u00c9vi berichtet wird, dass sie immer vergesslicher wird und langsam dahin schwindet. Zigi kommt zur\u00fcck, um f\u00fcr sie zu sorgen.<br \/>\nEin poetischer, spannender Roman mit einer lichtdurchfluteten sonnigen Oberfl\u00e4che und einem ernsten tiefen Untergrund, der Fragen um Leben und Sterben mit einbezieht. Die Geschichte ist allerdings dann so abgerundet, dass es f\u00fcr die Zukunft wohl nichts mehr zu berichten gibt. Man wei\u00df oder ahnt, wie es weitergehen wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Roman Verlag: S. Fischer, 2011 ISBN: 978-3-10-005222-3 Bezug: Buchhandel; Preis: 21,95 Euro Seri erz\u00e4hlt im R\u00fcckblick von den Stationen ihrer Freundschaft mit der gleichaltrigen Aja, die aus einer Zirkusfamilile stammt und ihrem Schulkamerad Karl, der sp\u00e4ter dazu kommt. 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