{"id":3615,"date":"2014-04-02T21:18:08","date_gmt":"2014-04-02T21:18:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=3615"},"modified":"2014-04-02T21:18:08","modified_gmt":"2014-04-02T21:18:08","slug":"rezension-spiro-gyorgy-traume-und-spuren","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=3615","title":{"rendered":"Rezension: Spir\u00f3, Gy\u00f6rgy &#8211; &#8222;Tr\u00e4ume und Spuren&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/tra\u0308ume.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-3616\" title=\"tra\u0308ume\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/tra\u0308ume.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"230\" \/><\/a><em>Novellen<br \/>\nAus dem Ungarischen von Ern\u0151 Zeltner<br \/>\nVerlag: Nischen, Wien &amp; Budapest, 2013<br \/>\nISBN: 978-3-9503345-4-8<br \/>\nOriginaltitel: vom Autor aus zwei Sammelb\u00e4nden ausgew\u00e4hlt<br \/>\nBezug: Buchhandel; Preis: 19,80 Euro<\/em><\/p>\n<p>In Deutschland nur wenigen durch seine B\u00fchnenwerke bekannt, ist Gy\u00f6rgy Spir\u00f3 einer der bekanntesten und begabtesten Schriftsteller Ungarns, der alle literarischen Gattungen beherrscht. Im vergangenen Jahr konnte man ihn endlich im neu gegr\u00fcndeten Nischen-Verlag, Wien &amp; Budapest, entdecken, mit seinem Roman \u201eDer Verruf\u201c, Darin geht es um den Aufstand 1956, um Macht und Willk\u00fcr des Parteiapparats.<br \/>\nIn den 18 Novellen hier, die er selbst ausgesucht hat, schaut ein Kind, ein Jugendlicher, ein Erwachsener, mit naiv staunenden Augen und sp\u00e4ter bewusst hinter die Kulissen des m\u00f6rderischen Apparats, sp\u00e4ter \u201eGulaschkommunismus\u201c genannt, sieht in die Abgr\u00fcnde des Systems und kombiniert die Hintergr\u00fcnde.<br \/>\nJahreszahlen und Personennamen werden selten genannt; durch Kenntnis einiger Zusammenh\u00e4nge l\u00e4sst sich aber bald errechnen, dass der Ich-Erz\u00e4hler der Geschichten in Vielem identisch ist mit dem Autor: 1946 geboren, Jude, Schriftsteller. Eine Autobiografie sind diese Novellen dennoch nicht: Stellvertretend f\u00fcr viele seiner Zeitgenossen erlebt und erleidet der Erz\u00e4hler diese \u00c4ra:<br \/>\nAls dreieinhalbj\u00e4hriges Kind erlebt er, wie sich die Eltern n\u00e4chtens mit \u201eSpanienk\u00e4mpfern\u201c an der tschechoslowakischen Grenze treffen. Es ist die Zeit des Rajk-Prozesses. Auch er war ein Spanienk\u00e4mpfer gewesen. Es sp\u00fcrt die Angst und die Unruhe der Erwachsenen, doch selbst genie\u00dft es die Fahrt, das lange Aufbleiben, den ungewohnten Tagesablauf.<br \/>\nIn diese Zeit oder etwas sp\u00e4ter f\u00e4llt auch der Wunsch seiner Mutter, ihn durch eine \u00f6sterreichische Kinderfrau, die Nuschi-N\u00e9ni, deutsch lernen zu lassen. Sie selbst hatte in einem Heim bei Wien einige Brocken aufgeschnappt, wie wir sp\u00e4ter erfahren. Mit dieser N\u00e9ni macht das Kind aber lieber Spiele auf Ungarisch, diktiert ihr, da er selbst noch nicht schreiben kann, fantasievolle Geschichten. Die ersten Entt\u00e4uschungen \u00fcber die Erwachsenen kommen: Ihm f\u00e4llt turnen leicht, er ist ein richtiges Ass. Doch als er, nach l\u00e4ngerer Krankheit rundlich geworden, wieder turnen will, erkennt ihn sein Lehrer nicht mehr \u2013 und turnen f\u00e4llt ihm auch nicht mehr leicht. Die Nuschi-N\u00e9ni kommt bald nicht mehr. Daf\u00fcr wird er der strengen, ungeliebten Gro\u00dfmutter anvertraut, die ihren Enkel hasst und nur Schlechtes \u00fcber ihn zu berichten wei\u00df. Auch die Schule entt\u00e4uscht ihn: Alle m\u00fcssen das Gleiche tun, darauf wird gro\u00dfer Wert gelegt \u2013 selbst wenn es andere, bessere Wege zur L\u00f6sung g\u00e4be.<br \/>\n1956. Inzwischen ist er 10 Jahre alt \u2013 und kann sich nicht erkl\u00e4ren, warum pl\u00f6tzlich Allerseelen, der 2. November, mit so vielen Kerzen als christlicher Feiertag begangen wird. Erkl\u00e4rt wird ihm offenbar nichts, denn: \u201eSie hatten Geheimnisse vor mir, seit ich auf der Welt war. Ich wurde in friedlichen Stra\u00dfen spazieren gefahren \u2013 und da knattern jetzt Maschinenpistolen, so als ob man Puffmais r\u00f6stet. \u2026 Fr\u00fcher schliefen wir in unseren Pyjamas, jetzt liegen wir in Trainingsanz\u00fcgen auf dem Boden mit einem B\u00fcndel neben uns\u2026.\u201c und: \u2026\u201cIch konnte nur staunen, mit welcher Selbstverst\u00e4ndlichkeit Mutter und Gro\u00dfmutter dieses f\u00fcr mich ungew\u00f6hnliche Leben lebten, so als merkten sie gar nicht, dass seit dem Krieg schon elf Jahre vergangen waren\u2026 \u201e \u2026\u201cIch habe historische Tage miterlebt\u2026.\u201c Seit dieser Zeit ist f\u00fcr den Erz\u00e4hler nichts mehr von Dauer und Ewigkeit. \u00dcberall sieht er hinter die Fassade, sieht, wie noch intakte H\u00e4user als Ruinen auss\u00e4hen, von Gestr\u00fcpp \u00fcberwuchert.<br \/>\nManche Geschichten erz\u00e4hlt Spir\u00f3 mehrmals, aus unterschiedlicher Sicht, aus unterschiedlichen Jahren. So auch die vom Schuldirektor, einem gewaltt\u00e4tigern Menschen, der die Sch\u00fcler hart bestrafte und doch verlangte, dass man ihn und die \u00fcbrigen Lehrer \u201eliebte\u201c. Jahrzehnte sp\u00e4ter wird er mit diesem Direktor zum Ehrenb\u00fcrger der Stadt ernannt \u2013 und wie er so sch\u00f6n bemerkt: \u201eAlso hatte der eine Ehrenb\u00fcrger dem anderen einst mit der Holzlatte den Arsch versohlt.\u201c Und: \u201eVielleicht ist die Voraussetzung f\u00fcr ein langes Leben aber auch, dass man nicht gepr\u00fcgelt wird, sondern selber pr\u00fcgelt.\u201c<br \/>\nEine der ber\u00fchrendsten Erz\u00e4hlungen ist die, als er mit seinem todkranken Vater zum letzten Mal ein Fu\u00dfballspiel besucht. Das musste 1974 gewesen sein, Ungarn gegen Schweden. Der Vater ist eigentlich schon viel zu schwach, um sich in m\u00f6rderischer Hitze ein Fu\u00dfballspiel anzusehen, aber um seinem Sohn die Freude nicht zu verderben, nimmt er die Strapazen auf sich. Und der Sohn? Er will seinem Vater eine letzte Freude machen, hat gleichzeitig Angst, ihn zu \u00fcberfordern. Ernsthaft unterhalten haben sie sich schon lange nicht mehr. Er wei\u00df, dass der Vater bald sterben wird \u2013 was man diesem verheimlicht &#8211; und ist einerseits froh, wenn diese Qu\u00e4lerei endlich ein Ende haben wird \u2013 andererseits w\u00fcrde er am liebsten jetzt gleich anfangen zu trauern, jetzt, wo er sich noch unter Kontrolle hat \u2013 und damit es bald vorbei ist.<br \/>\nNoch eine Geschichte vom sterbenden Vater: Er hat ein Bombenthema f\u00fcr seinen Sohn getr\u00e4umt, freut sich dar\u00fcber. Bevor er den Traum erz\u00e4hlen kann, ist er tot.<br \/>\nFamiliengeschichten werden erz\u00e4hlt, Ehegeschichten, immer wieder geht es vordergr\u00fcndig darum, dass man sich nicht versteht, sich qu\u00e4lt. Aber hinter allem steckt eine Sprachlosigkeit, ein Nicht-Bescheid-Wissen. Da geht es um die Noch-Ehefrau, die sich in alles Russische verliebt, weil ihr jung verstorbener Vater Russe war. Doch die Hauptursache f\u00fcr die Trennung ist die, dass der Ehemann versucht hat, sie nach seinem Geschmack umzumodeln, ihr die Sch\u00f6nheiten der ungarischen Literatur nahe zu bringen. Nun muss er erkennen, dass es eine Literatur gibt, welche seine Frau noch st\u00e4rker beeindruckt, n\u00e4mlich die russische \u2013 und au\u00dferdem hat sie einen Vater in ihm gesucht.<br \/>\nEine andere Geschichte: Sie d\u00fcrfen ins Ausland reisen, Devisen werden zugeteilt. Sie kaufen eine Menge B\u00fccher in Paris und London. Fast alles Geld ist draufgegangen. Sie haben reine Literatur gekauft, haupts\u00e4chlich russische. Etwa 40 B\u00fccher quetschen sie in ihre Rucks\u00e4cke. Hinter Hegyeshalom kommen die Z\u00f6llner \u2013 und schadenfroh teilen sie mit, dass alle B\u00fccher konfisziert werden, was in Budapest auch so geschieht. Ausgeliefert der Staatsgewalt des \u201eGulaschkommunismus\u201c. Sie sind sicher, dass die Z\u00f6llner ihren russischen Kollegen die B\u00fccher gegen Schnaps \u201everkaufen\u201c. Nur den einb\u00e4ndigen Shakespeare d\u00fcrfen sie mitnehmen: \u201eDen Shakespeare f\u00fcrchten die nicht so sehr. Sie kennen ihn nicht gut genug. Zu unserem Gl\u00fcck\u201c.<br \/>\nUnd dann ist der Erz\u00e4hler im Jetzt angekommen: 2008: Er f\u00e4hrt mit der Stra\u00dfenbahn Richtung Kettenbr\u00fccke und beobachtet ein etwa 17j\u00e4hriges M\u00e4dchen, das einem Jungen auf dem Scho\u00df sitzt. Sie sagt zu ihm: \u201eJetzt kommt gleich das, wor\u00fcber der Lehrer gesagt hat, was man am besten mit ihnen machen sollte\u201c. Der Erz\u00e4hler versteht sofort was sie meint: die Juden in die Donau schie\u00dfen, wie 1944. Sie passieren n\u00e4mlich gerade das Denkmal der bronzenen Schuhe an der Donau. Aus den Augen des gut gekleideten M\u00e4dchens spricht ungeheuerer Hass.<br \/>\nSpir\u00f3, der Erz\u00e4hler, ist bekannt in Ungarn, auch als Jude. In einer anderen Novelle provoziert ihn ein Mitfahrer mit aus dem Zusammenhang gerissenen S\u00e4tzen, die er \u00fcber Ungarn und die Ungarn geschrieben haben soll. Er verteidigt sich, doch sein Gegen\u00fcber besteht darauf, dass man seine B\u00fccher nicht lesen solle. Die jungen Leute allerdings, nehmen keine Notiz davon \u2013 sie haben Kopfh\u00f6rer in den Ohren und wissen \u00fcberhaupt nicht, wessen B\u00fccher sie nicht lesen sollen.<br \/>\nIn der letzten Geschichte rollt der Erz\u00e4hler die Biografie seiner Familie auf, kehrt in seine Kindheit zur\u00fcck,, womit sich der Kreis schlie\u00dft: Die Gro\u00dfmutter hat sich Anfang 1957, knapp 60j\u00e4hrig, mit Schlaftabletten das Leben genommen, um sich an der Familie zu r\u00e4chen. So, jetzt k\u00f6nnt ihr euch freuen\u201c \u2013 schreibt sie als \u201eAbschiedsbrief\u201c. Sie schien alle gehasst zu haben, au\u00dfer ihrer Tochter. Nur einmal war sie sich ihrer Wichtigkeit bewusst gewesen, 1956, w\u00e4hrend der Revolution. Da wurde sie gebraucht. Da hatte sie genau gewusst wie zu leben sei \u2013 n\u00e4mlich wie im Krieg, auch wenn der bereits seit 11 Jahren vorbei war. Gro\u00dfmutter erbeutete sogar ein St\u00fcck vom abgehauenen Ohr der Stalinstatue und schenkte es dem Enkel, doch die Mutter warf es sp\u00e4ter aus Angst weg.<br \/>\nSpir\u00f3s Geschichten sind alle irgendwie traurig, handeln von nicht bew\u00e4ltigtem Leben, vom krampfhaften Versuch, sich ein eigenes Leben zu bewahren. Sie erz\u00e4hlen von der schwierigen Lage von Unfreiheit und Schikanen der K\u00e1d\u00e1r-\u00c4ra, aber auch von der Scheinheiligkeit der Landsleute im Ausland, wie der Cousine in New York. Die Geschichten sind zynisch und manchmal grausam \u2013 und auch wieder ironisch, wenn er z.B. wie oben, daran denkt, wie er im Kinderwagen durch Budapests Stra\u00dfen geschoben wurde \u2013 in denen man jetzt schie\u00dft, als w\u00fcrde Puffmais zerplatzen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Novellen Aus dem Ungarischen von Ern\u0151 Zeltner Verlag: Nischen, Wien &amp; Budapest, 2013 ISBN: 978-3-9503345-4-8 Originaltitel: vom Autor aus zwei Sammelb\u00e4nden ausgew\u00e4hlt Bezug: Buchhandel; Preis: 19,80 Euro In Deutschland nur wenigen durch seine B\u00fchnenwerke bekannt, ist Gy\u00f6rgy Spir\u00f3 einer der &hellip; <a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=3615\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[304],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3615"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3615"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3615\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3617,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3615\/revisions\/3617"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3615"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3615"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3615"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}